Das Zebrafohlen von der Landstraße bei Warendorf

Freitagmorgen, kurz nach sechs, Nebel über den Feldern zwischen Warendorf und Everswinkel. Petra Lohmeyer war mit ihrem alten Mercedes Sprinter unterwegs zum Wochenmarkt, Kisten mit Frühkartoffeln und Mangold auf der Ladefläche, das Radio auf WDR 2, irgendein Verkehrshinweis über Stau auf der A1. Sie sah es fast zu spät: etwas Kleines, Gestreiftes, das mitten auf der Landstraße stand und nicht von der Stelle wich.

Sie bremste so hart, dass eine Kiste umkippte und die Kartoffeln über den Beifahrersitz rollten. Vor ihr, im Scheinwerferlicht, stand ein Zebrafohlen. Klatschnass, mit Schlamm verklebtem Fell, die Beine zitterten unter dem eigenen Gewicht. Kein Zaun in Sicht, kein Gehege, nichts, was erklärt hätte, wie ein Zebra an einen Feldweg im Münsterland geriet.

Petra rief nicht sofort den Zoo an. Sie rief erst ihren Bruder Uwe an, der zwanzig Kilometer weiter einen kleinen Bauernhof mit ein paar Ponys und einer Handvoll Alpakas betrieb – so eine Art Streichelzoo für Schulklassen, mehr Liebhaberei als Geschäft. „Uwe, du musst sofort herkommen, ich hab hier was, das glaubst du mir nicht."

Er glaubte es ihr tatsächlich erst, als er selbst davorstand. Das Tier hatte sich mittlerweile in den Straßengraben verzogen und drückte sich an die Böschung, als könnte es sich unsichtbar machen. Uwe, der sonst nie hastig war, holte eine Wolldecke aus dem Kofferraum und näherte sich in gebückter Haltung, redete dabei in einem Tonfall, den er sonst nur für verängstigte Fohlen benutzte. Das Zebrafohlen ließ sich einwickeln, ohne sich zu wehren – als hätte es einfach keine Kraft mehr für Widerstand.

Ein Anruf beim Kreisveterinäramt Warendorf brachte die erste handfeste Information: Ein privater Wanderzirkus, der zwei Wochen zuvor auf einem Feld bei Ennigerloh gastiert hatte, war über Nacht abgereist – ohne ordentliche Papiere, ohne Anmeldung bei der Gemeinde, und mit einem Zebrafohlen weniger im Bestand, als in den alten Unterlagen vermerkt war. Die Amtstierärztin, Frau Dr. Bettina Krause, kam noch am selben Vormittag vorbei, mit Klemmbrett und einem Blick, der zwischen Mitleid und Wut über die Zustände schwankte.

„Ausgehungert, dehydriert, eine Wunde am linken Vorderlauf, wahrscheinlich vom Sprung aus einem fahrenden Transporter", diktierte sie in ihr Diktiergerät. Das Fohlen, kaum sechs Wochen alt, hätte laut ihrer Einschätzung höchstens noch zwei, drei Tage überlebt. Es hatte offenbar niemand vermisst – oder niemand wollte es vermissen, weil eine Anzeige wegen illegaler Wildtierhaltung mehr gekostet hätte als das Tier selbst wert war.

Uwes Hof hatte keine Genehmigung für exotische Huftiere, das war ihm sofort klar. Aber er hatte etwas anderes: einen leerstehenden alten Kuhstall, gute Kontakte zum Kreisveterinäramt und eine Sturheit, die seine Frau Sabine manchmal zur Verzweiflung trieb. „Wir behalten es nicht für immer", sagte er zu ihr am Küchentisch, während draußen der Regen gegen die Scheiben trommelte und im Fernsehen die Tagesschau lief, Ton auf stumm. „Nur bis jemand Vernünftiges sich findet."

Sabine, die eigentlich für die Buchhaltung des Hofes zuständig war und genau wusste, wie knapp die Kasse stand, seufzte nur. Dann stand sie auf, holte eine alte Babyflasche aus dem Keller, die noch von den eigenen Kindern übrig war, und begann, im Internet nach Ersatzmilch für Zebrafohlen zu suchen. Um zwei Uhr nachts saß sie mit einer Taschenlampe im Stall und flößte dem Tier tropfenweise eine selbst angerührte Mischung ein, während der Nachbarshund Bruno draußen bellte, weil er den fremden Geruch nicht einordnen konnte.

Die ersten Tage waren zäh. Das Fohlen – Sabine nannte es nach zwei Wochen schließlich Motte, weil es nachts ständig gegen die Stalllampe lief – fraß kaum, trank widerwillig, zuckte bei jeder plötzlichen Bewegung zusammen. Der Kreisveterinär verordnete Antibiotika gegen eine beginnende Lungenentzündung, dazu Elektrolytlösung, dazu tägliche Wundversorgung am Bein. Die Rechnung dafür würde, das war beiden klar, den laufenden Monat des Hofes ziemlich sprengen.

