Der Anruf kam an einem Dienstagabend, kurz nach sieben. Ich saß in meiner kleinen Küche in Freiburg, vor mir eine halb aufgegessene Scheibe Kirschtorte vom Müller am Münsterplatz, und überlegte, ob ich den Rest in den Kühlschrank stellen sollte. Draußen klätschte der Regen gegen das Fensterbrett — so ein badischer Dauerregen, der die ganze Altstadt in graues Tuch wickelt.
Meine Tochter war dran.
„Mama, setz dich hin."
Ihre Stimme klang anders. Nicht die Stimme, mit der sie sonntags nach dem Gottesdienst anruft. Eher die, mit der sie mir vor neun Jahren gesagt hat, dass der Papa im Krankenhaus liegt.
„Lena ist krank."
Lena. Meine Enkelin. Sechzehn, beste aus ihrer Klasse im Fach Latein, mit einem Lachen, das in unserem Treppenhaus noch eine Etage höher zu hören war als nötig.
„Was heißt krank?"
„Die Ärzte sagen… es dauert vielleicht nicht mehr lange. Ein halbes Jahr. Vielleicht etwas mehr."
Ich weiß noch, wie ich den Telefonhörer auf die Anrichte gelegt habe, direkt neben den Brotkorb mit dem halben Laib vom Bäcker Rombach. Nicht aus Verzweiflung. Sondern weil meine Hände eine Aufgabe brauchten, die nichts mit dem zu tun hatte, was ich gerade gehört hatte.
Ein halbes Jahr.
Vor zweiundsiebzig Jahren hat mich meine Oma in einem Dorf bei Staufen auf den Schoß genommen und mir einen Satz gesagt, den ich seitdem durch mein ganzes Leben getragen habe: „The years will pass, but Jesus will remain faithful." Auf Alemannisch natürlich: „D’Johr vergönd, aber dr Jesus blibt dir treu."
Ich habe ihn nie vergessen. Auch nicht, als mein Mann starb. Auch nicht, als meine Tochter mit siebenundzwanzig zum ersten Mal geschieden wurde. Aber jetzt, mit dem Telefon auf der Anrichte und dem Regen am Fenster, wollte der Satz nicht mehr so recht halten.
—
Vier Tage später saß ich ihr gegenüber.
Nicht im Krankenhaus — zu Hause, in ihrem Zimmer in der elterlichen Wohnung in der Wiehre. Ihre Mutter hatte das Bücherregal ans Bett geschoben, noch von IKEA, mit dem Aufkleber oben rechts, den Lena als Kind draufgeklebt hatte: ein lila Einhorn, halb abgerubbelt.
Lena sah müde aus. Aber nicht so, wie man sich eine Schwerkranke vorstellt. Eher wie jemand, der einen langen Schultag hinter sich hat und eigentlich nur noch schlafen will. Um ihr Handgelenk trug sie das schmale Silberkettchen, das ich ihr zur Konfirmation geschenkt hatte.
„Oma", sagte sie, „erzähl mir was."
„Was willst du hören?"
„Irgendwas. Von früher."
Und ich erzählte. Von dem Sommer, in dem ich mit siebzehn zum ersten Mal allein nach Straßburg gefahren bin und am Straßenrand bemerkte, dass ich den Fahrschein im Café am Ufer vergessen hatte. Von dem Tag, an dem ihr Großvater bei einem Ausflug zum Schluchsee seine Schuhe in den See fallen ließ und barfuß wieder nach Hause fahren musste. Von meiner Oma, die in ihrer Küche immer das gleiche Lied summte, während sie Zwiebelkuchen buk.
Lena lag da, die Decke bis zu den Knien, und ab und zu zog sie die Augenbrauen hoch. Einmal musste sie lachen, hustete, und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Und der Jesus?", fragte sie dann.
Ich wusste nicht sofort, was sie meinte.
„Du gehst jeden Sonntag in die Kirche. Meine Mutter sagt, du betest für mich." Sie drehte den Kopf zum Fenster, wo der Regen längst aufgehört hatte. „Hilft das?"
