Meine Mutter hat ein Geheimkonto

In der Schublade meiner Mutter liegen die Stromrechnungen immer ganz unten. Ich weiss das, weil ich als Teenager mein Taschengeld darin gesucht habe, wenn sie nicht zu Hause war. Gefunden habe ich nie etwas, nur stapelweise bedrucktes Papier mit dem Logo der Stadtwerke Hamburg. Jetzt, mit fast vierzig, stehe ich wieder vor dieser Kommode aus Kiefernholz, die seit dreissig Jahren im Flur ihrer Wohnung in Eimsbüttel steht, und ziehe die Schublade auf.

Meine Schwester Lena hat mich angerufen. Zweimal, innerhalb von zwanzig Minuten. Beim zweiten Mal war ihre Stimme so dünn, dass ich sofort den Motor abgestellt habe, mitten auf dem Parkplatz vom Edeka in der Osterstrasse. „Mama ist im Krankenhaus", hat sie gesagt. „Johanniter. Schlaganfall. Sie liegt auf der Intensiv." Mein Joghurt ist im Kofferraum warm geworden, ich bin direkt los.

Jetzt suche ich ihre Versichertenkarte. Lena meinte, sie hätten im UKE danach gefragt, aber Mama hat sie nicht dabei gehabt, als der Notarzt kam. Ob ich in ihrer Wohnung nachschauen könnte. Also stehe ich hier, in ihrem Flur, vor dieser Schublade, in der ich seit zwanzig Jahren nichts mehr gesucht habe. Obenauf liegen die Stromrechnungen, genau wie damals. Darunter ein altes Sparbuch von der Haspa, aufgelöst vor acht Jahren. Und darunter ein einfacher weisser Umschlag, auf dem mit Edding steht: „Für den, der zuerst sucht."

Nicht unterschrieben. Meine Mutter hat eine Schrift wie eine Buchhalterin, die sie ja auch war, siebenunddreissig Jahre bei einer Spedition am Hafen, jeden Container in der richtigen Spalte. Der Umschlag ist billig, so ein Dreierpack für neunundneunzig Cent aus dem Drogeriemarkt. Ich mache ihn auf.

Oben liegt ein Foto. Sie steht in einem Kleingarten in Volksdorf, vor einem Johannisbeerstrauch, mit einem Strohhut, und lacht. Neben ihr mein Vater. Er muss etwas gesagt haben, etwas Blödes wahrscheinlich, denn sie lacht so, wie sie nur gelacht hat, wenn er Witze über die Nachbarn gemacht hat. Das Foto ist fünf, sechs Jahre alt. Da lebte er noch.

Darunter liegt ein Zettel mit einer Kontonummer und einer PIN. Daneben eine handgeschriebene Notiz: „Margitta, die Nummer ist für das Extrakonto. Du weisst schon. Falls was ist."

Margitta. Ihre Nachbarin von gegenüber. Nicht ich. Nicht Lena. Nicht Jan, mein Bruder.

Ich setze mich auf den Hocker im Flur, auf dem sie immer ihre Einkaufstaschen abstellt, bevor sie die Schuhe auszieht. In der Küche summt der Kühlschrank, dieses tiefe Brummen, das ich von hundert Sonntagskaffees kenne. Aber heute klingt es anders. Heute klingt es wie etwas, das ich überhört habe.

Ich rufe bei der Haspa an. Automatische Kontostandsabfrage, ich tippe die Nummer ein, die PIN. Die Computerstimme sagt: „Ihr aktueller Kontostand beträgt… neuntausenddreihundertvierzig Euro… und sechsundfünfzig Cent."

Neuntausenddreihundert. Kein riesiges Vermögen. Aber auch kein Zufallsbetrag.

Ich lege auf. Dann sitze ich einfach da, mit dem Telefon in der Hand, und denke an den Anruf neulich.

Es war ein Sonntag vor drei Wochen, glaube ich. Ich hatte Spätschicht im Hotel Atlantic, war gerade nach Hause gekommen, und wir telefonierten. Das Übliche: wie es den Kindern geht, dass ich wieder mehr arbeite, seit Thomas ausgezogen ist und ich die Wohnung allein bezahle. Dass Paul im Fussballverein jetzt Stürmer spielt, dass Emma mit dem Pony vom Reiterhof in Volksdorf schon zweimal gestürzt ist und trotzdem weitermachen will.

