Guten Morgen, Kramer

Ich hab das mit dem Kaffeeautomaten. Elfte Etage, Bürohaus an der Rheinstraße in Duisburg, seit sechs Jahren immer dieselbe Runde: Filter rein, zwei Kannen, um Viertel vor acht steht die erste Kanne, um halb neun geht die zweite. An dem Freitag im August war ich noch mit der ersten Kanne beschäftigt, als der Aufzug klingelte und Frau Brenner aus der Rechtsabteilung mit einem Schlüsseldienst-Typen im blauen Overall den Flur runterkam. Der Mann trug einen Bolzenschneider, so einen roten mit gelbem Griff, wie man ihn im Baumarkt für dreißig Euro bekommt.

Ich kannte Herrn Wieland vom Sehen. Lagerraum Nummer vier, ganz hinten neben dem Serverschrank, den hatte er sich vor vier Jahren genehmigen lassen, als er noch stellvertretender Abteilungsleiter war und die Firma ihm für sein Archiv extra einen dieser Metallschränke gestellt hatte. Alte Verträge, Musterordner, ein kaputter Beamer, den er reparieren wollte und nie repariert hat. Er war zu der Zeit schon zwei Monate krankgeschrieben — Bandscheibe, hörte ich von der Kollegin am Empfang.

Frau Brenner blieb vor Nummer vier stehen, klopfte zweimal mit dem Knöchel gegen das Blech, als wäre da noch wer drin, der aufmachen könnte. Dann zu dem Mann im Overall: „Hier, das ist der. Machen Sie's auf."

Ich stand mit der Kaffeekanne in der Hand, keine drei Meter weiter, und tat so, als würde ich den Wasserstand am Automaten prüfen. Ehrlich gesagt wollte ich eigentlich nur meine Pause zu Ende bringen, aber dann guckt man halt hin.

„Ist das mit Herrn Wieland abgesprochen?", fragte ich, weil mir sonst keiner was fragte.

Frau Brenner drehte sich kurz zu mir. „Der Raum wird für die neue Poststelle gebraucht. Geschäftsführung hat entschieden."

„Schriftlich?"

Sie hob die Augenbrauen, als hätte ich sie nach ihrem Gehalt gefragt, und sagte nichts. Der Mann im Overall, ein junger Kerl mit Kopfhörern um den Hals, setzte den Bolzenschneider schon an den Bügel des Vorhängeschlosses.

In dem Moment kam Herr Wieland aus dem Treppenhaus. Krücke unter dem linken Arm, in Jogginghose, außer Atem. Später erzählte er mir, der Pförtner hätte ihn unten angerufen, weil er Frau Brenner mit dem Schlüsseldienst hatte reingehen sehen, und er sei direkt von der Tiefgarage aus die drei Treppen zur Elf hochgestiegen, weil der Aufzug gerade oben hing und er keine Zeit verlieren wollte.

„Lassen Sie das Schloss in Ruhe", sagte er. Nicht laut. Aber der Handwerker nahm das Werkzeug tatsächlich runter.

„Herr Wieland, das ist längst entschieden", sagte Frau Brenner. „Sie sind seit zwei Monaten nicht im Haus, der Raum wird gebraucht, wir haben Sie per E-Mail informiert."

„Welche E-Mail?"

„Vom 3. August."

„Ich war im Krankenhaus, hatte keinen Zugriff auf mein dienstliches Postfach. Und selbst wenn — eine E-Mail ist keine Räumungsanordnung. Da steht nirgends ein Datum, keine Unterschrift von der Geschäftsleitung, kein Verweis auf einen Beschluss."

„Sie sind hier der Einzige, der ein Problem damit hat." Frau Brenner zog ihr Handy aus der Jackentasche und wählte, während sie sprach. „Ich ruf jetzt Dr. Achterberg an, dann klären wir das in zwei Minuten, und Sie stehen hier wie der Kollege, der eine Betriebsstörung verursacht hat."

Sie hielt das Handy ans Ohr, wartete, tippte mit dem Fuß auf den Boden. Herr Wieland sagte nichts, suchte nur auf seinem eigenen Handy nach etwas, die Finger zitterten ihm dabei leicht, ob von der Anstrengung im Treppenhaus oder von der Nervosität, konnte ich nicht sagen.

„Mailbox", sagte Frau Brenner schließlich und steckte das Handy wieder ein. „Er ist bis Mittwoch auf einer Tagung in Köln. Aber das ändert nichts. Der Beschluss steht, ich hab ihn selbst mitgeschrieben im Protokoll."

