Der Schlüssel am Nebentisch

Ich arbeite im „Goldenen Anker" in Heidelberg, ein Restaurant, das sich seit über dreißig Jahren hält, weil Herr Wagner jeden Abend selbst durch den Salon geht und mit den Gästen spricht. An diesem Abend im November hatte ich eine Doppelschicht. Draußen fiel Regen, die Straßenbahn quietschte in der Kurve, und ich zählte die Minuten bis Feierabend. Es roch nach gebratenem Zwiebelrostbraten und nach dem billigen Rotwein, den wir für die Hausmarke ausschenken. Hinter der Theke stand eine halb volle Tasse Kaffee, die längst kalt war.

Eigentlich wohne ich in der Altstadt, gleich hinter der Kirche, und der Weg zur Arbeit dauert nur zehn Minuten mit dem Fahrrad. Aber an diesem Tag hatte ich das Fahrrad stehen lassen, weil der Regen so dicht war. Also bin ich gelaufen und war schon vor der Schicht durchnässt. Ich hatte die nasse Jacke über den Stuhl im Pausenraum gehängt und gehofft, dass der Abend ruhig bleibt. Es wurde ein Abend, den ich nicht vergessen werde.

Dann kamen sie: eine Frau um die sechzig, eine jüngere Frau, vielleicht Anfang dreißig, und ein Mann im dunklen Jackett, der einen halben Schritt hinter den beiden ging. Die ältere Frau trug einen Wollmantel, der nach einem teuren Parfüm roch, nach irgendwas mit Vanille und Ambra. Sie steuerte auf den großen runden Tisch am Fenster zu, setzte sich, und die jüngere Frau setzte sich neben sie. Der Mann blieb stehen. Er hielt seine Jacke über dem Arm, als wüsste er nicht, wohin damit.

Die ältere Frau nahm die Speisekarte. „Wir sind zu dritt", sagte sie zu mir, ohne den Mann anzusehen. Der Mann trat von einem Fuß auf den anderen. Die jüngere Frau sagte: „Mama, er sitzt auch am Tisch." Die ältere Frau blätterte um. „Er kann am Tisch dort drüben sitzen." Sie deutete auf den kleinen Zweiertisch neben der Eingangstür, wo es immer zog und man die kalte Luft spürte, sobald jemand hereinkam.

Ich brachte die Getränke. Der Mann bestellte ein Mineralwasser. Die ältere Frau unterbrach: „Der Herr nimmt nichts. Er bleibt nicht lange." Die jüngere Frau verdrehte die Augen, aber sagte nichts. Ich stellte dem Mann trotzdem ein Glas hin. Seine Finger zitterten leicht, als er es nahm. Ich dachte an meine eigene Mutter, die immer alles besser wusste, und war froh, dass ich wenigstens das Glas hingestellt hatte.

Ich wollte nicht zuhören, aber die Stimme der älteren Frau schnitt durch den ganzen Raum. Sie sprach über den Mann, als wäre er nicht da: über seine Arbeit, die „nichts wert" sei, über seine Wohnung, die „zu klein" sei, über seine Familie, die „niemand kennt". Der Mann schwieg. Er betrachtete die Tischdecke, als stünde dort etwas geschrieben. Ab und zu nickte er, als hätte sie gerade etwas Vernünftiges gesagt.

Dann kam Herr Wagner aus der Küche. Er blieb stehen, als er den Mann sah. Sein Gesicht veränderte sich, die Falten auf der Stirn glätteten sich. Er ging auf den Tisch zu, legte dem Mann die Hand auf die Schulter. „Daniel? Bist du es wirklich?" Der Mann nickte. Herr Wagner drehte sich zur Familie: „Wissen Sie, wer das ist? Dieser Mann hat mir vor sieben Jahren das Restaurant gerettet. Als ich kurz vor der Pleite stand, hat er mir einen Kredit über 80.000 Euro vermittelt und auf sein Honorar von 15.000 Euro verzichtet. Ohne ihn gäbe es diesen Laden nicht."

Am Tisch verstummten die Stimmen. Die ältere Frau klammerte sich an ihr Weinglas, die Fingerknöchel traten weiß hervor. Die jüngere Frau stand auf, ging um den Tisch herum und nahm Daniels Hand. „Du hast mir nie etwas davon erzählt", sagte sie. Daniel zuckte mit den Schultern. „Es war keine große Sache."

