Die Klingel, die Christel sich selbst geschenkt hat

Ich bin 74 und wohne allein in einer Dreizimmerwohnung in Freiburg, dritter Stock, Balkon zur Dreisamstraße. Mein Mann Herbert ist vor sechs Jahren gestorben, und seit damals hat meine Tochter Sabine einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Das war ihre Idee, nicht meine, und lange Zeit war es die beste Idee, die sie je hatte.

Sabine wohnt in Herdern, zwanzig Minuten mit dem Rad, mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Als ich vor drei Jahren am grauen Star operiert wurde, kam sie jeden Tag, kochte, brachte Augentropfen, saß bei mir, bis ich wieder allein zurechtkam. Wenn ich zu meiner Schwester nach Lörrach fahre, gießt sie die Balkonblumen und leert den Briefkasten, damit nicht schon nach zwei Tagen die Werbung rausquillt. Der Schlüssel war nie das Problem. Das Problem kam später, leise, ohne dass ich es kommen sah.

Es fing klein an. Sabine kam herein und rief schon von der Tür: „Mama, ich bin's!" Das fand ich charmant. Mit der Zeit wurde daraus eine Gewohnheit, die keiner mehr hinterfragte. Brachte sie den Kindern etwas vorbei, kam sie rein. Wollte sie kurz was abstellen, kam sie rein. Zweimal stand ich unter der Dusche und als ich rauskam, saß sie schon am Küchentisch und sortierte meine Post. Ich habe nichts gesagt. Es war ja meine Tochter.

Bis zu diesem einen Donnerstag im März.

Ich hatte schlecht geschlafen, die Nachbarn über mir hatten bis nach Mitternacht renoviert, ein Bohrer, dann Stille, dann wieder der Bohrer. Ich stand spät auf, machte mir einen Kaffee, setzte mich im Morgenmantel vor den Fernseher, SWR Aktuell lief, draußen nieselte es auf die Dreisamstraße. Die Wohnung sah aus wie eine Wohnung, in der jemand seit sechs Jahren allein lebt und sich das Recht nimmt, auch mal einen Tag lang nichts zu tun: eine Strickjacke über dem Sessel, zwei Teller vom Vorabend in der Spüle, das Bett nicht gemacht.

Ich hörte den Schlüssel im Schloss, bevor ich überhaupt reagieren konnte. Sabine kam mit zwei vollen Stofftaschen von Lidl herein, und innerhalb von fünf Minuten hatte sie das Fenster aufgerissen, die Teller weggeräumt und mir erklärt, dass das Wohnzimmer Staub brauchte, die Handtücher schon eine Woche alt seien und irgendwelche Unterlagen auf dem Sekretär endlich sortiert gehörten. Ich saß da mit meinem Kaffee und fühlte mich wie ein Kind, dessen Zimmer gerade kontrolliert worden ist.

„Lass das jetzt", sagte ich.

Sie verstand nicht. „Mama, ich helf dir doch nur."

Ich bat sie, sich zu setzen. Dann sagte ich den Satz, den ich meiner eigenen Tochter nie hatte sagen wollen: „Ab jetzt klingelst du, bevor du reinkommst."

Ihr Gesicht veränderte sich. „Warum denn das?"

Ich erklärte ihr, dass ich wissen wollte, wann jemand meine Wohnung betritt.

„Ich bin doch nicht irgendjemand. Ich bin deine Tochter."

Genau das war der Punkt. Für Sabine hob das Wort „Tochter" jede Grenze auf. Sie war gekränkt, fragte, ob ich etwas zu verbergen hätte, sagte, es mache sie traurig, dass sie nach allem, was sie für mich tue, jetzt „um Erlaubnis fragen" müsse. Ich wurde auch laut, was selten vorkommt. Ich fragte sie, ob ich um neun Uhr morgens mit meinem Schlüssel in ihre Wohnung in Herdern spazieren, ihre Fenster aufreißen und ihr erklären dürfte, was sie zu putzen habe. Sie sagte, das sei nicht vergleichbar. „Warum nicht?" Darauf wusste sie keine Antwort.

Ich glaube, es gibt bei erwachsenen Kindern diesen merkwürdigen Moment, in dem sie anfangen, das Haus der Eltern wie etwas zu betrachten, das sie beaufsichtigen müssen. Und wir lassen es zu, aus Bequemlichkeit oder aus Liebe, Stück für Stück, bis man es kaum noch bemerkt.

Sabine ging, ohne die Lidl-Tüten auszupacken, und wir sprachen fast eine Woche lang nur das Nötigste. Mein Sohn Jochen, der in Karlsruhe lebt und alles immer aus der Distanz beurteilt, meinte am Telefon, ich sei vielleicht zu hart gewesen. Ich zweifelte selbst. Ich wollte nicht, dass meine Tochter denkt, sie sei bei mir nicht mehr willkommen.

Also fuhr ich mit dem Bus zu ihr nach Herdern. Ihr Mann Uwe machte auf, wortlos, ließ mich rein und verschwand ins Arbeitszimmer, klug genug, sich rauszuhalten. Ich setzte mich mit Sabine an ihren Küchentisch und sagte ihr, der Schlüssel gehöre weiterhin ihr, das habe nie zur Debatte gestanden. Wenn ich nicht ans Telefon ginge oder etwas dringend sei, sollte sie reinkommen, ohne zu zögern. Aber wenn sie einfach nur vorbeikäme, um mich zu sehen, wolle ich die Klingel hören.

