Ich hörte Stefans Stimme, bevor ich die Tür überhaupt richtig aufbekam. Er stand in der Küche, und seine Worte kamen durch den Flur wie durch einen Trichter.
„Ich kann nicht mehr, Claudia. Jeden Abend dasselbe. Deine Mutter ist kein Familienmitglied mehr, sie ist ein Projekt. Ein Projekt, das nie fertig wird.“
Ich blieb stehen. In meiner Hand der nasse Schirm, an den Schuhen klebte das Laub von der Plauenschen Straße. Die Tür zur Küche war nur angelehnt. Ich hörte Claudias Antwort, leise, unsicher: „Sie ist meine Mutter.“
„Dann such einen Platz. Es gibt gute Heime. Wir könnten ihr Zimmer vermieten, verdienen sogar was dabei.“
Da griff ich nach dem Türgriff und drückte die Tür auf. Beide zuckten zusammen. Stefan verschluckte sich an seinem Kaffee. Claudia ließ den Lappen fallen, mit dem sie am Herd herumwischte, obwohl da nichts war.
„Sag es mir direkt“, sagte ich, und meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte. „Ich stehe nämlich nicht gern im Flur und sammle Zitate.“
Stefan schwieg. Claudia starrte auf den Boden, als läge dort die Lösung. Ich wartete. Dann wiederholte ich: „Ein Projekt, das nie fertig wird. Das hast du gesagt, Stefan. Also, was kostet es, so ein Projekt loszuwerden?“
Er rieb sich die Stirn. „Das habe ich nicht so gemeint.“
„Wie denn? Erklär es mir. Ich bin schließlich nur ein Projekt.“
Claudia begann zu weinen, leise, ohne zu schluchzen. Stefan legte seine Hand auf ihren Arm, aber sie zog ihn weg. In diesem Moment wurde mir klar, dass das hier nicht nur um mich ging. Die beiden stritten schon lange. Und ich war der bequemste Grund.
Ich hieß Elisabeth, war siebzig Jahre alt, wohnte seit zehn Jahren bei meiner Tochter und ihrem Mann in Dresden-Plauen, in einem Haus, das ich mitfinanziert hatte. Achtzigtausend Euro aus dem Verkauf meines Reihenhauses in Gohlis. Damals hatten wir abgemacht: Ich gebe das Geld, dafür habe ich mein Zimmer unten, solange ich lebe. Für mich war das ein Vertrag. Für Stefan offenbar nur eine Fußnote.
Zwei Jahre vor diesem Abend war ich im Bad gestürzt, Hüfte angeknackst. Seitdem ging ich mit Stock, brauchte Hilfe beim Einkaufen, manchmal beim Anziehen. Ich kochte immer noch, wusch die Wäsche, holte die Enkelin von der Schule ab, wenn Claudia Spätdienst hatte. Aber das zählte nicht mehr. Was zählte, war nur noch das, was ich kostete: Zeit, Nerven, Platz.
„Ich ziehe aus“, sagte ich.
Claudia hob den Kopf. „Mama, nein …“
„Doch. Ich habe die Wohnung meiner Schwester in Reudnitz. Die steht seit Jahren leer. Ich ziehe da ein.“
„Die ist feucht, im dritten Stock ohne Aufzug! Das kannst du nicht.“
„Ich kann. Und ich will nicht mehr hören, wie über mich verhandelt wird, als wäre ich ein Möbelstück, das man bei eBay Kleinanzeigen reinstellt.“
Stefan stand auf, wollte etwas sagen, aber ich drehte mich um und ging in mein Zimmer. Ich packte zwei Koffer. Nicht viel: Kleidung, meine Papiere, das Foto von Herbert, meinem verstorbenen Mann, und die kleine Spieldose, die meiner Mutter gehört hatte. Mehr brauchte ich nicht. Um halb sieben rief ich ein Taxi. Der Fahrer trug die Koffer die Treppe hinunter. Claudia stand im Flur, die Arme verschränkt, als würde sie frieren. Sie sagte nichts. Stefan kam nicht mal aus der Küche.
