# Der Anruf, der alles änderte

Ich arbeite seit elf Jahren als Aushilfe in der Bäckerei in Wuppertal-Elberfeld. Die Schicht beginnt um fünf Uhr morgens, und eigentlich kenne ich jede Stammkundin am Gang, am Griff zur Tür, an der Art, wie sie „zwei normale Brötchen, einmal Vollkorn" bestellen. Aber an diesem Dienstag im November ist mir eine Frau aufgefallen, die ich vorher noch nie gesehen hatte.

Sie stand draußen vor der Scheibe, die Kapuze ihres grauen Anoraks tief ins Gesicht gezogen, und starrte auf das Schild mit den Backwarenpreisen, als könnte sie sich nicht entscheiden zwischen einem Croissant für eins siebzig und einem Laugenstange für neunzig Cent. Neben ihr ein Mädchen, vielleicht zehn, das von einem Fuß auf den anderen trat und in die Wärme des Ladens schielte.

Ich wischte gerade die Theke ab, als die Türglocke ging.

„Zwei Laugenstangen und einen Kaffee", sagte sie leise, fast entschuldigend. Das Mädchen zupfte an ihrem Ärmel und zeigte stumm auf die Auslage mit den Berlinern.

„Und einen Berliner", fügte sie hinzu, ohne mich anzusehen. Ihre Finger kramten Kleingeld aus der Manteltasche zusammen. Ich zählte im Kopf: eins neunzig für die Stangen, zwei zwanzig für den Kaffee, eins sechzig für den Berliner. Macht fünf siebzig. Sie legte sechs Euro auf die Theke. Dreißig Cent Trinkgeld.

Draußen setzten sie sich auf die Bank an der Bushaltestelle. Die Frau gab dem Mädchen den Berliner, rührte selbst nur im Kaffee. Ich sah, wie sie ein Handy aus der Tasche zog, lange auf das Display schaute und es dann wieder wegsteckte. Das Mädchen biss in den Berliner, Marmelade tropfte auf den grauen Anorak. Die Frau bemerkte es nicht.

So etwas sehe ich jeden Tag. Menschen, die vor dem Wetter Schutz suchen, auf einen Bus warten, der nicht kommt. Ich hätte sie vergessen, wenn nicht eine halbe Stunde später ein Mann in den Laden gekommen wäre, der nach ihr fragte.

Er trug einen teuren Mantel, der nach Zigarettenrauch roch, und stellte sich so dicht an die Theke, dass ich einen Schritt zurücktrat.

„War hier gerade eine Frau mit einem Kind? Braune Haare, grauer Anorak?"

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

„Sie ist meine Schwägerin", sagte er, als ob das alles erklärte. „Wir suchen sie schon den ganzen Morgen."

Etwas an seiner Art machte mich stutzig. Er lächelte, aber seine Augen wanderten unruhig durch den Raum, zum Fenster, zur Tür, als könnte er jeden Moment losrennen. Meine Kollegin Ute, die sonst nichts aus der Ruhe bringt, stellte sich neben mich.

„Wenn Sie etwas bestellen möchten, gerne", sagte sie ruhig. „Auskünfte über unsere Gäste geben wir nicht."

Der Mann lachte kurz auf, aber es klang nicht freundlich. Er legte einen Zehn-Euro-Schein auf die Theke. „Ein Kaffee. Und ich warte."

Ich goss ihm den Kaffee ein und achtete darauf, dass meine Hände nicht zitterten. Er setzte sich an den kleinen Stehtisch am Fenster und blickte hinaus zur Bushaltestelle. Die Bank war inzwischen leer. Der Bus nach Barmen war vor drei Minuten abgefahren.

Die Frau mit dem Mädchen habe ich seit diesem Morgen nicht mehr gesehen. Aber der Mann kam wieder. Nicht am selben Tag, sondern zwei Wochen später. Diesmal war er nicht allein. Eine Frau in einem beigen Wollmantel begleitete ihn, und sie sprach mit einer Stimme, die man im ganzen Laden hörte, ohne dass sie laut werden musste.

„Wir suchen meine Schwägerin. Petra heißt sie. Sie hat ihre Tochter mitgenommen, obwohl das Jugendamt das Sorgerecht dem Vater übertragen hat."

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ute stand mit verschränkten Armen hinter mir.

„Das sind familiäre Angelegenheiten", sagte sie. „Bei uns gibt es keine Familienberatung. Nur Brot und Kaffee."

Die Frau im Wollmantel zog eine Visitenkarte aus der Handtasche und schob sie über die Theke. Rechtsanwältin Maren Hoffmann, Familienrecht. „Falls sie wieder auftaucht. Sie sind verpflichtet, das zu melden."

Ich nahm die Karte und legte sie neben die Kasse, ohne sie anzusehen.

