Der Kredit meines Sohnes

Ich, Bernhard Kessler, war neunundsechzig, als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Auto besaß, das keine hunderttausend Kilometer auf dem Tacho hatte. Zwei Wochen lang. Dann stand es auf einem Abschleppwagen, und mein eigener Sohn hat zugesehen, wie es die Straße runtergefahren wurde, ohne auch nur die Vorhänge beiseitezuschieben.

Ich erzähle das jetzt aus meiner Sicht, weil alle nur die Version meines Sohnes Matthias kennen. Der Bankangestellte, der ihn während einer Besprechung in seiner Firma in Frankfurt angerufen hat. Die Ratenrückstände. Die Vollstreckung. Klingt furchtbar, ich weiß. Aber es gibt eine andere Seite, und die will ich erzählen, bevor jemand wieder sagt, ich hätte meinen Sohn ausgenutzt.

Ich habe vierzig Jahre bei einem Automobilzulieferer in Offenbach geschraubt, an Getrieben, bis meine Knie so kaputt waren, dass ich mit sechzig in Frührente musste. Meine Frau Ingrid hat in einer Bäckerei gearbeitet, jeden Morgen um vier Uhr raus, den Duft von Zimtschnecken so tief in den Klamotten, dass er nie ganz rausging. Wir haben nie was verlangt. Kein Urlaub am Mittelmeer, kein neues Sofa, nichts. Unser Auto war ein zwölf Jahre alter Opel Astra, der jeden Winter mit einer Autobatterie aus dem Discounter überlebt hat, für neunundvierzig Euro.

Und dann, letzten Herbst, saß ich bei meinem Orthopäden in der Wartezimmer-Praxis am Mainufer, neben mir ein Mann, der von seinem neuen SUV geschwärmt hat, den er sich mit siebzig noch geleistet hat. Ich bin nach Hause gefahren und hab Ingrid angeschaut. Sie hat am Küchentisch gesessen, die Kreuzworträtsel-Zeitschrift vor sich, die Fernbedienung für den Fernseher, der eigentlich schon länger ein Standbild zeigt als ein Programm. Ich hab gedacht: Wann, wenn nicht jetzt?

Also bin ich zum Autohaus in Hanau gefahren. Ein Chery Tiggo 7 Pro, silbergrau, mit Anhängerkupplung, weil Ingrid gerne mit dem Wohnwagen ihrer Schwester nach Rügen fährt. Der Verkäufer hat gefragt, ob ich den Kredit auf meinen Namen laufen lassen will. Ich hab gesagt, nein, geht nicht, meine Rente reicht nicht für die Bonitätsprüfung. Er hat gefragt, ob ich Vollmacht für jemanden mit besserem Einkommen habe.

Und da war sie noch, die Vollmacht. Matthias hatte sie mir vor zwei Jahren ausstellen lassen, bevor er für achtzehn Monate zu einem Projekt nach Singapur ging. Für das Grundstück von Opa in Seligenstadt, das verpachtet werden sollte, solange er weg war. Notariell beglaubigt, drei Jahre gültig, mit einer Klausel für "finanzielle Rechtsgeschäfte in seinem Namen". Ich hatte die Kopie seines Perso, seine Steuer-ID, alles lag noch im Ordner im Wohnzimmerschrank.

Ich hab nicht gedacht, ich betrüge irgendwen. Ich hab gedacht: Er ist mein Sohn, das Auto läuft eben formal auf ihn, aber es ist unser Auto, wir zahlen die Anzahlung, dreihunderttausend Gr— nein, Moment, ich muss in Euro denken, wir sind hier nicht in der Ukraine. Wir haben die Anzahlung, zwölftausend Euro, aus unseren Ersparnissen bezahlt, dem Geld, das für die Beerdigung zurückgelegt war, ehrlich gesagt. Der Rest, gut vierhundert Euro Monatsrate, das sollte Matthias eben tragen, mit seinem Gehalt bei der Wirtschaftsprüfung. Er verdient in einem Monat, was ich in einem Vierteljahr Rente sehe.

Als er dann an dem Samstag in unsere Wohnung im dritten Stock in Bruchköbel reinkam, roch es nach Ingrids Fischfilet, und ich stand auf dem Balkon mit einer Zigarette, die ich mir eigentlich seit dem Herzinfarkt verboten hatte. Ich hab gesagt: "Na, da bist du ja. Wollen wir das Auto einweihen?" Ich hab das nicht ironisch gemeint. Ich hab wirklich gedacht, er kommt jetzt rüber, klopft mir auf die Schulter, vielleicht ein bisschen fassungslos, aber am Ende stolz, dass sein Vater sich noch was traut mit neunundsechzig.

Stattdessen ist er im Flur stehen geblieben wie vor den Kopf gestoßen und hat kaum Luft gekriegt vor Wut. Die Kontosperre, die Ratenzahlung von über vierhundert Euro, seine Anzahlung für die Eigentumswohnung in Bornheim, die er nächste Woche an den Bauträger überweisen sollte. Ich hab ihm gesagt, was ich immer gesagt hab: Wir haben dich großgezogen, ernährt, dein Studium bezahlt, jetzt bist du dran, ein bisschen zurückzugeben. Und ehrlich, in dem Moment hab ich das auch so gemeint. Ich hab nicht gesehen, wie das für ihn aussieht — dass sein eigener Name plötzlich für eine Schuld steht, von der er nichts wusste, dass seine Bank ihm mit Zwangsvollstreckung droht wegen eines Autos, das er nie gesehen hat, bevor es in unserer Garage stand.

