Die Nachbarin mit der roten Hibiskusblüte

Die Nachbarin und die rote Dahlie

Ich arbeite seit elf Jahren als Postbotin in Freiburg, Bezirk Wiehre. Mein Revier sind die alten Gründerzeithäuser zwischen Sternwaldstraße und Schillerstraße. Man lernt die Leute kennen, ob man will oder nicht. Man hört, wie sie sich durch die offenen Küchenfenster anschreien. Man sieht, wer morgens um sieben schon mit verquollenen Augen am Briefkasten steht. Und manchmal wird man Zeuge von Dingen, die einen noch abends an der Bushaltestelle beschäftigen.

An einem Donnerstag im August, um genau zu sein am vierten, um kurz nach halb drei, stand ich vor dem Haus Nummer siebzehn. Die Sonne knallte auf den Asphalt, und die Blätter der Kastanie am Straßenrand hingen so schlaff, als hätten sie den Sommer satt. Ich wollte gerade die Werbeprospekte in den Kasten schieben, als aus dem Innenhof eine Stimme drang, so schrill, dass ich den Stapel fast fallen ließ.

„Du musst deinen Mann mal wieder richtig empfangen! Romantisch! Mit Kerzen und so!“

Ich blieb stehen. Nicht weil ich lauschen wollte, sondern weil ich einfach nicht anders konnte. Die Stimme gehörte Hilde Maurer, Jahrgang 1939. Ich bringe ihr seit acht Jahren den Badischen Boten und alle zwei Wochen die Zeitschrift „Land & Genuss“. Eine Frau, die ihrem Sohn noch zu Weihnachten Socken kauft und ihre Enkelin am Telefon mit vollem Namen anspricht. So eine.

„Ich kaufe dir auch Kerzen“, sagte sie. „Die von der Kirche sind gar nicht so teuer.“

Dann eine jüngere Stimme, müde und scharf zugleich. „Mama, du nennst Unterwäsche ein verruchtes Wort und willst mir jetzt was über romantische Abende erzählen?“

Ich kannte die jüngere Frau flüchtig. Heike Dostal, wohnte ein paar Häuser weiter, Nummer achtundzwanzig. Sie hat einen Hühnerstall hinterm Haus und verkauft jeden Samstag Eier auf dem Markt. Ihre Hände sehen immer aus, als hätten sie den ganzen Tag geschrubbt. Einmal hat sie mir einen Eierkarton gegen einen Apfel getauscht. Nett, aber so abweisend, dass man sich nicht zu viel dabei denken wollte.

Ich hörte, wie eine Metallschüssel auf den Boden schepperte. Dann Hilde wieder, diesmal leiser, aber so, dass es trotzdem durch den Hof hallte: „Ich will dich vor meinen Fehlern bewahren. Du zankst dich mit deinem Mann wie ein Fischweib. Ich hab gestern einen Film gesehen, da hat die Frau ihren Mann erwartet. Mit Kerzen und so einem dünnen Hemdchen. Alles durchsichtig. Und er kam heim mit Rosen und hat sie Liebling genannt.“

„Mama, du hast doch noch nie in deinem Leben einen Mann mit Rosen gesehen. Du bist achtzig.“ Heikes Stimme klang jetzt eher besorgt als genervt. „Geh rein und trink deinen Kaffee. Der Doktor sagt, du sollst dich nicht aufregen.“

„Ich rege mich nicht auf! Ich weiß nur, dass ein Mann mit den Augen liebt! Und du bist nicht mal mehr mit den Augen dabei!“

Ich schob die Post in den Kasten und ging schnell weiter. Aber der Satz blieb an mir kleben wie der Staub an meinen Schuhen. „Du bist nicht mal mehr mit den Augen dabei.“ Ich kannte das. Mein Bruder und seine Frau führen dieselbe Art von Ehe. Sie streiten über den Müll, über die Zahnpasta, über die Frage, wer den Hund rausbringt. Irgendwann hört man auf, sich über die großen Dinge zu streiten. Dann streitet man über die kleinen. Und irgendwann streitet man gar nicht mehr. Dann herrscht nur noch Schweigen am Frühstückstisch. Und das ist das Schlimmste.

Am nächsten Morgen traf ich Hilde an der Haustür. Sie trug ein geblümtes Kopftuch und hielt mir einen Brief hin. „Der muss heute noch raus“, sagte sie. „An meine Enkelin in Konstanz.“

Ich nahm den Brief. „Sie haben gestern aber laut philosophiert“, sagte ich.