Am Nachmittag räumte ich die leeren Kaffeetassen ab, als mein Blick aus dem Fenster fiel. Auf der anderen Straßenseite stand die Frau. Grauer Anorak, Kapuze halb auf. Sie schaute zu unserem Laden herüber, als warte sie auf ein Zeichen. Hinter der Bushaltestelle, halb verdeckt durch einen Lieferwagen, parkte ein schwarzer Wagen mit laufendem Motor.

Bevor ich reagieren konnte, fuhr der Bus vor. Die Frau drehte sich um, stieg ein, und der Bus zog davon. Der schwarze Wagen blieb noch eine Minute stehen, dann bog er in die Seitenstraße Richtung Talachse ab.

Am nächsten Morgen war ich wieder früh im Laden. Draußen lag der erste Reif auf dem Pflaster, und die Scheinwerfer der Autos spiegelten sich in den Pfützen. Gegen sieben kam eine junge Frau herein, die ich nicht kannte. Sie bestellte belegte Brötchen für zwölf Personen und einen großen Kaffee. Während ich ihren Auftrag zusammenstellte, sah ich das Foto auf ihrem Handy: ein Gruppenbild, darauf die Frau mit dem grauen Anorak, das Mädchen in der Mitte, beide lachend.

„Schöne Familie", sagte ich, während ich die Brötchen einpackte.

Die junge Frau legte ihre Hand aufs Handy, sodass das Bild verschwand. „Ja", sagte sie nur.

Als sie gezahlt hatte, ließ sie mir die Visitenkarte von Rechtsanwältin Hoffmann auf der Theke liegen. Aber es war nicht Frau Hoffmanns Karte. Jemand hatte auf die Rückseite mit Kugelschreiber geschrieben: *„Danke. Wir bleiben jetzt hier."*

Ich steckte die Karte in die Schürzentasche und machte mit der nächsten Bestellung weiter. Mehr als Kaffee und Brötchen kann ich nicht tun. Aber ich weiß jetzt, warum die Frau an jenem Morgen so lange auf das Preisschild geschaut hatte. Nicht wegen des Geldes. Sondern weil sie sichergehen wollte, dass der Laden geöffnet war, bevor sie auf die Bank ging, um einen Platz zu finden, von dem aus man die Straße in beide Richtungen sehen konnte.

Irgendwann am späten Nachmittag kam der Mann im teuren Mantel noch einmal vorbei. Er bestellte nichts, stand nur an der Tür und blickte den ganzen Raum ab. Die Visitenkarte in meiner Tasche spürte ich wie einen festen Gegenstand. Ich hörte, wie Ute mit ihm sprach. „Wir haben hier keine Handtaschen und keine Auskünfte. Entweder Sie kaufen etwas, oder Sie gehen."

Er ging. Die Türglocke schepperte hinter ihm zu.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Fast acht Monate. Der Laden hat neue Preisschilder bekommen, die Berliner sind jetzt eins achtzig, und Ute ist in Rente gegangen. Die Frau mit dem grauen Anorak habe ich nie wieder gesehen.

Vor zwei Wochen kam das Mädchen herein. Allein. Sie war gewachsen, trug eine Schuluniform mit dem Wappen der Gesamtschule an der Hardt und bestellte ein Schokocroissant. Als ich ihr das Wechselgeld über die Theke schob, zögerte sie einen Moment.

„Sie haben damals nicht gesagt, dass wir hier waren", sagte sie. Ihre Stimme klang, als hätte sie diesen Satz lange geübt.

Ich gab ihr das Croissant und schob ihr noch eine Papierserviette dazu. „Ich sage nie etwas, was ich nicht gesehen habe."

Da war ein Lächeln auf ihrem Gesicht, das nicht hineinpasste in die Novemberkälte, als wäre es aus einem anderen Monat. Dann war sie weg, die Tür schloss sich hinter ihr, und die Glocke klingelte noch lange in meinem Kopf nach.

Auf der Theke lag ein gefalteter Zettel, den ich erst beim Aufräumen fand. Eine Telefonnummer, mit Bleistift geschrieben, daneben ein Satz in Kinderschrift: *„Wenn Sie uns einmal besuchen wollen."*

Ich habe den Zettel in mein Portemonnaie gelegt, ganz nach hinten, hinter die Krankenkassenkarte. Besuchen werde ich sie nicht. Das ist nicht meine Rolle. Aber manchmal, wenn ich früh morgens die Backbleche aus dem Ofen ziehe und der Duft von frischem Brot durch den Laden zieht, denke ich an die Bank an der Bushaltestelle. An die Marmelade auf dem Anorak. Und daran, dass es reicht, den Mund zu halten, wenn jemand auf der Flucht ist und nur einen Kaffee und zwei Laugenstangen braucht.

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