Fragen, auf die man als Großmutter nie eine Antwort geübt hat. Ich bin Buchhalterin gewesen, 42 Jahre lang, bilanzsicher, aber solche Fragen hatte das Leben nicht vorgesehen.
„Ich weiß es nicht, Lena", sagte ich. „Aber ich hoffe es."
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In den Wochen danach sahen wir uns fast jeden zweiten Tag. Ich brachte ihr Marillenmarmelade vom Markt am Kartoffelmarkt, las ihr aus dem alten Märchenbuch vor, das noch von meiner eigenen Kindheit war. Und irgendwann fing sie an, mir Fragen zu stellen, die sie sonst niemandem stellte.
„Oma, was ist mit dem Geld auf deinem Sparbuch?"
„Wie meinst du das?"
„Mama hat gesagt, dass sich alle darum streiten, wenn du mal nicht mehr bist." Sie schaute mich an, wach, viel wacher, als ich erwartet hatte. „Dabei bist du doch noch da."
Das war ein Samstagabend. Auf dem Fernseher lief die Sportschau, leise gestellt. Ihre Mutter — meine Tochter — war noch mal losgegangen, um Tiefkühlsuppe beim Edeka in der Nähe des Siegesdenkmals zu holen.
Ich habe nicht sofort geantwortet. Sondern habe mir die Serviette glatt gestrichen, die neben ihrem Bett lag, und sie zweimal gefaltet.
„Mit dem Geld, Lena, mache ich, was ich will."
„Was willst du?"
„Ich will, dass du nicht sterben musst."
Das war keine Antwort, und wir wussten es beide.
—
Der Februar war kalt in Freiburg, der Münsterturm stand schwarz vor Himmel, und auf den Münsterplatz nieselte es alle zwei Tage. Lena verlor die Haare. Sie trug dann eine Mütze, die meine Tochter bei einem Handarbeitsladen in der Salzstraße nach ihrem alten Wolllieblingsmodell gestrickt hatte. Der Star unter ihren Mitschülern, der sie jeden zweiten Tag besuchte, brachte ihr Mathehefte und roten Johannisbeersaft.
Eines Abends — ich erinnere mich an die Zahl — der elfte Februar — kam das, wovor ich mich seit Wochen gedrückt hatte.
„Oma, ich will, dass du mir was versprichst."
„Was versprichst du mir denn?"
„Wenn ich sterbe", sagte sie, und sie sagte es so trocken, als schlüge sie damit eine Rechnung auf, „dann streitet euch nicht um meine Sachen. Und nicht um das Geld. Und nicht um Jesus."
Ich musste an meine Oma denken. Was sie gesagt hätte. „D’Johr vergönd, aber dr Jesus blibt dir treu." Aber auch: dass der Glaube ein Pfund ist, mit dem man wuchern muss. Und dass Erben das Erste vergessen, das Zweite aber ein Leben lang.
„Ich verspreche es", sagte ich.
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Es gab eine Beerdigung. Und danach eine Versammlung bei meiner Tochter in der Wohnung in der Wiehre, mit Kaffee und Bienenstich und einem Schweigen, das wie ein Ziegelstein im Raum lag.
Mein Schwiegersohn — mittlerweile Ex-Schwiegersohn, aber bei solchen Anlässen kam er — trank einen Schnaps zu viel und fing an, laut zu erklären, dass Lenas Sparbuch rechtlich sowieso der Familie zustehe.
„Welcher Familie?", fragte ich.
Er schaute mich an, über sein Glas hinweg, und es war kein böser Blick. Eher ein ratloser. So wie man jemanden anschaut, der eine alte Rechnung zum dritten Mal verlangt und dabei die Nummer nicht mehr kennt.
„Ihnen gehört es nicht", sagte er dann.
Ich weiß noch, dass mir die Erbswurst auf dem Teller kalt wurde. Und dass ich aufstand, obwohl meine Knie sich sträubten, und zum Fenster ging, wo Lena als Kind ihre Wachsmalbilder an die Scheibe gedrückt hatte.