Und dann sagte ich etwas, das mir schwerfiel: dass ich in letzter Zeit das Gefühl hatte, sie käme in meine Wohnung, um zu suchen, was falsch war. Und dass ich, mit vierundsiebzig, immer noch das Recht haben wollte, ungespülte Teller stehen zu lassen oder bis mittags im Morgenmantel herumzulaufen, ohne mich dafür zu rechtfertigen.

Sabine schwieg lange. Draußen bellte der Hund der Nachbarn, dieses eine bekannte, halbherzige Bellen, das nach zwei Minuten wieder aufhört. Dann sagte sie, seit Papas Tod habe sie ständig Angst, mir könnte etwas passieren, ohne dass sie es merkt. Dass das Kontrollieren ihre Art war, diese Angst zu managen. Ich verstand das. Ich hatte selbst so eine Angst gehabt, als sie klein war und zu spät von einer Fete nach Hause kam.

Seitdem klingelt sie. Anfangs kam es beiden komisch vor, dieses Warten vor der eigenen Elterntür, dieser Moment der Unsicherheit, wer wohl aufmacht. Am vergangenen Samstag klingelte es gegen elf, und vor der Tür stand Sabine mit einer Tüte Zimtschnecken vom Bäcker Wickenhäuser. „Darf ich?" Ich sagte ja. Sie kam rein, sah zwei Tassen in der Spüle stehen und sagte kein Wort dazu.

Zwei Wochen später kam der eigentliche Bruch, und der hatte nichts mit Zimtschnecken zu tun. Sabine hatte, ohne mit mir zu sprechen, bei der Sparkasse eine Vollmacht für mein Konto vorbereiten lassen, „für den Notfall", wie sie sagte, und brachte die Unterlagen mit, fertig zum Unterschreiben, an einem Dienstagnachmittag, an dem sie tatsächlich vorher geklingelt hatte. Ich saß am Küchentisch, sie legte den Ordner vor mich hin, blau, mit dem Logo der Bank, und sagte, es sei doch nur vernünftig, falls mir mal etwas zustoße.

Ich schob den Ordner ein Stück von mir weg. Sagte ihr, dass ich das zu schätzen wisse, aber dass ich so etwas nicht unterschreibe, ohne selbst mit meinem Anwalt gesprochen zu haben, Herrn Dr. Baumgartner, bei dem Herbert und ich seit fünfunddreißig Jahren waren. Sabine wurde blass, sagte, das sei doch reine Formsache, sie wolle mir doch nur helfen. Ich sagte, das höre ich in letzter Zeit oft von ihr, und dass Hilfe, die man nicht gefragt hat, irgendwann etwas anderes wird.

Am Donnerstag darauf fuhr ich selbst zur Sparkasse in der Kaiser-Joseph-Straße, sprach mit meinem Berater, Herrn Fenske, und ließ mir schriftlich bestätigen, dass keine Vollmacht auf Sabines Namen eingetragen ist und dass eine solche nur mit meiner persönlichen Unterschrift vor Ort möglich wäre. Ich rief anschließend Dr. Baumgartner an und vereinbarte einen Termin für eine notariell beglaubigte Vorsorgevollmacht, aber auf meine eigenen Bedingungen: Jochen als zweiten Bevollmächtigten neben Sabine, beide nur gemeinsam handlungsberechtigt, und eine Klausel, dass die Vollmacht erst greift, wenn ein Arzt meine Geschäftsunfähigkeit bestätigt.

Als Sabine das erfuhr, kam sie nicht mit Kuchen. Sie klingelte trotzdem, das muss ich ihr lassen. Stand vor der Tür, blass, die Papiere der Sparkasse noch in der Hand, und fragte, ob ich ihr nicht mehr vertraue. Ich bat sie rein, setzte Kaffee auf und sagte ihr, dass Vertrauen genau der Grund sei, warum ich es so und nicht anders geregelt habe: weil ich ihr vertraue, will ich nicht, dass sie allein die Verantwortung und den Verdacht meiner Enkel oder Nachbarn tragen muss, falls später mal jemand fragt, warum die Konten der alten Frau so aussehen, wie sie aussehen. Zwei Unterschriften schützen sie genauso wie mich.

Sie weinte ein bisschen, was Sabine sonst nie tut. Sagte, sie habe wirklich nur helfen wollen und sich dabei selbst nicht mehr erkannt, ständig mit einem Ordner unterm Arm bei mir aufzutauchen wie eine Sachbearbeiterin. Ich sagte ihr, dass ich das sehe, und dass ich froh bin über eine Tochter, die sich sorgt, aber dass ich mit vierundsiebzig noch selbst entscheide, wer meine Türklinke und wer mein Konto anfasst.

Die Vorsorgevollmacht wurde drei Wochen später bei Dr. Baumgartner unterschrieben, mit Jochen, der extra aus Karlsruhe kam, und mit Sabine, die diesmal ruhig neben ihrem Bruder saß und die Klausel über die zwei Unterschriften selbst noch einmal laut vorlas, bevor sie ihren Namen daruntersetzte.

Seitdem klingelt sie immer noch. Letzten Sonntag stand sie wieder vor der Tür, diesmal ohne Gebäck, nur mit dem jüngsten Enkel an der Hand, der ungeduldig am Klingelknopf zog, bevor sie ihn zurückhielt. Ich öffnete im Morgenmantel, die Teller vom Vortag standen noch in der Spüle, und niemand sagte etwas dazu.

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Uniad
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