Die Wohnung in Reudnitz war genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Feuchte Wände im Flur, der Geruch von altem Putz und kaltem Rauch, im Bad ein Boiler, der röhrte, wenn man den Hahn aufdrehte. Aber sie gehörte mir. Meine Schwester Gisela hatte sie mir überschrieben, bevor sie ins Heim kam. Ich hatte sie nie verkauft, aus einem Gefühl heraus, das ich selbst nicht benennen konnte. Jetzt war sie meine Rettung, auch wenn sie sich anfühlte wie eine Strafarbeit.
In den ersten Wochen kam Claudia zweimal pro Woche vorbei, brachte Einkäufe, die ich nicht bestellt hatte. Einmal brachte sie einen Heizlüfter, weil der alte Ofen in der Küche kaum Wärme abgab. Sie blieb nie lange. Einmal fragte sie, ob ich nicht zurückkommen wolle. Ich sagte nein. Stefan rief nicht an. Die Enkelin Emma, dreizehn, kam immer freitags nach der Schule, brachte sich selbst eine Tüte Gummibärchen mit und erzählte von der Klasse. Sie war das Einzige, was mir fehlte.
Nach drei Monaten fand ich die Sache mit der Vollmacht. Ich hatte nie gewusst, dass ich eine hatte. Claudia hatte sie mir vor Jahren zur Unterschrift hingelegt, zusammen mit anderen Papieren, als ich noch im Haus wohnte. „Nur für den Notfall“, hatte sie gesagt. Ich hatte unterschrieben, ohne zu lesen – wer liest schon, wenn die eigene Tochter einem einen Stift in die Hand drückt. Dann, beim Aufräumen in der Wohnung meiner Schwester, stieß ich auf einen Ordner mit meinen Bankunterlagen, die ich dorthin mitgenommen hatte. Da lag die Vollmacht. Und daneben Kontoauszüge, die ich nicht bestellt hatte. Ich blätterte. Zwölftausend Euro. In kleinen Beträgen, über zwei Jahre verteilt, abgebucht von meinem Rentenkonto. Barabhebungen, Überweisungen an ein Konto, das ich nicht kannte. Ich saß da auf dem alten Sofa meiner Schwester, in der Hand den Auszug, und fühlte, wie mir kalt wurde, obwohl der Heizlüfter auf voller Stufe lief.
Am nächsten Morgen ging ich zur Bank. Ich zerriss die Vollmacht vor den Augen der Mitarbeiterin am Schalter. Sie sagte nichts, holte nur ein Formular. Ich ließ mir eine neue Karte ausstellen, sperrte das alte Konto und eröffnete ein neues. Dann fragte ich nach den Belegen für die Abhebungen. Sie druckte sie mir aus. Es war Claudias Unterschrift. Und Stefans.
Ich ging zum Anwalt. Ein älterer Herr namens Krämer, der in einer Kanzlei am Albertplatz arbeitete. Er hörte zu, machte sich Notizen, sagte dann: „Sie haben zwei Möglichkeiten. Strafanzeige oder zivilrechtliche Rückforderung. Oder beides.“ Ich überlegte. Dann sagte ich: „Ich will mein Geld zurück. Und ich will, dass die beiden den Darlehensvertrag unterschreiben, den ich immer nur mündlich hatte.“
Der Anwalt setzte ein Schreiben auf. Achtzigtausend Euro Darlehen, rückzahlbar ab sofort in monatlichen Raten von fünfhundert Euro. Die zwölftausend Euro aus den Abhebungen sofort fällig. Und eine Grundschuld auf das Haus in Plauen, damit die Forderung gesichert ist.
Ich schickte das Schreiben per Einschreiben. Drei Tage später standen Claudia und Stefan vor meiner Tür. Es war ein Donnerstagabend, halb acht. Ich hörte die Klingel, dann klopfte Stefan mit der Faust gegen die Tür. Ich machte auf.
Claudia hatte rote Augen. Stefan hielt ein zerknittertes Papier in der Hand – mein Schreiben.
