Ich hätte schwören können, dass ich die Frau von irgendwoher kannte, noch bevor sie überhaupt den Mund aufmachte. Sie stand im Türrahmen des Rektorenzimmers der Ludwig-Grundschule in Regensburg, eine Aktentasche unter dem Arm, und ihr Blazer roch nach kaltem Zigarettenrauch, obwohl sie selbst gar nicht rauchte – das erfuhr ich erst später. Ich bin Anke Brockmann, vierunddreißig, Physiotherapeutin in einer Praxis am Dachauplatz. Und an jenem Dienstag im März hatte ich um vierzehn Uhr eigentlich einen Patienten mit Bandscheibenvorfall auf dem Tisch liegen. Stattdessen saß ich auf einem viel zu kleinen Plastikstuhl vor dem Schreibtisch von Herrn Wengert und wartete darauf, dass mir jemand erklärte, warum mein Sohn Leon sich zum zweiten Mal mit einem Jungen geprügelt hatte, der ihm aufs Haar glich.
Ich muss zurückgehen, damit das alles einen Sinn ergibt.
Vor acht Jahren war ich mit Zwillingen schwanger. Mein Mann Torben und ich hatten die Kinderzimmer schon gestrichen, zwei Gitterbetten bestellt, eines davon nie bezahlt, weil es nie gebraucht wurde. Die Geburt kam sechs Wochen zu früh, in der Uniklinik Regensburg, mitten in einer Novembernacht mit Blaulicht und einer Hebamme, die mir die Hand hielt und sagte, ich solle atmen, nur atmen. Danach: nichts. Zwei Tage Dunkelheit, ein Kaiserschnitt, der aus dem Ruder gelaufen war, Fieber. Als ich aufwachte, roch das Zimmer nach Desinfektionsmittel und im Flur lief irgendwo ein Radio, ein Wetterbericht für Ostbayern. Neben meinem Bett stand ein einziges Bettchen.
„Wo ist das andere Kind, Torben?"
Er hat mir nicht in die Augen gesehen. Er hat auf seine Hände geschaut, auf den Ehering, den er immer drehte, wenn er nervös war. „Es hat es nicht geschafft, Anke. Ich hab mich um alles gekümmert, du warst zu schwach."
Ich habe nie eine Leiche gesehen. Keine Beerdigung, keinen Sarg, nicht einmal eine Urne. Nur ein Formular, das er mir Wochen später unter die Nase hielt, mit einem Stempel des Standesamts, den ich vor lauter Tränen kaum lesen konnte. Ich war zu erschöpft, um Fragen zu stellen, die man eigentlich hätte stellen müssen. Man vertraut seinem Mann. Man vertraut dem Mann, mit dem man sechs Jahre verheiratet ist.
Also habe ich meine ganze Liebe auf Leon gerichtet. Er wurde blond wie ich, mit grauen Augen, die er von seinem Vater hatte, und einem winzigen Muttermal knapp über der linken Augenbraue, das ich jeden Abend beim Zudecken küsste. Die Jahre vergingen. Ich lernte, mit der Trauer zu leben, so wie man lernt, mit einem verstauchten Knöchel zu laufen – man humpelt eben, aber man kommt voran.
Dann kam die Grundschule, und mit ihr kam der Name Ferdinand.
Nein – Ferdinand hieß der andere Junge nicht. Ich korrigiere mich selbst zu oft in Gedanken, weil ich es immer noch nicht ganz fassen kann. Der Junge hieß Justin. Justin Reimann.
An einem Mittwoch im Februar kam Leon von der Schule, warf seinen Ranzen mit dem Bundesliga-Aufdruck neben die Garderobe und schrie schon von der Tür aus: „Justin nennt mich schon wieder Bruder!"
Ich lachte es weg, während ich die Kartoffeln für den Abend schälte. „Vielleicht ärgert er dich nur ein bisschen."
„Nein, Mama! Er sagt, wir hätten denselben Papa, aber verschiedene Mamas. Das nervt total!"
