Ein Schlüsselbund für Katharina Weß

„Ja, ich habe die Wohnung selbst gekauft. Von meinem eigenen Geld. Und ich brauchte dafür keine Erlaubnis von Ihnen." Katharina sagte das ruhig, fast beiläufig, während der Kellner im Restaurant „Zur Linde" gerade die Suppe abräumte.

Aber der Reihe nach.

Katharina Weß, 34, arbeitete als Bauingenieurin bei einem mittelständischen Betrieb in Leipzig. Vor sieben Jahren hatte sie ein separates Tagesgeldkonto eröffnet, lange bevor sie ihren Mann Jonas überhaupt kannte. Jeden Monat wanderten dreihundert, manchmal vierhundert Euro dorthin, was eben nach Miete, Lebensmitteln und den Fahrkarten für die Straßenbahn übrig blieb. Sie fuhr selten in den Urlaub. Statt Mallorca gab es Immobilienportale am Sonntagabend, eine Tasse Pfefferminztee neben dem Laptop, das Fenster zur Karl-Liebknecht-Straße gekippt, draußen das Klappern der Straßenbahn Linie 9.

Es gab Rückschläge. Einmal musste sie sich einer Wurzelbehandlung unterziehen, dreihundertfünfzig Euro, die sie eigentlich schon fürs Konto eingeplant hatte. Ein andermal ging der Laptop kaputt. Sie tat nie so, als wäre ihr Leben frei von solchen Überraschungen. Sie löste das Problem und machte weiter, sobald es ging.

Jonas lernte sie vor fünf Jahren auf der Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes kennen, in einer Kneipe in Plagwitz. Er arbeitete als Industriemechaniker, reparierte Anlagen in einem Werk am Stadtrand. Unkompliziert, ehrlich, keine großen Versprechen. Sie zogen zusammen, eine Zweizimmerwohnung in Connewitz, er brachte seinen alten Plattenspieler mit, sie ihre Umzugskartons voller Fachbücher.

Sie hatte ihm von Anfang an gesagt: „Ich spare für eine eigene Wohnung. Das Geld ist meins, das war schon vor uns so." Er nickte nur: „Klingt vernünftig." Ein Jahr später heirateten sie standesamtlich, ohne großes Fest, danach Mittagessen mit der Familie im „Zur Linde", einem kleinen Lokal in der Südvorstadt.

Ihre Schwiegermutter, Ingrid Weß, war eine Frau, die überall mitreden wollte. Welcher Stadtteil, welcher Kühlschrank, welche Freunde für ihren Sohn geeignet seien — alles musste vorher besprochen werden. „Wichtige Entscheidungen bespricht man zuerst mit der älteren Generation", pflegte sie zu sagen. „Wir haben schließlich mehr Lebenserfahrung."

Einmal brachte sie ausgedruckte Wohnungsanzeigen mit, Plattenbauten am Stadtrand von Grünau. „Die sind billiger. Schaut euch das mal an." Katharina winkte ab: zu weit vom Betrieb, die Heizungsanlage im Haus seit zwanzig Jahren nicht saniert. „Ohne Hilfe der Eltern spart ihr euch da ewig was zusammen", stellte Ingrid trocken fest. Jonas räumte in solchen Momenten grundsätzlich Küchenschränke ein und sagte nichts.

Die passende Wohnung fand sich im August: zwei Zimmer im Altbau nahe dem Clara-Zetkin-Park, Stuck an der Decke, Herd musste erneuert werden, eine Diele knarrte. Die Verkäuferin, eine ältere Dame, die zu ihrer Tochter nach Dresden zog, war ehrlich, was die Mängel betraf. Papiere sauber, keine Schulden, keine illegalen Umbauten. Katharina handelte den Preis wegen der maroden Elektrik herunter, zweihunderttausend Euro am Ende, überwiesen direkt von ihrem eigenen Konto.

Als der Notar die Eigentumsurkunde ausstellte, stand dort ein einziger Name: Katharina Weß. Sie stand danach eine Weile vor dem Haus, ein Kind an der Straßenbahnhaltestelle jagte Tauben, ein Nachbarshund bellte irgendwo hinter einem Zaun. Ein ganz gewöhnlicher Augustnachmittag, und trotzdem der wichtigste seit Langem.

