Der Dienstagsplatz im Gewächshaus

Ich hieß den Mann mit dem Rollator nicht willkommen, ich zählte nur die Sekunden, bis er wieder verschwand. So war das damals, im Frühling vor drei Jahren, als ich an der Kasse der Gärtnerei Brenneke am Stadtrand von Osnabrück stand und mit neunzehn Jahren dachte, ich hätte keine Minute zu verschenken.

Der Laden roch nach feuchter Blumenerde und Dünger, im Radio auf dem Regal über der Kasse lief immer derselbe Sender mit Verkehrsdurchsagen von der A30, und draußen tropfte es von den Scheiben des Gewächshauses, weil es diesen April kaum aufhörte zu regnen. Ich war mit den Gedanken meist woanders: bei den ungelesenen Nachrichten, bei der nächsten Schicht, bei der Frage, ob mein Freund sich schon gemeldet hatte. Kunden waren für mich Strichcodes und Wechselgeld, mehr nicht.

Herr Kowalski kam jeden Dienstag. Immer kurz nachdem wir aufgeschlossen hatten, immer im selben grauen Wollmantel, mit einer Krawattennadel, die nach den achtziger Jahren aussah, und Schuhen, die jemand jeden Abend geputzt haben musste, obwohl er sie kaum noch trug. Er kaufte nie etwas. Er ging direkt durch den Blumenladen zum hinteren Teil, wo die Orchideen standen, dort wo die Luft immer ein bisschen wärmer und schwerer war, und setzte sich auf die schmale Holzbank neben den Phalaenopsis.

„Was will der eigentlich", fragte meine Schichtleiterin Bettina einmal, während sie Setzlinge umräumte. „Der sitzt da nur rum. Das schreckt doch die Kundschaft ab."

Ich zuckte mit den Schultern. Für mich war er ein Möbelstück, ein alter Mann, der offensichtlich nichts Besseres zu tun hatte.

Dann kam dieser eine Dienstag Ende April, an dem der Dauerregen jeden Kunden fernhielt. Ich stand allein an der Kasse, ohne eine Schlange, ohne ein Klingeln des Scanners, zum ersten Mal seit Wochen mit nichts zu tun. Ich sah zu ihm hinüber. Er saß da, beide Hände auf dem Griff seines Stocks, den Blick auf eine weiße Orchidee gerichtet, ganz reglos, so als hätte er nirgendwo sonst hinzugehen und würde das nicht einmal bedauern.

Ich ging in die Teeküche, goss zwei Becher von dem bitteren Automatenkaffee auf und trug sie nach hinten.

„Darf ich mich dazusetzen?" Ich hielt ihm einen der Becher hin.

Er schaute auf, überrascht, dann zog sich ein Lächeln über sein Gesicht, das seine Wangen ganz anders faltete als vorher. „Das würde mich sehr freuen", sagte er, mit einer Stimme, die klang, als hätte sie viele Jahrzehnte getragen.

Wir saßen. Der Regen trommelte gegen das Glasdach, und ich merkte, wie lange ich schon nicht mehr fünfzehn Minuten am Stück ohne Handy in der Hand verbracht hatte.

„Sie hieß Renate", sagte er irgendwann, ohne dass ich gefragt hatte. „Meine Frau. Einundfünfzig Jahre waren wir verheiratet."

Ich sagte nichts, wartete nur.

„Sie liebte Gärten." Er drehte den Pappbecher zwischen den Fingern. „Wir hatten in den Sechzigern keinen Pfennig übrig. Ich war Dreher bei einem Zulieferer für Karmann in Osnabrück, sie hat unsere zwei Kinder in einer Zweizimmerwohnung großgezogen. Sie wollte immer ein Gewächshaus. Orchideen wie diese hier."

Er atmete schwer. „Ich habe immer gesagt: nächstes Jahr, Renate. Wenn wir mehr Luft haben. Das haben wir zwanzig Jahre lang gesagt."

Etwas zog sich in meiner Brust zusammen. Ich dachte an mein eigenes Leben, an all die Dinge, die ich auf „irgendwann" verschoben hatte.

„Als wir das Geld endlich hatten", sagte er leise, „wurde sie krank. Sie ist gestorben, bevor ich ihr das Gewächshaus bauen konnte."

Er sah mich an. Kein Zorn in seinem Blick, nur eine stille, tiefe Trauer.

„Ich komme dienstags, weil dann am wenigsten los ist", erklärte er. „Der Geruch nach feuchter Erde, die Wärme hier drin — dann fühlt es sich an, als säße ich in dem Garten, den ich ihr versprochen habe. Als wäre ich ihr nah."

Mir liefen die Tränen. All die Wochen hatten wir ihn als Störung behandelt, dabei versuchte er nur, an der Liebe seines Lebens festzuhalten.

