An diesem Morgen roch das Amtsgericht nach Bohnerwachs und kaltem Kaffee. Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster im zweiten Stock. Draußen war Hamburg grau in grau – Mitte November, die Alster führte Hochwasser. Ich saß auf einer durchgesessenen Holzbank und achtete auf fünf winzige Gestalten, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs aneinanderdrängten.
Der Älteste, ein Junge von sechseinhalb, hielt ein Stoffkaninchen, dessen linkes Ohr abgerissen war. Das Mädchen neben ihm – vielleicht vier – hatte ihren Daumen im Mund. Die Zwillinge, beide drei, trommelten mit den Fersen gegen das Bein der Bank. Und das Nesthäkchen, ein Junge von gerade einmal zwei Jahren, schlief mit offenem Mund in einer Tragetasche, die viel zu unbequem aussah. Fünf Geschwister. Alle unter sieben. Alle namenlos in einer Akte, die heute Morgen auf Richter Wagners Holztisch liegen würde.
Das Jugendamt nannte es „bedarfsgerechte Verteilung“. Man hatte drei Pflegefamilien in drei verschiedenen Bezirken organisiert. Zwei Kinder sollten zu einem Ehepaar nach Eimsbüttel. Die Zwillinge nach Harburg. Der Kleinste nach Bergedorf. Die Zimmer waren reserviert, die Papiere fertig. In wenigen Stunden würde man sie in getrennte Autos setzen.
Ich kannte die Kleinen seit zwölf Tagen. Am elften Dezember hatte ich ihr Foto im örtlichen Eilregister auf dem Smartphone entdeckt, als ich in meiner Werkstatt auf einen Ölwechsel wartete. Fünf Kinder, die sich an den Händen fassten. Darunter stand: „Geschlossene Unterbringung droht. Geschwistertrennung empfohlen.“ Ich weiß noch, wie mein Daumen über das Display glitt und der Bildschirm für einen winzigen Moment schwarz wurde. In diesem Augenblick sackte etwas in mir ab. Es war dieselbe Leere, die ich mit acht Jahren gespürt hatte, als eine Sozialarbeiterin mir erklärte, meine Schwester komme jetzt in eine andere Einrichtung.
Damals hatte ich geschrien, bis ich keine Stimme mehr hatte. Meine Schwester wurde am nächsten Morgen abgeholt. Ich sah ihre rote Haarspange noch im Flur liegen. Das war im Heim in Altona, Haus Drei. Seit diesem Tag hatte ich Marlene nie wiedergesehen.
Aber das ist ein anderer Teil der Geschichte.
Das Jugendamt erklärte mich für ungeeignet. „Herr Petersen, Sie sind dreißig Jahre alt und ledig. Sie betreiben eine Kfz-Werkstatt mit einem einzigen Angestellten. Die Räumlichkeiten sind nicht kindgerecht.“ Die Frau vom Amt – eine gewisse Frau Hoffmann – blätterte mit unbewegter Miene durch meinen Antrag. „Wir haben bereits drei genehmigte Pflegestellen. Das ist eine ausgemachte Sache.“
Ich fuhr noch am selben Nachmittag nach Horn und kaufte fünf Kindersitze. Auf dem Beifahrersitz lagen die Rechnungen: 1.279 Euro. Dann ließ ich Planen in der Werkstatt aufhängen, zog neue Wände ein, baute Stockbetten. Aus dem ehemaligen Aufenthaltsraum hinter dem Öllager wurde ein Kinderzimmer mit einer Piratenlampe, die bei Bewegung anging. Ich kratzte mein Geschäftskonto leer, siebzehntausend Euro. Das private Sparkonto gleich hinterher – nochmal dreiundzwanzigtausend. Den Rest steckte ich in Anzahlungen für einen fünfjährigen Mietvertrag über eine Vier-Zimmer-Wohnung in Barmbek. Mit Balkon und einer Badewanne, die groß genug war, um alle fünf auf einmal reinzusetzen. Das alles tat ich in den ersten fünf Tagen.
