Mein Bruder David rief an einem Dienstag an, an dem der Regen gegen die Fenster unseres Altbaus in Eimsbüttel klatschte, und erklärte mir, ich sei jetzt der Hüter seines Lebens. Es war kurz vor Weihnachten, drei Jahre her. „Shanghai, Paul. Mindestens ein Jahr. Lena kommt klar, aber das Café – du weißt, sie kennt sich nicht mit Buchhaltung aus. Und die Wohnung drüber, falls was kaputtgeht. Versprich mir, dass du nach ihr siehst.“ Ich sagte zu. Was hätte ich sonst tun sollen? David ist mein großer Bruder, und damals hielt ich ihn für jemanden, der zurückkommt.
Das Café, die Kaffeebucht, lag in der Nähe des Fischmarkts, ein schmaler Laden mit fünf Tischen und einer Siebträgermaschine, die mehr kaputt war als ganz. Lena stand an jenem ersten Morgen hinter der Theke und rührte mit einem abgebrochenen Löffel in ihrem Kaffee. Auf dem Tresen lag Davids Foto, das er vor der Abreise mit dem Handy aufgenommen hatte – vor dem Elbtunnel, breit grinsend. Sie sagte nichts, als ich die Tür aufstieß. Ich stellte meine Werkzeugtasche ab, ein Webentwickler mit einem Schraubenzieher in der Tasche, und reparierte erstmal das quietschende Scharnier der Herrentoilette. Während der Kaffee durchlief, roch es nach nassem Hund und Zimt.
Das erste halbe Jahr war eine Ansammlung von Pflastern. Die Kühltheke gab ihren Geist auf, kurz bevor eine Reisegruppe aus Rotterdam hereinschneite. Ich besorgte über einen Kontakt aus der Speicherstadt ein Ersatzteil für 170 Euro, baute es ein, während Lena draußen mit Kreide „Heute nur Espresso“ auf die Tafel schrieb und so tat, als sei sie nicht kurz davor gewesen, das Handtuch zu werfen. David meldete sich alle zwei, drei Wochen. Einmal schickte er ein Foto von einem Hochhaus mit Glasfront und schrieb: „Hier läuft’s. Sag Lena, ich vermisse sie.“ Ich zeigte es Lena, und sie steckte ihr Handy in die Schürzentasche, ohne es zu entsperren. Die Schürze hatte einen Fleck von einer überreifen Banane, der nie ganz rausging.
Im Sommer zog ich den Laptop hinter die Theke, richtete eine kleine Website ein und organisierte eine Lesung mit einem Hamburger Krimiautor, der so viele Besucher mitbrachte, dass wir die Stühle vom Friseur nebenan leihen mussten. An dem Abend, als der letzte Gast gegangen war und es nur noch nach altem Papier und Kaffeesatz roch, holte Lena eine Flasche Wein aus dem Regal, die dort seit Davids Geburtstag gestanden hatte. Ohne auf meinen Widerspruch zu warten, öffnete sie die Flasche mit einem Brotmesser. Der Korken brach leise. Wir tranken aus dickwandigen Gläsern, und irgendwann zog sie Davids Foto unter dem Tresen hervor und legte es in die Schublade, in der die abgelaufenen Gutscheine lagen. Es war kein Triumph. Es war eher wie das Zurückschieben eines Stuhls, den niemand mehr brauchte.
Davids Anrufe wurden spärlicher und kürzer. Zu Lenas Geburtstag, Anfang Oktober, keine Karte, kein Geldtransfer. Wir hatten den Tag über eine Hochzeitsgesellschaft bewirtet, und ihre Hände zitterten, als sie die letzten Tassen spülte. Ich stand neben ihr, trocknete ab, und sagte: „Er kommt bald wieder.“ Sie sah mich nicht an, sondern spülte einfach weiter, das Wasser sprudelte, und das Tageslicht fiel auf ihre nassen Finger. Irgendwann, gegen Mitternacht, hatten wir die Tür von innen verriegelt und standen in der kleinen Küche, und sie lehnte ihre Stirn an meine Schulter. Dort, zwischen den Edelstahlregalen, passierte nichts, was man einem anderen erzählen würde, und doch passierte alles.
Das Telefon klingelte an einem Novembermorgen um halb sechs. David. Ohne Vorwarnung. „Paul, ich bin in drei Wochen wieder da. Hab eine Partnerin hier kennengelernt, Sophie. Wir wollen das Café verkaufen und den Erlös für was Größeres nutzen. Ihr beide könnt ja dann weiterschauen, aber das Ding läuft auf meinen Namen. Ich schick dir die Unterlagen.“ Er legte auf. Lena hatte neben mir gesessen, das Handy auf Lautsprecher, und sie war nicht erschrocken. Sie atmete nur aus, als hätte sie auf diesen Satz gewartet. Die Kaffeemaschine summte, und der Wecker im Schlafzimmer oben war längst abgelaufen.
