Siebzig Rosen für Hannelore

Die Fotografie lag seit vierzig Jahren in einer Keksdose, zwischen alten Briefmarken und einem verblichenen Kinoticket. Hannelore Brenner, achtundsechzig, fand sie an einem Dienstagnachmittag im September, als sie den Dachboden ihres Hauses in Lemgo für die Enkelin ausräumen sollte, die im Frühling einziehen wollte.

Auf dem Bild stand eine junge Frau vor dem Kaufhof am Marktplatz, Schlaghose, Blümchenbluse, eine Sonnenbrille mit riesigen runden Gläsern in die Stirnlocken geschoben. Neben ihr ein Mann mit Koteletten bis zum Kinn, die Hand lässig in der Hosentasche. 1974 stand hinten in blauer Tinte. Hannelore erkannte sich selbst kaum wieder.

Der Mann war Dieter gewesen. Nicht ihr Mann – ihr Mann hieß Alfred und war seit elf Jahren tot. Dieter war der, den sie nicht geheiratet hatte, weil seine Mutter gesagt hatte, eine Schneiderstochter aus der Lagestraße sei nicht genug für die Familie. Dreiundfünfzig Jahre später saß Hannelore auf einer wackligen Dachbodenstufe und wog dieses eine Foto in der Hand, als würde es noch etwas wiegen.

Ihre Tochter Bärbel kam genau in dem Moment die Treppe hoch, ein Karton mit Weihnachtsschmuck unter dem Arm, und blieb stehen, als sie das Gesicht ihrer Mutter sah.

„Mama? Was ist das?"

„Nichts. Jemand von früher."

„Du weinst doch nicht wegen nichts."

Hannelore steckte das Foto in die Schürzentasche und sagte nichts weiter. Aber am Abend, als Bärbel schon im Wohnzimmer die Nachrichten laufen hatte und der Geruch von Erbsensuppe noch in der Küche hing, holte sie das Telefonbuch heraus – das echte, aus Papier, das sie nie wegwarf – und suchte unter B wie Bruchmüller.

Dieter Bruchmüller lebte noch. In Herford, zwanzig Kilometer entfernt. Die Nummer stand schwarz auf weiß.

Sie rief nicht sofort an. Drei Tage lang stellte sie das Telefon neben den Fernsehsessel, drei Tage lang machte sie Kaffee, den sie nicht trank, und ließ die Katze, Mimi, auf ihrem Schoß schlafen, als wäre das ein Grund zu warten. Am vierten Tag, einem Samstag, wählte sie.

Eine Frauenstimme ging ans Telefon. Jünger, höflich, ein wenig misstrauisch. „Wer möchte ihn sprechen?"

„Hannelore. Hannelore Brenner, geborene Siekmann."

Stille in der Leitung, dann: „Moment."

Als Dieter ans Telefon kam, klang seine Stimme brüchiger, als sie erwartet hatte, aber die Art, wie er ihren Namen aussprach – Hannelore, mit Betonung auf der zweiten Silbe, genau wie früher – machte ihr für einen Moment die Kehle eng.

Sie trafen sich im Café am Münsterkirchplatz in Herford, zwischen den Auslagen mit Buchweizenkuchen und dem ewigen Geruch nach frisch gemahlenem Kaffee. Dieter kam mit einem Stock, den linken Arm steif vom Schlaganfall vor drei Jahren. Seine Tochter, erklärte er, habe ihn hergefahren und warte im Auto.

„Deine Tochter hat mich nicht wirklich erwartet", sagte Hannelore.

„Meine Tochter hat Angst, dass alte Frauen aus der Vergangenheit kommen und mir das Haus wegnehmen", sagte er, und es klang wie ein Scherz, aber es war keiner.

Da erzählte er, was sie nicht wusste: dass seine Mutter nach der Trennung bereut hatte, was sie getan hatte – aber erst mit achtzig, als es zu spät war, um es rückgängig zu machen. Dass Dieter zweimal verheiratet gewesen war, beide Male geschieden, und dass seine zweite Frau sich vor sechs Jahren das ganze Ersparte unter den Nagel gerissen hatte, bevor sie ihn verließ. Vierhundertzwanzigtausend Euro, der Verkaufserlös aus seiner Tischlerei in der Brüderstraße, die er vierzig Jahre lang geführt hatte. Seine Tochter Petra, mit der er jetzt lebte, verwaltete das, was übrig war, mit der Sorge einer Frau, die genau wusste, was Verlust bedeutet.

„Deshalb war sie am Telefon so vorsichtig", sagte Dieter. „Sie denkt, jede Frau, die anruft, will etwas von dem Wenigen, das noch da ist."

Hannelore schob ihm die Fotografie über den Tisch. Er betrachtete sie lange, mit der Hand, die noch funktionierte, über die Kante fahrend.

„Ich dachte, du hättest das weggeworfen", sagte er.

„Ich dachte dasselbe von dir."

Sie trafen sich danach jeden zweiten Sonntag. Nicht aus Romantik – das sagten sie beide offen, ohne Verlegenheit -, sondern weil zwischen zwei Menschen, die fünfundfünfzig Jahre lang gelebt hatten, ohne sich zu sehen, etwas Einfacheres übrig geblieben war: die Erleichterung, mit jemandem zu reden, der sich an denselben Tanzsaal in der Werrestraße erinnerte, an dieselbe Überschwemmung von 1965, an denselben Bäcker, der jeden Montag die Brötchen verbrannte.