Dann rief ich eine Anwältin an. Doktor Sommerfeld, Fachanwältin für Familienrecht. Sie redete nicht lange um den heißen Brei: „Das wird ein harter Ritt. Die Behörden pochen auf ihre Einschätzung. Aber wenn Sie wirklich die Adoption wollen, dann müssen Sie glaubhaft machen, dass Sie keine romantische Kurzschlusshandlung betreiben.“ Ich nickte und schob ihr einen dicken Ordner hin. Kostenvoranschläge, Mietvertragsentwurf, polizeiliches Führungszeugnis, ärztliches Attest, das Protokoll eines Erste-Hilfe-Kurses am Säugling. Sie blätterte ihn durch, pfiff leise und schob ihn in ihre Ledermappe.
So standen wir also an jenem verregneten Novembermorgen vor Richter Wagner. Der Saal war stickig. Irgendwo tropfte eine Heizung. Die Kinder saßen auf einer roten Couch hinter der Absperrung und warteten. Der Kleinste jammerte leise, und die Große – sie hieß Ella, hatte ich inzwischen gelernt – flüsterte ihm ins Ohr. Ich sah, wie sie seine Hand drückte.
Frau Hoffmann begann mit ihrer Stellungnahme. Sie trug ihre Argumente sachlich vor. Ein Junggeselle als Adoptivvater von fünf Kindern im Vorschulalter stelle ein strukturelles Risiko dar. Fehlende soziale Einbindung. Keine weibliche Bezugsperson. Enorme wirtschaftliche Belastung. Keine Erfahrung in der Erziehung von Kindern. Die drei Pflegefamilien hingegen böten geprüfte Stabilität. Am liebsten hätte ich ihr zugerufen: „Drei Familien, drei Welten! Diese Geschwister werden einander nie wieder so sehen, wie sie jetzt sind!“
Richter Wagner nahm die schmale Brille von der Nase und drehte sich zu mir. Sein Blick war nicht unfreundlich, nur scharf. „Herr Petersen. Das Gericht ist verpflichtet, eine Entscheidung im Wohle der Kinder zu treffen. Ich sehe Ihre Antragsunterlagen. Ich sehe auch Ihren persönlichen Hintergrund – Sie waren selbst Heimkind. Aber das allein ersetzt keinen Betreuungsplan. Ich frage Sie jetzt nicht als Jurist, sondern als Mensch: Warum wollen Sie das wirklich auf sich nehmen? Warum geben Sie Ihre Jugend, Ihr Einkommen, Ihre ganze Existenz für fünf Kinder her, die Sie vor zwei Wochen noch nicht einmal kannten? Welchen echten Grund gibt es dafür?“
Pause. Die Heizung gluckerte. Von draußen hupte ein Lieferwagen. Ich stand auf, ging langsam zum Tisch und öffnete meine Aktentasche. Nicht umständlich, sondern ganz ruhig. Zuerst legte ich die Schlüssel der neuen Wohnung auf die Eichenplatte. Fünf Schlüssel an einem Ring mit einem selbstgebastelten Anhänger aus Fimo – ein Auto, das der Älteste an seinem ersten Besuchstag geknetet hatte.
Dann zog ich eine abgegriffene Fotografie hervor. Sie zeigte zwei Kinder vor der Backsteinfassade des Kinderheims Altona. Das Mädchen mit der roten Haarspange. Der Junge daneben, im Pullover mit Löchern, aber die Hand ausgestreckt, als wolle er ein unsichtbares Hindernis abwehren. Das Bild war am achten August 1999 aufgenommen. Um halb neun morgens. Eine halbe Stunde später war Marlene fort.
Ich schob das Foto neben die Schlüssel und deutete auf die Uhrzeit am unteren Rand. „Das hier bin ich. Und das ist meine Schwester. Sie war damals drei. Ich habe sie nicht gehalten. Ich habe sie einfach gehen lassen müssen. Seit diesem Tag weiß ich, was eine Minute Stille anrichten kann. Ich habe gesucht, angerufen, Akten gewälzt – nie etwas gefunden. Sie war einfach weg. Wie ausgelöscht. Und diese fünf da draußen“ – ich nickte zur Couch hinüber – „die fürchten sich vor genau demselben Loch. Sie haben schon ihre Eltern verloren. Jetzt sollen sie sich auch noch gegenseitig verlieren. Das lasse ich nicht zu. Eher ziehe ich meine Werkstatt aus und baue noch zwei Betten dazu.“ Ich legte die Unterlagen der Bank auf den Tisch. „Hier ist der Nachweis über siebenundvierzigtausend Euro, die ich bereit bin einzusetzen. Kein Kredit. Keine fremde Hilfe. Dazu der Mietvertrag, unterschrieben und notariell beglaubigt. Ich will keinen Cent vom Staat. Ich will nur, dass diese Geschwister zusammenbleiben. Und ich will nicht, dass irgendjemand später aufzählt, wo sie alle hätten sein können, wenn nur einer dagewesen wäre, der die Hand ausgestreckt hat.“
Ich setzte mich wieder. Der Saal war jetzt wirklich still. So still, dass ich den Regen draußen nicht mehr hörte, sondern nur mein eigenes Herz. Richter Wagner stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und presste die Handballen an die Schläfen. Er atmete schwer und schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann räusperte er sich und drehte sich zu Frau Hoffmann. Seine Stimme klang auf einmal nicht mehr wie die eines Richters, sondern wie die eines Vaters, dem etwas eingefallen ist.
