Die Tapetenrolle im Flur – wie ich Nadine verlor

Sag mir Bescheid, wenn du direkt loslegen soll – ich schreibe die Geschichte jetzt als "andere Person"-Version: Erzähler ist der Sohn/Ehemann (nicht die Schwiegermutter), auf Deutsch, Schauplatz Deutschland, mit neuen Namen, neuem Ort und eigenen Details, gemäß allen Vorgaben.

Kein Kaffee an diesem Morgen

Ich heiße Bastian Reuter, ich bin vierunddreißig, und ich habe drei Jahre gebraucht, um zu verstehen, was ich meiner Frau angetan habe. Meine Mutter, Helga Reuter, wohnte mit mir in der Dreizimmerwohnung in der Feldstraße in Bielefeld, die mein Vater ihr vor seinem Tod überschrieben hatte. Ich war dort gemeldet, meine Frau Nadine nicht. Diesen Satz halte ich für wichtig, weil er erklärt, warum ich damals so reagiert habe, wie ich reagiert habe – nicht, weil er mich entschuldigt.

Nadine wollte das kleine Zimmer neben der Küche als Büro. Sie machte Grafikdesign, freiberuflich, brauchte einen Ort für Videokonferenzen und ihren zweiten Bildschirm. Wir hatten das Zimmer schon ausgemessen, Tapete war bestellt, ein hellgraues Muster mit dünnen goldenen Streifen, das lag noch original verpackt im Flur, direkt neben dem Schuhschrank, wo meine Mutter jeden Morgen darüber stolperte und jedes Mal seufzte, als hätte jemand einen Sarg dort abgestellt.

An dem Dienstag, an dem alles kippte, kam ich von der Spätschicht in der Möbelfabrik nach Hause, müde, roch nach Sägespänen und Leim, wollte nur noch Ruhe. In der Küche brannte Licht, es roch nach Sauerkraut, meine Mutter hackte Kohl mit einer Wucht, als würde sie sich an jemandem rächen. Nadine stand daneben, blass, mit dieser Stimme, die sie immer bekam, wenn sie sich zusammenreißen musste, um nicht zu weinen.

"Wenn du ein Kind bekommst, reden wir weiter. Bis dahin bist du hier niemand", sagte meine Mutter, ohne sich umzudrehen.

Ich saß am Tisch, Handy in der Hand, und tat, als würde mich die Bundesliga-Tabelle wahnsinnig interessieren. Ich erinnere mich genau, dass gerade eine Werbung für Waschmittel lief im Radio auf der Fensterbank, und ich dachte: gleich ist das vorbei, gleich beruhigt sich meine Mutter wieder. Das war meine Strategie seit fünfzehn Jahren – abwarten, bis der Sturm vorbeizieht. Ich wusste nicht, dass ein Mensch nicht ewig in einem Sturm stehen bleibt, ohne irgendwann zu gehen.

"Bastian, sag doch was", bat Nadine.

Ich sagte: "Mama meint es doch nur gut. Reg dich nicht wegen so einer Kleinigkeit auf." Ich weiß noch, wie sich das Wort "Kleinigkeit" in meinem Mund anfühlte, wie ein Stein. Ich glaubte es nicht mal selbst. Aber ich hatte gelernt, dass Widerspruch gegen meine Mutter Krieg bedeutete, tagelanges Schweigen, Vorwürfe beim Essen, Kopfschmerzen, die sie mir dann anlastete. Feigheit ist leichter als Streit, das habe ich damals gedacht. Ich habe mich geirrt.

Am nächsten Morgen, meine Mutter war zu ihrer Schwester nach Herford gefahren, ich war zur Frühschicht, fand ich abends die Wohnungsschlüssel und den Ehering auf dem Küchentisch, neben der Zuckerdose, die meine Großmutter aus Schlesien mitgebracht hatte. Keine Nachricht. Nadines Kleiderschrank war halb leer.

Ich rief sie an, schrie, ich gebe das zu, ich schrie: "Was soll der Zirkus? Mama hat Blutdruck bekommen, als sie den Ring gesehen hat!" Sie antwortete ruhig, viel zu ruhig, das machte mich fertig: "Ihr habt mir sehr deutlich gesagt, wer ich in diesem Haus bin. Ich will nicht niemand sein." Ich verlangte, sie solle vernünftig sein, nachgeben, zurückkommen. Sie sagte, wir hätten schon geredet, für ein ganzes Leben. Dann die Scheidung.

