Ich heiße Bernhard Wagner, bin 65 und wohne in einem Reihenhaus in Essen-Rüttenscheid, direkt hinter dem Rewe an der Ecke, bei dem der Pfandautomat seit Monaten kaputt ist. Ich dachte immer, wenn meine Kinder erwachsen sind, hört das Sorgen irgendwann auf. Was für ein Irrtum. Mein Sohn Kai ist 41, meine Tochter Sabine 38 – und das Telefon klingelt immer noch, sobald irgendwo ein Problem auftaucht.
Ein kaputter Kühlschrank. Streit mit dem Partner. Ein Handwerker, der Mist gebaut hat. Eine Mahnung vom Finanzamt, die keiner verstanden hat. Jahrelang war ich derjenige, der ranging – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Kai sagte immer: "Papa, du kennst dich mit sowas aus." Und ich fuhr los. Bei Wind und Wetter, mit dem alten Opel Astra, der mittlerweile schon selbst öfter in die Werkstatt muss als mir lieb ist.
An einem Freitagabend im März rief Kai an. Er hatte seine Küche renovieren lassen, eine Firma aus dem Nachbarort beauftragt, und mit dem Ergebnis war er unzufrieden. Die Fliesen schief, die Arbeitsplatte mit einer Delle. Er wollte, dass ich am nächsten Tag mit den Handwerkern rede. Ich hatte für Samstag mit zwei alten Kumpeln eine Wanderung im Bergischen Land geplant – seit Wochen verabredet, Rucksack schon gepackt, Thermoskanne mit Kaffee stand griffbereit auf der Anrichte.
Ich sagte, das ginge nicht.
"Kannst du das nicht verschieben?"
"Ich will es nicht verschieben."
Am anderen Ende blieb es einen Moment ruhig. Dann, mit einer Schärfe, die ich lange nicht mehr gehört hatte: "Früher warst du immer da, wenn wir dich gebraucht haben."
Der Satz saß. Ich fragte, ob es ein Notfall sei. Nein. Also sagte ich, er könne mit den Handwerkern selbst reden. Er legte etwas gereizt auf.
Die ganze Wanderung über kreiste mein Kopf um dieses Gespräch. Zwischen Streuobstwiesen und einem Bach, an dem wir kurz die Füße gekühlt haben, dachte ich: Was mache ich hier eigentlich, während mein Sohn ein Problem hat, das ich lösen könnte? Ein Hund aus dem Nachbarort lief uns ein Stück hinterher, ohne Grund, einfach so. Mein Kumpel Detlef fragte irgendwann, ob mit mir alles in Ordnung sei, ich sei so einsilbig. Ich sagte nur, mein Sohn sei sauer auf mich, und schwieg den Rest des Anstiegs.
Am Abend, kaum zu Hause, checkte ich mein Handy alle zehn Minuten. Kein Anruf, keine Nachricht. Ich stellte mir vor, wie die Fliesen krummer werden, wie Kai am Küchentisch sitzt und sich ärgert, und überlegte tatsächlich, ob ich noch am Sonntagmorgen zu ihm rüberfahren sollte, bevor der Fliesenleger anrückt. Renate sah mich mit dem Handy in der Hand am Küchentisch sitzen und fragte, was los sei.
Ich erzählte es ihr. Sie lachte kurz auf. "Na, jetzt merkst du's auch." Sie sagt das seit Jahren – dass ich zu viel übernehme, zu schnell einspringe. Ich hatte immer erwidert, dafür seien Eltern doch da. Aber vielleicht hatte ich Verfügbarkeit mit etwas anderem verwechselt: damit, meinen Kindern jede unbequeme Auseinandersetzung abzunehmen.
"Und jetzt?", fragte sie. "Fährst du morgen doch hin?"
Ich sagte, ich wisse es nicht. Ich sagte es noch, als ich schon nach dem Autoschlüssel griff, der neben der Fruchtschale lag, ihn dann aber wieder zurücklegte.
Kai meldete sich vier Tage nicht. Dann stand er am Sonntag darauf vor der Tür, mit einer Flasche Rotwein aus dem Kaisers und einem Gesicht, das schon halb Entschuldigung, halb Trotz war.
"Ist erledigt", sagte er, noch bevor er die Schuhe auszog.
"Was ist erledigt?"
"Die Küche. Ich hab mit dem Chef der Firma telefoniert, nicht mit dem Monteur. Der hat sofort klein beigegeben." Er setzte sich an den Küchentisch, goss sich ein Glas ein. "Die machen die Fliesen neu, ohne Aufpreis. Für die Delle in der Arbeitsplatte kriege ich hundertfünfzig Euro Nachlass."
