Zwei Minuten

Seine Finger gruben sich in ihren Unterarm wie Eisenklammern. Igor zerrte Kristina aus dem lärmenden Wohnzimmer in den engen Flur, vorbei an den schief hängenden Jacken und dem durchdringenden Geruch von altem Leder und Bohnerwachs. Sie riss sich mit einem einzigen, brutalen Ruck los.

Auf ihrer Haut blühten vier rote Male – die exakten Abdrücke seiner Hand. Doch sie rieb nicht darüber. Sie richtete sich auf, das Kinn hoch erhoben, und in ihren Augen brannte ein Feuer, das den halbdunklen Gang in ein Schlachtfeld verwandelte.

»Was fällt dir ein?«, zischte sie. Ihre Stimme war leise, aber sie schnitt durch die stickige Luft wie eine frisch geschliffene Klinge. »Du stehst da und fragst *mich*, was mir einfällt?«

Igor wich zurück, bis sein Rücken gegen die alte Garderobe stieß. Ein Mantel rutschte von einem Bügel und fiel dumpf zu Boden. Er hatte den ganzen Abend nichts gesagt. Er hatte mit gesenktem Kopf dagesessen, während seine Mutter, Tamara Borissowna, ein Giftpfeil nach dem anderen abschoss.

Kristina sprach jedes Wort wie ein Urteil. »Sie hat meine Eltern als hungerleidende Provinzler bezeichnet, die keinen Geschmack haben, weil ich ein zu schlichtes Brautkleid ausgesucht habe. Sie hat vor allen Gästen laut darüber philosophiert, ob sie wohl die letzte Kuh verkauft haben, um sich die Fahrt nach Moskau leisten zu können. Sie nannte meinen Vater einen versoffenen Nichtsnutz und meine Mutter eine dumme Bauersfrau, die keinen geraden Satz herausbringt.«

Sie trat einen Schritt auf ihn zu. Der Schweiß auf seiner Stirn glänzte im fahlen Licht. »Und du, Igor? Du hast ihr den Wein nachgeschenkt. Du hast gelächelt, als ihre Freundinnen zustimmend nickten. Du warst kein stummer Zeuge. Du warst ihr Komplize. Ein Feigling, der nicht einmal den Mund aufbekam, um seine eigene Frau zu verteidigen.«

Das Wort »Feigling« traf ihn mitten ins Gesicht. Er zuckte zusammen und wollte etwas von ihrem schwierigen Charakter stammeln, von Respekt und Geduld. Doch Kristina schnitt ihm das Wort ab.

»Ich habe zwei Stunden lang ausgeharrt. Ich habe darauf gewartet, dass in dir ein Mann erwacht. Aber du bist nicht aufgewacht. Also habe ich die Sache selbst in die Hand genommen.«

In diesem Moment schoss die Erinnerung an die Tat durch Igors Kopf – dieser dumpfe, feuchte Schlag. Kristina war an seiner Mutter vorbeigegangen, scheinbar ungeschickt gestolpert, und hatte ihre Schulter mit voller Wucht in Tamara Borissownas Gesicht gerammt. Der Blutschwall, der sofort zwischen den fettigen Fingern seiner Mutter hervorquoll, war kein Unfall gewesen. Es war ein Exekution.

»Du hast sie geschlagen«, hauchte er, als hätte er soeben beobachtet, wie sämtliche Naturgesetze um ihn herum kollabierten.

»Ich habe Gerechtigkeit wiederhergestellt«, erwiderte sie eiskalt. »Und ich bin noch nicht fertig. Du hast jetzt genau zwei Minuten. Geh da rein, stell dich vor deine Mutter und sag ihr, sie soll ein für alle Mal den Mund halten. Und dann zwingst du sie, sich vor mir zu entschuldigen – laut, damit es jeder hört. Entweder das, oder ich gehe selbst wieder hinein. Und glaub mir, dann endet dieser Abend nicht nur mit einem gebrochenen Nasenbein. Dann ist alles vorbei. Für immer.«

Sie trat einen Schritt zurück und gab ihm den Raum, den er brauchte, um sich zu entscheiden. Die Tür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen. Heraus drangen das Klirren von Gläsern und die schrille Lache einer entfernten Tante. Das Leben seiner Familie ging weiter, als wäre nichts geschehen. Aber in diesem schmalen Gang stand die Zeit still.

