**Sieben Jahre**

Ich zähle die Münzen in der Kasse, als das Mädchen vor meinem Schaufenster stehen bleibt. Klein, vielleicht sechs. Ein Sandwich in der Hand, noch in Papier gewickelt. Hinter ihr eine Frau in einem beigen Trenchcoat, das Handy am Ohr. Die Frau redet und gestikuliert mit der freien Hand. Sie geht weiter, das Mädchen nicht. Es zieht an ihrem Ärmel — nichts. Dann rennt es los, in die Gasse neben meinem Späti.

Die Gasse kenne ich. Zwölf Jahre arbeite ich hier am Reudnitzer Platz, und hinter meinem Laden ist der Hof mit den Müllcontainern. Da sitzt er fast jeden Abend, der Junge, zwischen den Containern und der alten Backsteinmauer, in eine graue Decke gewickelt. Zehn? Zwölf? Schwer zu sagen unter dem Ruß. Ich habe ihm ab und zu einen Kaffee rausgebracht, wenn es kalt war, oder ein Brötchen, das sonst in die Tonne geflogen wäre. Seinen Namen hat er nie gesagt. Er redet nicht.

Manchmal zählt er die Steine an der Mauer. Einmal habe ich gesehen, wie er mit einem Stück Kreide ein Herz auf den Asphalt gemalt hat. Es regnete, die Farbe verlief.

Heute sitzt er wieder da. Ich sehe ihn durch die Scheibe: die dreckige Hose, das viel zu große Jackett, die Schuhe ohne Schnürsenkel. Das Mädchen im weißen Mantel steht jetzt vor ihm und streckt ihm das Sandwich hin, als würde es ein verletztes Tier füttern.

Der Junge nimmt es nicht. Er schaut das Mädchen an, nur das.

Dann klappern Absätze auf dem Kopfsteinpflaster. Die Frau aus dem Trenchcoat, das Handy noch in der Hand. „Nein! Weg von ihm!“

Sie reißt das Mädchen zurück. Das Mädchen weint. „Mama! Er hat Hunger!“

Die Frau dreht sich zum Jungen um.

Und dann bleibt alles stehen.

Die Handtasche rutscht ihr von der Schulter und fällt auf den Boden. Sie klappt auf. Eine kleine Karte rutscht heraus — ein Foto, ein Kindergesicht mit blauen Augen und einer hellen Narbe über der linken Braue. Der Neonschein meines Schaufensters fällt genau darauf.

Der Junge sagt etwas. Ich höre es nicht durch die Scheibe, aber ich sehe seine Lippen. „Mama.“

Die Frau fällt auf die Knie. Sie greift nach seinem Gesicht, mit beiden Händen, und ihre Schultern zucken. Ich höre keinen Ton. Nur das Radio in meinem Späti spielt einen alten Schlager, irgendwas von Sommer und Tanz und Abschied.

Die Kleine steht hinter ihrer Mutter. „Mama, wer ist das?“

Die Frau zieht den Jungen an sich. Sie drückt ihn, als hätte sie Angst, dass die Gasse ihn wieder verschluckt. Dann höre ich ihre Stimme durch die offene Tür meines Spätis: „Dein Bruder.“

Herr Krüger kommt vorbei, will eine Schachtel Roth-Händle. Ich lege sie auf den Tresen, ohne hinzusehen. „Was ist denn da los?“, fragt er.

„Sie hat ihn gefunden“, sage ich.

Die Frau steht auf. Sie zieht ihren Trenchcoat aus und legt ihn dem Jungen um die Schultern. Dann nimmt sie ihr Handy und tippt eine Nummer. Ihre Stimme ist fest, aber sie atmet wie nach einem langen Lauf.

„Ich habe meinen Sohn gefunden. Nach sieben Jahren. Er lebt.“

Sie nennt die Adresse: die Gasse neben dem Späti, Reudnitzer Platz. Dann steckt sie das Handy ein, reicht dem Mädchen die eine Hand, dem Jungen die andere. Die Kleine streckt dem Jungen noch immer das Sandwich hin. Jetzt nimmt er es. Er beißt hinein, und Tränen laufen über sein dreckiges Gesicht.

Ich mache meine Kasse zu. Herr Krüger steht noch da, die Zigaretten in der Hand. „Sieben Jahre“, sagt er. „Mensch.“

Mein Kaffee ist kalt geworden. Der Schriftzug in meinem Fenster flackert — seit drei Wochen. Zweimal habe ich bei der Stadt angerufen. Passiert ist nichts.

Draußen geht die Familie zu einem grauen Passat. Die Frau macht die Hintertür auf, zuerst für die Kleine, dann für den Jungen. Bevor sie einsteigt, dreht sie sich um und schaut zu mir herüber. Sie hebt die Hand — kurz, als wollte sie danke sagen. Dann fährt sie los.

Ich stehe am Fenster, bis die Rücklichter verschwunden sind. Die Gasse ist leer. Nur das Papier vom Sandwich liegt auf dem Pflaster. Ein Windstoß schiebt es ein Stück, dann bleibt es an der Bordsteinkante hängen.

Ich drehe das Radio aus. Draußen fährt die letzte Straßenbahn die Reudnitzer Straße hinunter. Ich schließe den Späti ab und gehe nach Hause. Der Junge kommt morgen nicht wieder. Das weiß ich. Die Gasse wird leer bleiben.

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Uniad
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