„Ich habe Ihnen etwas auf den Tisch gelegt", sagte ich leise.
Er drehte sich um. Auf dem Couchtisch, zwischen dem Streuobst-Apfelmotiv und der gebrauchten Milchkanne als Blumenvase, lag ein Brief. Der Brief, den ich am Tag nach unserem Gespräch im Februar geschrieben hatte. Handgeschrieben, auf dem Papier, das ich noch von der Buchhaltung hatte, mit einem Wasserzeichen, das man nur gegen das Licht sehen konnte, wenn man die Lampe in der Leseecke einschaltete.
Mein Ex-Schwiegersohn las. Einmal. Dann noch mal, die Lippen bewegten sich kaum.
„Was soll das sein?"
„Mein Enkelkind war sechzehn. Sie wollte nicht haben. Sie wollte, dass ihr nicht streitet."
Er knüllte den Brief zusammen, ließ ihn aber nicht fallen. An der Hauswand neben mir hing das alte Kruzifix, das Lenas Urgroßmutter irgendwann aus dem Elsass mitgebracht hatte; es war nicht teuer, nur alt. Aber es war der einzige Zeuge, den ich an diesem Nachmittag brauchte.
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Ich bin am nächsten Morgen zur Hausbank am Bertoldbrunnen gefahren. Ich hatte keinen Termin. Ich nahm eine Nummer, setzte mich auf die Plastikstühle vor dem Beratungsbüro und wartete, bis die Leuchtanzeige aufleuchtete: 078.
Der Bankberater, ein junger Mann mit einem blütenweißen Hemd und einer Krawatte mit kleinem Pünktchenmuster, lächelte. „Was kann ich für Sie tun?"
Ich schob ihm eine Mappe hin. Darin der letzte Kontoauszug von Lenas Sparbuch. 9.740,22 Euro. Und eine Vollmacht, die Lena mir kurz vor ihrem Geburtstag — ich glaube, am 9. März — im Beisein ihrer Mutter unterschrieben hatte. Sie hatte gesagt: „Oma, du machst das gut."
„Ich möchte, dass dieses Geld auf ein Konto der Palliativstation der Uniklinik geht", sagte ich. „Nicht als Spende. Als Bezahlung für das, was sie dort für Lena getan haben."
Der Berater blätterte. „Das sind Summen, die Sie nicht einfach so —"
„Ich weiß. Aber sie hat es so gewollt."
Dann habe ich ihm gezeigt, was in der Mappe noch lag: der Brief, den ich an jenem Abend im Februar an meine Enkelin geschrieben hatte. Der Brief, in dem stand, was ich ihr noch einmal schriftlich habe sagen wollen. Dass die Jahre vergehen. Dass Jesus treu bleibt. Und dass ich sie — egal, was kommt — nie vergessen werde.
Der Berater las ihn, legte ihn auf den Tisch, und ich konnte sehen, dass er kurz darauf schaute, ob hinten die Kaffeetasse noch stand.
„Darf ich Sie etwas fragen?", sagte er.
„Ja."
„Warum zeigen Sie mir den Brief?"
„Weil ich ihn behalte", sagte ich. „Nur den Kontostand gebe ich weiter."
—
Zwei Wochen später — es war Mitte April, und auf dem Freiburger Münsterplatz standen die ersten Tulpen in den Kübeln vor der Wache am Schwabentor — klingelte mein Telefon.
„Was hast du da gemacht?", fragte meine Tochter.
„Was gemacht?"
„Mit dem Sparbuch. Die Bank hat angerufen. Der Martin sagt, du hättest es… du hättest es nicht mehr."
Ich rollte das Kabel des Telefons um meinen Zeigefinger. „Nein, habe ich nicht mehr."
Eine Pause.
„Und wer jetzt? Wer soll das bezahlen? Weißt du, was die Klinik kostet? Für die Miete, für die Beerdigung…"
„Ich bezahle", sagte ich. „Was nötig ist."
„Das sind über neuntausend Euro."
„Ja."
„Du willst es mir jetzt heimzahlen, oder?"
