Also, ich stand da auf dem Vorfeld am Hamburger General Aviation Terminal. November, die Luft roch nach Kerosin und nassem Asphalt, und der Wind zog an meinem grauen Kittel, als wollte er ihn mir vom Leib reißen. Dieser Kittel. Ich hatte ihn noch an, weil ich den ganzen Nachmittag in der Halle hinter dem Hangar verbracht hatte, wo ich für einen Kunden eine Wandinstallation aus alten Schiffsplanken aufgearbeitet habe. Paul, sechs Jahre alt, drückte meine Hand, als hinge sein Leben daran. Seine kleine Taschenlampe, die er immer mit sich rumschleppt, baumelte an einem Band um sein Handgelenk.
Der Kaffee in meinem Pappbecher war längst kalt. Aber ich trank trotzdem einen Schluck, nur um irgendwas zu tun. Eine Möwe saß auf dem Zaun und beäugte uns, als wüsste sie, was gleich passieren würde.
Und dann kam sie. Über das Vorfeld, mit Absätzen, die auf dem Beton klackerten wie ein Metronom, das zu schnell eingestellt ist. Sie trug eine cremefarbene Bluse, die bei dem Wind viel zu dünn war, und an ihrem Arm hing eine Aigner-Tasche, die aussah, als hätte sie sie noch nie abgesetzt. Ihre Frisur saß perfekt, obwohl es draußen wehte wie an der Küste. Ihre Augen wanderten an mir hoch und runter, blieben an meinen abgewetzten Schuhen hängen, an meinem Kittel, an dem Farbspritzer auf dem Ärmel.
„Sind Sie die Betreuung?“, fragte sie. Das Wort klang wie ein Vorwurf.
Ich wollte gerade antworten, aber Paul zog an meiner Hand. „Mama“, sagte er, aber es war mehr ein Nuscheln, weil er sein Gesicht halb in meinem Kittel vergraben hatte.
Sie lachte. Ein kurzes, helles Lachen, das gar nicht zu ihrem Gesicht passte. „Mama“, wiederholte sie, als hätte Paul einen Witz gemacht. „Süß. Der Kleine verwechselt Sie mit seiner Mutter.“ Dann sah sie Paul an und sagte so freundlich, dass es wehtat: „Keine Sorge, Schatz. Deine richtige Mami kommt sicher gleich.“
Ich spürte, wie Pauls Hand sich um meine Finger krampfte. Er sagte nichts, aber seine Taschenlampe drückte er fester in die andere Hand. Der Wind riss an Sabrinas Bluse, und sie strich sich das Haar aus dem Gesicht, ohne den Blick von mir zu nehmen. „Also, ich warte auf Hendrik Vollmer. Ist er schon gelandet? Ich habe einen Termin mit ihm. Einen privaten.“ Das letzte Wort kam so gedehnt, dass ich fast den Kaffee ausgespuckt hätte.
„Er ist noch in der Luft“, sagte ich ruhig. „Das Flugzeug wird in ein paar Minuten aufsetzen.“
Sie nickte, als hätte ich gerade eine wichtige Information preisgegeben. Dann zupfte sie an ihrem Rock, holte ihr Handy heraus, kontrollierte ihr Make-up in der Frontkamera. „Sie arbeiten also für die Familie? Wie lange schon?“
„Ich bin nicht angestellt“, sagte ich.
Sie schnaubte. „Aha. Na ja, der Junge hält Sie ja offenbar für seine Mutter. Wenn das mal nicht an Hendrik hängen bleibt. Der arme Mann hat genug um die Ohren.“ Sie deutete mit dem Kinn auf Paul. „Nehmen Sie dem Kind die Taschenlampe weg, bevor er sich damit ins Auge leuchtet.“
Paul leuchtete tatsächlich mit der Lampe auf den nassen Beton, wo sich das Licht in kleinen Pfützen spiegelte. Ich beugte mich zu ihm runter, zeigte ihm, wie man den Lichtkegel wandern lässt, wenn man das Handgelenk dreht. Er kicherte. Sabrina verdrehte die Augen und wandte sich Richtung Rollbahn, wo in der Ferne ein Lichtpunkt auftauchte.
Ich blieb einfach stehen. Kaffee in der linken Hand, Pauls Hand in der rechten. Ich kannte Hendrik seit zwölf Jahren, verheiratet seit elf. Dieses Gesicht, das da jetzt auf ihn wartete, hatte ich noch nie gesehen. Aber ich wusste sofort, was sie wollte. Ich sah es an der Art, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellte, als der Jet aufsetzte und mit aufheulenden Triebwerken an uns vorbeirollte. Wie sie sich das Haar zurechtstrich, die Bluse zurechtzupfte, das Lächeln aufsetzte, das einstudierte, das Männer wie Hendrik angeblich wollen.