Sie musterte mich mit diesen kleinen dunklen Augen, die unter den Brillengläsern wie zwei Steinchen im Wasser aussahen. „Sie haben das gehört?“

„Halbe Straße.“ Ich zog den Stapel mit der Tagespost aus meiner Tasche. „Ich will ja nichts sagen, aber Ihr Schwiegersohn kommt jeden Morgen um sieben aus dem Haus und würdigt mich im Vorbeigehen kaum eines Grußes. Der läuft, als hätte er den Kaffee schon vor der Arbeit verpasst.“

Hilde schnaubte. „Eben. Und meine Tochter? Die läuft dahinter her wie eine, die ihre eigenen Füße verwalten muss. Er sieht sie nicht. Sie sieht ihn nicht. Die sehen einander seit zehn Jahren nicht mehr an.“ Sie strich sich den Rock glatt, als hätte er Falten, die es gar nicht gab. „Wissen Sie, wie er heißt?“

„Herr Dostal“, sagte ich.

„Ja. Nur so nennt sie ihn. Nicht Michael. Nicht Schatz. Herr Dostal. Wie ein Beamter aus dem Rathaus.“

Ich musste lachen. Aber es war kein gutes Lachen.

Drei Tage später hatte ich die Nachmittagsrunde. Gegen kurz vor sechs war ich wieder in der Wiehre. Die Luft roch nach Regen und nach dem Räucherlachs aus dem Feinkostladen an der Ecke. Heike stand an ihrem Gartentor und zupfte an einem Oleander, der schon bessere Tage gesehen hatte.

„Ihre Mutter war gestern auf dem Wochenmarkt“, sagte ich. „Sie hat zwei rote Kerzen gekauft und einen Strauß Dahlien. Und sie hat gefragt, ob ich wüsste, was ein Negligé ist.“

Heike ließ den Ast los, dass er zurückschnellte. „Bitte?“

Ich zog die Bremse an meinem Rad an. „Ich wollte es nur gesagt haben. Vielleicht plant sie was für Sie.“

Heike schloss die Augen und drückte die Zunge an den Gaumen. Genau dieselbe Geste wie ihre Mutter, wenn sie nicht weiß, ob sie lachen oder fluchen soll. „Meine Mutter“, sagte sie, „hat mir jetzt schon drei Mal gesagt, ich solle meinen Mann in durchsichtiger Wäsche erwarten. Können Sie sich das vorstellen? Die Frau ist achtzig. Sie hat noch nie mit meinem Vater zusammen geduscht. Sie hat mir als Kind das Wort Strumpfhose nur im Flüsterton gesagt. Und jetzt erzählt sie mir von durchsichtigen Hemdchen.“

Ich kicherte. „Vielleicht will sie nur das Beste für Sie.“

„Das ist es ja.“ Heike schlug mit der flachen Hand auf den Zaun. „Sie meint es ernst. Das macht es so schlimm. Sie denkt wirklich, dass eine Kerze und ein Hauch von nichts meine Ehe retten können.“

Ich hätte jetzt gehen können. Ich hätte den Werbezettel für den Bioladen einwerfen und die Lieferung aus der Apotheke abgeben können. Aber ich blieb stehen, eine Hand am Lenker, eine Hand am Gepäckträger, und sagte: „Mein Bruder hat seine Frau nach neunzehn Jahren verlassen. Wissen Sie, was er mir erzählt hat? Dass er es satt hatte, wie ein Möbelstück behandelt zu werden. Er hat nicht eine einzige Geliebte erwähnt. Nur dass seine Frau ihn angesehen hat wie einen Kleiderschrank. Nutzt man, wenn man ihn braucht, aber man spricht nicht mit ihm.“

Heike musterte mich, forschend, fast misstrauisch. „Was hat das mit mir zu tun?“

„Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Ich stelle nur die Post zu.“

Aber es hatte etwas mit ihr zu tun. Das wusste ich, und sie wusste es auch, weil sie das Tor aufstieß und hinaustrat, als müsste sie einem unsichtbaren Druck entkommen.

Am Montag darauf regnete es. Ich war spät dran, weil an der Haltestelle Britzingerstraße ein Lkw die Sicht versperrte und ich einen Umweg fahren musste. Kurz nach elf kam ich zu Hildes Haus. Die Tür stand offen, und ich hörte Heike im Hof. Ihre Stimme war so laut, dass die Briefkästen klapperten.

„Du hast sie mir einfach auf den Küchentisch gelegt! Kerzen! Und da lag noch so ein Zettel dabei: ‚Zieh dich hübsch an, er kommt um sechs.‘ Als wär ich ein Teenager vor dem ersten Tanzabend!“

„Ich hab dir helfen wollen“, sagte Hilde. Ihre Stimme klang brüchig, wie ich sie noch nie gehört hatte. „Ich sehe doch, wie du dich abrackerst. Den ganzen Tag im Stall, im Garten, im Haus. Was bleibt da noch von dir übrig?“

„Nichts“, sagte Heike. „Genau. Nichts. Und das weiß ich selbst. Aber deine Kerzen ändern daran nichts! Die ändern gar nichts! Ich bin müde, Mama. Ich bin so müde, dass ich abends nicht mal mehr aufstehen kann, um mir die Haare zu bürsten. Und du willst, dass ich mir ein Hemdchen anziehe?“

Ich zog meinen Regenumhang enger und ging auf Zehenspitzen. Durch den Milchglasausschnitt in der Tür sah ich Heike mit einer Kerze in jeder Hand zum Müll am Tor gehen. Sie warf beide in die Tonne. Dann blieb sie eine Weile stehen, mit hängenden Schultern, das Gesicht in den Nieselregen gehoben. Man hätte eine Uhr danach stellen können, wie sie da stand. Eine Frau, die nicht mehr weiß, wohin mit sich.