„Frau Hoffmann, ich setze den Beschluss von heute Morgen für zwanzig Minuten aus. Sie beauftragen jetzt bitte das Jugendamt, eine sofortige Begehung der Räumlichkeiten in Barmbek vorzunehmen. Und Sie, Herr Petersen“, er griff nach den Schlüsseln und gab sie mir zurück, „Sie fahren jetzt mit diesen fünf Kindern zu dieser Wohnung. Ich möchte um vierzehn Uhr eine Rückmeldung, ob alle Betten aufgebaut und die Kindersitze eingebaut sind. Danach entscheide ich, ob die vorläufige Pflegschaft anerkannt wird. Aber – “ und hier beugte er sich nach vorn, „ lassen Sie sich von niemandem mehr einreden, ein Junggeselle tauge nicht zum Vater. Ich war auch einer, bevor ich zwei adoptierte Neffen aufzog. Das war vor dreiundzwanzig Jahren. Einer davon ist heute selbst Richter – und der andere hat eine Werkstatt in Horn, die er für fünf Kinder umgebaut hat. Sie kennen ihn gut.“
Ich begriff erst gar nichts. Dann kramte ich in meiner Erinnerung: Ein früherer Kunde, ein alter Herr mit einem schwarzen Skoda und der Angewohnheit, den Motor zehn Sekunden länger nachlaufen zu lassen, der immer einen Kaffee bei mir trank und nie über Familie sprach.
Das Protokoll wurde geschlossen. Ich packte die Papiere ein, während Frau Hoffmann sich bereits telefonisch mit der Sachbearbeiterin abstritt. Die Kinder standen aufgereiht an der Tür, das Stoffkaninchen zwischen ihnen. Der Älteste blickte zu mir hoch. „Können wir jetzt wirklich zusammenbleiben?“
Ich kniete mich hin und zog den Schlüsselbund mit dem kleinen Fimo-Auto aus der Tasche. „Siehst du das? Das habt ihr mir geschenkt. Das ist der Schlüssel zu eurem neuen Zuhause. Fünf Zimmer. Für jeden eins. Ich zeig‘s euch jetzt. Und wenn es euch gefällt, dann bleiben wir da. Für immer. Kein Hin und Her mehr. Abgemacht?“
Er packte meine Hand. Nicht vorsichtig, sondern fest. Wie ein Handwerker, der eine Zange ansetzt.
Beim Hinausgehen winkte mir Richter Wagner noch einmal. Er sagte nichts, aber seine Augen waren feucht. Ich musste lachen, ein leises, ungläubiges Lachen. Ich hatte meinen ganzen Plan in den Sand gesetzt, wenn man so wollte. Kein Geld mehr, keine Werkstatt als Geldanlage, keine ruhigen Abende mit der Playstation. Dafür fünf Kindersitze im VW-Bus, die nach neuer Polsterung rochen, und die Aussicht, noch vor dem Abendessen fünf Teller Spaghetti mit Tomatensoße auf einem Tisch zu sehen, der vor einer Woche noch vollgestapelt mit Autoteilen war.
Der Regen hatte aufgehört. Der Himmel über Hamburg riss auf, als wir die Tiefgarage verließen. Im Rückspiegel sah ich die Kinder. Ella hielt dem Jüngsten eine Trinkflasche hin. Die Zwillinge schliefen sofort ein. Und der Große hielt das Stoffkaninchen hoch und ließ es gegen das Fenster klopfen, als wolle es winken.
Ich legte den ersten Gang ein und fragte mich, wo man um halb eins in Barmbek Fimo kaufen konnte. Für neue Schlüsselanhänger.
