Sitz, ich bin gleich wieder da

Der Zug aus Leipzig hatte zwölf Minuten Verspätung. Lisa stieg als Letzte aus, zog den Rollkoffer über den nassen Bahnsteig und blieb stehen. November in Bad Schandau – der Regen hing wie kalter Nebel über dem Gleis, und vom Fluss roch es nach Schlamm und nassem Laub. Sie fröstelte. Auf dem Bahnsteig war niemand. Nur ein großer, heller Hund, der am Rand der Kante saß und die Gleise beobachtete, als würde dort gleich noch ein Zug auftauchen.

Am Fahrkartenautomaten klebte ein handgeschriebener Zettel: „Außer Betrieb – bitte im Zug kaufen.“ Na toll. Lisa fluchte leise vor sich hin. Der Hund hob den Kopf und sah sie an. Kein Bellen, kein Knurren. Einfach nur so: Was willst du hier? Sie erstarrte kurz, aber das Tier stand auf und kam langsam heran.

„Der tut nichts. Der wartet nur.“ Ein älterer Mann in dunkelblauer Uniformjacke war aus der Tür mit der Aufschrift „Dienstzimmer“ getreten. Er schob die Mütze in den Nacken. „Gerd, Fahrdienstleiter. Der ist hier täglich. Seit zwei Monaten.“

Lisa blickte auf den Hund, dann auf den Mann. „Wem gehört er?“

„Das ist eine lange Geschichte.“ Gerd trat näher, blieb aber zwei Schritte vor ihr stehen. „Der Hund gehörte einem Kerl namens Klaus. Der ist vor zwei Monaten nach München abgehauen, um Geld zu verdienen. Hatte niemanden, der auf den Hund aufpasst. Also hat er ihn hierher gebracht, ihm ‚Sitz‘ gesagt und ist in den Zug gestiegen. ‚Bis gleich‘ hat er noch gerufen. Und dann – weg.“

Lisa spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. „Und er sitzt seit zwei Monaten hier?“

„Jeden Tag. Vom ersten bis zum letzten Zug. Ich füttere ihn, aber er frisst erst, wenn der letzte Zug durch ist.“

„Das ist ja grausam“, murmelte sie.

Gerd zuckte mit den Schultern. „Grausam ist, dass nächste Woche das Ordnungsamt kommt. Die Frau von der Behörde war schon hier. Wenn der Hund bis Freitag nicht weg ist, holen sie das Tierheim. Die können ihn nicht gebrauchen – große Hunde sitzen da jahrelang.“ Er zog einen zusammengerollten Lederriemen aus der Tasche. „Ich hab sogar eine Leine besorgt. Zwölf Euro beim Fressnapf. Für den Fall, dass sich jemand erbarmt.“

Lisa sah wieder den Hund. Der war jetzt noch näher gekommen, hatte den Kopf leicht schräg gelegt und stupste ihre Hand mit der Nase an. Nass, kalt. Aber er drückte dagegen, als wollte er spüren, ob sie echt war.

„Und warum ich?“, fragte Lisa, obwohl sie die Antwort schon kannte.

„Weil er sich sonst von keinem anfassen lässt.“ Gerd verschränkte die Arme. „Er hat Sie gewählt. Das reicht.“

Sie lachte kurz auf – ein Laut ohne Freude. „Ich bin 32, stehe mit einem Koffer und zwanzig Euro auf dem Konto vor der Tür meiner Mutter. In Leipzig ist alles den Bach runter – Job weg, Typ weg, Wohnung weg. Und jetzt soll ich einen Hund nehmen?“

„Nicht irgendeinen Hund“, sagte Gerd ruhig. „Den da.“

Lisa blickte hinunter. Der Hund hatte sich vor ihre Füße gelegt, den Kopf auf ihren nassen Turnschuh. Sein Brustkorb hob und senkte sich ruhig, als wäre er an diesem Platz schon immer zu Hause gewesen.

„Wie heißt er?“, fragte sie.

„Ich nenn ihn Rex. Aber er hört auf alles, was freundlich klingt.“

Lisa beugte sich hinunter, strich mit der Hand über den breiten Schädel. „Also, Rex. Ich heiße Lisa. Ich hab nicht viel, aber ein Dach und einen Ofen. Willst du mit?“

Der Hund stand auf. Einmal kurz mit dem Schwanz gewedelt. Dann leckte er ihre Hand. Kein Theater, kein Sprung, kein Bellen. Einfach: ja.

Gerd drückte ihr die Leine in die Hand. „Nehmen Sie. Und melden Sie sich irgendwann. Ich würde gern wissen, wie’s ausgeht.“

Lisa nickte. Sie hängte die Leine ein, und Rex trottete neben ihr vom Bahnsteig, ohne ein einziges Mal zurückzublicken.