„Zeigen Sie mir das Protokoll."

„Das liegt in meinem Büro."

„Dann holen Sie es. Ich warte hier."

Sie rührte sich nicht. Der Handwerker, der bis dahin nur zugehört hatte, sagte leise: „Ich mach hier nix ohne schriftliche Freigabe vom Hausmeister oder von der Geschäftsführung. Sorry, aber das ist mein Job, nicht meiner, mich da reinzuziehen." Er packte den Bolzenschneider zurück in die Tasche, ganz ruhig, so als hätte er das nicht das erste Mal erlebt.

Frau Brenner wurde rot im Gesicht, so ein Fleck am Hals hoch, den man bei ihr immer sieht, wenn sie eine Besprechung verliert. „Das eskaliert jetzt völlig unnötig", sagte sie, aber sie ging nicht sofort. Sie stand noch einen Moment da, als würde sie überlegen, ob sie den Handwerker doch überreden könnte, dann drehte sie sich um und verschwand Richtung Aufzug, die Absätze klackten den ganzen Flur runter, mehr als es der Teppichboden eigentlich zuließ.

Herr Wieland blieb noch stehen, die Hand auf dem Metallschrank, wie um sich zu vergewissern, dass er noch da ist. Dann setzte er sich auf den Klappstuhl, der neben dem Serverschrank stand — den hatte er sich selbst reingestellt, für seine Pausen, sagte man mir mal.

Ich hatte die Kaffeekanne immer noch in der Hand, mittlerweile fast kalt geworden. Ich stellte sie kurz auf den Boden, weil mir die Finger wehtaten vom Festhalten, und fragte, ob ich ihm ein Glas Wasser holen soll. Er sagte nur „gern", mehr nicht, wollte offensichtlich nicht reden.

Am Montag drauf — ich hatte da schon fast vergessen, was passiert war, Wochenende ist Wochenende — kam Herr Wieland trotzdem wieder, diesmal mit einem Ordner unterm Arm. Ging direkt zur Poststelle im Erdgeschoss, wo Frau Brenner gerade mit dem Hausmeister stand und über Umzugskartons redete. Ich war zufällig auch unten, wollte Milch aus dem Kühlschrank in der Teeküche holen.

Er legte den Ordner auf den Tisch, aufgeschlagen bei einer Seite mit Stempel und zwei Unterschriften. „Das ist die Zuweisung von 2022. Rechtsverbindlich, mit Gegenzeichnung vom Betriebsrat."

Frau Brenner nahm das Blatt in die Hand, hielt es sich näher vor die Augen. „Das ist eine Kopie. Woher weiß ich, dass das nicht nachträglich —"

„Weil das Original bei Dr. Achterbergs Sekretariat liegt, im Vertragsarchiv, Ordner K bis Z. Ich hab heute früh mit ihm telefoniert, er ist aus Köln zurück. Er sagt, er hätte nie einer Auflösung zugestimmt, und er wundert sich, warum er davon erst durch mich erfährt und nicht durch Sie." Er machte eine kurze Pause. „Er sagt auch, Sie sollen ihn zurückrufen. Heute noch."

Frau Brenner legte das Blatt zurück auf den Tisch, ihre Hand blieb einen Moment darauf liegen, die Finger leicht gespreizt, als könnte sie das Papier durch Druck verändern. Der Hausmeister, ein älterer Mann, den alle nur Manfred nennen, schaute erst auf den Ordner, dann auf Frau Brenner. „Wenn Achterberg was anderes sagt, fass ich den Raum nicht an", sagte er und ging.

Zwei Kolleginnen aus der Buchhaltung, die mit Kartons in der Hand vorbeikamen, blieben kurz stehen, sahen sich an, sagten nichts und gingen weiter, aber ich merkte, wie eine der beiden es der anderen später im Aufzug erzählte, mit der Hand vor dem Mund, damit man's nicht zu laut hört.

Frau Brenner sagte gar nichts mehr. Sie nahm die Umzugskartons, die schon fertig aufgebaut auf dem Boden standen — drei Stück, leer, mit Aufschrift „Poststelle neu" — und schob sie mit dem Fuß zur Seite, dann noch einen Schritt weiter, bis sie an der Wand standen, außer Sichtweite vom Flur.

Herr Wieland nahm seinen Ordner, klemmte ihn unter den Arm, wo sonst die Krücke war, und ging langsam zurück zum Aufzug. Ich hab die Milch geholt und bin wieder hoch, meine Pause war eh schon zu Ende.

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Uniad
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