Ich bin seit zweiundzwanzig Jahren Küchenmonteur in der Region Oberrhein. In dreihundertfünfundvierzig Küchen habe ich gestanden, und in ungefähr hundert davon hat es irgendeinen Streit gegeben, während ich den Wasseranschluss geprüft habe. Ich habe gelernt, taub zu werden. Aber was an einem Donnerstag im Oktober passiert ist, das kriege ich nicht aus dem Kopf, so sehr ich es auch versuche.
Der Auftrag war unkompliziert. Eine Frau Doktor – sie hieß Claudia Hartmann – hatte ein altes Winzerhaus am Rand von Bickensohl gekauft, einem Dorf im Kaiserstuhl, mit Blick auf die Rebgassen und die Vogesen. Die Küche war ihre: massive Eiche, Arbeitsplatte aus Naturstein, ein Herd von einem französischen Hersteller, der allein mehr gekostet hat als mein erster Transporter. Sie hatte pünktlich bezahlt, mir beim Aufmaß Kaffee angeboten und sachlich die Maße diktiert. Keine Extrawünsche, keine Änderungen, keine Telefonate mit einer Schwiegermutter, die sich einmischt. So eine Kundin wünscht man sich.
Am Donnerstagmorgen um sieben Uhr fünfundvierzig bin ich mit meinem VW T6 auf den Hof gefahren. Es war einer dieser klaren Oktobertage, an denen der Nebel in den Senken hängt und die Blätter an den Reben golden leuchten. Die Luft hat nach Federweißer gerochen und nach dem Rauch aus den Kaminen. Von der Kirche in Bickensohl hat es acht geschlagen, als ich die Tür aufgemacht habe. Ich wollte die letzten Griffe montieren und die Spülmaschine anschließen. Um vierzehn Uhr sollte die Übergabe sein. Um sechzehn Uhr hatte ich einen Termin in Freiburg, eine kleine Einbauküche für eine Studentin. Ich hatte keine Zeit für Komplikationen.
Gegen zehn hielt ein Auto auf dem Hof. Ein alter Opel Astra mit Freiburger Kennzeichen, der Auspuff klapperte. Ich dachte, es wäre die Kundin. War es nicht.
Drei Frauen stiegen aus. Eine Ältere, um die siebzig, mit schwerem Mantel und einer Handtasche, die sie vor sich hertrug wie einen Schutzschild. Eine Jüngere, Mitte vierzig, dürr, mit scharfem Gesicht und einer Billig-Zigarette im Mundwinkel. Und ein Mädchen, vielleicht fünfzehn, das mit einem Handy in der Hand dastand und nicht aufsah. Ich wusste sofort, dass das die Verwandtschaft war. Ich habe es an den Koffern gesehen. Sie waren alt, mit Skotchband verklebt, und sie passten nicht zu dem neuen Haus.
Die Frauen kamen den Weg zur Tür herauf. Die Ältere klopfte. Ich machte auf.
„Grüß Gott", sagte sie. „Wir sind die Familie. Die Hartmanns. Wo ist mein Sohn?"
Ich habe gesagt, die Frau Doktor sei noch nicht da, ich sei nur der Monteur. Die Ältere ist an mir vorbei ins Haus gegangen, als ob sie hier wohnte. Die Jüngere hinterher. Das Mädchen blieb auf der Schwelle stehen und schaute mich müde an. Dann ging sie auch hinein.
Ich bin in die Küche zurück und habe weitergemacht. Ich habe die Griffe an den Hängeschränken montiert, immer in derselben Höhe, mit der Wasserwaage. Ich lege meine Werkzeuge immer in derselben Reihenfolge auf die Abdeckplane: Schraubendreher links, Zollstock daneben, Zange oben rechts. Mein Vater hat mir das beigebracht, als ich sechzehn war. Er hat immer gesagt: „Ordnung im Werkzeug, Ordnung im Kopf." Ich habe das beibehalten, auch wenn mein Kopf manchmal alles andere als ordentlich ist.
Aus dem Wohnzimmer hörte ich, wie die Frauen redeten. Die Ältere erklärte der Jüngeren, wo „der Esstisch" hinkommen soll. Die Jüngere machte den Kühlschrank auf und sagte: „Leer." Das Mädchen sagte nichts. Ich hörte nur das Geräusch ihres Handys.
Dann ein anderes Geräusch. Ein Rascheln. Ich drehte mich um. Neben der Terrassentür stand eine Käfigbox. Eine Ratte saß darin, weiß, mit roten Augen. Sie nagte an einem Stück Pappe. Die Jüngere kam in die Küche und stellte die Box auf die Arbeitsplatte, direkt auf den Naturstein, den ich gerade geölt hatte.
„Das ist Bürli", sagte sie. „Unsere Ratte. Sie braucht Licht."