Und dann habe ich es gesagt. „Mama, wir sollten mal darüber reden. Du weisst schon… was passiert, wenn du mal nicht mehr bist. Lena und ich haben darüber gesprochen. Wir wollen nicht, dass es so chaotisch läuft wie bei Papa. Dass wir nicht wissen, was du willst. Welcher Blumenschmuck, welche Musik."

Es war mir unangenehm. Natürlich. Redet man so mit seiner Mutter? Aber Papa war innerhalb von Minuten weg, einfach so, Herzinfarkt in seinem Sessel, während er die Sportschau guckte. Keiner hatte mit ihm über irgendwas gesprochen. Und ich wollte nicht noch einmal in einem Bestattungsinstitut in Eppendorf stehen und vom Typen mit den gefalteten Händen gefragt werden: „Welche Musik hätte Ihrem Vater denn gefallen? Wissen Sie das?" Ich wusste es nicht, und das war beschämender als die Rechnung hinterher.

Mama hat sofort abgeblockt. „Ach, Laura, red keinen Unsinn. Ihr werdet mich schon nicht lebendig begraben."

Und dann hat sie schnell das Thema gewechselt, und ich habe erleichtert mitgemacht, weil, ganz ehrlich, ich wollte dieses Gespräch auch nicht wirklich führen. Es war ein Häkchen auf meiner inneren To-do-Liste, mehr nicht. Erledigt, abgehakt, weitermachen.

Jetzt sehe ich diesen Umschlag. Dieses Konto. Zweihundert Euro monatlich, wie lange schon? Das weiss ich nicht, aber wenn der Dauerauftrag immer am Ersten ausgeführt wurde, und das über Jahre – ich rechne kurz. Das sind mindestens vier Jahre. Vier Jahre, in denen sie jeden Monat Geld zur Seite gelegt hat, während ich dachte, sie gibt ihre Rente für den Buchclub im Heimatmuseum und Pflanzen für den Balkon aus.

Margitta wusste es. Margitta hat die Kontonummer. Margitta soll regeln, was zu regeln ist – nicht ihre Tochter, die im Hotel arbeitet und immer knapp bei Kasse ist, nicht ihr Sohn, der Architekt in Berlin mit Kredit fürs Reihenhaus, nicht Lena, die an der Uni Hamburg Seminare gibt und zweimal im Jahr nach Island fliegt, aber nie fragt, wie es Mama eigentlich geht. Margitta. Die Nachbarin.

Bin ich sauer? Das wäre zu einfach. Es ist eher so ein Gefühl, das ich nicht einordnen kann. Ein bisschen so, wie wenn du ein Bild von dir siehst, das jemand ohne dein Wissen gemacht hat, und du erkennst dich fast, aber irgendwas stimmt nicht.

Meine Mutter hat für ihre eigene Beerdigung gespart. Im Stillen. Monat für Monat. Und sie hat es mir nicht gesagt, weil – ja, warum eigentlich?

Vielleicht weil ich gleich losgeheult hätte: „Mama, das ist doch absurd, das bezahle ich, mach dir keine Sorgen." Vielleicht weil Jan gesagt hätte: „Ich regel das, als Ältester." Und Lena hätte einen Vortrag über Würde und Selbstbestimmung gehalten. Wir drei hätten es in eine Familienkonferenz verwandelt, mit geteilten Bildschirmen und Protokoll, und am Ende hätte jemand gesagt: „Aber so teuer muss eine Beerdigung ja nun auch nicht sein, ich kenne da jemanden, der das günstiger macht." Ein Angebot. Drei Angebote. Ein Streit über das Catering. Wie damals bei Papas Leichenschmaus, als Jan und Lena sich fast angeschrien hätten, weil Jan das „Landhaus Elbwiesen" nehmen wollte und Lena meinte, das sei völlig übertrieben. Ich sass dazwischen, habe den Serviettenhalter angestarrt und nichts gesagt, weil ich seit zwanzig Jahren bei Konflikten meiner Geschwister nichts sage.

Genau davor wollte sie uns schützen. Oder sich selbst schützen. Sie wollte nicht, dass ihre letzte Angelegenheit – das Einzige, was wirklich nur ihre eigene ist – zu einer weiteren Agenda wird, die wir mit Emojis und Umfragen im Familienchat abarbeiten.

Ich lege das Foto zurück. Den Zettel mit der Kontonummer. Die Notiz für Margitta. Ich schliesse die Schublade.