Der Ärger kam im November, als Petra erfuhr, dass ihr Vater Hannelore angeboten hatte, einen Teil des Gartens hinter seinem Haus zu nutzen – einen vernachlässigten Streifen Land, auf dem Dieter seit Jahren nichts mehr anpflanzte, weil er sich nicht mehr bücken konnte. Hannelore, die seit dem Tod ihres Mannes keinen eigenen Garten mehr hatte, hatte vorgeschlagen, Dahlien zu pflanzen, wie sie es 1974 getan hatten, als sie noch junge Leute waren, die von einem gemeinsamen Haus träumten.

Für Petra war das kein Garten. Es war der Anfang von etwas, das sie verhindern würde.

Sie kam an einem Mittwoch unangemeldet zu Hannelores Haus in Lemgo, parkte ihren VW Golf schräg vor der Einfahrt und klopfte, bevor Bärbel überhaupt die Tür öffnen konnte.

„Ich möchte, dass Sie meinen Vater in Ruhe lassen", sagte Petra, noch im Türrahmen stehend, die Handtasche fest an sich gepresst wie einen Schutzschild.

Hannelore, die am Küchentisch Bohnen putzte, stand nicht einmal auf. „Setzen Sie sich, Petra. Es gibt Kaffee."

„Ich will keinen Kaffee. Ich will wissen, was Sie vorhaben."

„Ich pflanze Dahlien."

„Sie wissen, was ich meine."

Hannelore legte das Messer aus der Hand, langsam, und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Was glauben Sie, dass ich vorhabe, nach fünfundfünfzig Jahren? Ich bin achtundsechzig. Ich habe ein Haus, eine Rente, drei Enkelkinder und eine Katze, die mich jeden Morgen um fünf weckt. Ich brauche Ihr Geld nicht."

„Alle sagen das."

„Dann rufen Sie meinen Steuerberater an. Günther Oelschläger, Büro in der Mittelstraße. Er zeigt Ihnen gerne meine Kontoauszüge, wenn es Sie beruhigt."

Petra blieb in der Tür stehen, unsicher, was sie mit dieser Antwort anfangen sollte. Sie hatte sich auf Streit vorbereitet, nicht auf eine Telefonnummer.

„Mein Vater hat vierhundertzwanzigtausend Euro verloren, weil er einer Frau vertraut hat, die charmant war und nichts wollte – bis sie plötzlich alles wollte", sagte Petra, und jetzt zitterte ihre Stimme. „Ich habe zugesehen, wie er mit sechzig Jahren wieder von vorne anfangen musste. Ich lasse das nicht noch einmal zu."

Hannelore stand jetzt doch auf, ging zur Anrichte und holte eine Mappe aus der untersten Schublade. Darin lag ihr eigenes Testament, bereits beim Notar in Detmold hinterlegt, und die Grundbuchauszüge ihres Hauses – alles längst auf Bärbel und die Enkel überschrieben, noch vor Jahren, als Alfred gestorben war.

„Sehen Sie das hier", sagte sie und legte die Mappe auf den Tisch. „Dieses Haus gehört bereits meiner Tochter. Nicht testamentarisch für später – jetzt, heute, im Grundbuch. Ich habe nichts zu vererben, weil ich alles schon verteilt habe, als es Zeit war. Ihr Vater hat mir nichts angeboten außer einem Stück Erde, auf dem nichts wächst. Ich will keinen Cent von ihm. Ich will mit siebzig Jahren noch einmal etwas pflanzen sehen, das blüht."

Petra setzte sich schließlich, zum ersten Mal seit sie durch die Tür gekommen war, und starrte auf die Papiere, ohne sie wirklich zu lesen.

„Warum machen Sie das für mich? Sie schulden mir nichts."

„Weil ich weiß, wie sich Angst anfühlt, wenn man einmal alles verloren hat", sagte Hannelore. „Und weil Ihr Vater und ich schon einmal zugelassen haben, dass andere Leute für uns entscheiden, was wir verdienen und was nicht. Ich mache das kein zweites Mal."

Es war kein Versöhnungsmoment mit Umarmung. Petra trank am Ende doch einen Kaffee, kurz und schweigsam, und ging ohne viele Worte. Aber am folgenden Sonntag, als Hannelore mit einer Tüte Dahlienzwiebeln zu Dieters Haus in Herford kam, stand Petra bereits im Garten mit einem Spaten in der Hand und hatte das Unkraut schon zur Hälfte entfernt.

Im Februar, als Hannelore zum zweiten Mal in diesem Jahr zum Notar musste – dieses Mal nicht wegen ihres eigenen Testaments, sondern weil Dieter darauf bestand, dass Petra als alleinige Erbin eingetragen wurde, unabhängig von allem, was zwischen ihm und Hannelore noch wachsen würde -, unterschrieb Petra selbst als Zeugin. Sie reichte Hannelore danach die Hand, nicht herzlich, aber ernst, wie zwischen zwei Frauen, die verstanden hatten, dass keine von ihnen die andere betrügen wollte. Die Dahlien blühten im Juni, rot und gelb, genau an der Stelle, wo fünfzig Jahre zuvor niemand sie hatte pflanzen dürfen.

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