Sie rief Jonas an. „Es ist geschafft. Die Wohnung gehört mir." Stille am anderen Ende, dann ein Lachen: „Dann zahlen wir also bald keine Miete mehr?" „Sobald wir umgezogen sind."

Am Abend besichtigten sie die Wohnung gemeinsam, ohne Makler. Er prüfte die Wasserhähne, ging auf den Balkon, kam wieder rein. „Hier ist es wirklich schön." Dann, am Fenster stehend: „Wann sagen wir es meiner Mutter?" Katharina sah ihn an. „Warum ist das deine erste Frage?" „Sie wird ohnehin früher oder später davon erfahren." „Wir laden die Familie ein und sagen es allen zusammen."

Ein paar Tage später, wieder im „Zur Linde". Ingrid kam als Erste, setzte sich, fragte sofort: „Wozu dieses Treffen? Ihr habt doch nicht wieder eine neue Mietwohnung gefunden?" „Fast erraten", sagte Jonas.

Als das Essen serviert wurde, legte Katharina den Ordner mit den Unterlagen neben ihren Teller. „Ich habe vor ein paar Tagen eine Wohnung gekauft." Katharinas Tante strahlte, ihre Cousine wollte sofort Fotos sehen. Jonas' Bruder Tobias reichte ihr die Hand über den Tisch: „Glückwunsch. Welche Gegend?" Nur Ingrid legte die Serviette hin. „Wann hast du das gemacht?" „Diese Woche wurde alles beurkundet." „Hat sich das jemand angeschaut? Die Wohnung, meine ich." „Notar und Makler haben alles geprüft." „Ihr hättet uns die Wohnung vorher zeigen müssen, nicht hinterher."

Tobias sah zu seinem Bruder hinüber. Jonas schwieg, und seine Mutter deutete das Schweigen als Zustimmung. „Ich habe dir doch gesagt, dass man uns vorher fragen sollte. Wer weiß, was für eine Wohnung man euch da verkauft hat." „Die Gegend passt gut zu uns", sagte Katharina. „Woher willst du das wissen, ihr habt dort noch nicht mal gewohnt." „Wir haben alles geprüft, was uns wichtig war." „Man sollte den Rat von Leuten einholen, die vom Leben mehr verstehen als man selbst."

Katharina nahm den Ordner, öffnete den Kaufvertrag auf der Seite mit den Käuferdaten, legte den Grundbuchauszug obenauf. „Hier steht, wer die Wohnung gekauft hat und wem sie gehört." Ingrid überflog die Zeilen. „Warum stehst nur du als Eigentümerin drin?" „Weil ich die Wohnung gekauft habe." „Aber du bist verheiratet." „Das Geld dafür habe ich vor der Ehe angespart, auf einem eigenen Konto, getrennt von unserem gemeinsamen Geld. Ich habe alle Kontoauszüge, die das belegen." „Aber Jonas wird doch dort auch wohnen." „Er wohnt dort, solange wir beide das wollen. Eigentümerin bin aber ich." „Du hast das also extra so eingerichtet, dass mein Sohn keine Rechte an der Wohnung hat?"

Katharina sah sie an, mit dem Ausdruck, mit dem man jemanden bedenkt, der über Entscheidungen urteilt, die nie in seiner Macht lagen.

„Ja, ich habe die Wohnung selbst gekauft. Von meinem eigenen Geld. Und ich brauchte dafür keine Erlaubnis von Ihnen." Ingrid lehnte sich zurück. Tobias senkte den Kopf und versteckte ein Grinsen hinter der Serviette. Seine Frau interessierte sich plötzlich sehr für ihr Besteck. Jonas' Vater räusperte sich und rückte den Kragen zurecht.

„Ich meinte doch nicht die Erlaubnis", sagte Ingrid, ihre Stimme schon weniger sicher. „Ich wollte nur helfen." „Hilfe wird angeboten. Erklärungen verlangt man nicht, wenn eine Entscheidung schon getroffen ist." „Du verstehst mich falsch." „Ich habe genau verstanden, was Sie gesagt haben. Sie meinen, wir hätten die Wohnung nicht ohne Ihre Zustimmung kaufen dürfen." „Ich mache mir Sorgen um meinen Sohn." „Dann fragen Sie Jonas, ob ihm die Wohnung und die Gegend gefallen. Aber die Papiere, die Herkunft des Geldes und die Wahl der Immobilie — das sind meine Angelegenheiten, weil es um mein Geld und mein Eigentum geht."

