# Der Weg, den ich nicht gewählt habe

Thomas Bergmann arbeitete neun Jahre als Wanderführer im Nationalpark Berchtesgaden, und diese Geschichte erzählte er nur ein einziges Mal, an einem Winterabend, einer Gruppe von Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen, die ein Verein aus Freilassing zu ihm gebracht hatte. Er erzählte sie nicht als Lehrstück. Er erzählte sie, weil sie ihm wirklich passiert war, mit zweiundzwanzig, als er noch ein junger, dummer Kerl war, der glaubte, alles zu wissen.

Es war im Herbst, bei einer Fünf-Tage-Tour durch das Ramsauer Tal, eine Gruppe von fünf Kumpels aus der Bundeswehrzeit, die ihre Entlassung feiern wollten. Dazu kam Kevin, vierzehn Jahre alt, der Neffe von Markus, den seine Schwester für ein paar Tage loswerden wollte, weil der Junge zu Hause zwei Mal aus dem Fenster geklettert war und niemand mehr wusste, wohin mit ihm. Thomas, der sich von allen am sichersten fühlte, hatte die Führung übernommen — und sie verloren. So einfach war das. Die Karte wurde im Regen nass, der Kompass spielte verrückt, und um viertel nach vier am Nachmittag standen sie an einer Weggabelung, ohne Ahnung, wohin, während die Dunkelheit schon zwischen den Bäumen kroch.

„Ich geh nach links", sagte Markus, der Älteste der Truppe, Klimatechniker aus Rosenheim. „Hab so ein Gefühl." Keiner fragte, wofür. Er ging einfach los, den Rucksack über einer Schulter.

„Ich nach rechts", sagte Felix, der Elektrotechnik studierte und in allem eine Logik suchte. „Man nennt es nicht umsonst den ‚richtigen Weg'." Er lachte über seinen eigenen schlechten Witz, keiner lachte mit.

„Ich geh zurück, wie wir gekommen sind", sagte Lena, die einzige Frau der Gruppe. „Von hier sind wir rein. Hier komm ich raus." Sie hatte den Schal schon vom Hals gezogen.

„Ich geh weiter geradeaus", sagte Jonas, der Ungeduldigste von allen. „Ein Wald hört nicht ewig auf. Irgendwann ist er zu Ende."

Kevin sagte gar nichts. Er stand mit den Händen in den Jackentaschen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und als die vier in ihre Richtungen aufbrachen, drehte er sich einfach um und lief Felix hinterher, ohne ein Wort, drei Schritte hinter ihm, wie ein Hund, der niemandem gehört.

Thomas ging in keine Richtung. Er betrachtete die hohe Eiche etwas abseits, deren Krone über den restlichen Bestand hinausragte, und sagte: „Ihr irrt euch alle. Gebt mir eine Minute." Keiner wartete. Bis er die ersten Äste erreicht hatte, waren sie schon verschwunden, und seine Schuhe — alte Adidas, an der Spitze schon durchgescheuert — rutschten zweimal auf der nassen Rinde ab, bevor er Halt fand.

Von oben, ungefähr auf Höhe eines dritten Stockwerks, sah er keinen von ihnen mehr. Es war fünf vor fünf. Er erkannte, erstaunlich deutlich, eine ferne Stromleitung, die nach Osten verlief. Er wusste, wohin er musste. In seiner Hosentasche hatte er zweiundzwanzig Euro, genau sein Alter, und das brachte ihn dort oben zum Grinsen, allein auf dem Ast, in der Kälte, die schon zu beißen begann. Er saß einen Moment, zählte die Münzen ohne Grund und hatte das Gefühl, als Einziger richtig gesehen zu haben. Dass er nicht überstürzt losgerannt war wie die anderen.

Er irrte sich.

Bei der Richtung hatte er recht — er kletterte hinunter, genau dorthin, wo er es gesehen hatte, und nach zweieinhalb Stunden erreichte er eine Schotterstraße, von dort per Anhalter mit einem Lkw-Fahrer, der ihm wortlos eine Zigarette anbot, bis nach Freilassing. Aber er irrte sich darin, zu glauben, er sei der Einzige gewesen, der etwas gelöst hatte.

