Der Schlüssel zu meiner Wohnung in der Amalienstraße

Ich heiße Ingeborg Rademacher, bin 75 und wohne allein in Freiburg, im dritten Stock eines Altbaus in der Amalienstraße, in dem die Heizung im Winter immer erst um sieben anspringt und man den Bäcker unten schon riecht, bevor man richtig wach ist. Mein Mann Heinrich ist vor neun Jahren gestorben. Meine Tochter Bettina wohnt zwölf Minuten mit dem Rad entfernt, drüben in Herdern, und hat seit Jahren einen Schlüssel zu meiner Tür.

Am Anfang war das eine Erleichterung, keine Last. Als ich mir 2019 die Hüfte brach, ist Bettina jeden Tag gekommen, hat mir die Kompressionsstrümpfe angezogen und die Wäsche gemacht. Wenn ich zur Kur fahre, gießt sie den Efeu auf dem Balkon und nimmt die Post aus dem Kasten. Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet dieser Schlüssel irgendwann zum Streitpunkt wird.

Es hat schleichend angefangen, vor gut drei Jahren schon. Bettina rief beim Reinkommen nur noch "Mama, ich bin's!" durch den Flur, ohne vorher zu klingeln. Ich fand das damals eher rührend als störend. Wenn sie etwas vorbeibrachte, kam sie einfach rein. Wenn sie die Enkel mitbrachte, genauso. Zweimal stand ich unter der Dusche und kam raus, und sie saß schon am Küchentisch und hatte die Spülmaschine ausgeräumt. Sie ist meine Tochter, dachte ich. Wozu sich aufregen.

Bis zu diesem einen Donnerstag im März. Ich hatte schlecht geschlafen, war spät aufgestanden, hatte mir einen Kaffee gemacht und saß im Morgenmantel vorm Fernseher, die Tagesschau lief noch als Wiederholung im Radio nebenan. In der Wohnung sah es aus wie Kraut und Rüben: zwei Teller vom Vortag auf dem Sofatisch, ein Pullover über der Stuhllehne, das Bett nicht gemacht. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, das kenn ich seit dreißig Jahren, dieses Rattern gehört zum Wohnen hier dazu wie die Kirchturmuhr von St. Martin.

Dann ging die Tür auf. Bettina, beide Arme voller Einkaufstüten von Rewe, drei Fenster in unter fünf Minuten aufgerissen, Teller weggeräumt, und dabei schon am Reden: das Wohnzimmer müsse mal wieder abgestaubt werden, die Handtücher gehörten gewechselt, und überhaupt liege da noch ein Stapel Post, um den sie sich seit Tagen kümmern wolle. Ich saß mit meinem Kaffee da wie ein Schulkind, das beim unaufgeräumten Zimmer erwischt wird.

Ich bat sie, alles liegen zu lassen. Sie verstand gar nicht, worum es ging. "Mama, ich helf dir doch nur." Ich bat sie, sich zu setzen. Und dann sagte ich es: "Von jetzt an klingelst du, bevor du reinkommst." Ihr Gesicht kippte regelrecht. "Aber warum denn?" Ich erklärte, ich wolle wissen, wenn jemand meine Wohnung betritt. "Ich bin doch nicht irgendjemand. Ich bin deine Tochter." Genau da lag das Problem. Für Bettina hob das Wort Tochter jede Grenze automatisch auf.

Sie war gekränkt, fragte, ob ich etwas zu verbergen hätte, sagte, es mache sie traurig, dass sie nach allem, was sie für mich tue, jetzt um Erlaubnis bitten müsse. Ich wurde auch wütend und fragte sie, ob ich um neun Uhr morgens mit meinem eigenen Schlüssel bei ihr aufkreuzen dürfte, Fenster aufreißen und ihr sagen, was noch zu putzen sei. Sie meinte, das sei doch etwas ganz anderes. "Warum?" Eine Antwort blieb sie mir schuldig.

Bettina ging beleidigt. Fast eine Woche redeten wir nur das Nötigste. Mein Sohn Jörg, der in Mannheim lebt und alles nur vom Telefon aus mitbekam, meinte, ich sei vielleicht zu hart gewesen. Ich fing selbst an zu zweifeln. Ich wollte nicht, dass meine Tochter glaubt, sie sei bei mir nicht mehr willkommen.