Ingrid wandte sich an ihren Sohn. „Bist du wirklich damit einverstanden?" Jonas richtete sich auf. „Ja. Die Wohnung ist gut." „Und es stört dich nicht, dass sie allein deiner Frau gehört?" „Ich wusste immer, dass Katharina schon vor mir gespart hat." „Aber ihr seid jetzt verheiratet." „Das macht aus ihrem alten Ersparten kein gemeinsames Geld", warf Tobias dazwischen. „Vor allem, wenn sie Belege hat, woher das Geld stammt." Ingrid warf ihrem älteren Sohn einen wütenden Blick zu. „Dich hat keiner gefragt." „Genau", bemerkte seine Frau. „Anscheinend zählt hier nur Katharinas Meinung."

Schweigen am Tisch. Katharina klappte den Ordner zu. „Ich höre mir gerne Ratschläge an, wenn ich selbst danach frage. Aber Entscheidungen über mein Geld und mein Eigentum treffe ich. Ich will niemanden kränken."

Ingrid wollte widersprechen, doch Jonas' Vater legte die Hand auf die Tischkante. „Ingrid, jetzt reicht's. Die Wohnung ist gekauft, die Papiere sind geprüft. Wir sollten gratulieren, nicht verhören." Sie sah ihn gereizt an. „Anscheinend denke ich als Einzige an die Folgen." „Die Folgen sehen für mich ziemlich gut aus", erwiderte er. „Katharina hat jetzt eine eigene Wohnung."

Katharinas Tante hob ihr Glas Johannisbeersaft. „Auf die neue Wohnung. Möge das Leben dort ruhig sein." Alle stießen an. Ingrid gratulierte als Letzte, kurz und trocken, griff aber nicht mehr nach den Unterlagen und redete nicht mehr über die Lage.

Nach dem Essen gingen Katharina und Jonas zu Fuß nach Hause. Ein warmer Augustabend, es roch nach aufgeheiztem Asphalt und den Pflaumen vom Marktstand an der Ecke. Jonas schwieg eine Weile. Nach ein paar Straßenzügen blieb er stehen.

„Katharina." „Was ist?" „Ich habe mich heute wie ein Idiot benommen." „Du hast eigentlich gar nichts gesagt." „Genau das ist das Problem." Er blickte zur Straße, wo gerade die Straßenbahn vorbeifuhr. „Als meine Mutter anfing, Erklärungen zu verlangen, kam mir das nicht mal seltsam vor. Ich habe einfach dagesessen und gewartet, dass du selbst antwortest. Erst danach ist mir klargeworden, wie absurd die ganze Situation war." „Was meinst du damit?" „Dass eine erwachsene Frau sich vor meiner Mutter dafür rechtfertigen muss, dass sie von ihrem eigenen Ersparten eine Wohnung gekauft hat."

Katharina schob den Ordner unter den Arm. „Genauso hat es sich auch angefühlt." „Ich bin so an ihre Einmischung gewöhnt, dass ich es gar nicht mehr bemerkt habe." „Ich habe es für uns beide bemerkt." Jonas nickte. „Mir fällt jetzt auf, wie sie versucht hat, den Stadtteil für unsere Mietwohnung auszusuchen, wie sie den Mietvertrag sehen wollte, wie sie uns vorgeschrieben hat, welchen Kühlschrank wir kaufen sollen. Ich dachte immer, es ist einfacher zu schweigen." „Für dich war es einfacher. Ich musste mir die Bemerkungen anhören." „Ich verstehe das." „Ich rede mit ihr", sagte Jonas. „Worüber?" „Dass unsere Entscheidungen keine Zustimmung von ihr brauchen. Und dass sie über die Wohnung nur redet, wenn wir das Thema selbst ansprechen." „Gut." „Bist du sauer auf mich?" Katharina überlegte kurz. „Es stört mich, dass du geschwiegen hast. Aber dass du den Grund dafür verstehst, ist wichtiger."

