Die Hand, die niemand gefilmt hat

Ich hatte genau zweihundertvierzig Euro in der Tasche, einen Rückflug nach Leipzig für den 31. August und die Adresse einer Frau, die ich noch nie im Leben gesehen hatte. Der Vertrag, den mir die Kölner Produktionsfirma gefaxt hatte, war für sechs Wochen. Nicht mehr.

Es war Anfang Juli, und am Flughafen München roch es nach Regen und Diesel. Ich stand mit meinem Koffer an der Gepäckausgabe und wählte zum dritten Mal die Nummer, die ich aus einer Sprachnachricht abgetippt hatte. Eine fremde Vorwahl. Ein fremder Name: Marlene. Mehr wusste ich nicht.

Beim zweiten Klingeln meldete sich eine Stimme, tief und wach, als hätte sie auf den Anruf gewartet.

„Bist du gelandet? Bleib, wo du bist. Ich bin in zwanzig Minuten da. Nein, du fährst nicht in ein Hotel. Du kommst zu mir. München ist am Anfang groß genug, da musst du nicht auch noch allein in einem Zimmer sitzen.“

Ich wollte protestieren. Höflich sein. Erklären, dass ich keine Umstände machen will. Aber die Verbindung war schon weg.

Zwanzig Minuten später stand vor mir eine Frau in einem grünen Mantel, der nach nasser Wolle roch, und nahm mir den Koffer aus der Hand, bevor ich den Griff richtig zu fassen bekam. Sie sah mich an und sagte: „Du siehst aus, als hättest du drei Nächte nicht geschlafen.“

Stimmte. Ich hatte drei Nächte nicht geschlafen.

Wir fuhren durch die Stadt, vorbei an leuchtenden Straßenbahnen und Bäckereien, die um diese Zeit schon das Licht gelöscht hatten. Marlene redete ununterbrochen, nicht nervös, sondern ruhig, als würde sie einen Fahrplan erklären. Wo die gute Apotheke ist. Welcher S-Bahn-Eingang am Olympiapark abends geschlossen wird. Dass die Italienerin am Eck gleich am Montag frische Gnocchi hat.

Ich sagte kaum etwas. Ich schaute aus dem Fenster und dachte: Das ist ein Fehler. Ich gehöre hier nicht hin. Sechs Wochen. Ich schaffe keine sechs Tage.

In ihrer Wohnung in Schwabing roch es nach Holz und Wachs. Altbau, hohe Decken, auf dem Küchentisch stand eine Schale mit roten Johannisbeeren. Sie machte Tee. Ich setzte mich auf die Kante ihres Sofas, so weit wie möglich nach links, als dürfte ich nicht zu viel Platz einnehmen.

Ich war so müde, dass mir die Stadt draußen wie ein Rauschen vorkam, wie ein Fernseher, der läuft, obwohl keiner hinschaut. Marlene zog mir die Schuhe aus. Ich habe es erst bemerkt, als ich barfuß auf dem Teppich saß und sie die Schuhe ordentlich neben die Tür stellte, Ferse an Ferse.

„Ich will nicht allein sein“, sagte ich.

Es kam einfach so raus. Ohne Einleitung, ohne Entschuldigung.

Marlene nickte nicht. Sie zog eine Wolldecke aus dem Korb neben dem Sofa, breitete sie über mich und setzte sich neben mich. Dann nahm sie meine Hand. Nicht fest, nicht versehen mit einem dieser aufmunternden Drücke. Sie legte ihre Finger nur locker in meine, wie man das bei einer macht, die gleich einschläft.

Ich bin auf dem Sofa eingeschlafen, mit meiner Hand in ihrer. Am Morgen war sie schon wach, im Bademantel, und summte etwas in der Küche. Als ich aufstand, sagte sie, ohne sich umzudrehen: „Der Kaffee ist fertig. Frühstück kommt gleich. Dann erzählst du mir, warum du so einen Schiss hast.“

So begann es.

