Im Flur roch es nach Karamell-Vape und fremder Lederjacke. Auf dem Schuhregal lagen dreckige weiße Turnschuhe, Größe 36. Nora trug 38. Daneben stand eine billige Sporttasche mit Glitzerprint. Aus der Küche drang das Gemurmel des Fernsehers und das Klirren eines Löffels am Rand ihrer Lieblingstasse aus Porzellan mit Kobaltrand.
Nora stellte den Koffer an der Wand ab. Sie kam aus Düsseldorf zurück, zwei Tage früher. Umgebuchter Flug, Handyakku leer im Taxi. Um zwölf Uhr mittags an einem Dienstag, in ihrer Wohnung in Leipzig, brodelte ein fremdes Leben.
Sie machte zwei Schritte. Innen riss nichts. Es wurde nur still. Nora stand im Türrahmen der Küche.
Am Tisch saß ein Mädchen, vielleicht zwanzig. Die Füße in weißen Socken lagen auf dem freien Stuhl. Sie trug einen smaragdgrünen Seidenmorgenmantel. Noras Morgenmantel, gekauft in Paris. Das Mädchen aß Joghurt und glotzte auf ein Tablet.
— Guten Appetit, — sagte Nora.
Das Mädchen zuckte zusammen. Der Löffel fiel auf den Boden. Die Blondine sah Nora mit großen Augen an, blinzelte mit getuschten Wimpern.
— Wer sind Sie? — piepste das Mädchen. Die Stimme war quietschig.
— Gute Frage, — Nora lehnte sich an den Türrahmen. — Und Sie? Und warum tragen Sie mein Ding?
Das Mädchen stellte die Füße vom Stuhl herunter. Angst war in ihren Augen nicht. Nur Ärger. Sie zog den Morgenmantel fester.
— Ich bin Alina. Und Sie sind wohl Nora. Bernd hat gesagt, Sie kommen erst am Donnerstag.
— Bernd hat gesagt, — wiederholte Nora. — Wie interessant.
— Ja, hat er, — Alina hob das Kinn. — Wir müssen ernsthaft reden. Bernd und ich lieben uns. Er hat gesagt, bei euch ist seit langem alles vorbei. Ihr lebt wie Nachbarn.
Nora sah auf den rosa Nagellack an Alinas Fingern.
— Steh auf, — befahl Nora.
— Was?
— Steh von meinem Stuhl auf. Zieh den Morgenmantel aus. Und leg ihn auf den Tisch.
Alina schnaubte.
— Ach, komm, keine Szenen. Bernd hat mich vorgewarnt, dass Sie hysterisch sind. Wir wollen hier wohnen. Er hat jedes Recht, in seine Wohnung zu bringen, wen er will.
— In seine Wohnung, — Nora lachte kurz auf. Nicht aus Freude. Über die kalte Frechheit. — Hat er das so gesagt?
— Natürlich! — Alina warf die Brust heraus. — Das ist gemeinsames Eigentum. Er hat die Renovierung bezahlt!
Nora holte das Handy aus der Tasche. Schloß es an die Powerbank an. Der Bildschirm leuchtete.
— Die Renovierung hat fünfzigtausend Euro gekostet, — sagte Nora trocken. — Davon hat dein Bernd zweitausend für Fliesen im Klo beigesteuert. Die er selbst zerbrochen hat. Zieh den Morgenmantel aus. Schnell.
In dem Moment drehte sich der Schlüssel im Schloss. Die Tür knallte. Schwere Schritte waren zu hören.
— Alinchen, Schatz, ich habe Sushi geholt! — rief Bernd fröhlich aus dem Flur. — Und einen Latte macchiato. Wie du wolltest.
Bernd kam mit Liefertüten in die Küche. Sah Nora. Die Tüten rutschten nach unten. Ein Plastikbecher mit Sojasauce platzte im Karton. Eine dunkle Lache lief über das helle Parkett.
— Nora? — Bernd wurde blass. — Warum bist du heute da?
— Der Flug wurde gestrichen, — Nora sah auf die Sojasauce. — Wisch auf. Das ist Eichenparkett. Es kostet vierhundert Euro.
— Welches Parkett, Nora? — Bernd schluckte. Er schaute zu Alina, dann wieder zu seiner Frau. In seinen Augen wechselte Panik schnell in Aggression. Die Abwehr eines Feiglings.
— Bernd, sie verlangt, dass ich den Morgenmantel ausziehe! — beschwerte sich Alina und trat zu ihm. Sie drückte sich an seine Schulter. — Sag ihr, dass das jetzt auch mein Zuhause ist.