Eine Woche später begann der Umzug. Katharina hatte eine Liste geschrieben: Herd, dreihundertachtzig Euro, ein neuer Grohe-Wasserhahn für die Küche, hundertzwanzig Euro, Elektriker für die alte Verkabelung im Flur, geschätzt sechshundert Euro. Jonas prüfte die Steckdosen, tauschte den Wasserhahn selbst gegen den neuen aus, bestellte den Elektriker für Donnerstagvormittag. Gemeinsam suchten sie Möbel aus, stritten sich zwanzig Minuten lang bei einem Möbelhaus in Paunsdorf über die Farbe des Küchentisches, bis Katharina nachgab, weil ihr die Diskussion wichtiger war als Eiche oder Nussbaum.

Ingrid rief schon am ersten Tag an. „Wann kann ich mir die Wohnung ansehen?" Jonas antwortete diesmal anders als früher. „Ich frage Katharina und rufe dich zurück." „Du brauchst eine Erlaubnis, um die Wohnung zu betreten, in der du lebst?" „Ich muss den Besuch mit der Eigentümerin abstimmen. Und mit meiner Frau." „Schon wieder diese Formalitäten." „Das ist keine Formalität." „Also gut. Wann passt es dann?" „Ich rufe dich zurück, Mama."

Er legte auf, bevor sie noch etwas hinzufügen konnte. Katharina, die am Küchentisch saß und Umzugskartons beschriftete, sah kurz auf. „Das war neu." „Was?" „Dass du zuerst auflegst." Jonas zuckte die Schultern und griff wieder nach dem Klebeband.

Ein paar Tage später kam Ingrid zu Besuch, als fast alle Kartons ausgepackt waren. Diesmal brachte sie keine Möbelkataloge mit, fragte auch nicht nach Kontoauszügen. Sie ging durch die Zimmer, fragte, wohin das Sofa kommen solle, und bot an, eine Stehlampe zum Einzug zu schenken.

„Eine Lampe wäre schön", sagte Katharina. „Schick uns vorher ein Foto." Ingrid öffnete den Mund, wollte offenbar sagen, sie wisse genau, welche Lampe passe. Dann überlegte sie es sich anders. „Gut. Ich schicke ein Foto."

Drei Tage später kam tatsächlich ein Foto auf Katharinas Handy: eine schlichte Stehlampe aus Messing, dazu die Nachricht: „Passt die? Oder ist dir das zu altmodisch?" Katharina tippte zurück: „Die ist schön. Danke." Kein Gegenvorschlag, keine Diskussion über den Standort im Wohnzimmer. Die Lampe stand am Ende neben dem Sofa, genau dort, wo Jonas sie hinstellte.

Ein paar Wochen später rief Ingrid wieder an. „Passt es euch, wenn Papa und ich am Samstag vorbeikommen?" Katharina sah zu Jonas hinüber, der gerade Regale aufhängte. Er nickte einmal, kurz, und wandte sich wieder dem Akkuschrauber zu. „Samstag nach fünfzehn Uhr geht gut", sagte Katharina. „Dann kommen wir um fünfzehn Uhr", antwortete die Schwiegermutter, ohne Widerworte.

Beim Besuch fragte Ingrid, während sie Kaffee tranken, beiläufig, ob Katharina vorhabe, das zweite Zimmer irgendwann zu vermieten. „Möglich", sagte Katharina. „Ich überlege noch." „Man könnte doch —" begann Ingrid, brach dann ab, rührte in ihrem Kaffee und sagte stattdessen: „Der Kuchen ist übrigens sehr gut geworden, Katharina." Es war das erste Mal, dass sie einen Satz über die Wohnung nicht zu Ende brachte.

An einem Sonntag im Oktober, ein knappes Jahr nach dem Kauf, saß Katharina am Küchentisch, den Ordner mit dem Grundbuchauszug vor sich, eine Tasse Kaffee daneben, längst kalt geworden. Sie tippte die Nummer des Steuerberaters ins Handy, um zu klären, wie sich das zweite Zimmer später steuerlich als Vermietung anmelden ließe. Draußen bellte der Nachbarshund, irgendwo klapperte die Linie 9 vorbei.

„Katharina?" Jonas stand im Türrahmen, eine Kaffeetasse in der Hand. „Willst du auch einen?" „Gleich." Sie tippte die letzte Ziffer, las den Text noch einmal durch, strich ein Wort und ersetzte es durch ein anderes. Erst dann drückte sie auf Senden, klappte den Ordner zu und stand auf.

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Uniad
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