***

Auf einer Wanderführer-Tagung in Berchtesgaden, fast zehn Jahre nach jenem Abend im Ramsauer Tal, traf Thomas an der Getränketheke auf Felix. Er erkannte ihn zuerst gar nicht — der Bart, die Statur, erst die Stimme brachte die Erinnerung zurück.

„Erinnerst du dich an die Nacht damals?" Felix lachte, dasselbe schlechte Lachen wie früher. „Ich weiß immer noch, wie der Mistkerl heißt, der mir die Uhr geklaut hat, während ich geschlafen hab. Kevin. Markus' Neffe." Er zog sein Handy heraus, zeigte Thomas eine WhatsApp-Nachricht: *„Komme heute um sechs an, halt mir vorne einen Platz frei — Kevin."*

Thomas erinnerte sich jetzt, an den Jungen mit der Kapuze, der Felix hinterhergelaufen war. „Ich hab ihn ganz vergessen. Was ist aus ihm geworden?"

„Er ist mir drei Tage nach der Tour weggelaufen, mitten aus dem Bahnhof Traunstein, mit meiner Uhr in der Tasche. Ich hab ihn erst zwei Jahre später wiedergesehen — er stand vor der Tür von dem Jugendzentrum, das ich mittlerweile leite, und hat gefragt, ob er mitarbeiten kann. Ohne Uhr, ohne Erklärung." Felix steckte das Handy weg. „Ich hab ihn genommen. Seit einem Jahr ist er fest bei mir, Betreuer für die ganz Jungen. Er kommt heute als Team-Mitglied zur Tagung."

Das hatte Thomas nicht gewusst. Er hatte immer geglaubt, die Geschichte des Jungen sei irgendwo im Dunkeln zwischen den Bäumen liegen geblieben, dort, wo sie alle sie verloren hatten.

„Und Lena?" fragte Thomas. „Hast du von ihr gehört?"

„Sie hat mir ein Foto vom Wanderweg geschickt. Da steht jetzt ein Schild vom Nationalpark. ‚Roter-Schal-Pfad' steht drauf." Felix zuckte mit den Schultern. „Sie sagt, sie hätte nie darum gebeten, dass man ihn so nennt. Sie ist jetzt Rangerin da draußen, hauptberuflich."

Jemand rief Thomas' Namen, eine vertraute Stimme. Er drehte sich um — Markus, mit grauen Schläfen, die er früher nicht gehabt hatte, winkte von Weitem an einem Tisch mit Broschüren. „Ich hab eine Warteliste von acht Monaten für meinen Klimatechnik-Kurs für Jugendliche," rief Markus statt einer Begrüßung. „Erzähl mir, wie das überhaupt passiert ist, dass aus mir ein Lehrer wurde."

Thomas antwortete nicht sofort. Er betrachtete sie — Felix, das Handy noch in der Hand, Markus mit den Broschüren, und in der Ecke, am Stand der Technischen Universität, jemand, der aussah wie Jonas, diskutierte mit einem Dozenten über irgendeine Pflanze auf einer Leinwand, die geradeaus, immer nur geradeaus gewachsen war, bis sie ein eigenes Feld gefunden hatte. Vier Richtungen, an einer Weggabelung im Regen gewählt, und jede hatte sich in ein ganzes Leben verlängert, während er auf einem Ast gesessen und geglaubt hatte, nur seiner zähle.

Er dachte an die Eiche, an die zweiundzwanzig Euro in seiner nassen Hosentasche, an das Grinsen dort oben, das ihm jetzt wie das eines Jungen vorkam, der von der Welt noch nichts wusste. Vier Wege waren vier Leben geworden, keines falscher als seines, und er hatte zehn Jahre gebraucht, um an einer Getränketheke zu verstehen, dass Richtigsein nie bedeutet hatte, als Einziger recht zu haben.

Er sah Kevin an diesem Abend erst spät, kurz vor sieben, als ein hochgewachsener junger Mann mit Felix' Namensschild um den Hals durch die Tür kam und sich suchend umsah. Thomas hatte zwei Tassen Kaffee auf dem Tisch stehen, eine für sich, eine einfach so, weil es sich seit einer Stunde schon richtig angefühlt hatte, sie dort stehen zu lassen. Er hob die Hand, und der junge Mann kam zwischen den Tischen hindurch, unsicher noch, aber er kam.

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