Um halb elf an einem Samstag riss mich ein Geräusch aus dem Schlaf, das klang, als würde jemand ein Schwein bei lebendigem Leib zersägen. Ich lag noch einen Moment mit geschlossenen Augen da und hoffte, es wäre ein Traum, aber das Jaulen und Kreischen wurde lauter, härter, bösartiger. Es kam direkt von nebenan.
Ich zog die Decke über den Kopf. Zwecklos. Der Lärm ging durch die Wände, durch die Matratze, durch die Knochen. Nach elf Jahren Schichtdienst in der Bäckerei hatte ich mir genau einen Luxus erarbeitet: den Samstagmorgen. Einmal pro Woche ausschlafen. Einmal nicht um drei Uhr aufstehen, um Teig anzusetzen, Brötchen zu formen, den Ofen zu bestücken. Einmal einfach liegen bleiben, bis der Körper von selbst aufgibt.
Jetzt stand ich in Boxershorts und T-Shirt am Fenster und sah hinüber. Der Nachbar, ein Mann um die sechzig mit beginnender Glatze und rotem Gesicht, stand am hinteren Ende seines Gartens. Er hielt eine Benzin-Kettensäge in beiden Händen, Marke Stihl, das alte Modell MS 180 mit dem weißen Gehäuse, und schnitt einen Stapel Äste in handliche Stücke. Um ihn herum lagen bereits gesägte Stämme, der Hänger war halb voll, und auf dem Boden stand ein weißer Plastikeimer, an dessen Rand er hin und wieder die Säge abstellte, um sie abkühlen zu lassen. Die Luft roch nach Sägespänen und Benzin, und über allem hing ein feiner Holzstaub, der das Morgenlicht trübe machte.
Ich kannte den Mann nur vom Grüßen. Sein Vorgänger hatte den Garten verkommen lassen, das Haus stand zwei Jahre leer, dann kam er mit einem Umzugswagen, der den halben Bürgersteig blockierte. Ein pensionierter Schreiner, hieß es, jedenfalls trug er diese typische grüne Arbeitshose mit den vielen Taschen, die Handwerker tragen. Seine Frau sah man selten, eine schmale Person mit Kopftuch, die morgens die Jalousien hochzog.
Ich machte das Fenster zu. Doch der Lärm änderte sich nicht, als wäre das Glas gar nicht da. Die Säge kreischte auf, wenn ein Ast härter war, fiel dann in ein tiefes Brummen zurück, das im Magen vibrierte. Ich duschte, kochte Kaffee, setzte mich an den Küchentisch. Es war kurz nach elf. Der Lärm hörte nicht auf.
Ich rief meinen Bruder an, der in Hannover lebt, aber er hob nicht ab. Ich überlegte, ob ich beim Ordnungsamt anrufen sollte, aber ehrlich gesagt wusste ich nicht, ob das überhaupt hilft. In Hamburg gibt es Ruhezeiten, und Samstagmittag gehört nicht unbedingt dazu, und außerdem ist das hier keine Wohnung, wo sich zwölf Parteien ein Treppenhaus teilen. Es ist eine Reihenhaussiedlung in Harburg, kleine Gärten, verwinkelte Grundstücke, jeder macht irgendetwas, und die meisten dulden es voneinander. Der Nachbar sägt am helllichten Tag Holz. Ist es verboten, einem Mann in seinem eigenen Garten das Sägen zu verbieten? Wohl nicht.
Trotzdem bohrte sich das Geräusch in meinen Schädel wie ein Zahnschmerz. Ich nahm mein Handy, wählte die Nummer des Ordnungsamts und legte wieder auf, bevor es klingelte. Was sollte ich sagen? Dass mir der Nachbar zu laut ist? Dass ich müde bin?
Ich zog mir Schuhe an und ging hinaus. Der Vorgarten lag im Schatten, die Kirschbäume hingen voll, und ein paar späte Tauben flatterten über die Dächer. Ich stellte mich an den Zaun und wartete, bis er die Säge abstellte.
„Morgen“, sagte ich. „Schönes Wetter heute.“
Er hob den Kopf, sah mich an und nickte. Beide Ohren voller Lärm, die Schultern vom Halten steif. Dann beugte er sich wieder über die Stämme, und ich stand da wie ein Bittsteller und wusste nicht, wie ich es sagen sollte.