Im Krankenhaus riecht es nach Desinfektionsmittel und dem Eintopf aus der Cafeteria, der seit zwanzig Jahren gleich schmeckt. Mama liegt in einem Zweibettzimmer, die Augen geschlossen, eine Kanüle in der Armbeuge. Der Monitor piept regelmässig wie ein Metronom. Ihre Hände liegen auf der Decke, diese Hände, die tausend Wäschekörbe getragen und tausend Kuchen gebacken haben. Auf dem Nachtisch steht ein Plastikbecher mit Wasser, unberührt.

Ich setze mich auf den Stuhl neben ihrem Bett, nehme ihre Hand – ganz vorsichtig, wegen der Kanüle – und warte. Nach etwa zwanzig Minuten schlägt sie die Augen auf. Sie erkennt mich sofort. Ihr Blick wandert zu meinem Gesicht, dann zum Fenster, dann zurück.

„Hast du den Schrank…", flüstert sie. Ihre Stimme ist belegt, wie durch Watte. Sie weiss genau, dass ich in ihrer Wohnung war.

„Die Versichertenkarte war in der Küche", sage ich. „Auf dem Fensterbrett. Nicht in der Schublade."

Sie nickt kaum merklich. Ihre Finger bewegen sich ein kleines bisschen in meiner Hand.

Wir sagen eine Weile nichts. Draussen fährt eine S-Bahn vorbei, quietschend auf den Schienen der Verbindungsbahn, dieses Geräusch, das zu Hamburg gehört wie der Regen.

Am nächsten Tag gehe ich wieder in ihre Wohnung, diesmal mit einem Vorsatz, den ich selbst noch nicht ganz verstehe.

Ich öffne die Schublade, hole den Umschlag heraus und lege ihn auf den Küchentisch. Dann schreibe ich eine Überweisung aus. Keine riesige Summe – zweihundert Euro. Auf das Extrakonto.

In den Verwendungszweck schreibe ich: „Für den Kaffee danach. L."

Ich stecke den Überweisungsbeleg in den Umschlag, obenauf, so dass er das erste ist, was man sieht. Dann lege ich den Umschlag zurück in die Schublade, unter die Stromrechnungen.

Ich rufe Jan nicht an. Ich rufe Lena nicht an. Ich poste nichts in die Familiengruppe.

Sechs Tage später kommt Mama nach Hause. Sie muss sich noch schonen, sagt der Arzt, Blutdruckmedikamente, jeden Tag ein bisschen Bewegung. Ich fahre sie vom UKE nach Eimsbüttel, parke den Wagen in der zweiten Reihe, bringe sie die drei Stufen zur Haustür hoch.

Margitta steht schon in ihrer Tür, riecht nach kaltem Rauch und Zimt, sagt: „Ingrid, du siehst ja richtig gut aus. Komm, ich hab einen Tee aufgesetzt." Mama nickt ihr zu, ein Blick, an dem ich nicht teilhabe. Ein kurzer, fester Blick zwischen zwei Frauen, die etwas wissen, das ich erst begreifen musste.

Ich helfe ihr in den Sessel im Wohnzimmer, den gleichen Sessel, in dem Papa damals sass. Sie schaut sich um, als sähe sie die Wohnung zum ersten Mal. Dann sagt sie: „Du hast den Überweisungsbeleg gefunden."

„Ja. Hab ich."

Wieder Stille. Aber diesmal ist sie weicher. Auf dem Couchtisch liegt die Fernsehzeitung, aufgeschlagen bei Dienstag. Daneben eine angebissene Zitronenschale von ihrem Tee, schon ganz hart.

„Du musst das nicht", sagt sie leise.

„Ich weiss."

Ich küsse sie auf die Stirn – ihre Haut riecht nach Krankenhausseife – und gehe. An der Tür drehe ich mich noch einmal um. Sie hat die Fernbedienung in der Hand, aber sie schaut nicht auf den Fernseher. Sie schaut auf die Kommode im Flur.

Nächsten Monat geht der Dauerauftrag wieder raus. Zweihundert Euro. Von meinem Konto diesmal.

Sie wird es merken. Sie hat ihr ganzes Berufsleben lang Container gezählt, einer fehlt ihr nicht auf. Aber ich glaube, sie wird nichts sagen. So wie sie nichts gesagt hat, als ich das letzte Mal gefragt habe.

Manche Dinge regelt man nicht. Man tut sie einfach. Und dann schliesst man die Schublade und weiss, dass sie da sind, falls jemand sucht.

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Uniad
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