„Was soll das, Elisabeth?“, sagte er. „Willst du uns ruinieren?“
Ich trat einen Schritt zurück in den Flur. „Ihr habt mich bestohlen. Zwölftausend Euro. Und das Darlehen habt ihr nie zurückgezahlt. Ich habe es nur nie eingefordert. Jetzt tue ich es.“
„Das war kein Diebstahl! Das war … wir hatten Geldprobleme, okay? Und du hast es nicht gebraucht.“
„Nicht gebraucht? Ich habe siebzig Jahre gearbeitet, Stefan. Und ich lebe jetzt in einer feuchten Wohnung, weil ihr mich als Last bezeichnet habt. Aber ich habe nicht genug?“
Claudia begann zu weinen. „Mama, es tut mir leid. Wir wussten nicht, wie wir das sagen sollen. Aber das hier … das ist zu hart. Fünfhundert im Monat, das schaffen wir nicht. Das Haus kostet so viel …“
„Dann verkauft es. Oder vermietet mein ehemaliges Zimmer. Ihr hattet doch schon Pläne, oder?“
Stefan wurde rot. Er machte einen Schritt auf mich zu, aber ich hob die Hand. „Hör zu, Stefan. Ich bin keine alte Frau, die sich duckt. Ich habe immer für euch da gestanden. Jetzt stehe ich für mich ein. Das ist kein Rachefeldzug. Das ist mein Recht.“
Er wollte etwas erwidern, aber Claudia zog ihn am Ärmel. „Komm, wir gehen. Wir reden später.“
Sie gingen. Ich schloss die Tür, drehte den Schlüssel zweimal um. Dann setzte ich mich an den Küchentisch, auf dem die Unterlagen lagen, und trank einen Schluck Wasser. Meine Hände zitterten, aber ich war ruhig.
Am nächsten Tag ging ich zur Sparkasse und eröffnete ein Konto für Emma. Ich überwies dreißigtausend Euro von einem Sparbrief, den meine Schwester mir hinterlassen hatte. Das Geld war für Emmas Ausbildung, und es sollte nicht durch die Hände ihrer Eltern gehen. Ich legte das Sparbuch in einen Umschlag, schrieb Emmas Namen darauf und legte ihn in die Schublade neben meinem Bett.
Ein halbes Jahr später unterschrieben Claudia und Stefan den Darlehensvertrag. Sie zahlten die erste Rate. Es war nicht einfach für sie, das wusste ich. Aber ich blieb dabei. Die zwölftausend Euro kamen in drei Raten zurück, der letzte Betrag lag als Verrechnungsscheck in meinem Briefkasten. Ich löste ihn ein und legte das Geld auf das Konto für Emma.
Ein Jahr nach meinem Auszug kam Claudia mich besuchen. Es war ein Sonntag, wir saßen am Küchentisch, sie trank Tee, ich Kaffee. Zum ersten Mal seit langem redeten wir nicht über Geld oder Schuld. Sie erzählte von Emma, von der Schule, von einem neuen Job, den sie angefangen hatte. Dann, als sie gehen wollte, blieb sie an der Tür stehen.
„Mama?“
„Ja?“
„An dem Abend, als du uns gehört hast … Ich hatte die Tür zur Küche absichtlich offen gelassen. Stefan wusste das nicht. Ich dachte, wenn du es hörst, gehst du vielleicht von selbst. Ich hatte nicht den Mut, es dir zu sagen.“
Ich sah sie an. Sie wich aus, nestelte an ihrer Jacke.
„Ich weiß“, sagte ich.
Sie stutzte. „Woher?“
„Ich habe deine Nachricht auf dem Küchentisch gefunden, unter der Zeitung. Du hattest geschrieben: ‚Heute Abend, wenn sie vom Spaziergang kommt. Ich lasse die Tür offen.‘ Du hast es nur vergessen wegzuräumen.“
Claudia senkte den Kopf. Dann drehte sie sich um und ging, ohne ein Wort. Die Tür fiel ins Schloss, leiser als damals bei Stefan.
Ich blieb am Tisch sitzen, bis es dunkel wurde. Dann stand ich auf, holte den Umschlag mit Emmas Sparbuch aus der Schublade und strich ihn glatt. Ich legte ihn wieder zurück, neben die zerrissene Vollmacht.