Herr Wagner ließ einen Tisch im hinteren Salon eindecken, nur für die beiden. Die ältere Frau blieb am Fenstertisch sitzen, die Augen auf die Kerze geheftet. Ich brachte Brot und Butter in den Salon. Die beiden sprachen leise. Die Frau weinte ein bisschen, dann lachte sie über etwas, das er sagte. Er strich ihr über die Wange. Ich stellte die Brotkörbe ab und ging rückwärts zur Tür, weil ich nicht stören wollte.

Am Fenstertisch rührte die ältere Frau ihren Wein nicht mehr an. Ich sah, wie sie zweimal ansetzte, aufzustehen, und sich wieder hinsetzte. Beim dritten Mal blieb sie stehen. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, als müsste sie etwas wegwischen, das dort nicht hingehörte. „Mein Sohn", sagte sie halblaut, mehr zu sich selbst als zu mir, als ich das leere Glas abräumte. „Er hätte genauso dagesessen. Schweigend. Und ich hätte es genauso gemacht." Sie sagte es, als würde ihr das Wort im Mund selbst fremd vorkommen.

Nach einer guten Stunde ging die Tür zum Salon auf. Die ältere Frau trat ein, den Mantel halb offen, und setzte sich auf den Stuhl neben Daniel. Ihre Hände zitterten, als sie die Handtasche aufklappte. Sie zog einen einzelnen Schlüssel mit einem Holz-Anhänger heraus, auf dem „Seehaus" eingebrannt war, und legte ihn auf das weiße Tischtuch.

„Das ist der Schlüssel zum Haus am Starnberger See", sagte sie. „Ich hatte ihn meinem Sohn versprochen. Er ist vor drei Jahren gestorben, und der Schlüssel lag seitdem in meiner Nachttischschublade. Ich habe ihn nicht angerührt." Sie schob ihn über das Tischtuch, bis er vor Daniels Hand liegen blieb. „Als Sie heute Abend am Tisch saßen und geschwiegen haben, während ich Sie klein gemacht habe – da habe ich meinen Sohn gesehen. Genau so hat er dagesessen, wenn ich mit ihm geredet habe wie eben mit Ihnen."

Daniel saß da, die Hände flach auf dem Tisch. Er betrachtete den Schlüssel, dann die Frau. „Ich will das Haus nicht", sagte er. „Ich wollte nie etwas von Ihrem Besitz. Ich wollte nur, dass Sie mich wie einen Menschen behandeln." Die ältere Frau senkte den Kopf. „Ich weiß. Deshalb nehme ich ihn auch wieder mit." Sie schloss die Hand um den Schlüssel. „Aber ich wollte, dass Sie sehen, was ich bereit war herzugeben. Damit Sie wissen, dass es mir ernst ist." Die jüngere Frau legte ihre Hand auf die Hand ihrer Mutter. „Mama, das reicht für heute."

Die ältere Frau steckte den Schlüssel zurück in die Handtasche, stand auf und strich ihren Rock glatt. An der Tür blieb sie noch einmal stehen, den Blick auf Daniel gerichtet. „Ich werde Sie zum Essen einladen. Ohne Publikum. Nur um zu reden." Dann war sie weg.

Ich räumte die Gläser vom Fenstertisch ab. Ihr Wein war fast unberührt. Im Salon blieben die beiden noch sitzen, redeten leiser jetzt, und die jüngere Frau lachte einmal kurz auf, ein Laut, der noch nach Erleichterung klang.

Ich brachte die Rechnung. Daniel zahlte mit Karte. Die beiden zogen ihre Jacken an und gingen hinaus in den Regen, der wieder eingesetzt hatte, Arm in Arm, ohne sich unterzuhaken, aber nah beieinander. Durch die beschlagene Scheibe sah ich, wie sie am Straßenbahnhaltepunkt stehen blieben und warteten, die Köpfe leicht zueinander geneigt.

Ich wischte den leeren Tisch im Salon ab. Auf der Serviette, die Daniel liegen gelassen hatte, stand mit Kugelschreiber eine Telefonnummer und ein Wort: „Sonntag." Ich faltete sie zusammen und legte sie neben die Kasse, für den Fall, dass jemand danach fragte.

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