Ich saß in einem Rollstuhl, obwohl meine Beine einwandfrei funktionierten. Felix hatte das Ding vor fünf Monaten bestellt, weil ich ihm in der Notaufnahme erzählt hatte, nach einem Sturz hätte ich keine Kraft mehr in den Knien. Stimmt nicht. Ich hatte nur Angst, er geht, sobald ich wieder selbst die Treppe runterkomme.
Am Samstag roch es im B\u00fcrgerpark nach gebrannten Mandeln. Die Linie 6 ratterte hinter der Mauer vorbei. Felix schob mich \u00fcber den Kiesweg, nicht schnell, eher wie jemand, der zum dritten Mal dieselbe Strecke l\u00e4uft. Vor dem Rosencafé blieb er stehen und reichte mir einen Becher Tee.
Da kam der Junge. Er hatte einen Fahrradhelm unterm Arm und kaute auf einem Lakritz.
Felix, deine Freundin kann laufen, sagte er.
Kein Z\u00f6gern. Ich wollte etwas sagen, aber meine Finger krallten sich um den Becher. Der Tee brannte an der Handfl\u00e4che.
Wie bitte? Felix stellte seinen Kaffee auf dem Tisch ab.
Sie tut nur so, sagte der Junge leise. Damit du nicht abhaust.
Das sa\u00df zu nah. Mir wurde schwindlig.
Felix sah zu mir her\u00fcber. Ich sch\u00fcttelte stumm den Kopf. Der Junge zog ein Handy aus der Hosentasche, entsperrte es und hielt es Felix hin.
Hier. Ich hab’s gefilmt. Und noch mehr.
Felix nahm das Handy. Er starrte auf den Bildschirm. Ich wusste genau, was da lief: Ich stand vor dem Eingang der Galeria an der Obernstraße, hielt die Hand eines Mannes, lachte. Lief. Ganz normal. Mein Cousin Markus, frisch operiert am R\u00fccken. Aber das konnte ich nicht erkl\u00e4ren, ohne den ganzen L\u00fcgenhaufen einzurei\u00dfen.
Glaub ihm nicht! rief ich. Das ist ein kleines Aas, er will nur \u00c4rger!
Felix gab dem Jungen das Handy zur\u00fcck. Er hob den Kopf, und da war etwas in seinen Augen, das ich vorher nicht kannte. Kein Zorn, sondern M\u00fcdigkeit, als h\u00e4tte er wochenlang auf genau diesen Beweis gewartet.
Mir reicht es, sagte er.
Er drehte sich um und ging den Kiesweg zur\u00fcck. Kein Warten auf Antwort, kein Nachfragen. Einfach weg.
Ich rief hinterher. Felix! Warte!
Er lief weiter, als w\u00e4re ich Luft.
Der Junge stand noch da, den Helm unterm Arm. Jetzt weinte er fast.
Warum tut man sowas? fragte er, nicht b\u00f6se. Eher verwirrt.
Ich antwortete nicht. Ich schob mich vom Sitz hoch, sp\u00fcrte, wie kalt die Armlehnen geworden waren, und ging in die andere Richtung. Eine Frau mit einem Spaniel blieb stehen und glotzte, wie ich da aus dem Rollstuhl aufstand. Ich l\u00e4chelte nicht, entschuldigte mich nicht. Ich lief einfach.
Angefangen hatte das Ganze, weil ich in Felix’ Gegenwart aufsprang, als er mir die T\u00fcr aufhielt, und dabei mit dem Knie gegen den Tisch stie\u00df. Er half mir, holte Eis, machte mir einen Tee. Ich hatte dieses Gef\u00fchl zum ersten Mal: jemand bleibt, weil er gebraucht wird. Also blieb ich sitzen. Erst einen Abend. Dann ein Wochenende. Dann erz\u00e4hlte ich von einem Sturz in der U-Bahn, von Taubheitsgef\u00fchlen, von einem MRT-Termin, den es nie gab. Irgendwann stand der Rollstuhl wie ein M\u00f6bel im Flur.
Ich hatte das nicht geplant. Aber Angst f\u00e4delt einen so ein, t\u00e4glich ein St\u00fcck weiter, bis man sich nicht mehr traut, aufzustehen.
Die Woche danach verkaufte ich den Rollstuhl. Auf eBay Kleinanzeigen, mit ehrlichem Text: Gebraucht, ein Jahr alt, wenig gefahren. Zwei Interessenten, einer kam mit den Ma\u00dfen seiner Wohnungst\u00fcr. Am Ende nahm ich 2.860 Euro in bar. Das war fast genau der Preis, den Felix daf\u00fcr bezahlt hatte.
Ich ging in sein Stammcafé in der Lloyd-Passage. Er sa\u00df am Fenster, das Notebook halb zugeklappt, daneben der Espresso, den er nie austrank. Ich legte den Umschlag auf den Tisch. Rechnungsbeleg, der \u00dcberweisungstr\u00e4ger \u00fcber 2.860 Euro, ein Zettel darin: F\u00fcr den Rollstuhl. Du hast ihn bezahlt, nicht ich.
Was soll das? fragte er. Er sah auf den Umschlag, dann zu mir.
Ein Beleg, sagte ich. Und ging.
Er rief hinter mir her: Lina!
Ich h\u00f6rte den Stuhl \u00fcber den Fliesenboden schaben. Die Bahn kam gerade um die Ecke. Ich stieg ein, drehte mich nicht um.
Ein halbes Jahr sp\u00e4ter zog ich aus der Wohnung in der Neustadt aus. Beim Einpacken, zwischen den Kartons mit Winterschuhen, fiel mir der Garantiebeleg f\u00fcr den Rollstuhl in die H\u00e4nde. Unter der Unterschrift des H\u00e4ndlers stand in Felix’ Schrift: F\u00fcr den Fall, dass du doch nicht weggehst. Daneben hatte er die Ratenzahlung vermerkt: drei Jahre. Ich sa\u00df auf dem Boden, hielt das Papier in beiden H\u00e4nden und las den Satz, bis die Buchstaben verschwammen.
