Im Mai stand der Raps hinterm Haus bis an den Waldrand – dieses grelle Gelb, das abends in den Fenstern brannte. Vom Feld wehte der Duft von Rapsblüten herüber, und wenn der Wind von Westen drehte, roch es nach Gülle. Katrin kam an einem Donnerstag aus Bremen zurück. Sie hatte zwei Tage an einem Kirchenfenster gearbeitet, ihre Hände rochen nach Bleistaub und Terpentin. Der Leihwagen stand mit warmem Motor in der Einfahrt, und sie blieb eine Minute sitzen, weil sie nicht begriff, was aus ihrem Garten geworden war.
Der neue Rollrasen war weg. Ein brauner Streifen zog sich von der Terrasse bis zum Kirschbaum, frisch umgestochen, in geraden Bahnen. Daneben lagen die Ziergräser, ordentlich gestapelt – als hätte jemand eine Lehrstunde über Ordnung gehalten. Wolfgang, ihr Schwiegervater, kniete mitten in der Erde und setzte Zwiebelchen. Seine Gummistiefel waren grau verkrustet, und er pfiff vor sich hin.
Katrin stieg aus. Der Kies knirschte. „Wolfgang? Was machst du da?“
Er sah hoch und grinste. „Zwiebeln. Und dahinten kommen Möhren. Der Boden ist gut.“
„Hier liegen Leitungen für die Bewässerung. Du hast zwei durchgestochen.“
„Ach, das flickt man.“ Er wischte sich die Hände an der Jacke ab. „Renate meint, der Rasen bringt nichts. Wir wollen eigenes Gemüse.“
Katrin spürte, wie ihre Finger am Autoschlüssel feucht wurden. Sie ging ins Haus. Im Esszimmer stand ein Bügelbrett, daneben ein Koffer mit AIDA-Aufkleber. Renate saß am Tisch und sortierte Silberlöffel.
„Tobias?“ rief Katrin in den Flur. „Komm bitte mal her.“
Er kam die Treppe herunter, den Laptop vor der Brust. „Ich bin in einer Telko. Was gibt es?“
„Deine Eltern haben den Garten umgegraben. Die Bewässerung ist hin.“
„Ja, Papa hat mir gestern davon erzählt. Ist doch in Ordnung.“ Er stellte den Laptop auf die Kommode. „Mama will halt ein Beet.“
Katrin atmete aus. „Haben wir das besprochen? Nein. Das ist unser Grundstück, Tobias. Da entscheidet nicht deine Mutter, was wächst.“
„Meine Eltern haben uns das Land überlassen. Da dürfen sie ja wohl ein bisschen Gemüse anbauen.“
„Überlassen?“ Katrin zog die Augenbrauen zusammen. „Ich habe jeden Quadratmeter bezahlt. 168.500 Euro. Von meinem Geschäftskonto. Jeder Cent steht im Vertrag.“
Tobias schwieg. Er machte den Mund auf, schloss ihn wieder. Dann griff er nach dem Laptop. „Musst du immer so ein Drama machen?“
Renate kam aus dem Esszimmer. Die Brille baumelte an einer Kette. „Was ist hier los?“
„Dein Mann hat den Rasen zerstört.“
„Mein Mann hat ein Gemüsebeet angelegt. Das ist ein Unterschied.“ Renate strich ihre Schürze glatt. „Wir haben euch das Grundstück gegeben. Da werden wir ja wohl etwas anbauen dürfen. Oder bist du jetzt die Chefin?“
„Nein. Ich bin die Eigentümerin. Das steht im Grundbuch.“
Renate lachte. „Das ist Papier. Familie ist wichtiger.“
Am Samstag zog Wolfgang vor der Garage ein Gestell aus alten Fenstern hoch. Die Rahmen hatte Tobias von einem Schrotthändler aus Bomlitz geholt. Das Ding stand schief, zwischen zwei Latten steckte ein Stück blaue Isolierfolie. Katrin blieb am Zaun stehen. Die Nachbarin, Frau Petersen, kam mit ihrem Dackel vorbei.
„Sieht gemütlich aus“, sagte Frau Petersen. „Ihre Schwiegermutter hat gestern erzählt, Sie wohnten hier zur Miete. Stimmt das?“
Katrin spürte den Hund an ihrem Knöchel. „Ich wohne in meinem Haus.“
Frau Petersen zog die Leine ein. „So, so.“
Abends räumte Renate die Küche um. Die Teegläser standen plötzlich unten links. Katrins Espressotassen lagen in einem Umzugskarton vor der Speisekammer. Auf dem Tisch klebte ein Zettel: „Neue Ordnung, nicht wundern.“
Katrin zog den Zettel ab und warf ihn in den Müll. Dann ging sie ins Arbeitszimmer. Der Safe stand unter dem Fenster, hinter einem Stapel alter Zeitungen. Sie drehte den Knauf, holte einen gelben Ordner heraus.