Wir hätten Rivalinnen werden müssen. So steht es in jedem Artikel, der jemals über uns geschrieben wurde. Zwei Schauspielerinnen. Gleiches Alter, gleiche Haarfarbe, gleiches Fach. Beide aus dem Osten, beide ohne berühmte Eltern, beide mit einem Rucksack voller Rollen, um die man sich in einer Stadt mit viertausend Schauspielerinnen prügelt.

Wir haben uns sogar auf dieselben Rollen beworben. Einmal, zwei Jahre später, saßen wir im selben Wartezimmer einer Castingagentur, und die Assistentin drückte uns dasselbe Textblatt in die Hand. Draußen standen zehn Frauen, die alle so aussahen wie wir. Ich dachte: Jetzt passiert es. Jetzt fängt das an, was alle erwarten.

Marlene saß neben mir, kaute auf einem Sesamriegel und las meine Textzeilen mit. Dann schob sie mir ihre Fanta über den Tisch und sagte: „Du gehst zuerst. Wenn du die Rolle kriegst, bringst du mir die Sekretärin mit, die schreibt die Bewerbungen für uns beide.“

Ich habe die Rolle nicht bekommen. Sie auch nicht. Am Abend saßen wir in ihrer Küche, aßen Gnocchi von der Italienerin vom Eck, und Marlene imitierte die Castingfrau so bitterböse, dass mir der Rotwein aus der Nase kam.

Das ist zwanzig Jahre her.

Heute wohne ich in München, zwei Straßen von ihr entfernt. Wenn ich länger als eine Woche nicht bei ihr war, finde ich vor meiner Tür eine Tüte mit Brot und ein Post-it mit einer Frage, auf die man mit einem Wort antworten kann: „Kommst du Samstag?“ Die Fragezeichen malt sie immer schief.

Neulich war ich eingeladen, bei einer Preisverleihung über Frauenfreundschaften zu sprechen, eine dieser Talkrunden, in denen alle so tun, als müsste man jede Beziehung in ein Konzept packen. Ich sollte erklären, wie es geht, das mit der Freundschaft in einer Branche, die einen ständig gegeneinander stellt. Ich habe lange überlegt, was ich sage.

Und dann habe ich es gelassen.

Stattdessen habe ich erzählt, wie ich an meinem ersten Abend in München auf einem fremden Sofa einschlief, mit der Hand einer Frau, die ich erst zwei Stunden kannte. Wie diese Hand mich gehalten hat, ohne etwas zu versprechen, ohne etwas zurückzuwollen, ohne eine einzige moralische Botschaft. Wie ich danach aufwachte und dachte: Vielleicht schaffe ich sechs Wochen doch.

Und vielleicht, sagte ich am Schluss in den Saal hinein, vielleicht fängt alles, was im Leben trägt, nicht mit einem großen Auftritt an, sondern mit so einem Abend. Mit einer, die dich abholt, obwohl sie dich nicht kennt. Mit einer, die deine Schuhe ordentlich an die Tür stellt. Mit einer, die dir die Decke über die Beine zieht, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Dann habe ich mein Handy aus der Tasche genommen, mitten in der Veranstaltung, und Marlene eine Nachricht geschrieben. Eine echte, keine Show. Ich tippte:

„Du. Danke. Für die Hand. Damals.“

Die Antwort kam, bevor der Moderator mich zur nächsten Frage weiterreichen konnte.

„Quatsch. Kommst du Samstag? Ich mache Linsen. Bring Weißwein mit. Deinen guten, nicht den aus dem Karton.“

Ich saß noch eine Stunde in der Talkrunde, die Hände um das Glas Wasser gelegt, und unter dem Tisch, für niemanden sichtbar, hielt ich das Handy so in der linken Hand, als könnte die Wärme des Displays das sein, was damals ihre Finger gewesen waren.

Es fühlte sich genauso an.

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