Das Ende der Unsichtbarkeit

An einem Donnerstag im Oktober wachte Ingrid Baum um halb sechs auf, weil nebenan der Dackel vom Nachbarn kläffte. Sie lag im Gästezimmer ihrer Tochter in Leipzig-Gohlis und hörte, wie unten in der Küche schon die Kaffeemaschine lief. Das war der Moment, in dem sie sich fragte, ob jemand ihr einen guten Morgen wünschen würde. Niemand tat es.

Ingrid war einundsiebzig. Seit drei Jahren lebte sie bei ihrer Tochter Katrin und deren Mann Bernd. Nicht, weil man sie darum gebeten hatte, sondern weil Katrin nach dem Tod von Ingrids Mann gesagt hatte: „Mama, du kannst hier wohnen. Allein schaffst du das doch nicht.“ Ingrid hatte ihre Zwei-Zimmer-Wohnung in Schleußig behalten, vermietet, und war mit zwei Koffern und ihrer Geranie in das Reihenhaus nach Gohlis-Süd gezogen.

Am Anfang war alles höflich. Katrin räumte Ingrids Wäsche in den Schrank, Bernd fragte, ob sie den Fernseher leiser stellen könne, weil er noch arbeiten müsse. Dann wurden die Sätze kürzer. „Mama, heute Abend kommen Gäste.“ „Mama, iss doch in deinem Zimmer.“ „Mama, du weißt, dass das hier nicht mehr deine Wohnung ist.“

Ingrid nickte dann. In ihrem Gesicht bewegte sich nichts. Sie räumte ihren Teller in die Spülmaschine und ging die Treppe hoch.

An diesem Donnerstag blieb sie länger in der Küche. Sie trank ihren Kaffee aus der alten Melitta-Kanne, die sie aus ihrer Wohnung mitgebracht hatte, und aß das letzte Stück Streuselkuchen vom Bäcker an der Ecke. Durch die offene Tür hörte sie Katrin am Telefon. Vielleicht mit einer Freundin.

„Ja, sie ist immer da. Aber man nimmt sie kaum noch wahr. Sie ist wie ein Wohnzimmerschrank. Steht rum. Staubt manchmal ein. Mehr nicht.“

Ingrid hörte genau hin. Der Löffel in ihrer Hand bewegte sich nicht. Der Kaffee wurde kalt.

Sie ging an diesem Abend früh ins Bett. Um halb zwölf stand sie auf, packte ihre zwei Koffer und stellte die Geranie in einen Baumwollbeutel. Sie nahm ihre Melitta-Kanne mit und den Radiowecker. Auf den Küchentisch legte sie den Wohnungsschlüssel und einen Zettel. Darauf stand nur: „Ich bin zu Hause.“

Dann zog sie ihren Mantel an, nahm den Koffer in jede Hand und schloss die Haustür. Draußen roch es nach nassem Laub und dem Gas der Straßenlaternen. Die Tramlinie 3 fuhr sie bis zum Hauptbahnhof, dann weiter nach Paunsdorf. Dort hatte sie sich am Tag zuvor ein Zimmer angesehen. 390 Euro kalt, dritter Stock, keine Aufzug, aber ein Fenster zum Hof, auf dem eine Kastanie stand. Sie hatte der Vermieterin gesagt: „Ich nehme es. Ab morgen.“

In der neuen Wohnung stellte sie die Geranie auf das Fensterbrett zum Hof. Sie machte den Radiowecker an. MDR Kultur lief leise. Sie kochte sich einen Kaffee mit der Melitta-Kanne, setzte sich an den kleinen Tisch und schrieb einen Brief, den sie nie abschicken würde.

Drei Wochen später stand Ingrid in einem Notariat in der Innenstadt. Sie trug eine beige Stofftasche, in der die Grundbuchauszüge ihrer Wohnung in Schleußig steckten. Die Wohnung war abbezahlt, sie hatte sie mit ihrem Mann vor dreißig Jahren gekauft. Marktwert: ungefähr 145.000 Euro. Der Notar, ein Mann um die fünfzig mit Hornbrille, blätterte die Unterlagen durch.