Bernd räusperte sich. Straffte die Schultern. Er wollte bis zum Ende spielen.
— Nora, wenn es schon so ist, — Bernds Stimme zitterte, dann wurde sie fester. — Keine Skandale. Ich wollte es dir am Donnerstag sagen. Wir lassen uns scheiden. Ich habe eine richtige Frau getroffen. Eine, die mich nicht wegen der Arbeit nörgelt.
— Großartig, — Nora bestätigte. — Lassen wir uns scheiden. Pack deine Sachen. Und nimm dein Mädchen mit.
— Ich gehe nirgendwohin, — Bernd trat einen Schritt vor. — Das ist unsere gemeinsame Wohnung. Wir sind seit drei Jahren verheiratet. Die Wohnung wurde vor zwei Jahren gekauft. Die Hälfte gehört mir.
Nora ging zum Fenster. Draußen fiel nasser Novemberschnee. Scheibenwischer kratzten über Windschutzscheiben.
— Bist du sicher, Bernd? — fragte sie, ohne sich umzudrehen.
— Sicher! — schrie er. — Ich habe mich von einem Anwalt beraten lassen. Alles, was in der Ehe erwirtschaftet wurde, wird geteilt. Du verdienst mehr, aber das Gesetz ist das Gesetz. Ich nehme die Hälfte des Wohnungswerts. Das sind vierhunderttausend Euro. Oder wir wohnen hier zusammen mit Alina, bis du mir meinen Anteil auszahlst. Das Gesetz erlaubt das.
Nora drehte sich um. Sie sah ihn an wie Luft.
— Vom Anwalt hast du dich beraten lassen, — sagte sie. — Und lesen hast du nicht versucht? Dokumente zum Beispiel. Deine eigenen.
Bernd runzelte die Stirn.
— Welche Dokumente? Ich kenne meine Rechte.
Nora ging wortlos aus der Küche. Ins Schlafzimmer. Auf dem Bett lag zerknüllte Bettwäsche. Ihre Bettwäsche, zweihundert Euro. Daneben eine offene Packung billiger Kondome. Innen schloss sich etwas. Sie machte den Schrank auf. Tippte den Code in den versteckten Safe. Die Tür klickte. Nora holte eine dünne blaue Mappe heraus.
Zurück in der Küche warf sie die Mappe auf den Tisch, direkt neben die Sojasauce.
— Mach auf, Bernd, — sagte sie.
Bernd schaute misstrauisch auf die Mappe. Alina reckte den Hals.
— Was ist das? — fragte er.
— Dein Ticket in eine rosige Zukunft. Mach auf.
Er griff nach der Mappe. Zog zwei Blätter mit Siegelstempel heraus. Begann zu lesen. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Mit jeder Sekunde wurde Bernds Gesichtsfarbe der Wand ähnlicher.
— Ein Ehevertrag? — sagte Alina leise und spähte über seine Schulter. — Bernd, was bedeutet das?
— Das kann nicht sein, — Bernd warf die Blätter auf den Tisch. — Den habe ich nie unterschrieben!
— Doch, hast du, — sagte Nora hart. — Zweiundzwanzig, April. Du warst verschuldet mit deinem genialen Krypto-Startup. Die Schuldeneintreiber suchten dich. Wir haben abgemacht: Ich tilge deine vierzigtausend Euro Schulden, und wir gehen zum Notar. Gütertrennung für alles. Alles, was auf meinen Namen läuft, gehört mir. Alles, was auf deinen läuft, gehört dir. Du bist vor mir zum Notar gerannt, damit die Gläubiger nicht mein Gehaltskonto pfänden. Vergessen?
Bernd atmete schwer.
— Aber die Wohnung… Die Hypothek… Wir haben aus dem gemeinsamen Budget gezahlt!
— Die Hypothek läuft auf mich. Die Raten kamen von meinem persönlichen Konto, — Nora sprach in abgehackten Sätzen, wie eine Maschine. — Die Anzahlung waren dreihundertfünfzigtausend. Das war das Geld aus dem Verkauf von Omas Datsche in Sachsen. Auch vorehelich. Juristisch bist du hier niemand. Ein Gast.
In der Küche herrschte eine dröhnende Ruhe. Man hörte nur das Tropfen von Wasser aus dem nicht fest geschlossenen Hahn.
— Bernd, — Alinas Stimme zitterte. — Bist du hier also nicht der Hausherr?
