Die Nacht, in der ich niemanden mehr reinließ

Ich heiße Renate, und als diese Geschichte begann, war ich einundvierzig. Fast elf Jahre lang hatte ich in einer Altbauwohnung in der Duisburger Innenstadt gelebt, dritter Stock, ein Klingelschild ohne Nachnamen, nur "R." Der Fahrstuhl war seit Jahren kaputt, und im Treppenhaus roch es immer nach dem Döner-Imbiss aus dem Erdgeschoss. Männer klingelten abends, und morgens war ich wieder allein. So gingen die Jahre.

Ich hatte mir eingeredet, es gäbe kaum noch etwas, das mich wirklich erschrecken könnte. Bis zu jener Nacht im November.

Es war kurz nach zweiundzwanzig Uhr, der erste Kunde sollte gleich kommen, da klingelte es. Ich machte auf. Kein Mann stand vor der Tür. Ein Mädchen. Später erfuhr ich, dass sie neunzehn war. Sie trug eine viel zu dünne Jeansjacke für die Jahreszeit, eine kleine Sporttasche über der Schulter, und ihre Augen sprangen immer wieder zum Treppenabsatz.

"Sind Sie Renate?", fragte sie leise.

Bevor ich antworten konnte, rief eine Männerstimme von unten: "Lena!"

Das Mädchen zuckte zusammen, als hätte man sie geschlagen. "Bitte", flüsterte sie. "Lassen Sie mich rein."

Ich fragte nicht weiter nach. Ich zog sie herein und riegelte die Tür ab. Sekunden später kamen schwere Schritte die Treppe hoch. Sie blieben direkt vor meiner Wohnungstür stehen. Drei Schläge gegen das Holz.

"Aufmachen."

Ich sah zu dem Mädchen. Ihr Gesicht war weiß wie die Wand hinter ihr. "Wer ist das?", flüsterte ich. Sie schüttelte nur den Kopf.

"Renate, das geht dich nichts an. Schick das Mädchen raus."

In dem Moment wurde mir eiskalt. Der Mann kannte meinen Namen.

"Hier ist kein Mädchen", rief ich zurück.

Ein paar Sekunden Stille. Dann, ruhig, fast höflich: "Überleg's dir gut. Du willst doch auch keinen Ärger." Die Schritte verschwanden die Treppe hinunter. Ich zog die Vorhänge zu und drehte mich zu ihr um.

"Jetzt erzähl mir alles."

Sie hieß Lena. Vor zwei Wochen hatte sie eine Anzeige gesehen: Hostess gesucht für eine Eventagentur, gutes Geld, Kellner-Job in Köln. Am Anfang schien alles normal. Dann verlangten sie Kopien von ihrem Perso, dann redeten sie plötzlich von Schulden, die sie ihnen angeblich schuldete, und dass sie jetzt nicht mehr einfach gehen könne.

Mir wurde übel.

"Woher kennst du meine Adresse?", fragte ich.

Lena schwieg lange. Dann zog sie ihr Handy raus. "Eine Frau hat sie mir gegeben. Sie sagte, wenn ich mal richtig Angst hätte, soll ich zu Ihnen kommen. Nur zu Ihnen."

Sie zeigte mir ein Foto der Frau. Ich erkannte sie sofort. Und in genau diesem Moment klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer. Ich ging nicht ran. Wenig später kam eine SMS: "Gib uns die Kleine, dann ist alles friedlich."

Lena hatte sie auch gelesen. Bevor einer von uns etwas sagen konnte, hörten wir draußen wieder Schritte. Diesmal mehr als eine Person.

Wir standen beide da und starrten zur Tür. Ich hörte mindestens zwei Stimmen im Treppenhaus. Lena griff nach meiner Hand, ihre Finger waren eiskalt. "Sie haben mich gefunden."

