Die Bernsteinkette

Es war der siebte Juli, ein Samstag, und über der Elbe flimmerte die Hitze. Im Festsaal des Restaurants «Weißer Hirsch» in Dresden standen die Fenster offen, und von draußen zog der Geruch von Lindenblüten herein. An den Tischen saßen ungefähr siebzig Gäste, die meisten schwitzten in ihren Anzügen und Kleidern. Vorn, zwischen zwei Säulen, hatte sich das Paar aufgestellt: Caroline in einem weißen Kleid mit Schleppe, Markus im dunkelblauen Anzug. Der Standesbeamte hatte gerade begonnen, etwas über Vertrauen zu sagen.

Am Tisch neben der Wand saß Anni, neun Jahre alt, und drehte eine Papierserviette zu einem kleinen festen Ball. Ihre Füße berührten den Boden nicht. Neben ihr saß ihre Tante Grit, die immer wieder auf ihr Handy schaute. Anni mochte die Tante, aber heute war sie nur deshalb hier, weil ihre Mutter nicht kommen konnte. Ihre Mutter saß auf einem Polizeirevier am anderen Ende der Stadt, in einem Raum mit Neonlicht und kaltem Kaffee.

Als Caroline sich umdrehte, um dem Fotografen zuzulächeln, blitzte an ihrem Hals eine Kette auf. Anni erkannte das Ding sofort. Das war die Bernsteinkette ihrer Mutter – handgeschliffene Steine in drei verschiedenen Tönen, dunkelhonigfarben, dazwischen winzige Silberperlen. Ihre Mutter hatte zwei Monate daran gearbeitet, jeden Abend nach der Schicht in der Werkstatt, bei Licht und Lupe. Die Kette war am Montag vor Ostern verschwunden. Am nächsten Morgen hatten zwei Polizisten vor ihrer Tür gestanden.

Anni stand auf. Ihre Knie waren weich. Sie schob sich zwischen den Stuhlreihen durch, vorbei an Tanten und Nachbarn, die sie nicht kannte. Ein Kellner wollte sie aufhalten, aber sie wich ihm aus. Dann stand sie fünf Schritte vor dem Paar, die Serviettenkugel in der Faust.

«Halt!», sagte sie. Nicht laut, aber scharf. Die Stimme schnitt durch den Raum. Die Gespräche brachen ab. Der Standesbeamte drehte sich um. Caroline erkannte Anni sofort und wurde weiß.

«Das ist die Kette meiner Mutter. Du hast sie gestohlen.» Annis Stimme zitterte, aber sie blieb stehen.

Caroline trat einen Schritt zurück. «Was? Ich… das ist ein Erbstück von meiner Oma. Das Kind spinnt.»

Markus hatte sich zu Caroline umgedreht. «Was hat sie gesagt?»

Anni machte noch einen Schritt nach vorn. «Sie hat die Kette genommen und dann behauptet, meine Mutter hätte sie geklaut. Meine Mutter sitzt jetzt auf der Wache, weil deine Braut gelogen hat.»

Im Saal wurde es unruhig. Jemand lachte verlegen. Caroline hob die Hand, als wollte sie das wegwischen. «Das ist doch Unsinn. Markus, sag dem Kind, es soll gehen.»

Markus sah zu Anni. «Wo ist deine Mutter gerade?»

Anni drückte den Serviettenball fester. «Im Polizeirevier Dresden-Neustadt. Zimmer 112. Ich habe die Nummer von Tante Grit bekommen.»

«Und warum glaubst du, dass das die Kette deiner Mutter ist?» fragte Markus.

Anni griff in die Tasche ihres Kleides und holte ein zerknittertes Foto heraus. Es zeigte ihre Mutter, wie sie die Kette in der Werkstatt vor sich liegen hatte – mit der Lupe in der Hand. «Da ist die Kette. Sie hat sie selbst gemacht. Aus baltischem Bernstein. Der größte Stein hat einen winzigen Riss auf der Rückseite, wie ein Blitz.»

Caroline lachte auf. «Das ist lächerlich. Das könnte jede Kette sein.»

Da stand am Rand des Saals ein alter Mann auf. Herbert Böttcher, der Nachbar von Annis Familie, ein gelernter Goldschmied. Er trug einen Stock und eine Fliege. «Ich kann das bestätigen», sagte er ruhig. «Ich habe die Steine ausgesucht. Der Riss ist auf der Rückseite des mittleren Steins. Drehen Sie die Kette um, dann sehen Sie es.»

Caroline fuhr herum. «Du hältst dich da raus, alter Mann.»

Markus legte seine Hand auf ihren Arm. «Dreh die Kette um.»

Caroline zögerte. Dann griff sie mit zwei Fingern nach dem Verschluss, aber ihre Finger glitten ab. Markus drehte sie selbst. Da war der Riss, deutlich wie ein Blitz im Honig.

Im Saal hörte man nur das Summen einer Fliege an der Fensterscheibe.