Also bin ich zu ihr gefahren, mit dem Bus die Wiehre hoch, mit einer Tüte Zimtschnecken vom Bäcker als Friedensangebot, was am Ende gar nicht nötig war. Ich erklärte ihr, der Schlüssel bleibe selbstverständlich bei ihr. Wenn ich mal nicht ans Telefon ginge oder etwas Ernstes passiere, solle sie ohne zu zögern reinkommen. Aber wenn sie einfach zu Besuch komme, wolle ich das Klingeln hören. Und dann gestand ich ihr etwas, das mir peinlich war zuzugeben: In letzter Zeit hatte ich das Gefühl, sie käme in meine Wohnung, um zu kontrollieren, was zu tun sei. Und ich wollte immer noch das Recht haben, mal ungespültes Geschirr stehen zu lassen oder bis mittags im Morgenmantel herumzulaufen, ohne mich rechtfertigen zu müssen.

Bettina schwieg eine Weile, drehte die Papiertüte mit den Zimtschnecken in den Händen. Dann gab sie zu, dass sie seit dem Tod ihres Vaters übertrieben um mich besorgt sei. Sie habe manchmal Angst, mir könnte etwas zustoßen, ohne dass sie es rechtzeitig merkt. Das verstand ich gut, auch wenn es die Sache mit dem Klingeln nicht aus der Welt schaffte.

Denn ein paar Wochen später merkte ich: Reden allein hatte nichts geändert. Bettina klingelte zwar jetzt manchmal, aber genauso oft stand sie einfach wieder in der Küche, wenn ich aus dem Bad kam, mit der Begründung, sie sei "gerade in der Nähe" gewesen. An einem Sonntagvormittag im Juni kam es zum eigentlichen Bruch. Ich hatte mir vorgenommen, endlich in Ruhe die Steuerunterlagen für die Rentenversicherung durchzugehen, Kaffee, Aktenordner, Radio leise im Hintergrund. Da hörte ich den Schlüssel im Schloss. Bettina, mit den Enkeln im Schlepptau, mitten im Wohnzimmer, fing sofort an, meine Unterlagen vom Tisch zu räumen, weil "das doch keinen schönen Eindruck mache, wenn Besuch komme".

Da habe ich den Aktenordner zugeklappt und gesagt: "Bettina, gib mir den Schlüssel zurück." Sie erstarrte richtig. "Das ist nicht böse gemeint", sagte ich, "aber ich merke, Reden reicht nicht. Du sollst weiter jederzeit für mich da sein können, im Notfall, das versprech ich dir. Aber dafür brauchst du keinen eigenen Schlüssel mehr, dafür reicht der Hausnotruf, den ich mir sowieso schon bestellt habe." Ich zog das Formular vom Roten Kreuz aus der Mappe, das ich tags zuvor ausgefüllt hatte: einen Knopf am Handgelenk, der bei einem Sturz oder in einer echten Notlage automatisch die Zentrale alarmiert, die dann Bettina oder den Rettungsdienst ruft. Neunzehn Euro im Monat, seit fünfunddreißig Jahren gibt es diesen Dienst in Freiburg, meine Nachbarin Frau Ostrowski hat ihn schon.

Bettina legte den Schlüssel auf den Tisch, ohne ein Wort. Die Enkel spielten weiter mit dem Lego auf dem Teppich, als wäre nichts gewesen. Ich nahm den Schlüssel, ging zum Schreibtisch und legte ihn in die oberste Schublade, dort, wo früher Heinrichs Uhr lag.

Zwei Tage später rief der Hausmeister vom Nachbargebäude an, mit dem ich mich schon länger kannte, und ich ließ das Schloss austauschen, nicht weil ich Bettina misstraute, sondern weil ich wollte, dass ab jetzt jeder, der zu mir will, klingelt. Auch meine Tochter.

Am Samstag darauf klingelte es tatsächlich. Ich machte auf, im Morgenmantel, die Haare noch nicht gemacht, und da stand Bettina mit einer Tüte Zimtschnecken vom selben Bäcker. "Darf ich?" Ich sagte ja. Sie kam rein, sah die zwei Tassen von gestern Abend in der Spüle stehen und sagte nichts dazu, gar nichts. Nur: "Riecht gut hier, Mama." Draußen bellte der Hund vom Nachbarn, wie jeden Samstag um diese Zeit, und ich dachte, manche Dinge ändern sich eben nie – und manche eben doch.

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