Sieben Millionen auf dem Küchentisch

Ich arbeite seit 27 Jahren als Köchin im Haus Kreutzberg in Grünwald. Die Villa liegt in der Forsthausstraße, hinter einer Hecke, die im November so kurz geschnitten wird, dass man vom Gehweg aus ins Wohnzimmer sehen kann. Das passt der alten Dame von nebenan, der Frau Dornröther, überhaupt nicht. Sie steht dann oft mit ihrem kleinen weißen Hund an der Hecke und tut so, als würde sie was suchen. Dabei zählt sie nur die Autos, die bei uns vorfahren.

Meine Küche geht nach hinten raus, Richtung Garten. Da hängt über der Tür zur Speisekammer eine Neonröhre, die seit drei Jahren flackert. Ich habe dem Hausmeister, dem Martin, mindestens fünfmal gesagt, er soll das Ding auswechseln. Gemacht hat er nichts. Na ja.

An dem Morgen, als der Nikolaus aus London zurückkam, waren es minus sieben Grad, und der erste Schnee fiel, nass und schwer. Ich stand um halb sechs in der Küche, den Teig für die Weihnachtsplätzchen schon halb ausgerollt. Die Maren war auch schon da, die neue Küchenhilfe aus Bautzen. Ein stilles Ding, aber fleißig. Sie studiert in München, arbeitet in den Semesterferien hier. Die Veronika hatte sie eingestellt, nicht der Alexander. Das war mir von Anfang an aufgefallen, weil die Veronika sich sonst nie um die Küche kümmert.

Der Nikolaus kam um halb eins mit dem Taxi. Ich hörte die Stimme der Veronika im Flur: „Da bist du ja, endlich. Der Vater wartet im Arbeitszimmer. Wir haben dir was zu sagen.“ Und dann die tiefere Stimme vom Alexander, aus dem Arbeitszimmer, wo die Tür halb offen stand: „Komm rein, Nikolaus. Die Brandners haben aus Düsseldorf einen Termin vorgeschlagen. Über Weihnachten.“

Ich goss gerade Wasser auf die Kartoffeln, als der Nikolaus an der Küche vorbeikam. Er blieb in der Tür stehen, einen Moment länger als er musste. Sein Gesicht kannte ich von klein auf – ich habe ihm als Kind immer die Milch warm gemacht, wenn er nicht schlafen konnte. Er sah schlecht aus. Dünner. Und müde.

„Na, junger Mann“, sagte ich. „Hast du Hunger? Ich mache dir was.“

„Später, Roswitha.“ Und dann verschwand er im Arbeitszimmer.

Am übernächsten Morgen kam der Nikolaus zum ersten Mal in die Küche, bevor ich den Frühstückswagen nach oben geschoben hatte. Die Maren stand an der Arbeitsfläche aus Edelstahl, wickelte Butter aus dem Papier und sang dabei leise. Ein Lied aus ihrer Gegend. Ich hab die Melodie nicht erkennen können. Der Nikolaus blieb in der Tür stehen und sah sie an. Dann fragte er, ob Kaffee da wäre.

„Machst du mir eine Tasse? Weißt du, wie ich ihn mag?“ – das sagte er zu mir, aber die Augen hatte er woanders.

Die Maren wurde rot und drehte sich zum Herd um. Ich holte die Tasse aus dem Schrank, die mit dem feinen Sprung am Rand. Die benutzt hier keiner außer mir und dem Gärtner.

In den Wochen danach kam der Nikolaus jeden Morgen. Mal wollte er Kaffee, mal bloß ein Glas Wasser, mal tat er so, als suche er eine Zeitung. Die Maren wurde jeden Tag eine Spur ruhiger, wenn er da stand. Und das war ein schlechtes Zeichen.

Ich kenne diese Villa. Ich kenne die Gespräche hinter geschlossenen Türen. Und ich wusste schon im Dezember, dass das hier auf keine gute Art enden würde.

Die Veronika lief in den Wochen vor Weihnachten mit einem Notizblock durch das Haus und hakte Listen ab. Termine beim Juwelier am Maximiliansplatz, beim Partyservice, bei einer Immobilienagentur, weil man darüber sprach, den Wintergarten zu vergrößern. Einmal hörte ich sie am Telefon im Flur, mit ihrer Schwester in Hamburg: „Cornelia Brandner. Die Eltern besitzen vier Hotels. Der Vater sitzt im Aufsichtsrat von zwei Stiftungen. Es passt einfach.“

„Und der Nikolaus?“, fragte die Schwester. Ich stand in der Speisekammer und zählte Silberbesteck. Die Trennwand zur Halle ist dünn.

„Der Nikolaus weiß, was sich gehört“, sagte die Veronika. Und legte auf.

Das Abendessen mit den Brandners war für den 19. Dezember angesetzt. Das Haus roch nach Tannenzweigen, die die Veronika überall hatte aufhängen lassen, und nach meinem Rehbock mit Preiselbeersoße und Serviettenknödeln. Ich arbeitete seit fünf Uhr früh. Die Maren stand mir gegenüber, schälte Kartoffeln und sagte den ganzen Tag kein einziges Wort.

