Der Klappstuhl von der Bäckerstraße

Ich hatte mir vorgenommen, früh genug da zu sein, um noch einen Platz am Straßenrand zu ergattern. Beim Herbstfest in Lindenau, einem Stadtteil am Rand von Leipzig, ging es hoch her: Blaskapelle, geschmückte Traktoren der umliegenden Höfe, ein paar restaurierte Trabis, und die Feuerwehrjugend warf literweise Bonbons in die Menge. Ich, Ingrid, dreiundsechzig, verwitwet seit vier Jahren, hatte meinen Klappstuhl unterm Arm, weil mein rechtes Knie seit dem letzten Winter keine zwei Stunden Stehen mehr mitmachte. Ich stellte ihn direkt neben die Bordsteinkante, klappte ihn auf, stellte eine Flasche Apfelschorle daneben und wartete.

Es roch nach Bratwurst vom Stand an der Ecke und nach kaltem Rauch, der noch von den Grillkohlen der Nachbarn hing. Irgendwo bellte ein Hund, den niemand zu kennen schien, drei Straßen weiter lief im Fernsehen eines offenen Fensters die Vorabendserie.

Nach einer knappen halben Stunde blieb eine Frau in meinem Alter stehen, einen Gartenstuhl in der einen Hand, in der anderen zwei Enkelkinder, die schon nach vorne drängten, um die ersten Wagen zu sehen. Ein Stuhl, drei Leute. Sie sah sich um, offensichtlich ohne Hoffnung, noch etwas Freies zu finden.

Ich stand auf, bevor ich überhaupt nachgedacht hatte.

„Nehmen Sie meinen."

„Das kann ich nicht annehmen."

„Ich bestehe darauf."

Sie lachte kurz. „Dann teilen wir ihn uns aber."

So saßen wir die nächste Stunde abwechselnd, während ihre Enkel bei jedem Wagen aufgeregt mit dem Finger zeigten. Als der Umzug vorbei war, half sie mir, die Sachen der Kinder zusammenzupacken, und sagte: „Ich bin übrigens Renate."

„Ingrid."

„War schön, mit Ihnen den Stuhl zu teilen."

„War schön, den Umzug mit Ihnen zu teilen."

Damit hätte die Geschichte enden können. Eine Woche später stand ich auf dem Wochenmarkt am Lindenauer Markt, wollte Zwiebeln und ein Kilo Pflaumen kaufen, da rief jemand meinen Namen. Renate, an einem der Stehtische, winkte mit einem Kaffeebecher. „Ich hab Ihnen einen Platz freigehalten." Wir lachten beide über den Zufall. Sie erzählte von ihren Enkeln, ich von meinem neuen Hobby, Sauerteigbrot zu backen, seit ich in Rente war. Mein erster Laib war innen noch klitschig gewesen, ein grauer Klumpen, den ich den Tauben vor die Füße geworfen hatte. Renate lachte so laut, dass zwei Marktfrauen herübersahen. Wir tauschten Rezepte, bevor wir uns trennten.

Am Samstag darauf lud sie mich zu einem kostenlosen Konzert im Rosental ein. „Ich bring die Stühle mit." „Ich bring den Kuchen." Daraus wurde ein festes Ritual. Wir erkannten bald Gesichter wieder: das Paar, das keinen Freitagabend-Auftritt ausließ, den pensionierten Feuerwehrmann mit der grauen Schiebermütze, den Jugendlichen, der bei jedem Stadtteilfest half, die Bierbänke aufzustellen.

Nicht jeder freute sich über uns. Frau Kessler aus dem Haus gegenüber, die ihren Balkon jeden Sommer mit Geranien zupflasterte, blieb einmal stehen, musterte unsere wachsende Stuhlreihe und sagte, für alle hörbar: „Wenn ihr hier jeden Freitag euren Kaffeeklatsch veranstaltet, blockiert ihr irgendwann den ganzen Gehweg. Das ist öffentlicher Grund, keine Wohnzimmerterrasse." Renate wurde rot im Gesicht, ich hielt die Kuchendose fester, als nötig gewesen wäre. „Wir räumen jedes Mal wieder auf", sagte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr. Frau Kessler schnaubte und ging weiter. Zwei Wochen lang mieden wir die Ecke vor ihrem Haus und setzten uns zehn Meter weiter, was die Runde kleiner machte, weil nicht jeder den neuen Platz fand.