Zwei Jahre später.

Lisa hatte tatsächlich Glück gehabt. Die Halbtagsstelle in der Stadtbibliothek war ausgeschrieben gewesen, sie hatte sie bekommen. Dann kam Paul, ihr Sohn. Der Vater hatte sich vor der Geburt verabschiedet, aber das war okay. Lisa hatte Rex und ihre Mutter. Rex war jetzt der Babysitter, der Aufpasser, der Schattenspender im Garten. Wenn der Junge schlief, lag Rex vor der Zimmertür. Kein Fremder kam auch nur in die Nähe des Grundstücks.

Eines Nachmittags klingelte das Telefon. Gerd, der alte Fahrdienstleiter.

„Lisa, Sie müssen herkommen. Auf den Bahnsteig. Sofort.“

„Was ist los?“

„Der Typ von damals. Klaus. Er ist wieder da. Steht hier und will seinen Hund zurück. Er hat irgendwo gehört, dass Sie Rex haben. Er ist nicht freundlich.“

Lisa legte auf. Sie zog ihre Jacke an, nahm die dicke Mappe aus dem Schrank – die mit den Tierarztrechnungen, der Steueranmeldung und der Tasso-Registrierung – und rief Rex. „Komm, Alter. Wir müssen was klären.“

Am Bahnsteig stand Klaus, ein hagerer Mann in einer abgewetzten Lederjacke. Er fuchtelte mit den Armen. Gerd stand dazwischen, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Das ist meine Hündin! Ich hab sie damals nur vorübergehend hiergelassen!“ schrie Klaus, als Lisa und Rex auftauchten.

Rex blieb stehen. Er knurrte nicht, bellte nicht. Er drückte sich nur enger an Lisas Bein.

Lisa hob die Mappe. „Ihre Hündin? Hier, schauen Sie sich das an.“ Sie schlug die Mappe auf und breitete die Papiere auf einer der nassen Sitzbänke aus. „Registrierung im Tasso auf meinen Namen. Tierarztrechnungen von Dr. Werner – Impfung, Chip, Wurmkur, alles. Und hier die Steuerbescheide der letzten zwei Jahre.“

Klaus schaute auf die Papiere, als wären es chinesische Schriftzeichen. „Interessiert mich nicht. Das ist mein Hund. Ich hole die Polizei.“

Lisa zog ein weiteres Blatt aus der Mappe. „Rufen Sie. Aber vorher sehen Sie sich das an. Aufstellung meiner Ausgaben: Futter, Tierarzt, Haftpflichtversicherung, alles zusammen 2.160 Euro und 47 Cent. Das ist der Preis für zwei Jahre. Zahlen Sie mir das, dann können wir über alles reden.“

Klaus wurde blass. „So viel? Woher soll ich das nehmen?“

„Sie waren zwei Jahre weg. Haben Sie Geld verdient? Gut. Dann zahlen Sie.“

„Das ist Erpressung.“

Lisa schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist das, was ein Hund kostet, wenn man sich kümmert. Sie haben ihn ausgesetzt. Ich habe ihn aufgenommen. Das ist der Unterschied.“

Klaus machte einen Schritt auf Rex zu. Rex wich zurück, stellte sich hinter Lisa. Kein Knurren, aber die klare Botschaft: Er bleibt bei ihr.

Klaus trat zurück. Er rieb sich die Hände an der Jacke trocken. „Ihr seid alle verrückt“, murmelte er. „Behaltet den Köter.“

Er drehte sich um und ging den Bahnsteig entlang zum Ausgang. Der Regen hatte aufgehört, aber der Wind war kalt.

Lisa klappte die Mappe zu. Sie steckte die Papiere zurück in die Hülle. Rex stupste seine Schnauze gegen ihre Hand. Sie krault ihn hinter dem Ohr.

Gerd stand noch da. Er nahm seine Mütze ab, kratzte sich am Kopf. „Wusste gar nicht, dass man sowas so sauber aufschreiben kann“, sagte er und zeigte auf die Mappe.

„Hab ich von der Verbraucherzentrale“, sagte Lisa. „Kostet nichts.“

Der alte Mann zog die Mundwinkel hoch. „Na dann, gute Fahrt. Und grüßen Sie den Paul.“

„Mach ich.“ Lisa wandte sich zum Gehen. Rex blieb einen Moment stehen, sah die Gleise entlang, wo Klaus verschwunden war. Dann folgte er Lisa, ohne ein einziges Mal zurückzuschauen.

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