Was dann kam, habe ich nicht gesehen. Ich gebe hier nur wieder, was ich in den folgenden Wochen am Kiosk, beim Bäcker und an den Hoftüren aufgeschnappt habe. Man soll als Postbotin nichts weitererzählen. Aber wenn es im Kiez die Runde macht, kann ich nicht so tun, als hätte ich es nie gehört.

Folgendes: Heike hat die Kerzen nicht aus der Tonne genommen. Aber sie hat an diesem Abend etwas anderes getan. Sie hat ihren Mann nicht mit einem durchsichtigen Negligé erwartet und nicht mit Rosen. Sie hat den Küchentisch gedeckt, so schlicht wie immer, aber sie hat das gute Geschirr genommen, das seit dem Tod ihres Vaters im Schrank steht. Und sie hat eine Flasche Trollinger aufgemacht, die sie vor zwei Jahren gewonnen hatte. Als Michael um kurz nach sechs zur Tür hereinkam, soll sie aufgestanden sein, ihm die Jacke abgenommen und gesagt haben: „Du musst nicht mit Rosen kommen. Aber du musst mir sagen, was du willst. Jetzt. Sonst fahre ich morgen nach Konstanz zu deiner Tochter und ziehe mit ihr in die Ferienwohnung.“

Er hat die Schuhe ausgezogen, die Socken unter den Schrank geschoben und gesagt: „Ich will, dass du wieder lachst.“

Daraufhin hat sie geweint. Aber nicht still und ins Leere, sondern so, dass die Nachbarin von gegenüber, die immer auf dem Balkon ihre Geranien gießt, dachte, da würde ein Tier geschlachtet.

Zwei Wochen später saß ich im Innenhof bei Hilde auf der Bank. Sie hatte mir ein Stück Kirschtorte hingestellt, weil ich ihr ein Päckchen aus Konstanz gebracht hatte. Auf dem Tisch stand eine Vase mit den Dahlien, die sie auf dem Markt gekauft hatte, und daneben lag ein Umschlag mit der Aufschrift „Mietvertrag“.

„Meine Tochter hat mich gestern angerufen“, sagte sie. „Sie hat gesagt, danke. Nur danke. Mehr nicht.“

Ich nahm einen Schluck Kaffee. „Das ist doch gut.“

„Für die ist das so eine Sache mit Worten. Die kann nicht anders. Wir waren schon immer so. Man spricht nicht über das, was wichtig ist. Man macht einfach.“ Hilde schob den Umschlag mit dem Mietvertrag zur Seite, als läge er im Weg. „Ich habe ihr die Kerzen nicht gekauft, damit sie mir dankt. Ich habe sie gekauft, weil ich wollte, dass sie mal jemand ist, der sich hinsetzen darf.“ Sie riss eine Dahlie ab und steckte sie mir in die Tasche meiner Postjacke. „Behalten Sie die. Ich hab genug.“

Mein Bruder hat seine Frau nicht mehr zurückgerufen. Sie haben sich getrennt, geräuschlos, mit geteilten Umzugskartons und einem gemeinsamen Anwalt in der Kaiserstraße. Ich habe ihm nie erzählt, was ich in der Wiehre erlebt habe. Vielleicht hätte ich es tun sollen. Vielleicht auch nicht.

In meinem Zustellrevier, zwischen der Sternwaldstraße und der Schillerstraße, hängt jetzt an der Tür von Nummer achtundzwanzig ein weißes Schild mit schwarzer Schrift. „Post bitte bei Maurer im Vorderhaus abgeben.“ Ich habe Heike letzte Woche gefragt, ob sie umzieht. Da hat sie den Stift hinter ihr Ohr geschoben und gesagt: „Nein. Ich eröffne im Frühjahr einen Hofladen. Aber ich will nicht, dass die Post unter der Tür durch ins Hühnerfutter fällt.“ Dann hob sie den Eierkorb auf die Hüfte und fügte hinzu: „Kommen Sie vorbei, wenn's so weit ist. Für Sie gibt's immer die braunen Eier, die anderen mögen die nicht.“ Sie grinste dabei so breit, dass ihre Wangen rot anliefen, drehte sich um und ging zurück zum Stall, den Korb schaukelnd an der Hüfte.

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