Markus ließ die Kette los. «Komm mit. Wir fahren jetzt zusammen zu diesem Revier.» Er griff nach den Autoschlüsseln in seiner Jackentasche. Dann sah er Anni an. «Und du kommst auch mit. Damit deine Mutter nicht alleine ist.»

Caroline riss sich los. «Bist du verrückt? Ich lasse meine Hochzeit nicht von einem Kind zerstören.»

«Du hast deine Hochzeit selbst zerstört», sagte Markus. «Oder die Kette hat es getan.»

Er hob die Stimme nicht. Genau das brachte Caroline zum Schweigen. Sie ging hinter ihm zur Tür, vorbei an Tischen mit halb vollen Gläsern und einer Torte, die in der Wärme zu schwitzen begann.

Im Auto saß Anni auf der Rückbank. Sie beobachtete, wie Caroline gegen den Beifahrersitz drückte und die Arme verschränkte. Markus fuhr auf die Marienbrücke zu. Caroline weinte, aber sie bat nicht um Entschuldigung. Sie sagte nur: «Du verstehst das nicht.»

Anni schaute aus dem Fenster. Auf der Elbe zog ein flaches Ausflugsschiff Richtung Blaues Wunder. Auf der Brühlschen Terrasse leckten Leute an Eistüten. Das alles sah aus wie aus einem anderen Leben.

Das Revier war ein Glaskasten mit viel grauem Beton. In der Wartehalle roch es nach Kaffee und Flächendesinfektionsmittel. Hinter dem Tresen saß ein junger Beamter, der Kaugummi kaute und auf einen Bildschirm tippte. Anni entdeckte ihre Mutter sofort: Jana saß auf einer harten Bank, den Rücken gerade, die Hände flach auf den Oberschenkeln. Als sie ihre Tochter sah, stand sie auf.

«Anni? Was machst du hier?»

Anni rannte zu ihr. «Mama, die Kette. Ich hab sie gesehen. Ich hab gesagt, dass sie gelogen hat.»

Jana drückte ihre Tochter an sich. Dann sah sie Caroline, die hinter Markus stand, und die Kette an ihrem Hals. Jana trat an den Tresen. «Diese Kette gehört mir», sagte sie. «Ich habe die Quittungen für den Bernstein und das Silber. Ich kann jede Perle beschreiben.»

Der Beamte rief einen Kollegen. Es dauerte zwanzig Minuten, bis alle Papiere verglichen waren. Caroline musste die Kette abgeben. Der Polizist legte sie in einen durchsichtigen Plastikbeutel. Dann wandte er sich an Jana: «Die Anzeige gegen Sie wird eingestellt, Frau Berger. Frau Schöne hat die Kette offensichtlich als ihr Eigentum ausgegeben.»

Caroline fuhr dazwischen. «Das war ein Missverständnis! Ich wollte sie nur nicht verlieren.»

Jana antwortete nicht. Sie zog aus ihrer Tasche ein hellblaues Kuvert. Sie machte es auf und faltete ein Blatt Papier auseinander. «Ich habe das vor zwei Tagen geschrieben», sagte sie. «Für den Fall, dass ich die Kette je wiederbekomme.»

Sie legte das Blatt auf den Tresen. Es war eine Anzeige wegen Diebstahls, falscher Verdächtigung und Betrugs. In der Zeile für den Wert notierte sie mit einem Kugelschreiber, den der Beamte ihr reichte, eine Zahl: 4 200 Euro. Darunter: «Verdienstausfall: 800 Euro.»

«Das ist der Preis für die Steine und die Arbeitszeit. Ich habe jede Rechnung beigelegt.» Sie klopfte mit dem Finger auf den Umschlag. «Ich will, dass das als Straftat aufgenommen wird.»

Caroline umklammerte die Kante des Tresens. «Das kannst du nicht machen.»

«Doch», sagte Jana. «Das kann ich. Du hast vier Stunden meines Lebens gekostet. Und jetzt kostet es dich mehr als eine Hochzeit.»

Der Beamte stempelte das Papier ab. «Frau Schöne, Sie bleiben für eine Aussage hier. Herr…?»

Markus trat einen Schritt vor. «Ich bleibe auch. Und ich sage aus, was im Saal passiert ist.»

Jana nahm den Beutel mit der Kette entgegen. Sie zog die Kette heraus, drehte sie gegen die Neonröhre, prüfte den Riss auf der Rückseite. Dann legte sie die Kette in ein kleines Stofftaschentuch mit aufgesticktem Marienkäfer und steckte sie in ihre Tasche. Sie reichte Markus die Hand. «Danke, dass Sie sie hergebracht haben.»

Markus sah sie an. «Ich hätte sie nicht heiraten sollen. Nicht so.»

Jana zog Anni an der Hand zur Tür. Draußen war es noch hell, die Luft roch nach Linden. Anni griff in ihre Tasche und holte einen kleinen grauen Kiesel hervor, den sie im Frühjahr am Strand von Warnemünde gefunden hatte. Sie legte ihn ihrer Mutter in die Hand. Jana schloss die Finger darum.

«Zwei Kugeln?», fragte Anni.

«Zwei Kugeln», sagte Jana. «Und dann fahren wir nach Hause.»

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