Für eine Sekunde blieb mir das Messer in der Hand stehen, die Kartoffelschale fiel auf die Anrichte. Kinder erfinden solche Geschichten. Kinder gucken zu viele Serien. Ich habe den Gedanken weggeschoben, so wie man eine Rechnung wegschiebt, von der man ahnt, dass sie zu hoch ausfallen wird.
Eine Woche später rief Herr Wengert an. „Leon hat sich wieder mit Justin geprügelt. Diesmal ernsthaft. Bitte kommen Sie sofort."
Ich bin mit dem Auto gefahren, ohne mich umzuziehen, noch in der Arbeitskleidung, und habe auf dem Parkplatz der Schule fast einen Fahrradständer touchiert. Im Sekretariat roch es nach Kaffee aus der Maschine und nassen Anoraks. Als ich das Büro betrat, ging ich direkt zu Leon, der mit aufgeplatzter Lippe auf einem Stuhl saß.
„Alles gut, mein Schatz?"
Er antwortete nicht. Er hob nur den Arm und zeigte hinter mich.
Ich drehte mich um.
Und blieb stehen, als hätte mich jemand am Genick gepackt.
Da stand ein anderer Junge, still, an die Wand gelehnt, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben. Dieselben grauen Augen. Dasselbe schmale Gesicht. Sogar das kleine Muttermal über der Augenbraue saß exakt an derselben Stelle wie bei Leon. Als hätte jemand meinen Sohn genommen und eine zweite Ausgabe von ihm gedruckt. Der einzige klare Unterschied war das Haar: Leon blond, Justin beinahe schwarz.
Meine Hände fingen an zu zittern, so heftig, dass ich sie ineinander verschränken musste.
„Wie kann das sein?", fragte ich, mehr mir selbst als Herrn Wengert.
Er sah mich lange an, mit dieser vorsichtigen Art, die Lehrer haben, wenn sie wissen, dass etwas Schlimmes kommt. „Wir warten auf Justins Mutter. Wenn sie hier ist, werden Sie verstehen."
Bevor ich noch etwas fragen konnte, ging die Tür auf.
Ich drehte mich um – und erkannte sie sofort, obwohl ich ihr in meinem Leben nie begegnet war. Nicola Ahlers. Ich kannte den Namen von einer Visitenkarte, die vor Jahren einmal aus Torbens Jackentasche gefallen war und die ich für die Karte einer Kollegin gehalten hatte. Sie trug ihre Haare zu einem strengen Knoten gebunden, hatte dunkle Augen, die sofort zu Justin wanderten, und in der Hand einen Briefumschlag, den sie an sich presste wie einen Schutzschild.
„Sie sind Anke", sagte sie. Keine Frage. Eine Feststellung.
„Woher kennen Sie meinen Namen?"
Sie schluckte. „Weil Torben mir von Ihnen erzählt hat. Damals, als er sagte, seine Frau hätte das zweite Kind bei der Geburt verloren."
Der Boden unter mir schien sich zu neigen. Herr Wengert schob mir stumm einen Stuhl hin, ich setzte mich nicht darauf, ich hielt mich nur an der Lehne fest.
„Was reden Sie da?"
Nicola öffnete den Umschlag mit zitternden Fingern und legte ein Papier auf den Schreibtisch. Eine Geburtsurkunde. Justin Reimann, geboren am selben Novembertag wie Leon, in derselben Uniklinik Regensburg, Vater: Torben Reimann.
„Er hat mir erzählt, seine Ehe sei am Ende, seine Frau würde bei der Geburt sterben, er müsse sich um das Kind kümmern, das übrig bleibt", sagte sie leise, und ihre Stimme brach mittendrin. „Er hat mir das Baby gebracht, drei Tage nach der Geburt. Er sagte, die Mutter hätte es nicht überlebt und er könne es allein nicht großziehen. Ich habe es geglaubt. Ich habe mich verliebt – in ihn, und dann in das Kind. Wir haben zwei Jahre zusammengelebt, bevor er wieder verschwand, angeblich wegen der Arbeit in Hamburg. Er hat all die Jahre Unterhalt gezahlt, mal mehr, mal weniger. Ich dachte, er sei Witwer."