„Danke für den Kaffee, Mira", sagte er und las meinen Namen von dem Schild an meiner Schürze ab. „Es ist selten, dass ein junger Mensch einem alten seine Zeit schenkt."

Von da an nahm ich meine Pause immer dienstags, wenn er kam. Wir wurden Freunde, auf eine Art, die niemand vorhergesehen hätte. Ich erzählte ihm von meinen Zukunftsängsten, von der Beziehung, die gerade auseinanderbrach, von dem Gefühl, in allem hinterherzuhinken. Er hielt mir keine Vorträge. Er hörte zu und sagte manchmal einen Satz, der noch tagelang in mir nachhallte — dass die Dinge, über die ich mir Sorgen machte, in zehn Jahren niemanden mehr interessieren würden.

Der Sommer verging so. Dann kam die erste Septemberwoche.

Dienstagmorgen, ich hatte zwei Becher Kaffee bereitgestellt. Um acht öffneten wir, die Glocke über der Tür schlug an — aber es war ein Kunde mit Gartenerde-Säcken auf der Einkaufsliste, nicht er.

Ich redete mir ein, er sei erkältet. Doch die nächste Woche blieb die Bank leer. Und die übernächste auch. Das Gewächshaus fühlte sich plötzlich riesig an, kalt, wie ausgeblasen.

In der vierten Woche kam am Donnerstagnachmittag eine Frau Ende fünfzig herein, mit geröteten Augen, einem gefalteten Zettel in der Hand.

„Sind Sie Mira?"

„Ja."

„Ich bin Herrn Kowalskis Tochter." Ihre Stimme brach. „Mein Vater ist letzte Woche im Schlaf gestorben. Friedlich."

Ich hielt mich an der Kasse fest, die Tränen kamen sofort.

„Wir haben sein Haus ausgeräumt", sagte sie und wischte sich über die Augen. „Er hat neben seinem Sessel ein Heft geführt. Ich wollte, dass Sie wissen: Sie standen fast jede Woche darin, die letzten Monate."

Sie reichte mir den Zettel — eine Kopie einer handschriftlichen Seite, die Schrift zittrig, aber deutlich.

„Dienstag. Kaffee mit Mira bei den Orchideen. Draußen rennt alles, jeder außer Atem, hinter Dingen her, die er sowieso nicht mitnehmen kann. Heute ist ein junges Mädchen stehen geblieben, nur für eine Viertelstunde, um bei einem alten Mann zu sitzen. Eine Viertelstunde lang war ich nicht unsichtbar. Eine Viertelstunde lang war Renates Garten voller Leben."

Ich brach hinter dem Tresen zusammen. Seine Tochter kam herum und wir hielten uns fest, zwei Fremde, verbunden durch die stille Würde eines Mannes, der nur gesehen werden wollte.

Bevor sie ging, kaufte sie eine einzelne weiße Orchidee — für den Grabstein, direkt neben dem ihrer Mutter, auf dem Waldfriedhof am Stadtrand.

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Ich arbeite immer noch bei Brenneke, mittlerweile in der Ausbildung zur Gärtnerin, aber ich bin nicht mehr dieselbe, die damals an der Kasse stand.

Vor sechs Monaten habe ich etwas getan, das mit einem Formular begann: Ich habe bei der Verbraucherzentrale einen Dauerauftrag über fünfundzwanzig Euro im Monat für das Seniorenzentrum am Westerberg eingerichtet — Vorlesestunden, einmal die Woche, dienstags. Kein Betrag, der irgendjemanden reich macht, aber einer, den ich jeden Monat sehe, wenn der Kontoauszug kommt, und der mich daran erinnert, wofür ich ihn zahle.

Ich habe außerdem mein altes Handy, auf dem noch die halbe Nacht mit Benachrichtigungen blinkte, gegen ein einfacheres eingetauscht, ohne die Hälfte der Apps. Ich rufe meine Eltern jeden Sonntagabend an, nicht aus Pflicht, sondern weil ich weiß, wie schnell so eine Bank leer werden kann.

Wenn jetzt ältere Kunden in den Laden kommen, sehe ich sie nicht mehr als Verzögerung im Betriebsablauf. Ich trage ihnen die Säcke zum Auto, ich frage, wie ihr Tag war, ich setze mich, wenn Zeit ist, zu ihnen auf die Bank bei den Orchideen — dieselbe Bank, auf der Herr Kowalski immer saß, die niemand von uns seitdem hat ersetzen wollen.

Manchmal, dienstags, wenn der Laden leer ist und der Regen gegen das Glasdach schlägt, stelle ich zwei Becher Kaffee hin. Einen trinke ich. Den anderen lasse ich einfach stehen, bis er kalt geworden ist.

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