Der Jet kam zum Stehen. Die Tür ging auf, ein steifer Windstoß fuhr dazwischen, und Hendrik stieg aus, das Jackett halb offen, das Haar zerzaust. Er wirkte müde, aber als sein Blick über das Vorfeld ging, blieb er an mir hängen. An Paul. An meinem grauen Kittel. Und er griff nicht nach seinem Handy, nicht nach seiner Tasche. Er lief direkt auf uns zu, an Sabrina vorbei, als wäre sie ein Stück Gepäck, das jemand vergessen hatte.
Sabrina machte einen halben Schritt auf ihn zu, den Arm schon halb erhoben, das Lächeln noch breiter. Aber Hendrik ging einfach durch. Er hob Paul hoch, drückte ihn an sich, dann küsste er mich auf den Mund. „Tut mir leid, dass es später geworden ist. Der Termin in Zürich hat sich gezogen.“ Dann zu Paul: „Na, mein Großer, hast du gut auf Mama aufgepasst?“
Paul nickte und leuchtete mit der Taschenlampe gegen Hendriks Hemd. Hendrik lachte. „Das ist ja eine schöne Begrüßung.“
Ich sah über Hendriks Schulter hinweg zu Sabrina. Sie stand noch genauso da, die rechte Hand um den Riemen ihrer Aigner-Tasche gekrallt. Aber ihre Finger zitterten. Der Riemen rutschte ein Stück, die Tasche kippte zur Seite, und ich sah, wie sich ihre Knöchel weiß färbten, so fest versuchte sie, sie zu halten. Ihr Gesicht war starr, aber nicht wütend. Leer. Als hätte jemand den Stecker gezogen.
Ich löste mich von Hendrik, reichte ihm den kalten Kaffee – er trank tatsächlich einen Schluck, verzog das Gesicht – und ging zu Sabrina hinüber. Der Wind hatte ihr Haar in Strähnen zerlegt, und auf ihrer Wange klebte ein feuchtes Blatt. Ich hob die Hand, zog das Blatt vorsichtig ab und ließ es fallen. „Sie sollten die Tasche fester halten“, sagte ich leise. „Bei dem Wind hier fliegt einem schnell was davon.“
Dann griff ich in die Tasche meines Kittels. Der Schlüssel für den Mercedes lag da, kalt und glatt. Ich drückte auf den Knopf. Hinter Sabrina, am Ende des abgesperrten Bereichs, blinkten zweimal die Scheinwerfer der dunkelgrauen S-Klasse auf.
„Ich fahre mit Paul schon mal vor“, sagte ich zu Hendrik, ohne Sabrina aus den Augen zu lassen. „Der Wagen steht am Tor.“
Hendrik nickte, setzte Paul auf den Boden, aber der klammerte sich sofort wieder an meine Hand. Seine Taschenlampe leuchtete auf Sabrinas Schuhe, auf die teuren, jetzt mit Regen besprenkelten Lederschuhe.
Sabrina öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, aber es kam nichts. Ihre Tasche rutschte jetzt wirklich, der Verschluss sprang auf, und ein Blatt Papier flatterte heraus, halb gefaltet, mit einem gestempelten Briefkopf. Es landete auf dem nassen Asphalt, direkt vor meinen Füßen. Ich habe mich nicht gebückt. Ich bin einfach mit Paul daran vorbeigegangen, um es herum, als wäre es ein Stück Müll.
Hendrik folgte uns. Wir stiegen in den Wagen, ich legte Paul in den Kindersitz, schnallte ihn an. Durch die Heckscheibe sah ich, wie Sabrina sich bückte, das Papier aufhob, es an ihre Bluse drückte, während der Wind ihr den Rock hob. Sie stand da, als wir losfuhren, mitten auf dem Vorfeld, die Tasche halb offen, das Papier in der Hand, und das automatische Tor schloss sich hinter uns.
Zwölf Jahre, davon elf verheiratet. Ich hatte diese Frau noch nie gesehen. Aber in dem Moment, als Hendrik an ihr vorbeiging, wusste ich: Sie würde nie wieder einen Fuß in unser Leben setzen. Weil Hendrik nicht mal so getan hat, als würde er sie kennen.
Ein halbes Jahr später fand ich beim Aufräumen in Pauls Winterjacke einen zerknitterten Zettel. In kindlicher Handschrift stand da, mit einem Kugelschreiber, den ich nicht kannte: „Sag Bescheid, wann dein Papa wieder landet, dann bekommst du das ferngesteuerte Auto.“ Darunter eine Handynummer. Sabrinas Handynummer. Paul hatte den Zettel behalten, weil er das Auto wollte. Er hat es mir nie erzählt. Ich habe den Zettel in den Papiermüll geworfen, ohne eine Miene zu verziehen, und danach die Taschenlampe aus seiner Jacke genommen, um die Batterien zu wechseln.