Ich habe gesagt: „Bitte nicht auf die Arbeitsplatte. Der Stein ist frisch."
Die Jüngere sah mich an, als hätte ich ihr in den Kaffee gespuckt. „Was ist das überhaupt für eine Gegend hier? Kein Bäcker, kein Supermarkt. Die Frau hat eine komische Vorstellung von Lebensqualität."
Ich habe nichts gesagt. Ich habe die Griffe weiter montiert.
Kurz nach zwölf kam die Kundin. Ich hörte den Motor eines neuen BMW auf dem Hof. Dann die Tür. Dann die Stimme der Älteren: „Michael! Mein Junge!"
Es folgte eine Sekunde, in der ich die Bohrmaschine abgestellt habe, weil ich dachte, ich hätte etwas falsch verstanden. Dann fiel etwas Schweres auf den Boden. Eine Kiste. Dann die Stimme der Frau Doktor. Sie war nicht laut. Sie war fast ruhig.
„Was machen Sie hier?"
„Ich könnte dich dasselbe fragen", sagte die Ältere. „Das ist das Haus meines Sohnes. Und er hat uns eingeladen."
Ich bin in den Flur gegangen, nicht weil ich neugierig war, sondern weil ich das Spülbecken aus dem Transporter holen musste. Und dann habe ich die Szene gesehen, die ich nicht vergessen kann.
Die Frau Doktor stand an der Tür. Ihr Mann stand einen Schritt hinter ihr, mit zwei Umzugskartons in den Händen. Sein Gesicht war blass, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Vor ihm standen die drei Frauen. Die Ältere mit dem schweren Mantel, die Jüngere mit der Zigarette, das Mädchen mit dem Handy. Und auf dem Boden, zwischen den Koffern, stand die Ratte in ihrem Käfig.
Die Frau Doktor ging einen Schritt auf die Frauen zu. Sie war nicht groß, aber sie wirkte in dem Moment so, als könnte sie durch eine Wand gehen. Sie trug eine schmale Aktentasche. Ihre Hand, mit der sie die Tasche hielt, war dünn, fast durchsichtig. Ich hatte das Gefühl, sie war krank. Oder gerade gesund geworden.
„Also", sagte sie. „Nochmal. Was machen Sie hier?"
Die Ältere holte Luft. „Ich habe dir im September einen Brief geschrieben. Wir haben unsere Wohnung gekündigt. In Freiburg. Ab Januar verlangen die eine Mieterhöhung um vierzig Prozent. Wir können nicht zahlen. Meine Rente reicht nicht, Simone arbeitet nachts an der Tankstelle, und Lena muss auch noch zur Schule. Dein Mann weiß Bescheid."
Die Frau Doktor drehte sich zu ihrem Mann. Er stellte die Kartons auf den Boden. Sein Blick irrte zwischen seiner Mutter und seiner Frau hin und her. „Ich… Claudia, ich wusste es nicht. Ich schwöre, ich wusste es nicht."
Die Jüngere schnaubte. „Du wusstest es. Mutti hat dir geschrieben. Sie hat dir die Kündigung gezeigt. Du hast gesagt, das sei kein Problem, das Haus sei groß genug."
„Das habe ich nie gesagt!" Die Stimme des Mannes war dünn wie Papier.
„Du hast es gesagt, Michael. Am Telefon. Im Juli."
Ich habe gesehen, wie die Frau Doktor ihre Aktentasche auf die Fensterbank gestellt hat. Sie hat sie aufgemacht und ein Blatt Papier herausgezogen. Ich habe die Schrift nicht lesen können, aber ich habe die Überschrift gesehen. Das Wappen der Stadt, der Name des Notars.
„Dieser Kaufvertrag", sagte sie, „ist auf meinen Namen. Ich habe unterschrieben. Ich habe bezahlt. Ich habe den Kredit aufgenommen. Das Haus gehört mir. Und ich lade hier niemanden ein, der ohne meine Erlaubnis Möbel aufstellt, eine Ratte in meine Küche trägt und meinen Mann benutzt, um eine Kündigung in eine Einladung umzudrehen."
Die Ältere lief rot an. Sie trat einen Schritt vor. „Du hast meinen Sohn kaputt gemacht. Er war Musiker. Er hätte jemand werden können. Aber du hast ihn in deine Pläne gezwungen. Und jetzt stehst du da und spielst die Besitzerin."
Die Frau Doktor sah ihre Schwiegermutter an. Dann sah sie den Mann an. „Michael. Sag deiner Mutter, dass wir das später besprechen. Sie soll gehen."
