„Oma Ingrid hat mich großgezogen von ihrer Rente und dem Kindergeld – wir hatten wenig, aber mir hat nie eine Mutter gefehlt."
Jendrik war siebzehn, als er das zum ersten Mal laut sagte – bei der Abschlussfeier der Realschule in Güstrow, vor gut hundert Leuten, mit einem Blatt Papier, das in seiner Hand zitterte. Seine Großmutter saß in der dritten Reihe, in ihrem einzigen guten Mantel, und hielt eine Packung Taschentücher fest umklammert, als würde sie sie gleich brauchen.
Sie brauchte sie.
Angefangen hatte alles neun Jahre vorher, an einem Novembertag, an dem der Wind vom Bodden her über die Felder pfiff und Ingrid Wessling einen Anruf ihrer Tochter bekam. „Nur für ein paar Wochen, Mama. Wir müssen das in Rostock erst klären, dann holen wir ihn." Der Junge war acht, hatte einen Rucksack mit drei T-Shirts und ein Kuscheltier, dem ein Ohr fehlte.
Aus den Wochen wurden Monate. Aus den Monaten wurden Jahre. Irgendwann, an einem Sonntagabend, während Jendrik am Küchentisch Matheaufgaben machte und sie Kartoffeln schälte, wusste Ingrid, dass niemand mehr kommen würde. Sie hat es ihm nie so gesagt. Sie hat einfach weitergemacht.
Die Wohnung war zweieinhalb Zimmer über einer ehemaligen Bäckerei, die seit Jahren leer stand – man roch morgens noch manchmal etwas wie altes Mehl im Treppenhaus, obwohl da längst nichts mehr gebacken wurde. Ihre Rente lag bei knapp 780 Euro. Dazu kam das Kindergeld. Sie rechnete jeden Abend am Küchentisch, unter der Lampe mit dem Wackelkontakt, die man anstupsen musste, damit sie nicht flackerte: Strom, Heizöl, Jendriks Medikamente gegen sein Asthma. Was übrig blieb, war für Sonntagsbraten. War nichts übrig, gab es Kartoffeln mit Quark, oder Grüne-Bohnen-Eintopf, den sie in großen Töpfen kochte und portionsweise einfror.
Er hatte kein neues Smartphone. Keine Markenschuhe. Manchmal trug er die Jacke von einem Nachbarsjungen, zwei Nummern zu groß, damit sie noch ein Jahr hielt. Aber hungrig ist er nie zur Schule gegangen. Nie.
Morgens um sechs war sie wach, immer vor ihm.
„Jendrik, nun steh auf, sonst kommst du wieder zu spät!"
„Fünf Minuten noch, Oma."
„Bei dir sind fünf Minuten eine halbe Stunde!"
Sie schmierte ihm zwei Scheiben Schwarzbrot, steckte einen Apfel und manchmal ein Stück Streuselkuchen in die Brotdose, und an der Tür kam immer dieselbe Frage: „Hausaufgaben eingepackt? Schlüssel dabei? Geld für den Bus?" Er lachte dann jedes Mal. „Alles da, Oma." – „Na, dann geh mit Gott."
Wenn er traurig aus der Schule kam, hat sie es sofort gemerkt, noch bevor er die Wohnungstür richtig zugemacht hatte.
„Was ist los?"
„Nichts."
„Mich belügst du schlecht, mein Junge."
Dann erzählte er. Von Klassenkameraden, die fragten, wo seine Eltern seien. Von der Scham, die er manchmal spürte, wenn beim Elternsprechtag alle mit Mutter und Vater kamen und er mit einer alten Frau in geblümter Bluse.
Mit zehn hat er sie einmal gefragt, an einem Regentag, als sie beide am Fenster saßen und den Tropfen zusahen: „Oma, warum wollten die mich nicht?"
Ingrid hat lange nichts gesagt. Sie hat ihre Hände in der Schürze verknotet, dann wieder gelöst. Schließlich hat sie sich neben ihn gesetzt.
„Ich habe dich gewollt. Vom ersten Tag an. Und ich werde dich wollen bis zu meinem letzten."
Diesen Satz hat Jendrik nie vergessen.
Mit vierzehn, als andere in seiner Klasse für jeden Kram Geld verlangten, fragte er nur: „Oma, geht's diesen Monat?" Wenn sie sagte, es sei knapp, hat er nie wieder nachgefragt. Mit sechzehn fing er an, bei Nachbarn auszuhelfen – Rasen mähen, Holz stapeln, im Garten der alten Frau Kowalski Unkraut jäten. Wenn er zehn oder zwanzig Euro bekam, kam er stolz nach Hause.
„Guck, Oma!"
„Das behältst du für dich."
„Nein. Die Hälfte für mich, die Hälfte für dich."
„Ich hab doch meine Rente!"