Was David nicht wusste: Lena und ich hatten nicht nur Tassen repariert. Sie hatte sämtliche Buchhaltungsbelege der letzten zwei Jahre archiviert, jede Quittung über die 38.000 Euro Kredit, die sie für die neue Küche aufgenommen hatte, jede Steuererklärung, die sie allein unterschrieben hatte. Wir waren einen Tag nach seinem Anruf bei einem Notar in der Nähe des Grindelhofs gewesen, einem nüchternen Herrn mit Bleistift hinter dem Ohr, und hatten einen Gesellschaftsvertrag aufgesetzt. Die „Kaffeebucht GbR“ gehörte jetzt zu gleichen Teilen Lena und mir. David war nur noch stiller Teilhaber auf einem Stück Papier, das wir ihm vorlegen würden. Wir kauften seinen Anteil mit einem Darlehen aus, das eine Freundin aus dem Schanzenviertel uns vermittelt hatte – 38.000 Euro, eins zu eins jene Summe, die er nie ins Café gesteckt hatte. Der Notar stempelte um zehn Uhr dreiundzwanzig, und auf der Straße vor dem Büro hupte ein Taxi.
Der Tag seiner Rückkehr kam, und ich werde ihn nie vergessen, weil die Sonne so tief stand, dass sie den gesamten Fischmarkt in ein orangenes Licht tauchte, als sei die Stadt ein einziges überbelichtetes Foto. Es war ein Mittwoch, kurz nach sieben Uhr früh. Das Café war noch geschlossen, die Stühle standen auf den Tischen, und das Schloss der Eingangstür hatte ich am Vorabend ausgetauscht – ein schwarzer Sicherheitsriegel aus dem Baumarkt in Wilhelmsburg, 34 Euro bar. Lena saß am Tisch direkt am Fenster, vor ihr eine schwarze Mappe. Ich stand an der Kasse, beide Hände in den Taschen einer speckigen Weste.
Draußen hielt ein Wagen. David stieg aus, in einem viel zu leichten Sakko, und klopfte erst gegen die Scheibe, dann rüttelte er an der Tür. Ich sah, wie er in seiner Tasche nach dem Schlüssel griff und ihn ins Schloss schob. Der Schlüssel drehte ins Leere. Er klopfte noch einmal, härter. Ich ging zur Tür, entriegelte von innen, ließ ihn eintreten. Er roch nach Flughafen und einem Aftershave, das ich nicht kannte. Sophie wartete draußen im Auto, ein Schatten hinter getönten Scheiben.
„Was soll der Zirkus?“, sagte er. Er blickte zu Lena, dann zu mir. „Hier ist deine Kaffeebucht nicht mehr, David.“ Ich schob die Mappe über den Tisch. Das Papier raschelte. Er öffnete sie, und ich sah, wie seine Augen die Zeilen des neuen Gesellschaftervertrags scannten – ohne seinen Namen. Dann klappte ich den Umschlag mit dem Verrechnungsscheck auf die Mappe, genau über den Notarstempel. „Dreiundachtzigtausend D-Mark? Scherz beiseite, Paul, das hier sind Euro – 38.000. Genau das, was du nie eingebracht hast. Dein Anteil, abzüglich der fehlenden Einlagen. Wenn du noch Fragen hast, ruf deinen Anwalt an.“ Ich legte ihm die Durchwahl von Herrn Brinkmann ans Ende des Deckblatts geheftet.
David lachte auf. Es war kein schönes Lachen. Er nahm den Scheck, betrachtete die Summe und darauf seinen Namen, und seine Hand zitterte kein bisschen. „Ihr habt mich also abserviert, während ich das Geld verdient habe.“ Lena stand auf. Sie sagte nichts, sondern strich mit der Handkante über die Tischplatte, eine Geste, die bedeutete: Das ist vorbei. Dann ließ sie den Rollladen ein Stück herunter, und das Sonnenlicht schnitt eine scharfe Linie über Davids Sakko.
Er ging ohne ein weiteres Wort, nahm den Scheck und den Durchschlag des Vertrags, stopfte alles in seine Manteltasche und zog die Tür hinter sich zu. Das Riegelschloss schnappte von selbst. Durch die Scheibe sah ich, wie er die Autotür aufriss und ohne Gurt losfuhr. Sophie drehte sich um, ihr Profil verschwand hinter einer Litfaßsäule.
Lena trat neben mich. Die Mappe lag noch offen, der Stempel trocken. Ich hörte, wie die Boje am nahen Elbufer bimmelte, und der Kühlschrank summte leise. Ich legte den neuen Schlüsselbund mit dem Sicherheitsschlüssel auf den Tresen und schaltete die Kaffeemaschine ein. Lena zog die Schürze mit dem Bananenfleck aus der Schublade, band sie um und begann, die erste Kanne aufzubrühen. In einer halben Stunde würden die ersten Gäste kommen.
