Der Wolfspfad bei Lindhausen

Ich bin Matthias Reuter, vierundfünfzig, und ich fahre seit zwanzig Jahren den Forstweg zwischen Lindhausen und dem Breitenbacher Wald ab – erst für das Forstamt, jetzt nur noch, weil ich die Ruhe brauche. Die Geschichte, die ich erzählen will, hat mit meiner Nachbarin zu tun, Frau Gerlinde Brandt, die am Ortsrand in einem windschiefen Fachwerkhaus wohnt, mit einem Hühnerstall, der schon lange keine Hühner mehr hat, und einem Fernseher, der immer auf dem Wetterkanal steht, als ob sie dem Regen misstraut.

Vor elf Jahren, im November, fand Frau Brandt vier Wolfswelpen im Unterholz, keine zwei Kilometer von meiner Hütte entfernt. Die Mutter war an der Landstraße überfahren worden, man hatte sie tags zuvor weggeräumt, aber die Jungen hatten sich nicht vom Fleck gerührt. Ich war zufällig mit meinem Diesel-Kombi unterwegs, als ich sie am Wegrand stehen sah, mit einer Decke über dem Arm, und dachte erst, die Alte sei übergeschnappt. Vier Welpen in einer Decke, am Straßenrand, im Nieselregen – das vergisst man nicht.

Ich habe ihr damals geraten, das Veterinäramt in Bad Lindenfeld anzurufen. Sie hat nur den Kopf geschüttelt und gesagt, die würden die Tiere sofort einschläfern, weil kein Gehege dafür zugelassen sei. Also hat sie sie heimlich großgezogen, in der alten Scheune hinterm Haus, mit Ziegenmilch aus der Flasche, die sie bei Bauer Wessling für ein paar Euro literweise kaufte. Ich habe ihr manchmal ausgeholfen, wenn sie mit dem Traktor zum Tierarzt nach Siegburg musste, weil einer der Welpen Durchfall hatte und sie keinen Führerschein mehr besaß – den hatte sie mit achtundsechzig abgegeben, freiwillig, wie sie betonte.

Was ich damals nicht verstand: warum sie so viel riskierte für vier Tiere, die eines Tages sowieso wieder in den Wald gehören würden. Sie hat es mir einmal erklärt, an einem Sonntagnachmittag bei Kaffee und trockenem Streuselkuchen vom Discounter: ihr Mann sei vor drei Jahren gestorben, die Kinder wohnten in Hamburg und Stuttgart, und das Haus sei zu still geworden. Vier hungrige Mäuler, die nachts winselten, waren ihr lieber als die Stille. Das hat mich mehr berührt, als ich zugeben wollte.

Als die Tiere ausgewachsen waren, hat sie sie zurück in den Wald gebracht, ohne Leine, ohne Zwang. Ich war dabei, mit meinem Fernglas, falls etwas schiefgeht. Die vier Rüden – sie waren alle männlich, das hatte der Tierarzt bestätigt – blieben noch eine Weile in ihrer Nähe stehen, dann verschwanden sie im Unterholz. Frau Brandt hat kein Wort gesagt, nur die leere Decke zusammengefaltet und ins Auto gelegt, mein Auto, weil sie ja selbst keins mehr fuhr.

Für mich war die Sache damit erledigt. Für sie offenbar nicht.

Was dann passierte, elf Jahre später, hat Lindhausen gründlich durcheinandergebracht, und ich war zufällig Zeuge, weil ich an dem Abend bei ihr vorbeischauen wollte, um die Dachrinne zu reparieren.

Frau Brandts Neffe, ein gewisser Henning Brandt aus Köln, hatte ihr seit Monaten zugesetzt, sie solle das Haus verkaufen und in ein Betreutes Wohnen nach Bonn ziehen. Er hatte bereits mit einem Makler gesprochen, ohne sie zu fragen, und einen Besichtigungstermin für den Samstag angesetzt. Ich wusste das, weil sie mir am Telefon davon erzählt hatte, mit einer Stimme, die ich sonst nicht von ihr kannte – dünn, fast entschuldigend.

