Samstag, kurz vor zwölf. Jens steht im Türrahmen der Küche und reibt sich den Bauch unter dem ausgeleierten T-Shirt. „Hannah? Warum riecht es hier nach nichts?“
Ich stehe im Flur vor dem Spiegel und lege mir die Kette um. Ein dunkelgrünes Kleid, vor zwei Wochen im Sale gekauft, dazu die Ohrringe von meiner Großmutter. „Weil heute nichts kocht“, sage ich.
„Wie, nichts kocht?“ Er blinzelt, als hätte ich eine Fremdsprache gesprochen.
„Nichts. Kein Braten, kein Gemüse, kein Kuchen. Ich gehe zu Mirijam. Sie wird fünfundvierzig.“
„Aber meine Mutter! Tante Gisela! Onkel Klaus! Die kommen doch!“ Seine Stimme kippt.
„Dann kümmerst du dich“, sage ich und ziehe mir die Jacke über. „Der Herd ist sauber. Der Kühlschrank auch. Fast leer. Du wolltest getrennte Konten. Dann bezahl auch getrennt für deine Gäste.“
Das mit den getrennten Konten war vor einem halben Jahr. Jens hatte sich einen VW Tiguan gekauft, mit Autokredit, und fand, wir sollten die Finanzen aufteilen: Er zahlt die Raten, ich den Rest. Hatte ich zugestimmt. Nur dass die Samstagsessen für seine Familie weiter aus meiner Tasche kamen. Jeden Freitag nach der Arbeit stand ich im Biomarkt und kaufte Rinderfilet, Lachs, frische Kräuter, Käse vom Bauernmarkt. Für fünf Personen. Für Renate, die immer etwas auszusetzen hatte. Für Tante Gisela, die nie half. Für Onkel Klaus, der nur dasaß und Fußball schaute, während ich kochte.
Drei Jahre lang. Jeden Samstag. Um sieben aufgestanden, geschnippelt, mariniert, gebraten, den Tisch gedeckt. Und danach die Berge von Geschirr, während Jens auf dem Sofa die Sportschau schaute.
Heute nicht.
Jens stellt sich mir in den Weg. „Du kannst doch nicht einfach gehen! Das ist unsere Familientradition!“
„Eure Tradition. Ich war nur die kostenlose Küchenhilfe.“ Ich dränge an ihm vorbei, ziehe die Wohnungstür auf. „Wenn du Hunger hast, bestell was. Oder koch selber. Reis ist im Schrank.“
„Hannah!“ ruft er hinter mir her. „Wenn du jetzt gehst, gibt es einen Riesenkrach!“
„Dann gibt es eben Riesenkrach“, sage ich und lasse die Tür ins Schloss fallen.
Auf der Treppe riecht es nach Bohnerwachs. Der Nachbar von gegenüber, Herr Scholz, kommt mit seinem Dackel aus der Tür, der kläfft mich an, als ich vorbeigehe. Ich streichle ihm kurz über den Kopf, dann nehme ich die Stufen nach unten. Draußen ist Herbst, die Linden am Straßenrand werden gelb, und die Straßenbahn der Linie 9 quietscht um die Ecke.
Ich steige ein, setze mich ans Fenster und atme durch. Seit drei Jahren habe ich samstags keine schmerzenden Hände vom Gemüseschneiden mehr. Meine Finger riechen nach Handcreme, nicht nach Zwiebeln.
Die Feier ist in einem alten Fabrikgebäude in Plagwitz. Mirijam hat ein Buffet bestellt: Quiche, Salate, Antipasti. Ich sitze am Tisch, trinke einen Weißwein und unterhalte mich mit einer ehemaligen Kollegin. Um halb vier vibriert mein Handy. Jens.