Ich schwieg. Draußen läuteten die Glocken. Einmal. Zweimal.
„Ich will euch heimzahlen", sagte ich dann, „was mir deine Tochter gegeben hat."
Meine Tochter verstand es nicht. Manche Dinge versteht man erst, wenn man selbst ein Kind verloren hat. Das sage ich nicht als Vorwurf. Nur als Bilanz.
—
Im Mai habe ich einen Termin bei einer Rechtsanwältin in der Nähe des Colombiparks gemacht. Sie hatte eine Brille mit schmalem Goldrand und ein Büro, das nach Papier und Tee roch.
Ich legte ihr den Brief vor.
„Meine Enkelin wollte, dass es keinen Streit gibt", sagte ich. „Deshalb möchte ich, dass zu meinen Lebzeiten geregelt ist, dass mein Haus in Herdern nicht an meine Tochter geht, sondern an die Organisation, die sich um krebskranke Kinder kümmert. Mit einem Nießbrauch für mich bis zu meinem Tod. Und dass niemand daran rüttelt."
Sie schob die Papiere zurecht. „Das ist ein großzügiger Entschluss."
„Es ist keiner", sagte ich. „Es ist eine Antwort auf die Frage, was bleibt, wenn die Jahre vergehen."
Sie nickte nicht. Sie zog nur die Mappe zu sich heran und begann zu schreiben.
—
Es kam ein Herbst. Dann noch einer.
Mein Ex-Schwiegersohn rief mich einmal an, betrunken, und fragte, ob ich ihm die 400 Euro für die Steuererklärung vorstrecken könne. Ich sagte: „Nein", und legte auf. Nicht, weil es mir um die 400 Euro ging, sondern weil er immer noch geglaubt hatte, das Sparbuch sei ein Anspruch.
Meine Tochter und ich redeten wieder. Vorsichtig, wie zwei Menschen, die auf einem zugefrorenen See gehen und die Tragfähigkeit des Eises testen. Sie brachte mir zum Muttertag einen Kuchen mit einem Zuckerguss, auf den sie mit einer Schablone eine Blume gestreut hatte, die aussah wie ein lila Einhorn.
Und einmal — es war im November, die Laternen in der Konviktstraße brannten schon früh — stand ich an demselben Fenster, an dem Lena als Kind ihre Wachsmalbilder an die Scheibe gedrückt hatte. In der Hand hielt ich den Brief.
Ich öffnete ihn nicht. Ich wusste, was drinstand. Stattdessen strich ich mit dem Daumen über das Wasserzeichen, das mein eigener Brief trug: ein feines, kaum sichtbares Kreuz, das nur auf einer einzigen Sorte Papier in der Buchhaltung aufgedruckt war. Und ich sagte zu mir selbst, auf Alemannisch, den Satz, den mir meine Oma gesagt hatte, als ich noch jünger war als Lena:
„D’Johr vergönd, aber dr Jesus blibt dir treu."
—
Sechs Monate später — nach dem ersten Todestag, das Wetter war frühwarm und der Kirschbaum an der Mauer zum Kartäuserkloster stand in Blüte — rief mich die Anwältin an.
„Frau Härterich", sagte sie, „ich habe hier etwas für Sie."
„Was?"
„Ihre Tochter war bei mir. Sie hat eine Urkunde abgegeben."
Ich schwieg.
„Sie hat unterschrieben, dass sie gegen die Nießbrauchsregelung keinen Widerspruch einlegt. Und dass sie mit der Verwendung des Sparbuches einverstanden ist."
Ich hielt den Hörer.
„Hat sie gesagt, warum?", fragte ich.
„Ja", sagte die Anwältin. „Sie hat gesagt: ‘Meine Tochter hatte recht. Man muss nicht streiten. Man muss jemandem vertrauen.’"
Ich legte auf. Nicht mit Genugtuung. Nur mit dem Gefühl, dass von den 72 Jahren, die ich auf dem Rücken trug, eine kleine, unerwartete Null in der Bilanz aufgegangen war.