Eines Abends, es muss halb sieben gewesen sein, sah Renate sich um und sagte: „Wir sollten uns nicht verstecken. Wir sollten einfach alle zusammen sitzen, da, wo wir immer waren." Die Woche darauf kamen wir früher, stellten sechs Stühle mehr auf, an der alten Stelle. Wer vorbeikam und den wir kannten, winkten wir heran. „Hier ist noch Platz." Herr Brandt, der Feuerwehrmann, brachte seinen eigenen Klappstisch mit, weil er fand, eine Runde ohne Tisch für die Thermoskanne sei „unzivilisiert". Die Musiklehrerin, Frau Ohlendorf, brachte ein Kartenspiel für die Kinder. Niemand hatte das verteilt. Es passierte einfach.

Im Herbst gab es das Erntedankfest auf dem Marktplatz: Heuballen, Kürbisse, Stände mit Apfelmus und selbstgezogenen Kerzen. Wir trugen unsere Klappstühle wie immer hin, doch diesmal hatte Frau Kessler bei der Stadtverwaltung nachgefragt, ob unsere „Ansammlung", wie sie es nannte, überhaupt genehmigt sei. Ein Ordnungsamt-Mitarbeiter kam tatsächlich vorbei, mit Klemmbrett und einem Gesicht, das nichts versprach. Er maß mit Schritten den Abstand zur Straße, notierte etwas, sagte, er müsse das „intern klären", und ließ uns mit einem mulmigen Gefühl zurück. Renate saß den ganzen Abend mit verschränkten Armen da und sagte kaum ein Wort.

Mitten im Trubel kam ein kleiner Junge auf uns zu, einen Kürbis im Arm, der fast größer war als er selbst. Er sah erschöpft aus. Renate rückte ihren Stuhl frei, fast automatisch, ohne nachzudenken. „Setz dich kurz hin." Er setzte sich, umarmte den Kürbis, atmete durch. Nach fünf Minuten trug er ihn stolz weiter. Jemand rief scherzhaft: „Diese Stühle brauchen einen Namen." Eine Frau sagte lachend: „Freundschaftsreihe." Der Name blieb hängen, obwohl über uns noch die Sache mit dem Ordnungsamt schwebte.

Die Antwort kam zehn Tage später, ein Brief mit Stadtwappen: Das dauerhafte Aufstellen von Sitzgelegenheiten auf öffentlichem Gehwegland bedürfe grundsätzlich einer Sondernutzungserlaubnis, Bearbeitungsgebühr 35 Euro, Bearbeitungszeit bis zu sechs Wochen, im Zweifel Ablehnung wegen Verkehrssicherheit. Renate rief mich an, ihre Stimme war dünn am Telefon. „Vielleicht sollten wir es einfach lassen. Ich hab keine Lust auf Ärger mit der Stadt, nicht in meinem Alter." Ich hörte, wie sie die Tasse auf dem Tisch absetzte, zu hart, es klirrte.

Ich fuhr am nächsten Tag zu ihr, mit einem missratenen Zwetschgenkuchen unterm Arm, der Teig war beim Transport eingesunken. Wir saßen in ihrer Küche, aßen die matschige Mitte nicht, nur die Ränder, und ich sagte: „Dann stellen wir eben keinen Antrag für dauerhaft. Wir bauen die Stühle jedes Mal auf und wieder ab, wie am ersten Tag. Das kann uns keiner verbieten." Renate sah mich lange an, rührte in ihrem kalten Kaffee, ohne zu trinken. „Und wenn Frau Kessler wieder anruft?" „Dann ruft sie eben wieder an."

Wir machten es so: Klappstühle auf, Klappstühle ab, jedes Mal, pünktlich, sauber aufgeräumt, keine Spur am nächsten Morgen. Frau Kessler stand noch zweimal am Fenster und beobachtete uns mit verschränkten Armen, rief aber nicht mehr an. Beim dritten Mal brachte sie unaufgefordert einen Teller mit Butterkuchen heraus, stellte ihn kommentarlos auf Herrn Brandts Klapptisch und ging wieder rein, ohne ein Wort. Renate und ich sahen uns an und sagten nichts dazu, aus Angst, es könnte sich in Luft auflösen, wenn wir es aussprachen.

