Der Kredit auf Milanas Namen: Wie Vater und Tochter am Tag der Deutschen Einheit in Rosenheim übereinander stolperten
Es roch nach Bratkartoffeln und dem kühlen Zug, der durchs gekippte Küchenfenster hereinzog, während draußen die ersten Blätter vom Kastanienbaum fielen. Milana Brenner stand in der Küche ihrer Mutter in Rosenheim und rührte in einem Topf, ohne wirklich hinzusehen. Auf dem Küchentisch lag der Kreditvertrag, den sie vor fünf Monaten unterschrieben hatte — 14.000 Euro, ausgezahlt auf ihr Konto, weitergereicht auf das ihres Vaters Konstantin, noch am selben Nachmittag, per Überweisung, mit dem Verwendungszweck "für die Werkstatt".
Konstantin hatte sie darum gebeten wie um einen Gefallen unter Erwachsenen. Er sei zu alt für die Bonitätsprüfung der Sparkasse, sagte er, seine Schufa sei "durch die Scheidung ein bisschen zerkratzt", und Milana verdiene doch gut als Physiotherapeutin, ihr würde man das Geld ohne Umstände geben. Eine Autolackiererei am Stadtrand, Anschlussfinanzierung für neue Spritzkabinen, in einem Jahr zahle er alles zurück, das habe er versprochen, mit der Hand auf der Brust und einem Gesichtsausdruck, der bei ihr seit ihrer Kindheit funktionierte.
Er hatte nichts zurückgezahlt. Kein einziges Mal in fünf Monaten.
Die erste Mahnung der Bank kam im Juni. Milana rief ihn an, er sagte, ein Kunde sei ihm noch etwas schuldig, das kläre sich. Beim zweiten Telefonat, Ende Juni, bat sie ihn direkt, die Rate selbst zu überweisen; er versprach es und tat es nicht. Die zweite Mahnung der Bank kam im Juli, mit einer Nummer der Kreditabteilung, die keine Fragen mehr stellte, sondern Fristen setzte. Ein drittes Gespräch, im August, endete damit, dass er auflegte, weil er "gerade in der Werkstatt zu tun" habe. Milana hatte inzwischen angefangen, aus ihrem eigenen Gehalt die Raten zu decken — die Zahlungen selbst hielt sie geheim vor ihrer Mutter Karin, damit die nicht mitbekam, wie schlecht es um sie stand. 460 Euro im Monat, von einem Gehalt, das kaum für die eigene Miete in München reichte.
Und jetzt, am Vorabend des dritten Oktober, saß die ganze Familie am Tisch, als hätte niemand etwas zu verbergen. Karin hatte Kartoffelsalat gemacht, im Fernsehen liefen die Vorberichte zu den Feierlichkeiten in der Hauptstadt, und Konstantin kam mit einer Flasche Rotwein zur Tür herein, so, als sei er ein Gast und nicht der Mann, der seiner Tochter seit fünf Monaten eine Schuld verschwieg.
"Wie geht's der Werkstatt, Papa?", fragte Milana, während sie das Besteck auf den Tisch legte, ruhig, fast beiläufig.
"Läuft. Kunden kommen, die Kabinen sind jetzt endlich fertig eingebaut." Er goss sich Wein ein, roch daran wie ein Kenner, obwohl er nie einer war. "Warum fragst du?"
"Nur so." Sie setzte sich. "Ich hab nämlich am Montag mit der Sparkasse telefoniert."
Es war ein kleiner Satz, aber er hing im Raum wie ein umgekippter Weinkelch. Karin sah von ihrem Teller auf.
"Was für ein Telefonat?", fragte sie.
"Papa hat sich Geld über meinen Namen geliehen. Vierzehntausend. Vor fünf Monaten." Milana schnitt sich eine Gurkenscheibe ab, als ginge es um das Wetter. "Er hat nichts zurückgezahlt. Ich zahle seit Juni aus eigener Tasche, damit mir die Schufa nicht kaputtgeht."
Konstantins Weinglas blieb auf halbem Weg zum Mund stehen.
"Das war doch — Milana, das war doch eine Absprache zwischen uns, das musst du nicht vor deiner Mutter —"
"Eine Absprache", wiederholte Milana. "Auf meinem Namen steht der Vertrag. Nicht auf deinem."
Karin legte die Gabel hin, mit einem Klirren, das lauter war als jeder erhobene Ton. "Konstantin. Du hast unsere Tochter einen Kredit für dich aufnehmen lassen und ihr gesagt, du zahlst das zurück?"
"Ich hatte vor, es zurückzuzahlen! Die Kunden zahlen langsam, das ist eben so im Handwerk —"
"Fünf Monate", sagte Milana. Sie zog ein zusammengefaltetes Papier aus ihrer Handtasche, die sie extra neben sich auf den Stuhl gestellt hatte, und legte es neben seinen Teller. Der Kontoauszug. Rote Zahlen, markiert mit gelbem Textmarker, jede einzelne der fünf Raten, die sie überwiesen hatte, weil er es nicht getan hatte. "Zweitausenddreihundert Euro habe ich schon bezahlt. Von meinem Konto. Für deine Werkstatt."