Meine Mutter schrieb ihr eine SMS, die ich erst Wochen später zufällig auf ihrem alten Handy gefunden habe, als ich den Vertrag kündigen wollte. Darin stand etwas von "eingebildeter Zicke" und "mein Sohn findet eine Bessere, die die Alten respektiert". Ich habe mich dafür geschämt, aber erst Jahre später.

Was ich damals nicht wusste: Ich hatte längst eine andere kennengelernt, auf einer Firmenfeier, eine gewisse Steffi, zwanzig, laut, lustig, sie hörte mir zu, wenn ich über meine Mutter jammerte. Ich sagte mir, das sei nur Freundschaft. Vier Monate nach der Scheidung war Steffi schwanger. Meine Mutter war überglücklich – endlich der Enkel, auf den sie gewartet hatte. Sie zog Steffi in die Wohnung, half ihr, drängte mich, wir sollten die Wohnung auf Steffis Namen mitüberschreiben, "für das Kind, für die Sicherheit". Ich unterschrieb, halb betrunken vor Stolz, halb eingeschüchtert, weil Steffi drohte zu gehen, wenn ich zögere.

Der Rest ging schnell. Steffi bekam die Tochter, nannte sie Mia, und kaum war die Geburtsurkunde da, änderte sich ihr Ton. Sie tauschte die Schlösser, während ich auf Montage in Osnabrück war. Meine Mutter durfte in die Küche, ich nicht mehr wirklich, ich schlief bei meinem Kumpel Renè auf der Ausziehcouch in Gütersloh. Vor sechs Wochen hat mich die Firma entlassen, Kurzarbeit, dann Kündigung, ich trinke seitdem mehr Bier, als mir guttut, und meine Mutter, die einmal wie eine Königin über die Kohlpfanne herrschte, sitzt jetzt bei ihrer Schwester in Herford und weint am Telefon.

Ich habe Nadine nicht selbst angerufen. Ich hätte es nicht über mich gebracht, ihre Stimme zu hören und zu wissen, was ich verspielt habe. Meine Mutter hat es getan, hat sich Nadines Nummer von unserer gemeinsamen Freundin Bine erbettelt. Ich saß daneben, auf Renès Couch, eine Flasche Kölsch in der Hand, und hörte nur ihre Seite des Gesprächs.

"Nadine… bitte verzeih mir, ich war dumm… Bastian denkt noch oft an dich…"

Stille am anderen Ende, dann Nadines Stimme, klein aus dem Lautsprecher, aber fest: "Wir waren nie eine Familie, Frau Reuter. Das haben Sie mir damals sehr deutlich erklärt. Alles Gute."

Meine Mutter legte auf, die Hand zitterte. Sie sagte leise: "Sie hat aufgelegt." Ich starrte auf mein Bier und dachte an das Tapetenmuster, hellgrau mit goldenen Streifen, das nie an eine Wand gekommen ist. Ich glaube, es liegt noch immer im Flur der Feldstraße, unter Steffis neuen Schuhen.

Vor zwei Wochen bin ich zufällig an einer Kanzlei in der Bielefelder Altstadt vorbeigelaufen und habe durchs Schaufenster ein Firmenschild gesehen: "Reuter Webdesign – Nadine Reuter". Sie hat ihren Namen behalten, nicht meinen zuliebe, sondern weil ihre Kunden ihn kannten. Durch die Glasscheibe sah ich einen hellen Raum, ein großes Fenster, viele grüne Pflanzen, einen Schreibtisch mit zwei Monitoren. Genau das Zimmer, das meine Mutter ihr verweigert hatte, nur zehnmal größer und ohne uns.

Ich bin nicht reingegangen. Ich hatte kein Recht dazu, und ich wusste es. Ich stand nur eine Minute da, im Novemberregen, mit meiner Kündigung in der Tasche und einer Tochter, die ich alle zwei Wochenenden sehen darf, wenn Steffi es erlaubt, und ging weiter, zur Bushaltestelle, ohne mich noch einmal umzudrehen.

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