Sylvias Feuerzeug

Ich putze seit vierzehn Jahren die Ferienwohnungen am Timmendorfer Strand, Haus Möwennest, sechs Einheiten, und in dieser Woche im August hatte ich die Nummer vier gebucht bekommen, weil eine Familie aus Köln nachträglich ein Zimmer dazu gemietet hatte. Ich sollte nur die Handtücher austauschen und den Kühlschrank auffüllen, bevor die alte Dame ankam. Karin hieß sie, Karin Brenneke, dreiundsechzig, und sie war schon da, als ich mit dem Wagen vorfuhr, saß auf der Terrasse und pulte an einem Fischbrötchen herum, das sie sich vom Kiosk unten geholt hatte. Möwen kreisten über dem Papier, sie scheuchte sie mit der freien Hand weg, ohne aufzuschauen.

Ich kannte die Familie flüchtig, weil ich das Haus schon zwei Sommer zuvor betreut hatte. Der Sohn, Torben, arbeitete irgendwas mit Versicherungen in Lübeck, seine Frau Denise war die, die immer die Anweisungen gab — wie die Handtücher gefaltet sein sollten, dass die Kaffeemaschine bitte entkalkt wird, solche Dinge. Sie war höflich zu mir, aber auf eine Art, bei der man merkt: die Höflichkeit ist für sich selbst bestimmt, nicht für einen.

Am zweiten Abend saß ich noch spät im Haus, weil die Spülmaschine in Nummer drei streikte und der Vermieter mich gebeten hatte, vor Mitternacht noch mal zu schauen. Durch die offene Terrassentür von Nummer vier hörte ich, wie es lauter wurde beim Abendessen. Currywurst-Geruch aus der Küche, ein Kind quengelte irgendwo im Nachbarhaus, ganz normale Ferienlaute. Und dann, mitten drin, Denises Stimme, die nicht mehr höflich war.

„Mit dreiundsechzig, ernsthaft? Du bist am Strand rumgelaufen, so angezogen?"

Ich blieb im Flur stehen, den Werkzeugkoffer noch in der Hand. Man hört sowas nicht gern mit an, aber man hört es trotzdem. Denise hielt offenbar ihr Handy hoch, denn ich hörte das Klacken der Bilder, die durchgewischt wurden. „Das ist wirklich peinlich. Stell dir vor, das würde jemand ins Internet stellen."

Niemand am Tisch sagte etwas. Ich kannte das Schweigen — das kurze, verlegene Schweigen, das entsteht, wenn eine Familie merkt, dass gerade etwas Unumkehrbares gesagt wurde, und keiner den Mut hat, es aufzuhalten. Dann Denises letzter Satz, ruhiger, fast zufrieden: „Manchmal muss man den Leuten einfach die Wahrheit sagen."

Frau Brenneke antwortete nicht laut. Ich hörte nur ihren Stuhl, ein kurzes Scharren auf den Fliesen, und dann ihre Stimme, so leise, dass ich sie kaum verstand: „Weißt du was, Denise? Vielleicht hast du recht."

Ich ging weiter zur Spülmaschine, wollte mich nicht wie eine Lauscherin fühlen. Aber ich dachte an den Bikini, den ich am Nachmittag über der Reling der Terrasse hatte hängen sehen, dunkelblau mit kleinen weißen Punkten, zum Trocknen ausgebreitet neben einem Strohhut. Sah aus wie ein Bikini, den sich meine eigene Tochter kaufen würde. Nichts Auffälliges.

Die Spülmaschine ließ sich reparieren, ein Sieb war verstopft, Fischgräten vermutlich. Als ich gegen halb elf zurück zum Auto ging, sah ich Licht auf der Terrasse von Nummer vier. Frau Brenneke saß allein draußen, in einem Bademantel, das Handy vor sich auf dem Plastiktisch, die Bildschirmhelligkeit auf ihrem Gesicht. Sie tippte lange. Löschte, tippte wieder. Ich dachte, sie schreibt vielleicht eine wütende Nachricht an ihren Sohn, so wie man das eben denkt, aber ihr Gesicht sah dabei nicht wütend aus. Eher wie jemand, der eine Rechnung aufmacht, die er zu lange vor sich hergeschoben hat.

Am nächsten Morgen war ich früh da, wegen der Handtücher für Nummer zwei. Der Frühstückstisch bei Familie Brenneke stand schon draußen, Brötchen vom Bäcker unten an der Strandpromenade, die Thermoskanne mit Kaffee, ein Glas Nutella, das offen herumstand mit Fliegen drumherum. Denise erzählte gerade irgendwas von einem Fischrestaurant in Niendorf, das sie unbedingt noch ausprobieren wollte, hielt ihr Handy hoch und zeigte Fotos von der Karte herum.

Dann summte ihr Telefon. Sie schaute kurz drauf, so wie man das eben tut zwischen zwei Sätzen. Und ihr Gesicht veränderte sich. Nicht dramatisch, nicht wie im Film — eher so, wie wenn jemand beim Autofahren plötzlich merkt, dass er die Ausfahrt verpasst hat. Sie las die Nachricht ein zweites Mal. Ihre Finger wurden fest um das Handy.

Ihr Mann, Torben, hatte ihr offenbar gerade etwas weitergeleitet. Ich stand mit dem Wäschekorb am Gartentor und tat, als würde ich die Wäscheleine überprüfen. „Denise?", fragte er. Sie antwortete nicht. „Denise, was ist los?"

Sie hob den Blick nicht sofort. Als sie es tat, sah sie direkt zu Frau Brenneke hinüber, die in aller Ruhe Butter auf ihr Brötchen strich, mit dem Rücken zur Sonne, die Sonnenbrille noch auf der Stirn hochgeschoben. Kein Lächeln in Denises Gesicht mehr, keine Zeitschriftenpose. Nur diese Blässe, die sich wirklich über das ganze Gesicht zieht, bis in die Ohren.

„Was hast du getan?", flüsterte sie.

Frau Brenneke nahm ihre Kaffeetasse, trank einen Schluck, stellte sie zurück auf die Untertasse. „Ich habe meine Meinung geändert."

„Wozu?"

„Zu dem Geld."

Und da erst begriff ich, worum es überhaupt ging, weil Torben es dann laut sagte, mit einer Stimme, die brach: „Mama — und die Hausfinanzierung?"

Später, als ich das Gespräch zwischen den Zimmern zusammensetzte — man hört als Putzfrau mehr, als einem lieb ist, vor allem, wenn man den Rasen vor der Terrasse mähen soll, während drinnen die Türen offenstehen — verstand ich das ganze Bild. Frau Brenneke hatte den beiden vor drei Wochen sechzigtausend Euro als Anzahlung für ein Reihenhaus in Lübeck-Travemünde zugesagt, echtes Geschenk, kein Darlehen, dazu die monatliche Zuzahlung zur Restschuld ihres jetzigen Hauses seit über einem Jahr. Denise hatte sie damals umarmt, sich bedankt, sie „die großzügigste Schwiegermutter der Welt" genannt.

Jetzt saß sie am Frühstückstisch und ihre Stimme kippte in etwas Schrilles. „Du machst das wegen so einer dummen Bemerkung?"

„Nein", sagte Frau Brenneke, „ich mache das, weil mir gestern Abend etwas klargeworden ist, was ich schon vor Jahren hätte begreifen sollen."

„Du bist dreiundsechzig! Du sahst lächerlich aus in dem Ding!"

Ich stand mit der Rechenharke am Gartenzaun und tat, als würde mich das nichts angehen, aber ich sah, wie Frau Brenneke die Sonnenbrille von der Stirn herunterzog, ganz langsam, und Denise damit ansah. „Und trotzdem war ich alt genug, damit du mein Geld jeden Monat angenommen hast."

Keiner am Tisch sagte etwas. Der kleine Enkel, der neben Torben saß, hörte auf, mit seinem Löffel gegen die Tasse zu klopfen. Denises Gesicht wurde rot, richtig rot, bis zum Haaransatz.

Frau Brenneke stand auf, faltete ihre Serviette, legte sie neben den Teller. Sie ging ins Haus, kam mit ihrer Strandtasche zurück, und ich sah, wie unter dem Sonnenhut der Träger des dunkelblauen Bikinis hervorschaute, desselben, den ich am Vortag hatte trocknen sehen.

An der Gartenpforte blieb sie stehen, drehte sich noch einmal um. „Du hattest in einer Sache recht, Denise."

Denise starrte sie an, ohne ein Wort.

„Ich sollte mich für nichts schämen." Sie setzte die Sonnenbrille auf. „Und ab heute tue ich das auch nicht mehr."

Dann ging sie den Plattenweg zum Strandübergang runter, vorbei an meinem Wäschekorb, und nickte mir kurz zu, so wie man einer Nachbarin zunickt, mehr nicht. Ihre Schwester — die war tags zuvor mit dem Zug aus Kiel angereist — kam ihr mit einem Handtuch über der Schulter hinterher gelaufen und lachte laut über irgendetwas, das ich nicht mitbekam.

Ich blieb noch, um den Frühstückstisch abzuräumen, weil Denise einfach sitzen blieb, das Handy in der Hand, ohne es noch einmal anzusehen. Torben rührte in seinem kalten Kaffee, ohne zu trinken.

Ich habe die vier noch zweimal betreut, in den Sommern danach, aber nie wieder als eine Familie in derselben Wohnung. Im Jahr darauf kam Frau Brenneke allein, mit ihrer Schwester, mietete Nummer sechs mit Meerblick, bezahlte bar und in einer Rate, nicht auf Kredit. Ich fragte sie beim Blumengießen nebenbei, wie es dem Sohn ginge. Sie sagte, das Haus in Travemünde hätten sie sich am Ende doch noch gekauft, kleiner als geplant, mit einer Bank statt mit ihr. Und dass sie selbst seit letztem Herbst wieder zum Aquafitness gehe, dienstags und donnerstags, im Hallenbad am Ostseering. Mehr sagte sie nicht dazu, und ich fragte nicht weiter.

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