Markus’ zweiter Hochzeitstag

Markus' zweiter Hochzeitstag

Als der Oberarzt mich im Flur der Uniklinik Freiburg anhielt, war ich auf dem Weg zur Cafeteria, um mir den dritten Kaffee an diesem Morgen zu holen. Ich dachte, es ginge um irgendein Formular. Es ging um etwas anderes. „Ihr Mann hat mich vor zwei Wochen gebeten, Ihnen etwas zu geben. Aber erst danach.“ Er drückte mir ein Kuvert in die Hand. Markus' Schrift. Ich habe es nicht aufgemacht. Kaffee habe ich auch keinen geholt.

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Markus und ich. Fast fünf Jahre verheiratet. Wir hatten einen Altbau in der Wiehre, eine Katze namens Bert, und auf dem Küchentisch stand ein Ultraschallbild, das wir uns jeden Abend anguckten. Ich war im sechsten Monat. Es sollte ein Mädchen werden.

An einem Dienstag im März bekam Markus die Diagnose. Die Ärzte sagten, er hätte Glück, wenn es bis zum Sommer reicht. Ich weiß noch, dass ich nach dem Gespräch im Auto saß und die Klimaanlage nicht anbekam, weil meine Hände so gezittert haben.

Ein paar Tage später saßen wir auf dem Balkon. Dämmerung, April, die Magnolie im Hof hat geblüht. Markus legte seine Hand auf meinen Bauch.

„Ich will spenden."

Ich habe nicht sofort verstanden, was er meint. Es war halb zehn abends, unter uns hat jemand Nudeln gekocht, der Geruch zog hoch.

„Was willst du spenden?", fragte ich.

„Alles, was man noch gebrauchen kann. Wenn es so weit ist."

„Hör auf", habe ich gesagt. Nicht laut. Nur müde. „Bitte hör auf damit. Sie tritt gerade. Spürst du das?"

„Genau deshalb", sagte er.

Ich musste in dem Moment an unser zweites Date denken. Markus hatte mir eine Tüte Gummibärchen mitgebracht, weil er vergessen hatte, was ich mag, und einfach alle Sorten gekauft hatte. „Zur Sicherheit", hatte er gesagt.

Auf dem Balkon nahm er wieder meine Hand. „Wenn ich unsere Tochter nicht aufwachsen sehen kann, dann vielleicht dafür sorgen, dass ein anderer Vater es kann. Bei seinem Kind. Ein bisschen mehr Zeit. Nur das."

Ich habe geweint. Natürlich habe ich geweint. Aber ich habe auch genickt.

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Danach ging alles schneller, als wir dachten. Im achten Monat wurde ich von seiner Krankengymnastin zu Hause betreut, weil ich selbst kaum noch laufen konnte. Markus half mir aus dem Bett. Wir waren zwei Leute aufeinander angewiesen. Morgens saß er am Fenster und guckte den Straßenbahnen nach. „Die Linie 5 ist pünktlicher als neulich", sagte er. So redet einer, der nicht mehr viel Zeit hat: über Kleinigkeiten, weil alles andere zu groß ist.

Dann kam der Anruf nachts um kurz vor eins. Ich schaffte es gerade noch ins Krankenhaus.

In den letzten Tagen hat Markus zweimal allein mit einem Arzt gesprochen. Er sagte, er müsse etwas regeln. „Vertrau mir einfach", meinte er. Ich habe nicht nachgefragt. Wenn man jemanden beim Sterben begleitet, lernt man, dass manche Zimmer nicht mehr für einen offen stehen.

Er starb an einem Donnerstag, siebzehn Uhr vierzig. Draußen war Gewitter. Ich saß an seinem Bett und hielt seine Hand, bis die Schwester kam und ganz ruhig sagte, ich könne noch bleiben, solange ich wolle. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort gesessen habe.

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Die Papiere unterschrieb ich eine Stunde später. Die Frau von der Koordinierungsstelle war ruhig und erklärte mir alles zweimal: dass nicht alle Organe geeignet seien, dass man das erst prüfe, dass ich jederzeit nein sagen könne. Meine Hand war ruhig. Es war die einzige ruhige Sache an mir.

Als ich aus dem Aufzug in den Flur trat, kam er mir entgegen. Der Arzt. Vielleicht war er mir die ganze Zeit gefolgt; er war außer Atem.

„Frau Berger, einen Moment noch."

Er hielt mir das Kuvert hin. Mein Vorname darauf, mit Kugelschreiber, ein bisschen krakelig. Markus hatte in den letzten Wochen schlecht schreiben können, die Finger wurden taub.

„Er hat gesagt, erst danach", sagte der Arzt.

Ich hatte keine Worte. Ich weiß nur noch, dass der Kuvertboden ein bisschen feucht war. Er hatte ihn wohl die ganze Zeit in der Kitteltasche gehabt.

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Den Brief habe ich erst am nächsten Morgen gelesen.

Ich saß in der Küche. Bert lag auf dem Stuhl neben mir. Der Luftballon, den mir die Nachbarin zur Geburt des Kindes geschenkt hatte, war noch nicht da. Draußen fuhr ein Bäckerfahrzeug von Fünfkorn vorbei.

Der Brief war nicht lang.

„Wenn du das liest, habe ich es nicht geschafft. Es tut mir leid. Mehr kann ich nicht sagen, und weniger wäre gelogen. Ich hätte ihr gern die Schuhe zugebunden. Ich hätte gern gehört, wie sie lacht, wenn du Quatsch mit ihr machst. Und an dem Tag, an dem sie dir sagt, dass sie verliebt ist, hätte ich dir gern einen Sekt geholt, selbst wenn es nur der billige aus dem Supermarkt gewesen wäre."