Meine Tochter Franziska hat ihn angerufen, das weiß ich, weil sie es mir hinterher erzählt hat, stolz fast. Sie hat ihm gesagt, Papa hätte sein Leben lang alte Kisten gefahren, das sei jetzt seine letzte Chance, und ob er die Familie vor ganz Bruchköbel blamieren wolle. Ich hab dazu nichts gesagt, aber im Nachhinein war das der Moment, wo ich hätte einschreiten sollen. Ich hab's nicht getan.

Der Anwalt sagte ihm dasselbe wie mir der Bankmitarbeiter: Die Vollmacht war gültig, der Vertrag rechtmäßig, das Fahrzeug rechtlich sein Eigentum. Entweder er zahlt, oder er zeigt seine eigenen Eltern wegen Vollmachtsmissbrauch an. Ich hab gedacht, das reicht schon als Drohung, dass er das niemals tun würde. Ich kannte meinen Sohn — dachte ich.

An dem Samstag waren Ingrid und ich mit dem Bus zum Wochenmarkt am Marktplatz gefahren, für Spargel und den Fisch fürs Abendessen. Als wir zurückkamen, stand die Garage offen, und der Chery war weg. Kein Zettel, keine Nachricht. Nur die Nachbarin Frau Ottmann, die am Fenster stand und mir erzählte, ein Abschleppwagen hätte "in aller Ruhe" das Auto auf die Ladefläche gezogen, während zwei Jugendliche mit dem Handy gefilmt hätten.

Ich hab ihn angerufen, meine Stimme ist überkippt, das war mir egal. "Was fällt dir ein! Wir zeigen dich an, du klaust deinem eigenen Vater das Auto unterm Fenster weg!" Und er hat geantwortet, ruhig, viel zu ruhig für einen sechsunddreißig-jährigen, der eigentlich der Verletzte in dieser Geschichte war: "Das Auto läuft auf mich. Der Kredit läuft auf mich. Ich hab nur mein Eigentum abgeholt, für das die Bank von mir Geld verlangt. Morgen geht's in den Gebrauchtwagenankauf. Der Erlös deckt die Restschuld und die Mahngebühren. Eure Anzahlung, die zwölftausend, überweise ich euch zurück, auf den Cent genau, sobald der Verkauf durch ist."

Ingrid hat mir den Hörer aus der Hand gerissen. Ich weiß noch, was sie gesagt hat, weil ich's bereue: "Du bist ab heute kein Sohn mehr für uns. Dass du deine Hand gegen die eigenen Eltern erheben kannst." Das war falsch von ihr. Das weiß ich jetzt.

Was ich in den Wochen danach begriffen habe, während ich abends auf dem Balkon saß und auf die leere Garage runterschaute: Ich hatte nie gefragt, ob er das will. Ich hatte einfach angenommen, dass er es trägt, weil er immer alles getragen hat — die Studiengebühren, die er sich selbst zusammengespart hat, weil wir nicht konnten, den Umzug meiner Mutter ins Pflegeheim in Hanau, den er organisiert und mitfinanziert hat, ohne ein Wort der Klage. Ich hab das für Liebe gehalten. Es war Bequemlichkeit. Meine.

Der Verkauf ging schnell, fünf Tage. Matthias hat den Kredit komplett abgelöst, die Kontosperre wurde aufgehoben, und tatsächlich, drei Tage später lag eine Überweisung auf unserem Konto: zwölftausend Euro, exakt. Kein Cent mehr, kein Cent weniger. Kein Begleittext außer der Verwendungszweckzeile: "Rückzahlung Anzahlung Fahrzeug, wie vereinbart."

Die Eigentumswohnung in Bornheim ist an jemand anderen gegangen, das hab ich erst von Franziska erfahren, die inzwischen selbst nicht mehr mit ihm spricht. Er hätte die Frist für die Reservierung verpasst, wegen der gesperrten Konten. Ein Jahr Suche, weg.

Ich hab ihm zweimal geschrieben. Keine Antwort. Ingrid sagt, das sei jetzt sein Problem, nicht unseres. Ich sitze manchmal in der leeren Garage, wo eigentlich der Chery stehen sollte, und denke an die vierhundert Euro Monatsrate, die er nie hätte zahlen sollen, und an die zwölftausend Euro, die uns nichts genutzt haben außer der Erkenntnis, wie wenig wir seine Grenzen je respektiert haben.

Vor zwei Wochen hab ich versucht, ihn in seiner Wohnung in Sachsenhausen zu erreichen. Er hat die Tür einen Spalt geöffnet, den Sicherheitsriegel noch eingehängt. "Papa, ich hab gerade keine Zeit." Dahinter, auf dem Küchentisch, konnte ich einen Aktenordner sehen und sein Handy, mit der Banking-App offen. Er hat die Tür geschlossen, bevor ich ein Wort sagen konnte. Ich bin die Treppe runtergegangen und hab gedacht, dass ich mit neunundsechzig Jahren ein Auto besessen habe, für das ich zwei Wochen lang die Nachbarn beeindrucken konnte — und einen Sohn verloren habe, den ich vierunddreißig Jahre lang für selbstverständlich hielt.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: