Ich heiße Sabine, bin einundvierzig, und bis vor sechs Wochen dachte ich, mein Mann Torsten und ich hätten eine gute Ehe. Zwanzig Jahre, zwei Kinder, ein Reihenhaus in Warnemünde mit Blick auf die Mole, wenn man sich weit genug aus dem Küchenfenster lehnte. Wir waren nach Warnemünde gefahren, nur wir zwei, zum ersten Mal seit der Geburt unserer Tochter ohne Kinder im Schlepptau. Fünf Tage, eine Pension mit Frühstücksbuffet, auf dem es immer Rührei gab, das nach nichts schmeckte, und Milchkaffee in Tassen mit Ankermotiv.
Am zweiten Abend bat ich Torsten, ein Foto von mir zu machen. Ich stand am Geländer der Strandpromenade, das Ostseelicht lag orange auf dem Wasser, und ich hatte extra das grüne Kleid angezogen, das ich seit dem Sommer davor nicht mehr getragen hatte. Er hob das Handy, senkte es wieder.
„Ich hab keine Lust drauf."
Mehr nicht. Ich lachte es weg, sagte irgendwas von wegen dann eben nicht, und aß mein Fischbrötchen zu Ende, das plötzlich nach Pappe schmeckte. Aber es blieb hängen. Diese vier Worte legten sich in mir ab wie Sand in einer Nische, den man erst Tage später wiederfindet.
Von da an fiel mir auf, was mir vorher entgangen war. Torsten und sein Handy. Er tippte unter dem Tisch, kicherte in sich hinein wie ein Teenager, der etwas verbirgt, und sobald ich mich näherte, wurde der Bildschirm dunkel. Beim Frühstück, beim Spaziergang zum Leuchtturm, sogar nachts, wenn er dachte, ich schliefe schon. Ich sagte nichts. Ich beobachtete nur, so wie man eine Wunde beobachtet, von der man noch nicht weiß, ob sie sich entzündet.
Der Bruch kam am vierten Abend. Torsten stand unter der Dusche, ich hörte das Wasser durch die dünne Pensionswand, und sein Handy lag auf dem Nachttisch, nicht gesperrt, der Chat mit seinem Kumpel Frank noch offen. Ich griff danach, ohne lange nachzudenken, so wie man nach etwas greift, das man schon zu lange liegen lässt.
Frank: Und, wie läufts im Urlaub mit der Alten?
Torsten: Stell dir vor, sie will unbedingt, dass ich sie fotografiere, dabei passt die kaum noch ins Bild. Seit der zweiten Schwangerschaft nicht wiederzuerkennen, ehrlich.
Ich las den Satz dreimal. Nicht weil ich ihn nicht verstand, sondern weil ich hoffte, beim dritten Mal würde er anders dastehen. Er stand nicht anders da. Ich legte das Handy zurück, genau an die Stelle, an der es gelegen hatte, den Ladekabel-Winkel exakt wie zuvor. Als Torsten aus dem Bad kam, fragte er, ob ich noch runter wolle, ein Bier trinken am Hafen. Ich sagte, ich sei müde. Das war nicht gelogen. Nur nicht auf die Art, die er meinte.
Am nächsten Morgen wachte ich vor ihm auf. Draußen roch es nach Tang und nach dem Diesel der Fischkutter, die zur Frühschicht ausliefen; irgendwo klapperte eine Möwe auf dem Fensterbrett gegen das Glas, als wollte sie mich erinnern, dass der Tag schon angefangen hatte, ob ich wollte oder nicht. Ich ließ Torsten schlafen. Zog das rote Kleid an, das ich seit Jahren im Schrank hatte hängen lassen, weil ich dachte, mein Bauch sei nicht mehr dafür gemacht — der Bauch, unter dem zwei Kinder gelegen hatten, neunzehn und siebzehn Jahre alt inzwischen. Ich ging allein an den Strand.
Ich hielt mein Handy selbst in der Hand, diesmal. Machte ein Foto von mir mit dem Leuchtturm im Hintergrund. Eins, auf dem der Wind mir die Haare quer übers Gesicht wehte und ich trotzdem lachte, weil es einfach komisch aussah. Eins von meinen Beinen im Sand, mit den Dehnungsstreifen, die niemand retuschiert hatte. Ich sah mir die Bilder an, eins nach dem anderen, auf der kleinen Bank vor dem Fischerhäuschen, wo ein alter Mann seinem Dackel Bratwurstreste zusteckte, als beobachte niemand ihn dabei. Zum ersten Mal seit Jahren fand ich mich nicht zu dick, nicht zu alt, nicht zu wenig. Ich fand mich da.
Den Rest des Urlaubs zog sich hin wie ein zu langes Telefonat, in dem beide wissen, dass eigentlich schon alles gesagt ist. Torsten merkte, dass etwas anders war, fragte zweimal, ob alles in Ordnung sei, und ich sagte beide Male ja. Wieder keine Lüge. Nur nicht auf die Art, die er meinte.
Zurück in Warnemünde — zurück zu Hause, meine ich, denn wir wohnen wirklich dort, keine Ferienadresse — packte ich am Sonntagabend nicht aus, sondern um. Ich holte den Aktenordner aus dem Sekretär, in dem die Kontoauszüge lagen, und legte ihn auf den Küchentisch, neben die Kaffeekanne, die noch von morgens dort stand. Ich hatte auf mein eigenes Konto gespart, unbemerkt, seit vier Jahren, aus dem Haushaltsgeld, das er mir monatlich überwies und nie kontrollierte, weil er dachte, das interessiere ihn nicht. Zwölftausendachthundert Euro. Nicht viel. Genug für eine eigene Wohnung, drei Monatsmieten Kaution und die ersten Monate, bis mein Halbtagsjob in der Apotheke wieder auf Vollzeit lief.
Ich sagte es ihm am Montag, nach der Arbeit, als er noch die Schuhe auszog im Flur. Kein Geschrei. Ich hielt ihm das Handy hin, den Screenshot, den ich mir am vierten Urlaubstag doch noch gemacht hatte, bevor ich es zurücklegte, für den Fall, dass ich später zweifeln würde, ob ich es mir nur eingebildet hatte.
„Ich zieh aus. Ende des Monats."
Er sagte, das sei doch nur Gerede unter Kumpels gewesen, das hätte nichts zu bedeuten. Ich sagte, dass genau das das Problem sei — dass es für ihn nichts bedeutet hatte, mich vor einem anderen Mann kleinzumachen, während ich neben ihm saß und mir Mühe gab, schön zu sein für ihn.
Die Wohnung habe ich mittlerweile, zwei Zimmer über einem Nagelstudio in der Nähe des alten Leuchtturms, mit Blick auf einen Hinterhof statt aufs Meer, aber mit einem Badezimmerspiegel, in dem ich mich morgens ansehe, bevor ich mich anziehe. Das rote Kleid hängt jetzt vorne im Schrank, nicht hinten. Und auf meinem Handy, als Startbild, ist das Foto vom Leuchtturm, an dem der Wind mir die Haare ins Gesicht geweht hat. Ich habe es mir selbst gemacht.