„Entschuldigung“, begann ich. „Ich muss Sie was fragen. Ist es möglich, dass Sie eine Stunde Pause machen? Ich habe Nachtschicht gehabt.“
Er schaute auf seine Uhr, als hätte ich nach der Zeit gefragt. „Jetzt ist es elf.“ Er sagte das ohne Ironie, einfach eine Feststellung.
„Ich weiß. Aber wissen Sie, wie das ist, wenn man die ganze Woche um drei Uhr aufsteht? Der Samstag ist bei mir der einzige Tag, und da will ich wenigstens bis zehn schlafen.“
Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich muss das Holz heute fertig machen. Morgen kommt der Hänger weg, und am Montag fahre ich zur Deponie. Ich habe es nicht geschafft, früher anzufangen.“ Er sah mich an, als hätte er den Fall damit geklärt.
„Könnten Sie nicht morgen früh weitersägen? Morgen bin ich arbeiten, da stört es mich nicht.“
„Morgen früh will ich ausschlafen“, sagte er.
Da stand ich nun, in meinen Gartenschuhen, mit verschränkten Armen, und redete gegen eine Kettensäge an. Mir fiel nichts mehr ein. Ich drehte mich um und ging zurück ins Haus.
Gegen Mittag war ich so durch, dass ich die Gartenliege aufklappte, auf den Rasen stellte und mich in die Sonne legte, obwohl der Lärm immer noch durch die Luft schnitt. Ich wollte ihm zeigen, dass ich ihm nicht weiche, dass ich mir meinen Samstag nicht nehmen lasse. Stattdessen lag ich da und spürte jeden einzelnen Schnitt im Nacken, und nach zehn Minuten stand ich wieder auf und schloss alle Fenster. Es half nichts.
Irgendwann, gegen drei, hörte ich, wie der Motor abgestellt wurde. Erst das laute Leerlaufgeräusch, dann Stille, die fast schmerzte. Ich ging zur Tür und sah den Nachbarn über den Hof gehen. Er trug einen Stapel Säcke zum Hänger, und als er mich sah, hob er kurz die Hand. Ich hob nicht zurück. Er verschwand in seiner Garage.
Am Abend saß ich auf der Terrasse und hörte die Amseln. Die Säge war verstaut, der Hänger voll, die Gasse wieder still. Meine Wut war verflogen, aber an ihre Stelle trat ein Gefühl, das ich nicht benennen konnte. Ich hatte den ganzen Tag an ihn gedacht, an seine Frau mit dem Kopftuch, an die Jalousien, die morgens hochgehen, an die grüne Arbeitshose mit den vielen Taschen. Mir fiel ein, dass ich ihn noch nie mit jemandem hatte reden sehen. Und ich fragte mich, was in dem Haus war, das er mit seiner Arbeit zudeckte.
Am Montag, als ich um drei Uhr aufstand und im Dunkeln den Motor meines VW startete, fiel mir ein, dass ich am Samstag nicht deshalb wütend gewesen war, weil ich nicht schlafen konnte. Sondern weil er mir gezeigt hatte, dass sein Bedürfnis genauso viel zählte wie meines, und dass ich nicht der Einzige war, der sich seinen Sonntag verdient hatte.
Ich habe nie wieder etwas gesagt. Aber jeden Samstag, wenn die Säge anfängt, stehe ich auf, mache mir einen starken Kaffee und setze mich auf die Terrasse. Ich höre zu, wie er arbeitet. Und irgendwann bemerkte ich, dass er immer dann eine Pause macht, wenn ich rauskomme. Er stellt die Säge an den Eimer, lehnt sich an den Zaun und raucht eine Zigarette.
Einmal, es war im Oktober, brachte er mir einen Korb Äpfel rüber. „Für die Bäckerei“, sagte er. „Die Kollegen werden sich freuen.“
Ich nahm den Korb und fragte: „Haben Sie noch mehr Holz?“
Er verstand erst nicht. Dann sagte er: „Im Frühjahr.“
Und ich sagte: „Dann bis zum Frühjahr.“