Als der Winter kam und die Freiluftkonzerte endeten, rief Renate an. „Was hältst du davon, uns freitags im Gemeindezentrum an der Georg-Schwarz-Straße zu treffen?" „Wofür?" „Für gar nichts Bestimmtes." Also taten wir es. Mal Skat, mal Puzzle, mal nur Kaffee und Reden. Ein Mann gestand eines Freitags leise, es sei das erste Mal seit seinem Umzug hierher, dass er einen Nachmittag mit anderen Menschen verbracht habe. „Ich bin froh, dass ich gekommen bin", sagte er. „Wir auch", antwortete Renate.

Im März, kurz bevor die ersten Konzerte wieder anfingen, rief Renate mich um kurz nach acht Uhr abends an, ihre Stimme belegt. Ein Fleck auf dem Röntgenbild, sagte sie, die Ärzte wollten noch mehr Untersuchungen. „Ich schaff das mit den Stühlen dieses Jahr vielleicht nicht", sagte sie, und ich hörte, wie ihr die Worte im Hals stecken blieben. Ich saß mit dem Telefon am Küchentisch und wusste nicht, was ich sagen sollte, außer: „Dann bring ich die Stühle. Du musst nur kommen, wenn du kannst." Es klang dünner, als ich es gemeint hatte.

Die Behandlung zog sich über den Frühling. An manchen Freitagen kam Renate, blass, mit einem Tuch um den Kopf, weil ihr die Haare ausgingen, setzte sich für eine halbe Stunde, trank ihren Kaffee ohne Milch, weil ihr alles andere komisch schmeckte, und ging dann früh. An anderen Freitagen kam sie gar nicht, und ich saß mit einem leeren Stuhl neben mir, den ich trotzdem jedes Mal aufstellte. Frau Ohlendorf brachte ihr Suppe vorbei, Herr Brandt reparierte Renates klemmende Gartentür, ohne dass jemand ihn darum gebeten hatte. Niemand sprach groß darüber. Man tat es einfach.

Beim nächsten Sommerumzug kamen wir mit deutlich mehr Stühlen, als wir eigentlich brauchten, und Renate saß in der Mitte, dünner als im Jahr zuvor, aber da. Passanten blieben stehen. „Ist das die Freundschaftsreihe?" „Genau die." „Dürfen wir uns dazusetzen?" „Klar, hol dir einen Stuhl." Ich sah den Kindern zu, die miteinander lachten, während die Großeltern Geschichten austauschten.

Bevor der Umzug losging, kam der Ortsbürgermeister mit einer kleinen Urkunde zu uns herüber, ein Stück laminiertes Papier, an dessen einer Ecke schon der Druck leicht verwischt war, weil es wohl in letzter Minute noch gemacht worden war. Er räusperte sich zweimal, bevor er zu reden anfing, offensichtlich nicht ganz sicher, wie ernst er das Ganze nehmen sollte. „Das hier ist dafür, dass Sie uns alle daran erinnern, dass eine Nachbarschaft von einem Gespräch zum nächsten wächst." Wir klatschten, ein bisschen verlegen ob der Aufmerksamkeit. Als er weiterging, beugte sich Renate zu mir, ihre Hand auf meinem Arm zitterte leicht, von der Chemo oder von der Kälte, ich wusste es nicht. „Und das alles nur, weil du einen Stuhl geteilt hast."

„Es war nur ein Klappstuhl."

Sie schüttelte den Kopf, sagte aber nichts weiter dazu, sondern griff nach ihrem Kaffeebecher und hielt ihn mit beiden Händen fest, als müsste sie sich daran wärmen.

Ein Jahr später, beim Aufräumen von Renates Dachboden nach ihrem Umzug in eine kleinere Wohnung näher am Klinikum, fand sich eine alte Kladde mit Namen und Telefonnummern, akkurat notiert nach dem Datum des jeweils ersten Treffens. Ganz oben, mit Datum vom Herbstfest, stand: „Ingrid – die mit dem Klappstuhl." Renate hatte von Anfang an mitgeschrieben, wer zu wem gehörte, ohne dass ich je davon wusste. Die Liste zählt heute dreiundvierzig Namen, der letzte Eintrag ist mit Bleistift geschrieben, als hätte die Hand, die ihn schrieb, nicht mehr ganz sicher gewusst, wie fest sie aufdrücken sollte.

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