Ich heiße Herbert, bin siebenundsechzig und wohne in einer ruhigen Straße in Bielefeld, wo die Kastanien im Herbst den Gehweg vollkleben. Ich habe zwei erwachsene Kinder, Jan und Miriam. Jan ist zweiundvierzig, Miriam neununddreißig. Früher dachte ich, wenn die Kinder erst groß sind, hört das Sorgen auf. Heute weiß ich: Es hört nicht auf. Es verändert nur die Telefonnummern, unter denen man erreichbar sein muss.
Jan leitet in seiner Firma eine Abteilung mit sechzehn Leuten. Er verhandelt Verträge, führt Bewerbungsgespräche, trägt Verantwortung. Aber wenn bei ihm zu Hause der Geschirrspüler streikt, ruft er mich an. „Du kennst dich doch mit sowas aus.“ Und ich fahre los. Seit über zwanzig Jahren fahre ich los.
Miriam ist nicht anders. Einmal rief sie an, weil die Waschmaschine im Keller komische Geräusche machte. Ich sagte, sie solle den Techniker rufen. Sie seufzte: „Der nimmt doch nur Geld.“ Am Ende stand ich am Samstagvormittag mit dem Schraubenzieher in ihrem Waschkeller, während sie oben Kaffee trank.
Vor drei Wochen kam der Anruf, der bei mir etwas verändert hat. Es war ein Dienstag, kurz nach sieben. Ich saß am Küchentisch und aß ein Käsebrot. Draußen fuhr gerade die Müllabfuhr durch die Straße, diese riesigen orangefarbenen Wagen mit dem lauten Hydraulikheulen.
Jan war dran. Er hatte Handwerker im Haus, die das Badezimmer renovierten. Die Fliesen seien schief verlegt, die Fugen unsauber. Ob ich morgen früh vorbeikommen und mit den Leuten reden könnte. Sein Tonfall war nicht fragend, eher feststellend. Als ob es selbstverständlich wäre.
Ich hatte für Mittwochmorgen etwas vor. Seit einem halben Jahr gehe ich mittwochs mit einer Wandergruppe in den Teutoburger Wald. Wir treffen uns am Hauptbahnhof, fahren mit der Bahn nach Oerlinghausen und laufen von dort über den Kammweg. Es ist das Einzige in meiner Woche, das nur mir gehört.
„Da kann ich nicht, Jan. Ich bin wandern.“
„Kannst du das nicht verschieben?“
Ich kaute mein Brot und schaute auf die Butterdose. Der Deckel war abgesprungen, schon seit Wochen. „Ich will es nicht verschieben.“
Am anderen Ende wurde es still. Dann sagte er: „Früher warst du immer da, wenn wir dich gebraucht haben.“
Dieser Satz. Er lag zwischen uns wie ein nasses Handtuch.
„Ist es ein Notfall?“, fragte ich.
„Nein, aber—“
„Dann rede selbst mit den Handwerkern. Das kannst du.“
Er legte auf, ohne sich zu verabschieden.
Beim Wandern am nächsten Tag dachte ich die ganze Zeit an dieses Gespräch. Der Wald war noch feucht vom Morgennebel, die Schuhe machten ein schmatzendes Geräusch auf dem weichen Boden. Ich ging hinter der Gruppe her und fühlte mich schuldig. Ein erwachsener Mann, der durch den Wald läuft, während sein Sohn angeblich ein Problem hat, das er nicht allein lösen kann.
Aber je länger ich lief, desto deutlicher wurde mir: Jan verhandelt beruflich mit Zulieferern aus halb Europa. Er hat zwei Kinder, ein Haus, eine Hypothek über vierhundertdreißigtausend Euro. Er ist vollkommen fähig, einem Fliesenleger zu sagen, dass die Fugen nicht sauber sind. Das Problem war ein anderes: Ich hatte ihm jahrelang beigebracht, dass ich komme.
An dem Abend saß ich mit meiner Frau Inge auf dem Balkon. Sie trank ihren Pfefferminztee, ich hatte ein Bier. Die Lichterkette über uns flackerte an einer Stelle. Ich erzählte ihr von dem Anruf.
„Das sage ich dir seit Jahren“, sagte sie und rührte in ihrem Tee. „Du bist kein Vater mehr, du bist ein Bereitschaftsdienst.“
Das klang hart. Aber vielleicht hatte sie recht. Ich hatte immer gedacht, Eltern müssten verfügbar sein. Inzwischen frage ich mich, ob ich nicht einfach nur vermieden habe, meine Kinder ihre eigenen Kämpfe führen zu lassen.
Fünf Tage lang rief Jan nicht an. Am Sonntagnachmittag stand er plötzlich vor der Tür. Er hatte eine Tüte mit Brötchen vom Bäcker dabei, so wie früher, wenn er nach dem Sport vorbeikam. In seiner Jackentasche steckte ein Zollstock.
„Das Bad ist fertig“, sagte er, während er die Schuhe auf der Fußmatte abwischte. „Ich hab mit denen geredet. Die haben die Wand neu gemacht. Ohne Aufpreis.“ Er zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch und runter. „War halb so wild.“
„Ich hab nie gedacht, dass du das nicht kannst“, antwortete ich.
Er schaute zur Seite, auf die Garderobe, wo mein alter Wanderrucksack hing. „Ich weiß. Aber du warst halt immer da.“
Dann saßen wir in der Küche. Inge machte Kaffee. Jan erzählte von den Fliesen, von der Abdichtung unter der Dusche, von dem Handwerker, der am Ende klein beigegeben hatte. Ich hörte zu und merkte, wie sich etwas in mir lockerte.
Zwei Tage später rief Miriam an. Ihr Auto, ein alter Golf, machte klackernde Geräusche beim Anfahren. Meine Hand ging automatisch zum Telefon, mein Mund wollte sagen: Ich schau mir das an.
Stattdessen: „Fahr zur Werkstatt. Lass den mal draufschauen.“
„Papa?“, sagte sie. „Bist du krank?“
Ich musste lachen. „Nein. Ich versuch nur, euch nicht mehr alles abzunehmen.“
„Du wirst also auch von uns Rentner“, sagte sie und lachte mit.
„Nur von manchen Sachen“, sagte ich.
Am nächsten Wochenende waren alle zum Essen da. Jan brachte Nachtisch mit, Miriam einen Salat. Nach dem Essen spülte ich ab, während die anderen im Wohnzimmer redeten. Ich hörte Jan sagen: „Der Papa hat mir neulich nicht geholfen. Stellt euch vor, ich musste selbst mit den Handwerkern reden.“ Sein Tonfall war nicht vorwurfsvoll. Eher stolz. Ich trocknete den Teller ab und stellte ihn in den Schrank. Die Küche roch nach Braten und Apfelkuchen. Durchs Fenster sah ich, wie draußen die Straßenlaterne anging.
Neulich rief Jan wieder an, weil seine Spülmaschine nicht mehr abpumpte. Ich sagte ihm, er solle den Siphon reinigen. Er stöhnte. Dann legte er auf.
Eine Stunde später schickte er ein Foto: der Siphon, voller Nudelreste. Daneben sein Daumen nach oben.
Ich hab ihm einen einzigen Satz geantwortet: „Siehst du.“
Auf dem Balkon, mit meinem Bier in der Hand, hörte ich unten auf der Straße einen Bus anfahren und irgendwo ein Fenster zuschlagen. Die Lichterkette flackerte immer noch an derselben Stelle.