— Halt den Mund, — zischte Bernd. Er wandte sich an Nora. Das Gesicht war rot, eine Ader schwoll am Hals.
— Du berechnende Schlampe, — spuckte er. — Du hattest das von Anfang an geplant! Du hast mir das Geld extra gegeben, um mich später mit nichts dastehen zu lassen!
— Ich habe deine Haut vor dem Gericht gerettet, — konterte Nora. — Und zum Dank hast du eine minderjährige Schlampe in mein Bett geholt. Ihr habt fünfzehn Minuten.
Nora sah auf die Uhr. 12:40.
— Fünfzehn Minuten wofür? — fragte Alina.
— Um eure Klamotten zu packen. In sechzehn Minuten drücke ich den Alarmknopf. Der Sicherheitsdienst kommt. Ich sage, es sind Fremde in die Wohnung eingedrungen.
Bernd ballte die Fäuste.
— Nora, das kannst du nicht machen. Wir sind Menschen. Ich habe keine Bleibe!
— Geh zu Alina, — Nora zeigte auf das Mädchen.
— Ich wohne im Studentenwohnheim, — piepste Alina. — Ich habe ein Einzelzimmer. Männer dürfen da nicht rein.
Nora grinste schief.
— Was für eine schöne Liebesgeschichte. Packt eure Sachen. Die Zeit läuft.
Bernd riss plötzlich das Handy heraus.
— Ich rufe Mama an! Sie wird dir den Kopf zurechtsetzen. Du hast kein Recht, deinen Ehemann auf die Straße zu setzen!
Er tippte fieberhaft die Nummer und schaltete den Lautsprecher ein.
— Söhnchen? — ertönte die muntere Stimme von Gisela aus dem Lautsprecher.
— Mama, Nora schmeißt mich raus! Sie hat mir heimlich einen Ehevertrag untergejubelt und nimmt mir jetzt die Wohnung! — schrie Bernd.
— Was?! — keuchte Gisela. — Gib ihr sofort das Handy! Nora, was fällt dir ein? Hast du vergessen, wer dir beim Tapezieren geholfen hat? Wir haben diese Wohnung zusammen eingerichtet! Mein Sohn hat seine ganze Seele hineingesteckt! Die Hälfte gehört uns! Ich komme jetzt mit der Polizei!
Nora beugte sich zum Handy.
— Gisela. Ihr Sohn hat hier nur seinen Dreck hinterlassen. Und den Vertrag hat er nüchtern unterschrieben, als ich ihn vor dem Gefängnis wegen Betrugs gerettet habe. Die Polizei erwarte ich bereits. Kommen Sie. Helfen Sie ihm, die Taschen zu tragen.
Sie legte auf.
— Zehn Minuten, — sagte Nora.
Alina rannte los. Sie rannte in den Flur, schnappte sich ihre Sporttasche und stopfte hektisch Sachen aus dem Schrank hinein.
Nora trat hinter sie. Alina griff gerade nach einem Regal mit Kosmetik.
— Hinlegen, — Noras Stimme klirrte wie Metall.
— Das gehört mir! Bernd hat es gekauft! — schrie Alina und presste sich eine teure Creme für zweihundert Euro an die Brust.
— Bernd ist seit acht Monaten arbeitslos. Er hat es von meiner Kreditkarte gekauft. Hinlegen. Schnell.
Alina knirschte mit den Zähnen. Warf die Dose auf das Regal zurück.
— Der Morgenmantel, — erinnerte Nora.
Alina funkelte sie böse an.
— Sie sind verrückt! Was soll ich anziehen? Darunter habe ich nur Unterwäsche!
— Zieh deine eigenen Sachen an, — Nora zeigte auf die zerknüllten Jeans und das Top auf dem Boden. — Und mein Zeug gibst du zurück. Jetzt.
Alina nestelte fieberhaft den Gürtel auf. Der Morgenmantel rutschte zu Boden. Das Mädchen stand in billiger Spitzenunterwäsche da. Die Haut bekam Gänsehaut. Sie schnappte sich ihre Jeans und begann, sie hüpfend auf einem Bein anzuziehen.
In dem Moment kam Bernd aus dem Schlafzimmer. Er zog einen großen Koffer. In der Hand hatte er die Autoschlüssel.
— Ich nehme das Auto, — sagte er mürrisch. — Darauf habe ich gespart.
— Das Auto? — Nora zog die Brauen hoch. — Ein BMW 1er, für fünfunddreißigtausend?
— Ja. Und du hast mir nichts zu sagen.
Nora streckte die Hand aus.
— Schlüssel.
— Was?
