Ich bin dreiundachtzig und wohne allein in einer Zweizimmerwohnung im vierten Stock, Blick auf die Kastanien vom Stadtpark in Trier. Und nein, ich schäme mich nicht dafür.
An diesem Dienstagmorgen im Februar saß ich am Küchentisch mit einer Tasse Kaffee – dieser mit dem Kornblumenmuster, die ich mir vor zwanzig Jahren auf einer Reise nach Meißen gekauft habe. Draußen roch es nach nassem Schnee, im Treppenhaus fiel eine Wohnungstür zu. Ich rührte den Kaffee um, obwohl kein Zucker mehr darin war, nur aus Gewohnheit, weil die Hand etwas zu tun braucht, wenn der Kopf zu voll ist.
Wenn Leute hören „eine alte Frau, wohnt allein", kommt sofort dieser Ton in die Stimme. „Fühlen Sie sich nicht einsam, Frau Brandt?" „Sollte nicht jemand bei Ihnen einziehen?"
Ich habe drei Kinder großgezogen, allein, nachdem mein Mann bei der Bahn gearbeitet hatte und mit sechsundfünfzig an einem Herzinfarkt gestorben war. Ich habe Schulbrote geschmiert, Wäsche in der Kellerwaschküche aufgehängt, in der Kantine der Kreissparkasse Doppelschichten geschoben. Ich saß auf harten Bänken bei Handballturnieren, wartete abends auf dem Sofa, bis alle drei nach Hause kamen, auch wenn es Mitternacht wurde. Mein Leben war voll. Laut. Anstrengend.
Jetzt ist es in der Wohnung still. Nur meine eigenen Schritte auf dem Parkett, das mein Mann 1974 selbst verlegt hat.
Zu diesem Dienstag gehörten: Frühstück, wann ich Lust hatte, nicht wann jemand zur Arbeit musste. Die Geranien auf dem Balkon gießen und mit ihnen reden wie mit alten Bekannten. Ein Spaziergang in meinem Tempo, ein Stopp am Markt auf dem Viehmarktplatz, eine Bank an der Mosel, das Wasser.
Meine Kinder haben ihr eigenes Leben. Sie kommen, sie rufen an. Aber es ist nicht ihre Pflicht, jede Stunde meines Tages zu füllen.
Ich habe eine Nachbarin, Frau Ostermann, die mir vom Balkon gegenüber zuwinkt. Ich habe den Postboten, der immer zwei Minuten für ein Gespräch übrig hat. Die Verkäuferin im Edeka an der Ecke weiß, dass ich Roggenbrot in Scheiben nehme und Bananen, die noch etwas grün sind. Sonntags läuft der Gottesdienst im Fernsehen, wenn die Knie mich nicht mehr die drei Treppen zur Kirche runter und wieder rauf tragen wollen.
Vor drei Wochen kam meine Tochter Sabine zu Besuch, mit einem Ordner unter dem Arm. Sie setzte sich nicht einmal, stellte den Ordner auf den Küchentisch und sagte, sie und ihr Mann hätten „mal durchgerechnet", dass es günstiger sei, wenn ich meine Wohnung aufgebe und zu ihnen nach Wittlich ziehe – ins ausgebaute Souterrain, dreißig Quadratmeter, eigenes Bad. Die Miete hier, sagte sie, sei „rausgeworfenes Geld", achthundertzehn Euro im Monat für eine Frau allein. Sie hatte schon mit einem Makler gesprochen. Sie hatte schon einen Termin für die Wohnungsbesichtigung ausgemacht, für den nächsten Samstag, ohne mich zu fragen.
Ich hörte ihr zu, rührte in meinem Kaffee. Dann fragte ich nur: „Und wenn ich nicht will?"
„Mama, das ist doch vernünftig. Du bist dreiundachtzig. Was, wenn dir was passiert und keiner ist da?"
„Dann ruf ich dich an. Genau wie letztes Jahr, als ich mir den Knöchel verstaucht habe. Du warst in vierzig Minuten da."
Sie zog ihr Handy heraus, wählte, hielt es mir hin. „Sprich mit Michael. Er sieht das genauso wie ich." Mein Sohn, am anderen Ende, aus Köln: „Mama, Sabine hat recht. Wir haben schon überlegt, wer sich wann um dich kümmert, wenn du in Wittlich bist, das ist doch näher für uns alle. Warum machst du das so kompliziert?" Ich hörte ihm zu, bis er fertig war, und sagte dann nur: „Ich melde mich, wenn ich etwas entschieden habe." Ich legte auf. Sabine sah mich an, als hätte ich einen Vertrag zerrissen.
Am Samstagmorgen fuhr ich selbst zur Sparkasse in der Fleischstraße. Herr Kessler, mein Berater seit siebzehn Jahren, setzte mir eine Vollmacht über meine Konten für den Notfall auf – auf meinen Neffen Jochen, nicht auf Sabine, weil Jochen mich nie zu etwas drängt, das ich nicht will. Danach rief ich den Makler an, mit dem meine Tochter gesprochen hatte, und sagte ihm, der Besichtigungstermin für meine Wohnung sei abgesagt, sie stehe nicht zum Verkauf, er solle das aus seinen Unterlagen streichen.
Als Sabine am Abend anrief und fragte, ob wir zum Termin gemeinsam fahren, sagte ich ihr, dass es keinen Termin mehr gibt, dass ich meine Wohnung behalte, so lange ich selbst treppauf und treppab komme, und dass die Vollmacht jetzt bei Jochen liegt. Am anderen Ende blieb es lange still, dann sagte sie leise: „Das hätte ich nicht gedacht, dass du das einfach so machst." Ich sagte: „Ich hab lange genug für andere entschieden. Jetzt entscheide ich für mich."
Am nächsten Sonntag saß ich wieder in meinem Sessel am Fenster, die Kastanien standen schon halb kahl da, der Gottesdienst lief leise im Hintergrund, und die Geranien brauchten Wasser. Ich goss sie, wie jeden Sonntag, und sagte zu ihnen, dass der Winter dieses Jahr wohl früh kommt.