Genau da kam der erste Haken. Ein Mann namens Holger Bertram, angeblich Vertreter des ehemaligen Zirkusbetreibers, tauchte eines Nachmittags am Hoftor auf, in einem verbeulten Opel Insignia, mit einem Aktenordner unterm Arm. Er behauptete, das Zebra sei „Firmeneigentum" und verlangte die Herausgabe – oder eine „Aufwandsentschädigung" von 3.500 Euro, wenn Uwe das Tier behalten wolle.

Uwe, der genau wusste, wie so etwas ausging, ließ ihn erst gar nicht durchs Tor. „Das Veterinäramt hat das Tier amtlich sichergestellt wegen Vernachlässigung. Wenn Sie Ansprüche haben, klären Sie das mit Frau Dr. Krause und mit der Polizei." Bertram fluchte, drohte mit einem Anwalt, den er offensichtlich nicht hatte, und fuhr wieder ab, Reifen quietschend auf dem Kopfsteinpflaster der Hofeinfahrt.

Die eigentliche Sorge kam von anderer Seite: dem Zoo Münster. Dessen Kurator, Dr. Achim Renner, meldete sich telefonisch und machte unmissverständlich klar, dass ein einzelnes, sozial isoliertes Zebrafohlen langfristig nicht auf einem privaten Bauernhof zwischen Ponys und Alpakas gehalten werden dürfe – aus Tierschutzgründen, wegen fehlender Artgenossen, wegen fehlender Sachkunde. „Zebras sind Herdentiere, Herr Lohmeyer. Was Sie tun, ist im Moment richtig und wichtig. Aber dauerhaft braucht das Tier eine Herde."

Uwe hörte das nicht gern, aber er hörte zu. Er kannte seine Grenzen; er hatte nie behauptet, ein Zebra-Experte zu sein. Sabine dagegen hatte sich in den drei Wochen, in denen sie das Tier mit der Flasche großgezogen hatte, längst mehr an Motte gebunden, als sie zugeben wollte. Als das Fohlen anfing, ihr über den Hof hinterherzutraben, wenn sie mit dem Eimer zum Stall ging, wurde ihr klar, dass sie sich einer Entscheidung nähern mussten, die weh tun würde – egal wie sie ausging.

Der Zoo Münster bot schließlich an, das Zebrafohlen aufzunehmen, sobald es transportfähig war – mit Anschluss an eine bestehende kleine Herde von drei Grévy-Zebras im Rahmen eines europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Gleichzeitig lief die Anzeige gegen den Zirkusbetreiber wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz und unerlaubter Wildtierhaltung, eingeleitet vom Veterinäramt Warendorf – unabhängig davon, was mit dem Tier selbst geschah.

An einem Dienstag im Mai, sechs Wochen nach dem Fund, kam der Tiertransporter des Zoos auf den Hof gefahren. Sabine hatte in der Nacht zuvor kaum geschlafen; sie hatte Mottes Fell gebürstet, obwohl das Fohlen längst glänzte und niemand es mehr nötig hatte. Uwe stand daneben, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und sagte nichts, weil ihm nichts einfiel, das die Situation leichter gemacht hätte.

Der Verlader vom Zoo, ein ruhiger Mann mittleren Alters mit Namen Frank Ostermann, ließ sich Zeit. Er kannte solche Momente. Er erklärte in aller Ruhe, wie die Rampe funktionierte, ließ Motte selbst entscheiden, wann sie hineinging, und sagte beiläufig, dass Besuche im Zoo jederzeit möglich seien, „gerade für die Leute, die einem Tier das Leben gerettet haben."

Motte zögerte an der Rampe, drehte den Kopf noch einmal zu Sabine um. Die griff in ihre Jackentasche, zog ein Stück trockenes Brot heraus, das sie extra dafür aufgehoben hatte, und hielt es ihr entgegen. Das Fohlen nahm es, kaute, und ging dann die Rampe hinauf, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Zwei Monate später bekam Sabine einen Brief vom Zoo Münster, mit einem Foto: Motte, mittlerweile deutlich kräftiger, stand zwischen den drei anderen Zebras, Kopf an Kopf mit einer Stute namens Amara, als würde sie schon lange dazugehören. Dazu eine Einladung zur nächsten Patenschafts-Führung für Spender und ehemalige Pfleger.

Was Sabine allerdings erst ein Jahr später erfuhr, bei eben dieser Führung, als sie sich mit Dr. Renner über einen Kaffee unterhielt: Der Zirkusbetreiber war tatsächlich verurteilt worden, zu einer Geldstrafe von 4.200 Euro wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz – und einen Teil dieser Summe hatte das Gericht als Ausgleich für die entstandenen Tierarztkosten direkt an Uwes Hof überwiesen, ohne dass die beiden je einen Antrag darauf gestellt hatten. Sabine hatte die Überweisung monatelang für eine Verwechslung der Bank gehalten und das Geld erst angerührt, als eine Nachfrage beim Amtsgericht Warendorf die Sache aufklärte.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: