Die Arbeit als Kellnerin führt einen in die entlegensten Winkel. Ich bin seit zwölf Jahren bei der Münchner Cateringfirma „Haubenreiser“ angestellt. Die meisten Aufträge sind langweilige Hochzeiten oder steife Firmenfeiern. Doch der eine Abend, der mir im Gedächtnis geblieben ist, war ein privates Familientreffen im Oktober in Grünwald. Schon als ich mit dem Lieferwagen vorfuhr, schlugen mir Geruch von vermoderten Blättern und kaltem Holz entgegen – ganz anders als die sterile Pracht hinter den Mauern.
Die Villa der von Bergs ist ein moderner Glaskörper mitten in einem Parkgrundstück, hinter dessen Terrassenfenster sich die fernen Alpengipfel abzeichnen. Ich kannte die Familie bereits: Frau Inga von Berg, eine hagere Frau mit einem Faible für französische Antiquitäten und spitzen Bemerkungen, ihr Mann Wolfgang, der stets aussah, als wollte er sich für seine eigene Existenz entschuldigen, und Sohn Fabian, ein um die Dreißig, der seinen Porsche Cayenne so auffuhr, dass man in der Auffahrt die Kieselsteine knirschen hörte. Fabian unterhielt die Gäste meist mit Prahlereien über seine Immobiliengeschäfte, aber an diesem Abend war die Luft irgendwie anders. Schon beim Anrichten der Lachstartar-Häppchen in der Küche hörte ich, wie er am Telefon raunte: „Die Alte hat doch keine Ahnung, die leiht mir das Geld und wird nie nachfragen.“ Ich dachte mir noch: Wovon redet der? Wen meint er?
Gegen halb acht traf die Schwester der Gastgeberin ein. Sie hieß Katarina Weber und war für mich stets ein Rätsel: eine zurückhaltende, geschiedene Frau, die in einer Schwabinger Dreizimmerwohnung lebte und einen abgewetzten Golf Kombi fuhr. Im Gegensatz zu den anderen Damen trug sie an diesem Abend nur ein dunkelblaues Etuikleid und brachte einen handgemachten Apfelkuchen mit. Zimt- und Apfelduft hing ihr nach, als sie durch die Glasfront des Foyers trat.
Noch bevor sie den Mund aufmachen konnte, gellte Ingas Stimme durch den Salon: „Achtung, die Bettlerin der Sippe kommt! Passt auf eure Wertsachen auf!“ Das Gelächter der Gäste war, wie immer, etwas zu laut und zu eifrig. Ich stand mit dem Tablett voller Sektgläser in der Durchreiche und sah, wie sich Katarinas Schultern einen Moment straffer stellten – dann ging sie einfach weiter, stellte den Kuchen auf den Flurtisch und zog sich den Mantel aus, ohne jemandem in die Augen zu sehen. Kein Wort der Gegenwehr. Nichts. Ich bewunderte diese Beherrschung, denn ich wusste: Sie war das gewohnt.
Fabian lehnte an der Hausbar und proste ihr scheinheilig zu: „Selbst gebacken, Tante? Na, bei dem Benzinpreis ist das billiger als was Gekauftes, oder?“ Wieder dieses hämische Gegacker von ein paar Gästen. In diesem Moment klingelte Katarinas Telefon. Sie hob ab, entfernte sich ein paar Schritte in den Wintergarten, und weil ich gerade die leeren Flaschen vom Tresen räumte, hörte ich jedes Wort. Ihre Stimme war ganz anders als sonst – gedämpft, aber von einer beunruhigenden Ruhe. „Ja, die Frist ist vor drei Tagen ausgelaufen. – Vier Komma zwei Millionen. – Ja, bereiten Sie die Sicherungsverwertung vor. Nein, noch nicht verschicken. Ich melde mich innerhalb der nächsten zwanzig Minuten noch einmal, dann entscheidet es sich endgültig.“ Als sie auflegte, drehte sie sich um, und für einen Atemzug trafen sich unsere Augen. Sie strich ihr Kleid glatt, straffte die Schultern und betrat wieder den Raum.
Inga hatte die Hände in die Hüften gestemmt. „Stören wir etwa? Oder war das die Sparkasse, die dir den Dispo gestrichen hat?“ Ihre Stimme triefte vor Häme. Katarina stellte sich mitten in den Raum, zwischen die bemalten Porzellanvasen und die importierten Florentiner Leuchter. Alle richteten den Blick auf sie. Nur der Hund der Familie, ein fetter Dackel namens Waldemar, der sonst um meine Knöchel strich, spürte die Spannung und verkroch sich unter dem Flügel.
„Das war Herr Dr. Maurer von der Kanzlei, die meine Darlehensangelegenheiten verwaltet“, sagte Katarina sachlich. „Es geht um den Kredit über vier Millionen zweihunderttausend Euro, den ich Fabian vor anderthalb Jahren gewährt habe. Damals stand er vor der Pleite, sein Eifel-Luxusprojekt war zusammengebrochen, die Banken hatten ihm den Hahn zugedreht. Er kam zu mir und hat quasi gebettelt. Also habe ich ihm das Geld gegeben – gegen notarielle Übereignung eurer Ferienhütte in Garmisch als Pfand. Das war die Bedingung. Nun ist die letzte Rate vor über einem Monat fällig gewesen, die Schonfrist ist abgelaufen, und mein Anwalt wartet auf meine Anweisung, ob die Zwangsvollstreckung eingeleitet wird. Morgen früh um neun wäre das Haus dann zur Verwertung ausgeschrieben – und jeder, der eure Wohltätigkeitsgalas dort bewundert hat, kann dann die Zwangsversteigerung besichtigen.“ Sie sagte das in einem Ton, der eher an eine Wettervorhersage erinnerte.
Fabians Glas fiel klirrend auf die Marmorplatte. Der Sekt lief über den weißen Teppich, aber niemand rührte sich. Inga wurde fahl. Ihre Hand krallte sich um die Lehne eines Sessels. „Das wagst du nicht!“, zischte sie. „Dieses Haus gehört der Familie seit drei Generationen!“ Katarina schüttelte kaum merklich den Kopf. „Nein, Inga. Es gehört rechtlich mir, sobald Fabian seinen Verpflichtungen nicht nachkommt. Und glaub mir, ich habe mir die E-Mail ausgedruckt, die er letzte Woche an seinen Immobilienpartner geschickt hat. Darin nennt er mich eine ‚dumme Gans, die nie kontrollieren wird, wie die Verträge tatsächlich laufen‘. Blöd nur, dass der Verteiler falsch gesetzt war.“ Sie zog einen gefalteten Zettel aus der Tasche und legte ihn neben die Käseplatte, die ich gerade angerichtet hatte. Fabian wurde aschfahl.
Wolfgang, der den ganzen Abend über mit hängenden Schultern neben dem Kamin gestanden hatte, tat plötzlich einen Schritt nach vorn. Er sagte nichts, aber seine Miene hellte sich auf – als wäre eine Last von ihm genommen, die er seit Jahren mit sich herumschleppte. Vielleicht war sie das.
Fabian riss sich zusammen. „Tante Katarina, bitte. Ich hab eine Lösung. Das Baugrundstück im Vogelsberg – ich hab schon einen Käufer dafür. Halbe Million, sicher. Und ich habe zwei weitere Objekte in der Vermarktung. Gib mir vier Wochen, nur vier Wochen, dann bin ich mit allen Raten im Plan und unterschreibe dir eine neue, verschärfte Vereinbarung. Bitte, bitte mach das nicht.“ Zum ersten Mal seit Jahren klang seine Stimme nach einem echten Menschen, nicht nach dem Mann, der Kieselsteine unter Reifen knirschen ließ.
Katarina ließ ihn zappeln, während die Standuhr im Flur die Sekunden hämmerte. Dann griff sie zu ihrem Telefon und wählte. „Herr Dr. Maurer? Keine Vollstreckung. Noch nicht. Eine Frist von einer Woche für ein bindendes Rückzahlungsabkommen und den Nachweis des Grundstücksverkaufs. Erst dann finalisieren wir. Danke.“ Sie legte auf und sah zu Inga. „Das ist keine Gnade. Das ist eine allerletzte Chance. Nicht weil ich euch brauche, sondern weil Wolfgang einmal der Einzige war, der meiner Mutter geholfen hat, ohne sie danach zu verachten. Das hier ist die Zinszahlung dafür. Ab sofort kein einziger herablassender Spruch mehr – weder zu mir noch über mich. Wenn ich zum nächsten Treffen komme, bin ich keine Bittstellerin mehr. Verstanden?“
Niemand antwortete. Fabian nickte hektisch, Inga presste die Lippen aufeinander. Dann drehte sich Katarina um und verließ den Raum. Die Eingangstür fiel mit einem dumpfen, endgültigen Schlag ins Schloss. Einen Moment später hörte ich, wie draußen der alte Golf-Motor stotterte und dann gleichmäßig ansprang. In der plötzlichen Ruhe klirrten nur die Eiswürfel in der verschütteten Sektpfütze.
Zwei Wochen später servierte ich bei einem Geschäftsempfang im selben Haus. Fabian war anwesend, schlich aber mit eingezogenem Kopf umher und wich mir aus, wo er nur konnte. Auf dem Sekretär im Wintergarten lag eine Mappe mit der Aufschrift „Notarielles Rückzahlungsversprechen“ und einem Stempel der örtlichen Volksbank. Daneben klemmte der Ausdruck einer Online-Anzeige: „Süddeutsche Zeitung – Vogelsberg, Bauland mit Genehmigung, KP 490.000 €, Verkauf besiegelt.“ Am Kamin stand Wolfgang und unterhielt sich leise mit Katarina, die tatsächlich gekommen war. Sie trug dasselbe marineblaue Kleid, aber diesmal lachte keiner mehr. Inga hielt sich im Hintergrund und drehte ihren Ehering, nervös wie ein Schulmädchen.
Vor etwa einem Monat, bei einem großen Empfang mit fünfzig Gästen, den ich wieder betreute, fuhr Katarina mit einem neuen Tiguan vor, der den alten Golf ersetzt hatte. Ihr Kleid war jetzt schlicht, aber von einem Label, das ich von der Maximilianstraße kannte. Sie nahm ein Glas Sekt von meinem Tablett und ging zu Wolfgang, der ihr einen Platz neben sich anbot. Inga kam sogar heran und sagte mit säuerlicher Miene: „Ah, da ist ja die Frau, der wir den Fortbestand verdanken.“ Mehr kam nicht über ihre Lippen, aber es war das Äußerste, was sie je an Entschuldigung zustande bringen würde. Katarina hob nur ihr Glas und trank einen Schluck.
Ich sah, wie Fabian ihr ein Dokument hinhielt und sie unterschrieb, ohne ihn anzuschauen. Kein Gedränge, kein Gerede. Nur der Kugelschreiber, der über das Papier glitt. Dann reichte sie mir unbemerkt ihr leeres Glas. „Heute ist alles bezahlt“, sagte sie, drehte sich um und ging zurück zu Wolfgang, der ihr einen zweiten Stuhl heranrückte. Draußen vor der Glasfront sprang der Tiguan-Motor an, jemand hatte die Fernbedienung schon in der Hand, bereit zur Abfahrt. Ich stellte das Glas auf mein Tablett und ging zurück in die Küche, um den nächsten Gang aufzutragen.