"Hättest du das auch ohne mich hinbekommen, wenn ich gleich zugesagt hätte?"
Er zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich schneller sogar. Ich hab erst mal drei Tage gebraucht, um sauer genug zu bleiben, um überhaupt anzurufen."
Ich sagte ihm, ich hätte nie gedacht, er könne das nicht. Ich musste nur aufhören, so zu tun, als sei jedes seiner Probleme automatisch auch mein Problem.
Das heißt nicht, dass ich aufhöre zu helfen. Wenn eines meiner Kinder ein echtes, ernstes Problem hat, bin ich da, ohne Wenn und Aber. Aber eine Rechnung, eine kaputte Waschmaschine, ein Streit mit einer Baufirma – das soll nicht mehr automatisch meinen ganzen Tag umwerfen, nur weil das Telefon klingelt.
Vor zwei Wochen rief Sabine an, weil ihr Golf ein merkwürdiges Klappern von vorne links machte. Mein erster Reflex war zu fragen, wann ich vorbeikommen könne, um mir das anzuhören. Dann hielt ich mich zurück.
"Fahr damit einfach in die Werkstatt."
"Aber wenn die mir irgendwas andrehen, das ich gar nicht brauche?"
"Dann sagst du, du willst erst mit deinem Vater sprechen, bevor du unterschreibst. Mehr musst du gar nicht tun."
Sie lachte. "Papa, du gehst wohl auch bei uns langsam in Rente."
"Nur bei manchen Dingen", sagte ich. Und legte auf, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
Am Abend, als ich das erzählte, stand Renate am Herd und rührte in einem Topf Kartoffelsuppe, ohne sich umzudrehen. "Wurde auch Zeit", sagte sie nur, und ich hörte, wie zufrieden das klang, obwohl sie mir den Rücken zukehrte.
Zwei Tage später rief Sabine wieder an, spätabends, die Stimme dünn. Die Werkstatt hatte einen Bremsbelag gefunden, der fast durch war. Sie war damit noch zweimal zur Kita und zurück gefahren, bevor der Meister ihr sagte, das sei kein Klappern mehr, das sei gefährlich.
"Papa, die wollen vierhundertzwanzig Euro. Ist das zu viel?"
Ich hätte am liebsten gesagt: Bleib stehen, ich rufe die an. Stattdessen fragte ich: "Hast du nach dem Grund für den Preis gefragt? Original-Teile oder Nachbau?"
"Original, hat er gesagt."
"Dann frag nach dem Nachbau-Preis. Und ob sie zwei Wochen Garantie drauf geben."
Sie rief eine halbe Stunde später zurück. Dreihundertfünfzig Euro, mit Garantie. Sie hatte selbst verhandelt, während ich am Küchentisch saß und mir vorstellte, wie sie mit durchgescheuerten Bremsen die Bundesstraße runterfährt, und mir die ganze Zeit sagte, jetzt bloß nicht hinfahren, jetzt bloß nicht.
"Ich hab's runtergehandelt", sagte sie, und in ihrer Stimme war etwas, das vorher nicht da gewesen war.
Am Freitag danach rief Kai noch einmal an, diesmal nicht wegen der Küche. Er wollte fragen, ob wir Lust hätten, am Wochenende mit den Enkeln zum Baldeneysee zu fahren, Kaffee trinken, die Kinder Enten füttern lassen. Kein Problem, keine Bitte um Hilfe – nur eine Einladung.
Ich sagte zu.
Am Samstag standen wir am Ufer, Renate goss aus der Thermoskanne Filterkaffee in zwei Becher, der Dampf zog seitlich weg im Wind. Mein Enkel Finn hielt seiner kleinen Schwester die Tüte mit trockenem Brot hin, viel zu hoch, sodass sie sich strecken musste. Die Enten kamen sofort angepaddelt, ein ganzer Schwarm, mit diesem Geschnatter, das die Kinder jedes Mal quietschen lässt.
"Opa, wirf du auch mal", sagte Finn und drückte mir ein Stück Brot in die Hand.
Ich warf es zu weit, mitten in die Enten hinein, und Kai, neben mir stehend, prustete los. "Immer noch dieselbe Wurftechnik wie beim Baseball damals. Nie was gelernt."
"Wer hat dir das Werfen beigebracht?", fragte ich.
"Genau du. Deshalb wirft mein Sohn jetzt auch daneben."