Um halb acht kamen die Brandners. Die Cornelia ist hübsch, das muss man sagen, groß, schlank, gut gekleidet. Aber sie lachte zu laut und trank schon beim Aperitif zwei Gläser Sekt. Der Nikolaus saß neben ihr am Tisch und hörte ihrem Vater zu, einem Mann mit zu lauter Stimme, der von Expansion sprach und von Synergieeffekten. Ich sah es vom Servierfenster aus. Die Maren trug den ersten Gang auf, ein Kürbis-Carpaccio. Als sie am Nikolaus vorbeiging, beugte der sich zu ihr rüber und fragte, ob sie heute Abend noch nach Hause komme, wegen der letzten S-Bahn. Die Cornelia hörte es nicht. Ich hörte es schon.

„Es ist alles in Ordnung“, sagte die Maren, die Hände am Tablett. Sie stand aufrecht.

Ich ging in die Küche zurück und rührte die Soße um. Meine Hand zitterte. Ein kleines bisschen. Das passiert mir nicht oft.

Der Knall kam am 22. Dezember, drei Tage vor Weihnachten. Ich war allein in der Küche, es ging auf neun Uhr abends zu, mein Zug fuhr um halb zehn von Grünwald aus, und ich hatte gerade die Kasserolle geschrubbt, als ich Schritte hörte. Erst die vom Alexander, den Flur entlang. Dann die vom Nikolaus. Dann die von der Maren.

Die Tür zur Küche flog auf. Der Alexander stand da, die Krawatte gelockert, in der Hand ein Papier. „Was soll das?“, sagte er. Die Stimme kam von ganz unten aus der Brust. So wie früher, als er sich mit dem alten Herrn Kreutzberg gestritten hat, der jetzt unter der Eibe im Garten liegt.

Der Nikolaus schob die Maren sanft zur Seite und stellte sich vor sie. Ich zog die Kasserolle vom Herd. Das Wasser spritzte auf die Fliesen, aber das merkte niemand.

„Ich war heute Morgen beim Notar in Grünwald“, sagte der Nikolaus. Seine Stimme war leise, aber fest. Er nahm die Mappe aus der Ledertasche, die er unter dem Arm trug. Er klappte sie auf. Ein Dokument, gestempelt, unterschrieben. „Hier ist der Erbverzicht. Ich trete meinen Anteil an der Kreutzberg GmbH ab. Sieben Millionen. Ich will nichts davon.“

Er legte die Mappe auf den Küchentisch, auf das Wachstuch mit den blauen Karos, das ich jeden Abend mit einem feuchten Lappen abwische. Daneben legte er die Autoschlüssel. Den vom Porsche, den der Alexander ihm zum Abschluss seines Studiums geschenkt hatte.

Der Alexander nahm das Papier in die Hand. Ich konnte sehen, wie seine Finger die Unterschrift entlangfuhren, als wollte er prüfen, ob sie echt war.

„Du wirfst alles weg“, sagte er. Nicht laut. Aber voller Zorn. „Für eine Küchenhilfe.“

„Für sie“, sagte der Nikolaus. „Und für mich.“

Dann drehte er sich zu der Maren um und nahm ihre Hand. Die Maren, die den ganzen Abend kein Wort gesagt hatte, hob den Kopf. Sie schaute den Alexander an. Dann mich. Nur einen kurzen Moment. Als ob sie sich entschuldigen wollte. In ihren Augen stand keine Angst. Eher so was wie: Danke.

Sie gingen durch die Küche, nicht durch den Flur, sondern durch den Lieferanteneingang, am Gemüsekasten vorbei. Ich hörte, wie die Holztür zufiel. Einmal. Und dann nichts mehr.

Der Alexander stand noch eine Weile da, die Mappe in der Hand. Dann drehte er sich zu mir um, als hätte er erst jetzt gemerkt, dass ich da war. Er sagte nichts. Er legte das Dokument zurück auf den Tisch, neben die Schlüssel, und ging in sein Arbeitszimmer.

Ich stellte das Gas ab. Der Topf war längst übergekocht, das Wasser auf dem Boden schon halb getrocknet. Ich wischte den Tisch ab, einmal, zweimal. Dann zog ich meine Jacke an, nahm meine Tasche und ging zur S-Bahn. Mein Zug war schon weg. Der nächste kam in zwanzig Minuten.

Sechs Monate später, im Juni, brachte ich dem alten Professor Jensen den Kaffee in die Bibliothek. Der Notar der Familie, seit dreißig Jahren. Die Tür stand halb offen, weil ich mit beiden Händen voll hatte. Er telefonierte gerade. „Die Stiftung von Frau Kreutzberg hat den Anteil übernommen. Der Junge bekommt alles zurück, sobald er dreißig wird.“ Er legte auf, als er mich sah, und nahm ein Stück Kirschkuchen. Die Veronika saß am Fenster und blätterte in einer Zeitschrift. Verkehrt herum. Sie sagte nichts. Sie hatte das die ganze Zeit geplant. Und ich hatte gedacht, sie sei bloß die Frau des Hauses.

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Uniad
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