An jenem Freitagabend, es war schon dunkel, kurz vor sechs, stand Hennings silberner Audi vor ihrem Gartenzaun. Ich parkte mein Auto ein Stück weiter und ging zu Fuß hin, die Werkzeugtasche in der Hand. Durchs Küchenfenster sah ich die beiden am Tisch sitzen, Papiere zwischen ihnen, eine Flasche Rotwein, aus der nur er trank. Er redete mit erhobener Stimme, ich verstand Wortfetzen: „realistisch", „Pflegefall", „kannst das Haus nicht mal mehr heizen".

Ich klopfte nicht gleich. Ich gebe zu, ich blieb einen Moment am Gartentor stehen, weil ich nicht wusste, ob ich mich einmischen sollte – schließlich war es nicht meine Familie. Aber dann hörte ich draußen, hinter der Scheune, ein Geräusch, das ich seit elf Jahren nicht mehr gehört hatte: ein tiefes, raues Heulen, gefolgt von einem zweiten, dann einem dritten.

Henning sprang vom Stuhl auf, als hätte ihn jemand getreten. Frau Brandt blieb sitzen und rührte in ihrem Tee, als wäre nichts.

Ich ging um die Scheune herum – und da standen sie. Drei Wölfe, groß, mit grauem Winterfell, am Waldrand, keine zwanzig Meter vom Gartenzaun entfernt. Der vierte fehlte, vermutlich schon tot, Wölfe werden in freier Wildbahn selten älter als acht, neun Jahre. Sie rührten sich nicht vom Fleck, saßen einfach da, wie Hunde, die auf ein Kommando warten.

Henning stand mit dem Rücken an der Küchenwand, kreidebleich, und rief irgendetwas von Jagdbehörde und Lebensgefahr. Frau Brandt öffnete die Hintertür, trat auf die Veranda, und sprach mit den Tieren – nicht laut, eher so, wie man mit einem alten Bekannten spricht, den man zufällig auf dem Wochenmarkt trifft. Ich stand daneben und hatte, ehrlich gesagt, Angst. Einer der Wölfe senkte den Kopf, kam zwei, drei Schritte näher, schnupperte in ihre Richtung – und setzte sich dann wieder, ohne sie anzurühren.

Henning war inzwischen im Haus verschwunden und hatte sich eingeschlossen. Durchs Fenster sah ich, wie er mit zitternden Händen sein Handy zückte, um den Jagdpächter anzurufen. Frau Brandt ging zurück in die Küche, nahm die Verkaufspapiere vom Tisch, faltete sie in der Mitte und steckte sie in den Ofen. Das Feuer darin brannte sowieso schon, wegen der Kälte draußen.

„Die Wölfe kommen nicht wegen dir", sagte sie zu ihrem Neffen, als er endlich wieder herauskam, weil die Tiere längst zurück in den Wald gezogen waren. „Die kommen, weil sie wissen, wo sie sicher sind. Genau wie ich das wissen muss."

Am nächsten Morgen rief sie den Notar in Siegburg an, einen gewissen Dr. Pauls, den sie noch von ihrem verstorbenen Mann her kannte. Ich fuhr sie hin, weil sie ja kein Auto mehr hatte. Sie ließ das Haus und die zwei Hektar Grund testamentarisch auf die Gemeinde übertragen, unter der Bedingung, dass daraus ein Wald- und Wildschutzgebiet wird, betreut vom Forstamt – meinem alten Arbeitgeber. Ihrem Neffen Henning hinterließ sie, wie sie es ausdrückte, „nichts, worüber er sich noch streiten könnte": zwölftausend Euro aus ihrem Sparbuch, nicht mehr und nicht weniger, als Pflichtteil, den ihr Anwalt ihr genau vorgerechnet hatte.

Henning erschien zwei Wochen später noch einmal am Gartenzaun, diesmal ohne Papiere, nur um zu fragen, ob sie es sich nicht anders überlegen könne. Ich war zufällig gerade dabei, ihr einen neuen Briefkasten anzuschrauben, und hörte, wie sie ihm antwortete, die Tür schon halb geschlossen: „Mein Haus gehört jetzt dem Wald. Der hat mir mehr zurückgegeben als du."

Dann hörte ich, wie der Riegel von innen einrastete. Henning stand noch eine Weile vor der Tür, stieg dann in seinen Audi und fuhr davon. Ich habe ihn seitdem nicht mehr in Lindhausen gesehen.

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