Ich stand da mit der Geburtsurkunde in der Hand, und mir wurde schlagartig klar, was in jenen zwei fehlenden Tagen im November geschehen war. Torben hatte nicht einen toten Sohn begraben. Er hatte einen lebenden Sohn aus dem Kreißsaal getragen, ihn einer anderen Frau gegeben und mir eine Lüge serviert, die acht Jahre gehalten hatte – bis zwei Kinder, die sich nie hätten begegnen dürfen, in derselben Turnhalle Fußball spielten.
Ich rief Torben nicht an. Ich fuhr stattdessen zur Kanzlei von Frau Dr. Sundermann in der Maximilianstraße, mit der ich vor Jahren einmal wegen einer Mieterhöhung zu tun gehabt hatte, und legte ihr die Geburtsurkunde, das Todesformular von damals und Nicolas Adresse auf den Tisch. Es dauerte vier Monate, DNA-Test inklusive – ein Wattestäbchen im Mund von Leon und Justin an einem Samstagvormittag, während die beiden Jungen draußen im Wartezimmer stritten, wer die letzte Ausgabe der Comic-Hefte lesen durfte, als wäre nichts geschehen. Das Ergebnis bestätigte, was ich längst wusste: eineiige Zwillinge, zu neunundneunkommaneun Prozent.
Torben bestritt nichts mehr, als ihm die Papiere vorgelegt wurden. Er saß in unserer Küche in der Wohnung in der Ostengasse, an demselben Tisch, an dem wir acht Jahre lang gefrühstückt hatten, und sagte nur, er habe gedacht, es sei einfacher so – ein Kind für mich, eines für Nicola, kein Streit, keine Erklärungen. Als hätte er zwei Konten aufgeteilt und nicht zwei Menschen.
Ich habe an jenem Abend nicht geschrien. Ich habe die Scheidungsunterlagen, die Frau Dr. Sundermann vorbereitet hatte, aus meiner Tasche geholt und auf den Tisch gelegt, neben seine Kaffeetasse. Ich habe ihm erklärt, dass ich das gemeinsame Konto bei der Sparkasse Regensburg noch am selben Tag sperren lassen würde, achtunddreißigtausend Euro, die wir für Leons Ausbildung zurückgelegt hatten und die jetzt allein auf meinen Namen laufen würden. Ich habe ihm die Schlüssel zur Wohnung abgenommen, die ohnehin auf meinen Namen im Mietvertrag stand, weil ich sie nach der Geburt allein unterschrieben hatte, als er angeblich zu beschäftigt war. Ich habe den Zylinder noch am selben Abend vom Schlüsseldienst am Dachauplatz austauschen lassen, für neunzig Euro, bar bezahlt.
Er stand am nächsten Morgen vor der Tür, klingelte zweimal, dann ein drittes Mal, länger. Ich öffnete nicht. Durch den Türspion sah ich ihn dort stehen, eine Reisetasche in der Hand, den Blick auf das neue Schild am Klingelbrett gerichtet, auf dem jetzt nur noch „Brockmann" stand.
Nicola und ich haben uns seither zweimal getroffen, in einem Café am Bismarckplatz, ohne die Jungen. Wir haben besprochen, wie wir es Leon und Justin erklären, ohne dass einer von beiden sich wie ein Fehler fühlt. Es war kein einfaches Gespräch. Aber es war ehrlich, mehr, als Torben es in acht Jahren je gewesen war.
Im Sommer erfuhr ich durch Zufall, in einem Brief der Krankenkasse, der versehentlich noch an mich adressiert war, dass Torben in den vergangenen Jahren zwei Lebensversicherungen abgeschlossen hatte – eine mit Leon, eine mit Justin als Begünstigten, beide zu gleichen Teilen, als hätte er insgeheim gewusst, dass diese Rechnung eines Tages auf ihn zukommen würde. Ich habe den Brief nicht weggeworfen. Ich habe ihn kopiert und Nicola eine Kopie geschickt, damit auch sie es schwarz auf weiß hat. Was er damit vorhatte, weiß bis heute keiner von uns genau – nur, dass er offenbar lange vorbereitet war auf den Tag, an dem die Wahrheit ihn einholen würde.