In der Küche schälte Renate Kartoffeln. Wolfgang lehnte am Fenster. Tobias saß auf der Eckbank und hatte eine Flasche Bier vor sich.
Katrin legte den Ordner auf den Tisch. „Ihr habt vierzehn Tage. Dann seid ihr hier raus.“
Renate schälte weiter. „Red keinen Unsinn.“
Katrin zog den Grundbuchauszug aus der Mappe. „Seite eins. Flurstück 112/4 in Walsrode, Am Rapsfeld 8. Eigentümerin: Katrin Wegener. Allein.“
„Das Papier interessiert mich nicht.“
Katrin schlug den Kaufvertrag auf. „Kaufpreis 168.500 Euro. Gezahlt am 11. April 2019 von meinem Geschäftskonto bei der Kreissparkasse Fallingbostel. Unterschrieben von Wolfgang Wegener, Renate Wegener, Katrin Wegener. Notar Dr. Hellmann in Soltau, Beurkundungsnummer 1473.“ Sie zeigte mit dem Finger auf die letzte Seite. „Ihr habt das Geld genommen. Damit war der Boden meiner.“
Wolfgang ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Der Stuhl quietschte. „Das war anders gedacht. Das war nur wegen der Bank.“
„Wegen der Bank?“ Katrin lachte kurz auf. Sie zog den Kontoauszug heraus und schob ihn über den Tisch. „Da ist die Überweisung. 168.500 Euro. Ihr habt davon einen Wohnwagen gekauft und eine Kreuzfahrt gemacht.“
Renate legte das Schälmesser vor sich auf den Tisch. Die Klinge zeigte zu Katrin. „Und du willst uns wirklich rauswerfen? Nach allem, was wir für euch getan haben?“
„Ja. Morgen früh kommt der Schlüsseldienst.“
Tobias schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Das kannst du nicht machen! Das ist auch mein Haus!“
Katrin wandte sich ihm zu. Ihre Stimme blieb ruhig. „Dein Name steht nicht im Grundbuch. Wir haben das damals notariell sauber getrennt, weil du es so wolltest. Du fandest das gut.“
Tobias machte den Mund auf, brachte aber keinen Ton heraus.
Draußen sprang die Außenlampe an. Der Bewegungsmelder war vom Kirschbaum ausgelöst worden.
Katrin zog ihr Handy aus der Tasche. Sie wählte die Nummer vom Schlüsseldienst aus Soltau, die auf einem gelben Aufkleber am Sicherungskasten stand. Es klingelte zweimal.
„Ja, Wagner hier.“
„Guten Abend, hier Katrin Wegener. Ich brauche morgen zwischen acht und neun einen neuen Schließzylinder für die Haustür, mit Sicherungskarte. Am Rapsfeld 8 in Walsrode.“
„Geht klar. Anfahrt und Material 214 Euro.“
„In Ordnung. Ich bin da.“
Sie legte auf. Renate rührte inzwischen mit dem Löffel im Kartoffeltopf, als wäre nichts gewesen.
Am Morgen stand der Wagen des Schlüsseldienstes um kurz nach acht vor der Einfahrt. Katrin war auf der Terrasse, neben ihr auf dem Tisch eine Thermoskanne. Tobias trug die Koffer seiner Eltern die Treppe hinunter. Renate kam im Kleid, als ginge es zum Geburtstag. Wolfgang legte die letzten Zwiebelchen in einen Eimer. Der Monteur baute den alten Zylinder aus und fettete die Feder. Es roch nach Maschinenöl und nassem Kies. Katrin zahlte die 214 Euro bar und ließ sich eine Quittung geben. Dann nahm sie die neuen Schlüssel, ging zur Tür, schloss zweimal ab. Von der Straße hörte man den Motor eines Mercedes.
Ein halbes Jahr später räumte sie den Schuppen aus. Hinter den Kisten mit Glasbruch lag ein brauner Umschlag, die Lasche offen. Darin steckte ein Formular vom Grundbuchamt – Antrag auf Eintragung eines Nießbrauchs für Renate und Wolfgang, datiert auf den 2. Mai. Auf der letzten Seite unterschrieben von Tobias. Seine Handschrift war an der kleinen Schleife am y nicht zu übersehen. Der Antrag war nie eingegangen.
