Der Pulli mit den Pixel-Gesichtern

Ich fahre seit elf Jahren Straßenbahn in Leipzig, Linie 4, und man glaubt gar nicht, was man da so alles sieht. Diesen Mittwoch im September stieg an der Haltestelle Wilhelm-Leuschner-Platz eine junge Frau ein, vielleicht Mitte zwanzig, mit einem Pullover, auf dem lauter kleine verzerrte Gesichter aufgedruckt waren. Wirkte im ersten Moment wie eine Op-Art-Mode aus den Neunzigern. Ich hab so was noch nie gesehen, dabei sehe ich hier wirklich jeden Tag was.

Neben mir stand ein älterer Herr mit Rollator, der hat sie ganz offen angestarrt und dann gefragt: „Entschuldigung, was ist das für ein Motiv?"

Sie zupfte am Saum ihres Pullovers, als müsste sie sich vergewissern, dass er noch da war. „Adversarial Clothing", sagte sie. „Die Muster verwirren Kameras mit Gesichtserkennung. Die Software denkt, da sind zehn Gesichter, oder gar keins. So oder so — sie sieht mich nicht." Ein kleines Label aus Neukölln, achtzig Euro, gekauft vor genau elf Tagen. Das wusste ich später, weil sie es dem Opa auf die Minute genau sagen konnte.

Ich fahre diese Strecke, weil am Hauptbahnhof seit letztem Jahr neue Kameras hängen, angeblich zur „intelligenten Verkehrsüberwachung". Seitdem reden die Leute in der Bahn öfter drüber. Diese Debatte kriegt man als Fahrer live mit, jeden Tag ein bisschen anders.

Sie hieß Lene, hab ich mitbekommen, weil der Opa sie danach fragte, und die beiden redeten dann bis Schkeuditz. Ich hörte nur Fetzen zwischen den Haltestellen, aber genug.

„Meine Kollegin hat eine Abmahnung bekommen", sagte Lene, und ihre Stimme kippte kurz, als würde sie das erste Mal laut aussprechen, was sie monatelang nur gedacht hatte. „Wegen der Kamera vor unserem Bürogebäude. Die zeichnet auf, wann wir kommen und gehen. Niemand hat uns gefragt. Meine Kollegin hat einfach abends einen Brief im Fach gehabt — zu oft das Gebäude verlassen, stand da. Sie hat geheult am Telefon. Ich hab nichts gesagt. Sechs Monate lang hab ich nichts gesagt."

Der Opa nickte, aber er guckte auf den Pullover, zählte wohl die Gesichter. An der Ampel Augustusplatz musste ich bremsen, mein Handyhalter fiel vom Armaturenbrett, und in der Sekunde, in der ich danach griff, hörte ich Lene sagen: „Ich hab mir eingeredet, wenn ich nichts sage, passiert mir nichts. Dann hat sie gekündigt. Krank vor Stress. Und ich hab dagesessen und gedacht: Ich bin die Nächste, die zu spät kommt und nicht weiß, warum sie plötzlich in einem Gespräch sitzt."

Sie holte ihr Handy raus und zeigte dem Opa ein Foto, ein zerknittertes Formular. „Das ist die Abmahnung. Ich hab sie fotografiert, bevor meine Kollegin die Kündigung geschrieben hat. Ich wusste nicht mal, wofür ich das brauchen würde."

An der Haltestelle Augustusplatz stiegen Studenten zu, laut, mit Kaffeebechern. Einer blieb kurz stehen: „Ist das ’n Kunstprojekt?"

„Nee", sagte Lene, ohne ihn anzusehen. „Ist echt gemeint."

Der Student zog die Augenbrauen hoch und schob sich weiter nach hinten.

„Und dann?", fragte der Opa.

Lene drehte das Handy in den Händen, sperrte den Bildschirm, entsperrte ihn wieder, ohne draufzuschauen. „Dann bin ich zu einer Anwältin. Vierhundertfünfzig Euro, nur fürs erste Gespräch, aus eigener Tasche, weil ich nicht wollte, dass irgendwer im Büro das mitkriegt, bevor es raus ist." Sie lachte kurz, trocken. „Ich hab in der Kanzlei mit einem Kuli unterschrieben, der kaum noch Tinte hatte. Zweimal nachgezogen, damit man's überhaupt lesen kann. Und die ganze Zeit hab ich gedacht: Was, wenn die mich einfach rausschmeißen, bevor irgendwas passiert? Was, wenn ich vierhundertfünfzig Euro bezahlt hab für nichts?"

„Und?", fragte der Opa noch einmal, drängender jetzt.

„Weiß ich nicht", sagte Lene. „Sie hat eine einstweilige Verfügung eingereicht und eine Beschwerde beim Datenschutz. Jetzt warte ich. Ich geh jeden Morgen ins Büro und weiß nicht, ob heute der Tag ist, an dem mich jemand ins Chefbüro ruft."

Als sie an der Endhaltestelle ausstiegen, sah ich im Rückspiegel, wie der Opa ihr die Hand schüttelte. „Dann ziehen Sie das mal durch, Mädchen." Lene lachte, unsicher, und ging Richtung Bahnhofsvorplatz, den Pullover mit den Gesichtern im Rücken.

Zwei Wochen später stieg Torben zu, ein Kollege aus derselben Kanzlei, mit dem ich öfter über Straßenbahnen fachsimple. Er setzte sich direkt hinter mich, obwohl da vorne noch Plätze frei waren, und ich wusste, er wollte was loswerden.

„Die Kamera ist weg", sagte er. „Einfach so, letzten Freitag, zwei Männer mit einer Leiter, keine Ankündigung." Er erzählte, wie die halbe Belegschaft am Fenster stand und zusah, wie die Fassade wieder blank wurde. „Der Chef ist rumgelaufen wie ein aufgescheuchtes Huhn."

Ich hielt an der Ampel, drehte mich halb zu ihm. „Und Lene?"

„Zwölftausend Bußgeld hat's gegeben. Die Kollegin kriegt ihre Abmahnung zurückgenommen, Entschuldigung, Abfindung, das ganze Programm." Torben grinste, aber es war kein fröhliches Grinsen. „Lene selbst hat gekündigt. Am Tag, nachdem die Kamera abgebaut wurde. Ist einfach zum Chef rein und hat den Schlüssel auf den Tisch gelegt, hat eine aus dem Sekretariat erzählt. Kein großes Drama. Hat sich bedankt für die Zeit und ist gegangen."

„Wohin?"

„Berlin. NGO, irgendwas mit digitalen Bürgerrechten." Er zeigte mir sein Handy, ein Foto von LinkedIn: Lene an einem Rednerpult, in genau diesem Pullover mit den Pixel-Gesichtern, ein Saal voller Leute vor ihr.

Ich fuhr weiter, ließ die Türen zischen, nahm Fahrgäste auf, gab sie wieder ab, wie jeden Tag. Aber ich dachte an den Kugelschreiber ohne Tinte, an die zwei Unterschriften übereinander, an die Frage des Opas, die zwei Wochen lang unbeantwortet in der Luft gehangen hatte.

Am Betriebshof, nach Schichtende, stand ich noch eine Weile am Automaten, die Kaffeetasse in der Hand, und überlegte, ob ich mir auch so einen Schal bestellen sollte, wegen der Kameras am Hauptbahnhof. Hab's dann gelassen. War ja nicht meine Abmahnung, nicht mein Bußgeld, nicht meine Kündigung. Aber den Pullover mit den Pixel-Gesichtern, den vergess ich nicht so schnell — und die Stimme, die beim ersten Mal kippte und beim letzten Mal nicht mehr.

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Uniad
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