— Schlüssel vom BMW. Her damit.
Sie trat dicht an ihn heran.
— Bernd. Laut Ehevertrag, wem gehört das Auto? Dem, auf den es zugelassen ist. Es ist auf mich zugelassen. Du wolltest es selbst so, um Steuern und Strafen zu sparen. Du hast es auf mich abgewälzt. Schlüssel. Sonst zeige ich sofort eine Unterschlagung an. Die Kameras im Hof laufen.
Bernd wich zurück. Sein Gesicht verzerrte sich.
— Du… Du willst mich zu Fuß gehen lassen? Draußen sind minus fünf Grad! Ich habe nicht mal Arbeit!
— Du hast dir deinen Weg selbst gewählt. Ein Auto ist auf dem Weg nicht vorgesehen.
Er schleuderte den Schlüsselanhänger auf den Boden. Das Plastik knackte, aber die Schlüssel blieben ganz.
— Komm, Alina, — fauchte Bernd. — Mit dieser Verrückten haben wir nichts zu besprechen.
Er griff nach seiner Winterjacke am Haken. Ein dicker, teurer Daunenmantel von Hugo Boss.
Nora packte seine Hand.
— Ausziehen.
Bernd war verblüfft.
— Nora, bist du verrückt? Draußen ist Frost!
— Dieser Daunenmantel hat sechshundert Euro gekostet, — sagte Nora eiskalt. — Ich habe ihn dir zu Weihnachten gekauft. Der Beleg ist in meiner Mail. Das ist mein Eigentum. Lass ihn hier.
— Nora, ich erfriere! Ich habe nur noch eine dünne Übergangsjacke! — seine Stimme klang richtig jämmerlich. — Das ist Grausamkeit! Wir sind doch keine Fremden! Fünf Jahre zusammen!
Nora sah in seine Augen. Da war keine Reue, kein Schmerz über den Verrat. Nur tierische Angst, den Komfort zu verlieren. Ohne kostenloses Essen, Auto, warme Kleidung. Ohne ihr Geld.
— Keine Fremden, — stimmte Nora zu. — Aber für alles muss bezahlt werden. Zieh den Daunenmantel aus. Oder ich ziehe ihn dir mit der Polizei aus.
Bernd öffnete mit zitternden Händen den Reißverschluss. Warf ihr die schwere Jacke direkt ins Gesicht.
— Erstrick an deinen Klamotten! — schrie er.
Er nahm eine dünne blaue Windjacke vom Regal, warf sie über die Schultern. Griff den Koffer. Alina schniefte und schlurfte hinter ihm in den Hausflur. Die Sporttasche baumelte albern auf ihrem Rücken.
Nora schloss die Tür hinter ihnen. Im Schloss klickte der Mechanismus. Sie rief sofort den Schlüsseldienst an. Austausch des Schließzylinders. Eine halbe Stunde und hundertfünfzig Euro. Kleinigkeiten.
In der Wohnung blieb es still. Nora ging zur Garderobe. Hob den schweren Daunenmantel vom Boden auf. Er roch nach teurem Parfüm, das sie ihm selbst geschenkt hatte.
Sie machte die Eingangstür auf. Bernd und Alina fuhren schon mit dem Aufzug nach unten. Nora ging zum Müllschlucker, klappte die schwere Metallklappe auf und warf den Daunenmantel für sechshundert Euro hinein. Die Jacke fiel mit einem dumpfen Schlag in die Dunkelheit.
Sie kehrte in die Wohnung zurück. Sie goss Chlor in das Spülbecken und warf den Schwamm hinein, mit dem Alina ihre Tasse gewaschen hatte.
Die Seele war leer, aber das Atmen fühlte sich verdächtig leicht an.
Draußen fegte der eisige Novemberschnee. Bernd in der Windjacke trat jetzt in diesen Wind.
Ein halbes Jahr später, als Nora in eine neue Wohnung in München zog, fand sie in einem alten Schuhkarton einen Umschlag. Darin lag ein Ausdruck von der Bank. Bernd hatte eine Woche vor der Entdeckung online einen Kredit über vierzigtausend Euro beantragt. Er hatte sie als Mitkreditnehmerin eingetragen. Aber er konnte die Beantragung nicht abschließen: Er hatte den SMS-Code nicht eingegeben. Nora hatte die SIM-Karte an dem Tag gesperrt, an dem sie das Schloss austauschte. Die Bank lehnte den Antrag automatisch ab. Sie legte den Ausdruck zurück in den Umschlag und warf ihn in den Mülleimer.