Ich las weiter. Meine Brille war an der Nase heruntergerutscht. Ich ließ sie da.

„Es gibt noch etwas. Ich habe den Arzt gebeten, dir nicht zu sagen, wohin meine Nieren gehen. Nicht, weil es dich nichts angeht, sondern weil ich nicht will, dass du eines Tages vor einer Tür stehst und einen fremden Mann anstarrst, der dank mir Fußball schauen kann. Ich wollte, dass meine Spende etwas anderes ist. Einfach ein Funke. Du musst nicht wissen, wessen Haus davon warm wird. Du sollst nur wissen: Irgendwo auf der Welt ist heute einer beim Abendessen, der letztes Jahr noch nicht sicher war, ob er Weihnachten erlebt. Wegen dir. Weil du unterschrieben hast. Das wollte ich dir noch sagen."

Mehr stand nicht da. Kein Abschied am Schluss, kein „Dein Markus". Nur ein kleiner Fleck, wo die Tinte verschmiert war, als hätte er die Hand noch einmal abgelegt.

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Ich habe den Brief in die Küchenschublade gelegt. Nicht unter Glas oder in einen Bilderrahmen. In die Schublade neben die Schraubenzieher und das alte Handyladekabel. Klingt herzlos, aber ich wollte, dass er greifbar bleibt. Ein Brief hinter Glas wird ein Denkmal. Ein Brief in der Küchenschublade bleibt ein Brief.

Vier Wochen später habe ich entbunden. Die Hebamme hieß Katja. Sie war die Ruhe selbst.

Als ich unsere Tochter zum ersten Mal im Arm hielt, hat sie geschrien wie verrückt.

Ich habe gewartet, bis sie ruhig wurde. Dann habe ich gesagt: „Dein Papa konnte nicht bleiben. Aber er hat dafür gesorgt, dass seine Liebe woanders weitergeht."

Das habe ich wirklich gesagt. Nicht im Stillen. Meine Stimme war belegt, aber ich habe es ausgesprochen, damit es irgendwo ankommt. Vielleicht nur bei mir.

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Später, viel später.

Unsere Tochter heißt Emilia. Markus wollte zunächst Paulina, aber als wir im Badezimmer zum ersten Mal den Namen diskutierten, lachte er und sagte: „Emilia klingt wie ein Mädchen, das beim Einparken die Ruhe behält." Er hatte einen seltsamen Humor. Emilia lernte Singen, nicht Einparken.

Übermorgen wäre unser siebter Hochzeitstag gewesen. Der zweite, den ich ohne ihn begehe, seit ich angefangen habe, das Datum wieder im Kalender anzustreichen.

Vor drei Wochen ist etwas passiert.

Ich war bei der Post. Emilia, inzwischen vier, stand neben mir und hielt einen Briefumschlag, auf den sie eine Briefmarke kleben wollte. Sie fragte, ob man Briefe auch schicken kann, wenn einer schon im Himmel ist.

Die Frau am Schalter vor mir drehte sich um. Vielleicht weil ich einen Moment lang nichts gesagt habe.

Dann hörte ich mich antworten: „Ja. Man kann sie schicken. Manche Briefe kommen an, auch wenn man keine Antwort kriegt."

Wir haben die Marke gekauft. Sie hat einen Fuchs darauf. Ich habe sie in die Manteltasche gesteckt.

Zu Hause habe ich den Brief von Markus noch einmal gelesen, zum ersten Mal seit Jahren. Dann habe ich zwei Dinge getan.

Erstens: Ich habe bei der Uniklinik angerufen und nach einer anonymen Selbsthilfegruppe für Angehörige von Organspendern gefragt. Am Telefon sagte eine Frau: „Jeden zweiten Dienstag, um neunzehn Uhr, Raum C14." Ich habe mir die Nummer auf den Briefumschlag mit der Fuchsmarke notiert.

Zweitens: Ich habe die Küchenschublade aufgeräumt. Die Schraubenzieher kamen in eine Kiste. Das kaputte Ladekabel flog in den Müll. Und der Brief blieb. Ganz vorne. So dass ich ihn rausnehmen kann, ohne etwas verrutschen zu lassen.

Ich weiß, irgendwo in Deutschland steht jetzt einer am Herd und kocht für seine Kinder, weil Markus nicht mehr da ist. Ein Vierjähriger lernt Fahrrad fahren, ein alter Mann guckt am Samstagabend Tatort. Ich weiß nicht, wen es betrifft. Ich will es nicht wissen.

In Raum C14 stehen zwölf Stühle im Kreis, ein Kaffeeautomat surrt in der Ecke, und jeden zweiten Dienstag erzählt irgendeine Frau, irgendein Mann von seinem Menschen. Letzte Woche sprach ein Mann aus Kehl von seiner Frau, die ihre Hornhaut gespendet hatte. Er sagte, er stelle sich manchmal vor, wie jemand irgendwo zum ersten Mal seit Jahren wieder klar sieht. Dann trinkt er seinen Kaffee aus dem Pappbecher aus und sagt nichts mehr, den ganzen Abend nicht.

Emilia fragt ab und zu: „Mama, können wir noch eine Marke kaufen?" Dann kaufe ich für uns beide eine Capri-Sonne am Kiosk und sage: „Heute kaufen wir zwei Marken. Eine für Papa, eine für den Fuchs. Der Fuchs hat nämlich Geburtstag, glaube ich." Und sie lacht, die Kleine, als hätte sie den Witz verstanden, hält die zwei Marken hoch wie zwei kleine Fahnen und rennt damit zur Kasse.

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Uniad
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