„Und ich hab meine Oma. Sind wir quitt."
So war Jendrik. Die Leute im Viertel mochten ihn. Er grüßte die alten Männer vor dem Kiosk, half ohne dass man fragen musste. Er hat sich nie für seine Oma geschämt. Im Gegenteil. Wenn Mitschüler fragten, wer ihn großgezogen hat, sagte er mit erhobenem Kinn: „Meine Oma."
Seine Klassenlehrerin, Frau Brenner, hat einmal zu Ingrid gesagt, beim Elternabend, zwischen Tür und Angel: „Frau Wessling, seien Sie stolz. Sie haben einen Jungen großgezogen, wie man ihn selten findet." Ingrid ist mit nassen Augen nach Hause gegangen. Als Jendrik fragte, warum sie weine, hat sie es abgetan: „Mir ist was ins Auge geflogen." – „Klar. In beide gleichzeitig."
Im Jahr, als er siebzehn wurde, fing er an, über die Zukunft nachzudenken. Wollte die Schule fertig machen, dann eine Ausbildung zum Elektriker anfangen. Und einen Plan hatte er, von dem er ständig sprach.
„Wenn ich mein erstes Gehalt kriege, kaufst du kein Heizöl mehr von deiner Rente."
„Hör sich das einer an! Und was soll ich dann mit der Rente machen?"
„Was du willst. Dir was gönnen."
Sie lachte nur. „Was soll ich mir in meinem Alter noch kaufen?"
Er wurde ernst. „Alles, was du dir nicht gekauft hast, solange du mich großgezogen hast."
Dann schwieg sie. Denn sie wusste genau, wie viel sie zurückgestellt hatte. Ein Paar Winterstiefel, zwei Jahre aufgeschoben. Einen Wintermantel, den sie sich schließlich beim Roten Kreuz für vier Euro besorgte, statt neu. Einmal ihre eigenen Blutdrucktabletten drei Tage später gekauft, damit Jendrik mit auf Klassenfahrt nach Usedom konnte. Das alles hat er erst später erfahren, als er schon größer war.
An jenem Novembermorgen, an dem er die Abschlussrede hielt, war das alles noch vor ihm. Aber der Herbst, in dem er achtzehn wurde, brachte etwas, das niemand erwartet hatte.
Es war ein Dienstag im September, kalt genug für die erste Heizperiode, als ein Brief im Kasten lag. Kein gewöhnlicher Brief – ein Schreiben vom Jugendamt Rostock, weitergeleitet über die Kreisverwaltung Güstrow. Jendriks leibliche Mutter, Steffi, meldete sich. Nach neun Jahren Funkstille. Sie schrieb, es täte ihr leid, sie habe sich „gefangen", habe jetzt eine feste Stelle in einer Fischfabrik in Sassnitz, einen neuen Partner, eine kleine Wohnung – und sie wolle ihren Sohn zurück. Rechtlich, stand da, habe sie als leibliche Mutter Anspruch auf Umgang, jetzt, wo er volljährig sei, könne er ja selbst entscheiden, aber sie „bitte um ein Gespräch, bevor er sich entscheidet, wo er hingehört".
Ingrid hat den Brief zweimal gelesen, am Küchentisch, unter derselben wackelnden Lampe. Dann hat sie ihn zusammengefaltet und ihn Jendrik gegeben, ohne ein Wort dazu.
Er ist eine Woche lang still gewesen. Ist nach der Schule nicht gleich nach Hause gekommen, sondern am Inselsee entlanggelaufen, allein, bis es dunkel wurde. Ingrid hat nichts gefragt. Hat nur jeden Abend das Essen warmgehalten und den Fernseher laufen lassen, obwohl sie ihn nicht ansah – die Lokalnachrichten aus Schwerin, immer dieselbe Sprecherin mit derselben roten Bluse.
Am achten Tag ist Steffi selbst aufgetaucht. Vor der Haustür, mit einem Auto, das nicht ihr eigenes war, geliehen von ihrem neuen Freund, ein sechs Jahre alter Opel Astra mit Rostocker Kennzeichen. Sie stand da, Zigarette in der Hand, und wollte mit Jendrik reden – aber auch, das kam schnell heraus, über „die Sache mit dem Kindergeld, das die ganzen Jahre falsch gelaufen ist" und über ein kleines Sparbuch, das noch auf Jendriks Namen lief, von einer Erbschaft seines verstorbenen Großvaters, das Steffi jetzt plötzlich „mitverwalten" wollte, weil sie „schließlich seine Mutter" sei.
Ingrid ist mit hinausgegangen, hat sich neben Jendrik gestellt, die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Wollweste über der Schürze, die sie beim Kochen nicht ausgezogen hatte.