"Ich hab dir doch gesagt, ich brauche noch etwas Zeit—"
"Du hast mir im Juni gesagt, du brauchst noch etwas Zeit. Im Juli dasselbe. Im August hast du mir das Telefon aufgelegt." Sie faltete das Papier wieder zusammen, ohne Eile. "Ich hab mit einem Anwalt gesprochen. Und mit der Sparkasse."
Der Nachbarshund draußen im Garten bellte einmal, kurz, wegen eines Feuerwerkskörpers, den jemand zu früh gezündet hatte, und für einen Moment sahen alle drei zum Fenster, bevor Konstantin wieder das Wort ergriff.
"Was heißt, du hast mit einem Anwalt gesprochen? Bist du verrückt geworden? Ich bin dein Vater!"
"Und ich bin diejenige, die haftet, wenn du weiter nicht zahlst." Milana blieb sitzen, die Hände flach auf dem Tisch. "Ich hab die Bank gebeten, den Vertrag auf eine Umschuldung mit dir persönlich umzustellen. Als eigenständiger Kreditnehmer, mit deiner eigenen Bonität, nicht mit meiner. Du unterschreibst das morgen früh, oder ich zeige die Vermögensverschiebung als Vermögensdelikt an. Der Anwalt sagt, mit den Kontoauszügen hätte ich gute Chancen."
Konstantin lachte, ein trockenes, ungläubiges Lachen. "Du würdest deinen eigenen Vater anzeigen?"
"Ich würde nicht meinen Vater anzeigen." Milana stand auf, nahm ihr Glas, trank einen Schluck Wasser, ganz ruhig. "Ich würde einen Mann anzeigen, der einen Vertrag mit meinem Namen missbraucht hat. Dass er zufällig mein Vater ist, ändert an dem Vertrag nichts."
Karin sagte lange nichts. Sie stand auf, ging zur Anrichte, wo die Kaffeemaschine stand, und schaltete sie ein, obwohl niemand nach Kaffee gefragt hatte — eine Geste, die Milana seit ihrer Kindheit kannte: ihre Mutter tat etwas mit den Händen, wenn sie mit dem Kopf nicht mehr hinterherkam.
"Konstantin", sagte Karin schließlich, ohne sich umzudrehen, "du gehst morgen mit ihr zur Bank."
"Karin, das ist doch —"
"Du gehst mit ihr zur Bank." Sie drehte sich jetzt um, mit der Kaffeekanne in der Hand, und ihre Stimme war nicht laut, aber sie ließ keinen Raum für ein zweites Wort. "Wir sind seit sechsundzwanzig Jahren geschieden, aber ich hab genug mitbekommen von deinen Versprechen. Wenn du meiner Tochter das antust, gehst du dahin, wo du hingehörst — vor deinen eigenen Namen auf einem Vertrag."
Milana, die junge Frau, die diesen Herbst eher an eine erwachsene Bilanz erinnerte als an einen Feiertagsabend, ging noch am selben Abend in ihr altes Kinderzimmer, in dem die Mutter jetzt Bügelwäsche stapelte, und rief die Filiale an, um für neun Uhr morgens einen Termin zu bestätigen. Draußen knallte irgendwo ein einzelner, verfrühter Böller, und im Fernsehen lief noch immer die Übertragung von der Bühne in Berlin, ohne dass jemand hinsah.
Am nächsten Morgen, einem gewöhnlichen Werktag, saß Konstantin kurz nach neun im Beratungsraum der Sparkassenfiliale in der Innenstadt, unter dem Neonlicht, das seine Gesichtsfalten unbarmherzig zeigte, und unterschrieb die Umschuldungspapiere, die die Beraterin — eine Frau mit randloser Brille, die sich keine Miene anmerken ließ — vor ihn hinschob. Sein Name jetzt allein auf der ersten Zeile. Der Zinssatz höher, weil seine Bonität eben "durch die Scheidung ein bisschen zerkratzt" war, wie er selbst gesagt hatte. Milana saß daneben, die Kopie des alten Kontoauszugs noch in der Handtasche, und unterschrieb ihre eigene Entlastungserklärung mit derselben Ruhe, mit der sie am Vorabend die Gurke geschnitten hatte.
Als sie danach zusammen auf dem Parkplatz standen, in der milden Oktoberluft, die nach nassem Laub roch, sagte Konstantin leise: "Du hättest mir das auch einfach so sagen können. Ohne die Sache vor deiner Mutter."
"Ich hab's dir gesagt. Drei Mal." Milana klickte den Autoschlüssel, die Blinker ihres alten Golf leuchteten kurz auf. "Im Juni, im Juli, im August. Du hast nur nicht zugehört, solange es nichts kostete."
Sie stieg ein und fuhr los, ohne sich noch einmal umzudrehen, zurück nach München, zu ihrer eigenen Wohnung, ihrem eigenen Konto, das ab diesem Tag wieder ausschließlich ihr gehörte.