Ich stehe auf, gehe in den Flur, zwischen die hohen Fenster, und nehme ab. „Ja?“
„Hannah, hier ist das Chaos!“ Er schreit, im Hintergrund höre ich Renates schrille Stimme. „Meine Mutter ist da, Tante Gisela ist da, Onkel Klaus sitzt am leeren Tisch! Alle gucken mich an! Was soll ich machen?“
„Kochen? Bestellen? Deine Entscheidung.“ Ich spiele mit der Kette an meinem Hals.
„Ich habe nichts! Der Kühlschrank ist leer bis auf eine Packung Butter und zwei Eier!“ Er schnauft. „Die Lieferdienste verlangen Unsummen! Für fünf Personen! Das sind ja fast hundert Euro!“
„Und? Ich habe jeden Freitag für euch eingekauft. Für sechzig, siebzig Euro. Jede Woche. Aus eigener Tasche. Jetzt ist Schluss damit.“
In der Leitung knackt es. Dann sagt Jens leiser: „Kannst du nicht schnell zurückkommen? Nur einmal noch. Wir setzen uns alle zusammen, du machst Nudeln mit Tomatensoße, das reicht doch. Ich zahle dir das auch zurück, ehrlich.“
Ich muss fast lachen. „Nudeln mit Tomatensoße. Für deine Mutter, die immer gesagt hat, meine Soße sei zu sauer. Nein, Jens. Heute nicht. Ich bin auf einer Geburtstagsfeier, und ich habe vor, zu tanzen.“ Ich lege auf und stelle das Handy auf lautlos.
Als ich abends nach Hause komme, ist die Küche ein Schlachtfeld. Überall kleben angebrannte Kartoffelreste, der Herd ist mit Fett bespritzt, auf dem Tisch liegen leere Fertigpackungen. Jens sitzt im Wohnzimmer, das Licht aus, vor dem dunklen Fernseher.
„Sie sind weg“, sagt er, ohne sich umzudrehen. „Meine Mutter hat geweint. Tante Gisela meinte, sie kommt nie wieder her.“
„Schade“, sage ich. „Dann kann ich ja jetzt endlich mal ausschlafen.“
Er dreht sich um. „Du hast unsere Familie zerstört!“
„Nein, ich habe nur aufgehört, eure Familie zu finanzieren. Das ist ein Unterschied.“ Ich gehe an ihm vorbei ins Schlafzimmer und ziehe die Tür hinter mir zu.
Drei Wochen später. Wieder Samstag. Ich sitze am Fenster, trinke Kaffee und blättere in der Leipziger Volkszeitung. Draußen nieselt es, die Blätter kleben auf dem Asphalt. Jens hastet durch den Flur, zieht seine Jacke an, in der Hand eine Plastiktüte vom Bäcker: Aufschnitt, Brötchen, vielleicht ein Stück Kuchen.
„Ich fahre zu meiner Mutter“, sagt er. „Die Treffen sind jetzt bei Tante Gisela. Jeder muss sein eigenes Essen mitbringen. Tante Gisela hat gesagt, sie kocht nicht mehr für die ganze Meute. Sie hätte ja auch noch ein Leben.“
Ich nicke nur. „Grüß sie von mir.“
Er zögert, als wolle er noch etwas sagen. Dann geht er, die Wohnungstür fällt ins Schloss.
Ich hole mein Laptop heraus und logge mich ins Online-Banking ein. Ich suche den Dauerauftrag, den ich vor drei Jahren eingerichtet hatte: jeden Freitag siebzig Euro für den Lebensmitteleinkauf. Ich lösche ihn. Dann richte ich einen neuen ein: jeden Freitag dreißig Euro, nur für mich, auf mein eigenes Konto. Für Obst vom Markt, Brot vom Bäcker, ab und zu ein Stück Käse. Den Rest kann Jens selbst bezahlen.
Ich lehne mich zurück und schaue aus dem Fenster. Unten fährt die Straßenbahn vorbei. Es riecht nach nassem Laub und nach Kaffee. Und der Samstag gehört mir.