„Neun Jahre, Steffi", hat sie gesagt, ruhig, aber mit einer Härte in der Stimme, die Jendrik so noch nie gehört hatte. „Neun Jahre keine Karte zum Geburtstag, kein Anruf zu Weihnachten. Und jetzt, wo er alt genug ist, um selbst zu unterschreiben, kommst du wegen einem Sparbuch."
„Das geht dich nichts an, Mama, das ist zwischen mir und meinem Sohn."
„Es geht mich sehr wohl was an. Ich hab die Windeln gewechselt, als du in Warnemünde gefeiert hast. Ich hab die Fieberschübe durchgestanden, als du dich nicht gemeldet hast. Und ich werd nicht danebenstehen, während du ihm was wegnehmen willst, kaum dass du wieder auftauchst."
Jendrik hat lange nichts gesagt. Dann hat er zu seiner Mutter geschaut, dann zu Ingrid, dann wieder zu seiner Mutter.
„Mama", hat er gesagt, „ich freu mich, dass es dir besser geht. Wirklich. Aber das Sparbuch – das rührt keiner an außer mir. Und wo ich hingehöre, das hab ich schon lange entschieden. Das hier ist mein Zuhause." Er hat auf die Tür gezeigt, auf das Haus mit der abblätternden Fassade, in dem seine Oma seit dreißig Jahren wohnte.
Steffi ist noch eine Weile geblieben, hat versucht, es anders zu drehen, hat von „Blutsbanden" gesprochen und davon, dass „eine Mutter immer eine Mutter bleibt". Aber Jendrik ist standhaft geblieben, höflich, aber standhaft, und irgendwann ist sie wieder in den geliehenen Opel gestiegen und weggefahren, Richtung Bundesstraße, zurück nach Sassnitz.
Zwei Wochen später ist Jendrik mit Ingrid zur Kreissparkasse Güstrow gefahren. Er hat mit achtzehn das Sparbuch, das bislang unter gemeinsamer Vollmacht mit dem Jugendamt gestanden hatte, auf sich allein umschreiben lassen – 6.400 Euro, die sein Großvater ihm vererbt hatte, unangetastet, weil Ingrid nie einen Cent davon angerührt hatte, selbst nicht in den Monaten, als das Heizöl knapp war. Und dann ist er mit ihr zum Möbelhaus in Bützow gefahren und hat ihr, gegen ihren heftigen Protest, einen neuen Sessel gekauft, mit Fußstütze, denn ihre Knie machten die Treppen nicht mehr so mit wie früher.
„Jendrik, das ist Verschwendung, ich brauch das nicht—"
„Du hast gesagt, ich soll mir was gönnen, wenn ich mein erstes Geld hab. Das war noch nicht mein erstes Geld. Das ist Opas Geld, das dir genauso gehört wie mir."
Sie hat geweint, in dem Möbelhaus, zwischen Sesseln und Verkäufern, die taten, als würden sie nicht hinschauen.
Im Frühjahr darauf hat Jendrik seine Ausbildung als Elektriker bei einem Betrieb in Güstrow begonnen. Sein erstes richtiges Gehalt, 890 Euro netto im ersten Lehrjahr, hat er zur Hälfte für Miete und Fahrkarte gebraucht. Den Rest hat er in einen Umschlag gesteckt, den er auf den Küchentisch gelegt hat, unter die wackelige Lampe, an einem Freitagabend im April.
„Was ist das?"
„Öl fürs nächste Jahr. Kauf's nicht mehr von deiner Rente."
Ingrid hat den Umschlag lange angeschaut, ohne ihn zu öffnen. Dann hat sie ihn genommen, ihn festgehalten mit beiden Händen, so wie man etwas hält, das einem wichtig ist, und hat nichts gesagt. Draußen, vor dem Küchenfenster, hat der Nachbarshund gebellt, wie jeden Abend um diese Zeit, und irgendwo im Treppenhaus roch es wieder nach altem Mehl, obwohl da seit Jahren nichts mehr gebacken wurde.
„Ich hätte dir gern mehr geben können", hat sie schließlich gesagt.
„Du hast mir alles gegeben, was gebraucht hat. Eine Erziehung. Ein Zuhause. Und jemanden, der jeden Tag auf mich gewartet hat."
Er hat sie auf die Stirn geküsst, so wie er es an dem Novembermorgen auf dem Weg zur Abschlussfeier getan hatte, und ist zu seiner Schicht gefahren.
Steffi hat sich seitdem noch zweimal gemeldet, per SMS, kurz vor Weihnachten und einmal im Sommer. Jendrik hat höflich geantwortet, knapp, ohne Groll, aber auch ohne die Tür weiter aufzumachen als nötig. Das Sparbuch ist auf seinen Namen geblieben. Der Sessel steht bis heute am Fenster, mit Blick auf die Straße, auf der Ingrid ihm jeden Morgen nachgeschaut hat, bis er um die Ecke verschwunden war.
