Ich bin Hausmeisterin in dem Mehrfamilienhaus in Bielefeld-Schildesche seit siebzehn Jahren, und normalerweise merke ich mir die Namen nicht, die auf den Klingelschildern stehen. Bei Ingrid Wallner war das anders. Sie wohnte im dritten Stock, Wohnung 9, seit die Fuchsbergstraße noch Kopfsteinpflaster hatte, und jeden Dienstag um Viertel nach acht klopfte sie bei mir im Souterrain, weil der Müllschlucker wieder klemmte oder weil sie einfach reden wollte. Kaffee ohne Zucker, immer aus derselben blauen Kanne.
Ihr Sohn Matthias kam selten. Vielleicht dreimal im Jahr, mit dem Firmenwagen, einem grauen Audi, den er nie ganz in die Parklücke bekam. Er stellte dann den Wagen quer über zwei Plätze, holte seine Mutter zum Mittagessen ab und brachte sie zwei Stunden später zurück. Ich hab das nie kommentiert. Ist ja nicht mein Bier, wer wie oft nach seiner Mutter schaut.
Im Februar rief mich die Nachbarin von gegenüber an, Frau Öztürk, weil bei Ingrid drei Tage lang die Rollläden unten blieben. Ich hab den Zweitschlüssel geholt, bin rauf, und sie saß im Sessel am Fenster, die blaue Kaffeekanne noch halb voll auf dem Tisch. Friedlich, sagte der Notarzt später. Sechsundachtzig Jahre alt.
Was danach kam, hab ich aus dem Treppenhaus mitbekommen, so wie man solche Dinge eben mitbekommt — durch dünne Wände und offene Kellertüren. Matthias kam am Wochenende darauf mit einem Mietwagen, einem Kombi, weil der Audi zu klein gewesen wäre für das, was er vorhatte. Er räumte die Wohnung leer. Nicht traurig-langsam, wie man das erwarten würde, sondern zügig, mit einer Checkliste auf dem Klemmbrett. Ich hab ihm zwei Bananenkartons aus dem Keller gegeben, weil er keine dabeihatte.
Am dritten Tag stand eine junge Frau vor der Haustür, Ende zwanzig, mit einem Aktenkoffer, den sie an sich drückte wie etwas Zerbrechliches. Sie stellte sich als Ingrids Patenkind vor, Carolin, Tochter von Ingrids bester Freundin aus der Kirchengemeinde, seit über zwanzig Jahren verstorben. Sie sagte, Ingrid habe sie jedes Jahr zum Geburtstag angerufen, ihr Bücher geschickt, sie zur Konfirmation begleitet, weil die eigenen Eltern es nicht konnten. Matthias kannte sie kaum vom Sehen.
Ich hab die beiden im Treppenhaus reden hören. Er wollte wissen, was sie hier suche, an einem Werktag, während er noch räumte. Sie sagte, sie sei wegen des Testaments da, das beim Notar in der Herforder Straße liege, und dass Ingrid ihr das vor zwei Jahren selbst erzählt habe, bei einem Kaffeekränzchen. Er lachte kurz auf, so ein Geräusch, das keine Freude war, und sagte, seine Mutter habe nie ein Testament gemacht, das wisse er als einziger Sohn am besten.
Zwei Wochen später hatte ich Nachtdienst wegen der Heizungsablesung, und Carolin kam noch mal vorbei, diesmal mit einem grauen Umschlag vom Notariat. Sie zeigte mir nichts, das stand mir nicht zu, aber sie sagte, während sie an der Kellertreppe saß und auf den nächsten Bus wartete, dass Ingrid ihr die Werkstatt vererbt hatte. Nicht die Wohnung — die Werkstatt in Sennestadt, die kleine Kfz-Werkstatt, die Ingrids verstorbener Mann aufgebaut hatte und die seit dessen Tod verpachtet war. Fünfundzwanzigtausend Euro Pacht im Jahr, seit elf Jahren.
Matthias hatte davon nichts gewusst, oder hatte es verdrängt, das kann ich nicht beurteilen. Was ich weiß: Am Tag, als der Pächter der Werkstatt, ein Herr Brandt, die neue Kontoverbindung für die Pachtzahlung bekam, stand Matthias bei mir im Hausflur und fragte, ob ich Carolins Nachnamen hätte, weil er sie sprechen wolle. Ich hatte ihn nicht. Hätte ich auch nicht rausgegeben.
Carolin selbst hab ich noch einmal gesehen, im März, als sie kam, um Ingrids alte Nähmaschine abzuholen — die einzige Sache aus der Wohnung, die sie sich gewünscht hatte, laut einem handschriftlichen Zusatz zum Testament. Sie stand unten am Klingelbrett, wo Wallner immer noch draufstand, weil noch niemand ein neues Schild bestellt hatte, und strich kurz mit dem Finger über den Namen. Dann trug sie die Maschine allein zum Auto, in zwei Anläufen, weil sie schwerer war, als sie aussah.
Ob Matthias die Werkstatt je akzeptiert hat, weiß ich nicht — er kam nach März nicht mehr in die Fuchsbergstraße, die Wohnung wurde im Sommer verkauft, ein junges Paar mit einem Hund ist eingezogen. Was ich aber im Herbst erfahren habe, von Herrn Brandt, der noch bei mir vorbeikommt, wenn er in der Gegend zu tun hat: Ingrid hatte die Pacht all die Jahre nie für sich behalten. Sie hatte sie, jeden Monat, zur Hälfte an die Kirchengemeinde weitergeleitet, für das Konfirmandenprogramm, in dem auch Carolin einmal saß. Das stand in einem alten Überweisungsheft, das Carolin unter der Nähmaschine fand.