Der Mann trat von einem Fuß auf den anderen. Seine Hand zitterte. Er schaute von seiner Frau zu seiner Mutter und zurück. Dann sagte er: „Vielleicht… vielleicht können sie ja erstmal ein paar Tage bleiben, Claudi…"
Die Frau Doktor schloss ihre Aktentasche. Sie ging zur Arbeitsplatte, hob die Käfigbox mit der Ratte hoch und trug sie durch den Flur zur Haustür. Sie stellte die Box auf die Steinplatten vor dem Eingang. Dann kam sie zurück.
„Das war die Ratte. Jetzt die Koffer."
„Das ist mein Haus!" schrie die Ältere. „Ich habe meinen Sohn neunzehn Jahre lang großgezogen, ich habe auf ihn aufgepasst, ich habe für ihn gesorgt, und das hier ist der Dank!"
Die Frau Doktor hob zwei Koffer hoch, einen nach dem anderen, und trug sie vor die Tür. Die Jüngere versuchte, sie aufzuhalten. Die Frau Doktor schob sie mit dem Ellbogen beiseite, nicht grob, sondern so, wie man eine Tür schließt, die der Wind aufhalten will.
Dann stand sie wieder im Flur. Ihre Stimme war ruhig. „Sie können jetzt gehen. Oder ich rufe die Polizei. Das Haus ist unbewohnt gemeldet, der Eigentümer bin ich, und Sie haben Hausfriedensbruch. Das gibt eine Anzeige."
Die Ältere sah den Mann an. „Michael! Sag etwas!"
Der Mann stand da. Er sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Er machte den Mund auf, aber es kam kein Wort. Seine Frau sah ihn an. Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich. Es war, als ob ein letzter kleiner Rest von etwas wegbrach.
„Michael", sagte sie. „Geh mit deiner Mutter."
Und er ging. Er nahm einen der Koffer, die noch im Flur standen, und ging zur Tür. Die Jüngere folgte. Das Mädchen stand noch einen Moment da, das Handy in der Hand. Sie sah die Frau Doktor an, als wollte sie etwas sagen. Aber sie sagte nichts. Sie drehte sich um und ging.
Die Haustür fiel zu. Durch das Milchglas habe ich gesehen, wie die vier draußen standen. Die Ältere schrie. Die Jüngere rauchte. Das Mädchen sammelte die Koffer ein. Der Mann stand daneben und sah aus wie ein nasses Handtuch.
Die Frau Doktor stand im Flur. Sie atmete ruhig. Dann drehte sie sich zu mir um. Ich stand da mit einem Spülbecken in der Hand und habe ausgesehen wie der letzte Idiot.
„Wie lange brauchen Sie noch?", fragte sie.
„Ich… eine Stunde, höchstens."
„Gut."
Sie ging in die Küche, setzte sich auf einen Hocker und goss sich ein Glas Wasser ein. Ich habe weitergemacht. Um vierzehn Uhr war ich fertig. Sie hat mir die Übergabe gemacht. Sie hat jeden Schrank geprüft, jeden Auszug. Sie hat die Wasserwaage genommen und nachgemessen. Dreimal. Dann hat sie den Lieferschein unterschrieben. Claudia Hartmann. Die Unterschrift war ruhig, ohne einen einzigen Zitterer.
„Rechnung schicken", sagte sie.
„Vierzehntausendfünfhundert", sagte ich.
„Ich weiß. Geht an die Praxis."
Als ich zum Transporter ging, standen die Koffer noch vor der Tür. Die Ratte auch. Sie nagte an der Luft. Der Opel Astra war weg. Der BMW stand am Rand des Hofes. Die Fahrertür war offen. Der Schlüssel lag auf dem Sitz. Ich habe die Tür zugemacht, ohne zu wissen, warum.
Sechs Monate später, im April, rief mich die Frau Doktor an. Sie brauchte eine Küche für eine Wohnung in der Freiburger Altstadt, dritter Stock, kein Aufzug. „Ich habe das Haus verkauft", sagte sie am Telefon. „Es war zu groß für einen Menschen."
Als ich die Küche in der Wohnung aufbaute, fiel mir die Wohnungstür auf. Neuer Beschlag, neue Schlösser, eine Sicherungskette. Auf dem Tisch lag eine offene Mappe mit Dokumenten. Eine Seite war sichtbar: „Ausgleichszahlung gemäß § 1587 BGB". Darunter eine Summe: „44.000,00". Auf demselben Blatt stand: „Ehezeit: elf Jahre, vier Monate." Daneben lag ein Kontoauszug. Eine Dauerüberweisung, jeden Monat: „An Renate Hartmann, Verwendungszweck Mietzuschuss, 350 Euro, seit März."
Ich habe schnell weggeschaut und den Wasseranschluss geprüft. Sie hat mir einen Kaffee gemacht, und wir haben über die neue Küche gesprochen. Als ich ging, habe ich gesehen, dass die Sicherungskette an der Tür nicht eingehängt war. Die neue Wohnungstür hatte zwei Schlösser. Der Schlüssel steckte von innen.