Ich hatte auch Angst, aber in dem Moment fiel mir nur eines ein. Mit neunzehn war auch ich allein gewesen. Auch ich hatte damals geglaubt, keine andere Wahl zu haben. Und niemand hatte mir damals eine Tür geöffnet. Ich beschloss: Lena würde das nicht durchmachen, nicht so, nicht heute.

Diese Nacht ließ ich keinen einzigen Kunden mehr rein. Mein Handy klingelte durch. Einer meiner Stammkunden schrieb sogar: "Arbeitest du heut nicht?" Ich schaute zu Lena rüber, die sich mit angezogenen Beinen auf mein altes Ikea-Sofa gekauert hatte, eine Tasse Kamillentee in den Händen, die ich ihr gemacht hatte, weil mir nichts Besseres einfiel. Ich tippte zurück: "Nein. Nicht mehr."

Die Frau auf dem Foto hieß Katja. Ich hatte sie vor Jahren gekannt, sie hatte dasselbe Leben geführt wie ich. Dann war sie eines Tages spurlos verschwunden. Alle dachten, ihr sei etwas Schlimmes zugestoßen. Die Wahrheit war das Gegenteil: Katja hatte es geschafft, aus diesem Leben rauszukommen, und arbeitete jetzt für eine Beratungsstelle, die Frauen in genau solchen Situationen half.

Gegen halb vier rief Katja endlich an. "Renate, mach unter keinen Umständen auf. Wir kommen."

Zwanzig Minuten später hielten zwei Wagen vor dem Haus. Lena bekam Panik, für einen Moment war sie überzeugt, es sei vorbei, dass man sie jetzt doch holen würde. Dann stieg Katja aus dem ersten Auto. Aus dem zweiten kamen zwei Sozialarbeiterinnen und Streifenpolizisten der Duisburger Polizei.

Es stellte sich heraus, dass die Behörden bereits seit Monaten gegen ein Netzwerk ermittelten, das junge Frauen mit gefälschten Stellenanzeigen anlockte und dann unter Druck setzte. Die Nachrichten und die Nummer auf Lenas Handy lieferten den Ermittlern zusätzliches Material.

Lena wurde in eine Schutzunterkunft gebracht. Bevor sie ging, drehte sie sich noch einmal um. "Sie kannten mich nicht mal. Warum haben Sie mir geholfen?"

Ich überlegte einen Moment. Dann sagte ich: "Weil ich mit neunzehn wollte, dass mir jemand eine Tür öffnet."

Diese Nacht veränderte alles. Ich ließ nie wieder einen Kunden herein. Leicht war das nicht: Ich hatte kaum Erspartes, keine Berufsausbildung, mit der ich irgendwo hätte anfangen können. Aber Katja vermittelte mir einen Kontakt bei derselben Beratungsstelle. Am Anfang nahm ich nur Telefonate an und begleitete Frauen zu Ämterterminen. Später begann ich, mit Frauen zu sprechen, die überzeugt waren, es sei für sie längst zu spät zum Umkehren. Ich wusste genau, wie sich das anfühlte, ich war selbst zehn Jahre lang genau da gewesen.

Und Lena? Sie machte ihr Fachabitur nach, dann eine Ausbildung zur Erzieherin. Zwei Jahre später schickte sie mir ein Foto von ihrer Abschlussfeier, ein Blumenstrauß in der Hand, das Gesicht zur Kamera gedreht. Darunter stand nur ein Satz: "Sie haben mir in dieser Nacht nicht nur die Tür geöffnet. Sie haben mir meine Zukunft zurückgegeben."

Ich habe die Nachricht ausgedruckt und in die oberste Schublade meines Küchenschranks gelegt, zwischen alte Stromrechnungen und den Schlüssel zu einer Wohnung, in der ich längst nicht mehr wohne. Manchmal, wenn ich in der Beratungsstelle einer neuen Klientin gegenübersitze und sie mir nicht in die Augen sehen kann, denke ich an das Foto in der Schublade. Und ich frage sie einfach: "Wo hast du geschlafen, bevor du hierhergekommen bist?"

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