Igor rührte sich nicht. Er starrte auf den abblätternden Lack des Türrahmens, als könnte er darin eine Antwort finden. Seine Hände zitterten. In seinem Kopf kämpfte der dressierte Sohn gegen einen unbekannten, längst verkrüppelten Mann. Die Dressur siegte. Er blieb reglos, eine Statue aus Ohnmacht.

Die zwei Minuten vergingen in quälender Stille. Als die Frist ablief, sagte Kristina kein Wort mehr. Sie warf ihm nicht einmal einen letzten Blick zu. Sie griff nach ihrer Handtasche und den Autoschlüsseln auf dem kleinen Wandregal und öffnete die schwere Wohnungstür. Der kühle Luftzug aus dem Treppenhaus fegte den Mief von Lavendel und Schweiß hinweg. Der Türschnapper fiel mit einem endgültigen Klicken ins Schloss, und Igor blieb allein im Flur zurück, umgeben von den Geräuschen einer Feier, die nie seine eigene gewesen war.

Die Straßen waren leer und glänzten im Schein der späten Straßenlaternen. Kristina fuhr, ohne zu zögern, durch die nächtliche Stadt. Ihre Hände ruhten fest auf dem Lenkrad, während die Ampeln von Grün auf Rot sprangen und die Reklametafeln ihr grelles Licht über die Windschutzscheibe warfen. Sie weinte nicht. Die einzige Flüssigkeit, die sie an diesem Abend vergossen hatte, war das Blut von Tamara Borissowna.

Sie dachte nicht an die drei Jahre mit Igor, an die gemeinsamen Urlaube oder die versprochene Zukunft. Sie dachte ausschließlich an eine präzise Checkliste: Reisepass, Laptop, Kleidung. Die Schmuckschatulle ihrer Großmutter. Was ihr gehörte, bevor sie ihn kannte. Alles, was sie mitnehmen würde, wenn sie ihr altes Leben hinter sich ließ.

Die Wohnung empfing sie mit einer Stille, die beinahe andächtig wirkte. Es roch nach ihrem Parfüm, gemischt mit dem Aftershave, das er immer benutzte. Auf dem Couchtisch lag das Buch, in dem er zuletzt gelesen hatte. In der Spüle standen noch die Kaffeetassen vom Morgen. Dieses Stillleben einer zerbrochenen Ehe berührte sie nicht. Es war eine fremde Kulisse, die sie sofort abzubauen begann.

Sie öffnete den Kleiderschrank, ohne Igors Hemden auch nur zu streifen, und holte ihre Kleider, Blusen und Pullover heraus. Sie faltete sie mit den fließenden Handgriffen einer Frau, die keine Zeit mit Sentimentalitäten vergeudete. Dann holte sie den großen Koffer von der oberen Ablage und legte die Sachen hinein, eine Lage nach der anderen, sauber und komprimiert. Nach der Kleidung kamen die Pflegeprodukte aus dem Badezimmer, ihr Reisenecessaire, die Zahnbürste. Seine Sachen blieben unberührt, als gehörten sie einem Fremden.

Sie war kein fliehendes Reh. Sie war eine Liquidatorin, die eine gescheiterte Unternehmung abwickelte. Als sie das zweite Schließen des Koffers hörte, wusste sie, dass es vollbracht war.

In diesem Moment flog die Wohnungstür auf. Igor taumelte in die Diele, den Atem keuchend, das Gesicht verzerrt von der panischen Erkenntnis, dass sie es ernst meinte. Er hatte seine Mutter mit einem kalten Lappen auf dem Sofa geparkt, ihre Schimpftiraden über »diese Bestie« abgewunken und war die Treppe hochgehetzt, als hinge sein Leben davon ab. Vielleicht hing es das ja.