„Frau Baum, ich muss Sie fragen, ob Sie sich der Tragweite bewusst sind. Sie möchten die Wohnung wirklich an die Leipziger Tafel verschenken? Nicht an Ihre Tochter?“

Ingrid legte ihre Hand flach auf die Tischplatte. „Ich möchte, dass Menschen sie bekommen, die sonst nichts haben. Meine Tochter hat ein Haus. Die braucht meine Wohnung nicht.“

Der Notar schob die Urkunde über den Tisch. Ingrid unterschrieb. Sie zahlte die Gebühr bar, 620 Euro. Dann steckte sie die beglaubigte Kopie in ihre Stofftasche und ging.

Vier Tage später klingelte es an ihrer Tür in Paunsdorf. Ingrid öffnete nicht sofort. Sie stellte die Kaffeetasse ab, wischte die Hände an ihrer Wolljacke trocken und sah durch den Spion. Katrin stand draußen. Das Gesicht der Tochter war weiß vor Wut.

Ingrid öffnete die Tür. Katrin drängte herein, ohne zu grüßen.

„Mama, was hast du getan? Die Wohnung! Verschenkt! An Fremde! Hast du den Verstand verloren?“

Ingrid setzte sich auf den Stuhl am Fenster, neben die Geranie. Sie holte die Kopie aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

„Ich habe sie der Tafel gegeben. Sie gehört jetzt Menschen, die Hunger haben. Ich brauche sie nicht mehr zum Vermieten. Ich lebe hier.“

Katrins Stimme kippte. „Du hättest sie uns geben müssen! Wir haben dir ein Zuhause gegeben! Wir haben dich versorgt!“

Ingrid nahm die Tasse in beide Hände. Der Kaffee war lauwarm. „Ihr habt mir ein Zimmer gegeben. Ein Zuhause ist etwas anderes. Ich stand bei euch rum wie ein Schrank. Und ein Schrank hinterlässt nichts.“

Katrin riss die Kopie an sich. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor. „Das werden wir anfechten. Bernd kennt einen Anwalt.“

Ingrid stand auf und ging zur Tür. Sie hielt die Klinke fest. „Dann mach das. Aber jetzt musst du gehen. Ich muss meine Briefe schreiben.“

Katrin blieb noch einen Moment stehen. Sie sah sich in dem kleinen Zimmer um: das Bett mit der grauen Decke, die Geranie, der Radiowecker, die Melitta-Kanne. Dann drückte sie die Kopie an ihre Brust und lief hinaus. Die Tür fiel ins Schloss. Ingrid hörte, wie Katrins Absätze im Treppenhaus verhallten.

Sie setzte sich wieder an den Tisch, atmete einmal tief durch und schrieb den Brief neu, den sie nie abschickte. Draußen fiel der erste Schnee des Jahres.

Ein Jahr später zog Ingrid in eine kleinere Wohnung nach Reudnitz. Beim Packen fand sie in einer Schuhschachtel zwischen alten Fotos und abgelaufenen Rabattmarken einen Kontoauszug. Er war an ihre alte Adresse in Gohlis geschickt worden, aber jemand hatte ihn umgeleitet. Auf dem Auszug standen Überweisungen: vierzehn Monate lang je 250 Euro, an ein Konto, das Ingrid nicht kannte. Als Verwendungszweck stand: „Haushaltskosten Katrin B.“ Die Einzugsermächtigung stammte von Ingrids Rentenkonto. Ihre Unterschrift war nicht dabei.

Ingrid legte den Auszug zurück in die Schachtel und schloss den Deckel. Sie stellte die Schachtel ganz nach unten in den Umzugskarton, unter die Bücher. Dann band sie den Karton mit Paketband zu und schrieb mit einem schwarzen Filzstift darauf: „Keller.“

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