Kristina stand im Flur, bereits im Mantel, die Handtasche über der Schulter. Neben ihr thronten zwei gepackte Koffer wie stumme Ankläger. Sie war bereit zu gehen. Für Igor war sie bereits gegangen.

»Was tust du da?« Seine Stimme kippte ins Fistelnde. »Bist du von Sinnen? Pack alles sofort wieder aus!«

Er streckte die Hand nach ihrem Ellbogen aus – demselben Griff, mit dem er sie vor einer Stunde aus dem Wohnzimmer bugsiert hatte. Diesmal griff er ins Leere. Sie wich ihm mit einer flinken, fast verächtlichen Bewegung aus, die klarstellte: Es gab keine Berührung mehr zwischen ihnen.

»Es ist zu spät, um etwas auszupacken«, sagte sie. Ihre Stimme war so ruhig wie der Motor ihres Wagens. »Die Dinge sind bereits an ihrem Platz. Meine bei mir, deine bei dir.«

»Wegen ein paar unüberlegten Worten? Wegen der kaputten Nase meiner Mutter? Willst du drei Jahre ihretwegen in den Müll werfen?«, brüllte er und suchte verzweifelt nach einer Lücke in ihrer Rüstung.

Sie ließ ihn ausreden. Dann schüttelte sie langsam den Kopf, und jede ihrer Silben setzte sich wie ein Granatsplitter in seinem Gewissen fest. »Es waren keine unüberlegten Worte. Es war eine öffentliche Hinrichtung. Die Entwürdigung der Menschen, die mich mehr lieben als alles andere auf der Welt. Und du hast Beifall geklatscht, indem du nichts getan hast. Ich werfe nicht drei Jahre weg. Ich bringe nur zu Ende, was heute Abend offenbar wurde: Ein echtes ›Wir‹ gab es nie. Da warst immer nur du, ich und deine Mutter, die zwischen uns stand. Ich habe es bloß endlich gesehen.«

Er sackte gegen die Wand, alle Kraft wich aus ihm. Wieder kam dieses kindische, jämmerliche Argument über seine Lippen. »Aber sie ist meine Mutter! Ich konnte doch nicht…«

Da brach es aus ihr heraus. Nicht mehr das kalte Eis, sondern die verdichtete, atomare Hitze eines gesamten Abends. Sie sah ihm direkt in die Augen, und ihr Flüstern war bedrohlicher als jeder Schrei.

»Es ist mir scheißegal, dass sie deine Mutter ist, Igor! Sie hat meine Eltern beleidigt. Du hättest für mich und für sie einstehen müssen! Kapiert? Ich habe dir die Wahl gelassen. Du hättest mein Mann sein können. Aber du hast dich entschieden, ihr Sohn zu bleiben.«

Sie zog den ersten Koffer an den Griffen hoch und rollte ihn zur Tür. »Das Problem ist nicht sie. Sie wird sich nie ändern, und das habe ich auch nie erwartet. Das Problem bist du. Du hättest ein Rückgrat haben können. Ein einziges Mal in deinem Leben eine eigene Entscheidung treffen, statt im Strom ihrer Wünsche zu treiben. Aber dazu warst du nicht in der Lage. Und ich werde mein Leben nicht mit einem Mann verbringen, der erst Mutti um Erlaubnis fragt, bevor er Luft holt. Ich bin nicht das Anhängsel ihres Sohnes.«

Sie öffnete die Tür und schob den ersten Koffer auf den Treppenabsatz. Dann kam sie zurück, griff den zweiten und verließ die Wohnung, ohne sich umzudrehen. Ihre Schritte und das Rattern der Kofferrollen hallten durch das Treppenhaus, immer leiser, bis die Haustür unten mit einem dumpfen Schlag zufiel.

Igor stand noch lange so da, an die Wand gelehnt, im Korridor ihres einst gemeinsamen Heims. Das Buch auf dem Tisch war ihm fremd geworden. Die Kaffeetassen würden nie mehr abgewaschen werden. Er lauschte der Stille, die sie zurückgelassen hatte, und wusste, dass sie niemals zurückkehren würde.

Er blieb allein. In seinem Haus. Mit seiner Mutter. Für immer.

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Uniad
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