Karsten Vöhlmann hatte drei Werften in Rostock und Warnemünde aufgebaut, bevor er fünfzig wurde. Er kannte den Unterschied zwischen einem Geschäftspartner und einem Freund. Er dachte, er kenne auch den Unterschied zwischen einer Frau, die ihn liebte, und einer, die auf seinen Tod wartete. Da irrte er sich fast tödlich.
Seine Frau Britta war zwölf Jahre jünger, hatte als Innenarchitektin für seine Bürogebäude gearbeitet, bevor sie heirateten. In der Öffentlichkeit hängte sie sich an seinen Arm bei jedem Empfang der IHK Rostock, lachte an den richtigen Stellen, trug die Perlenkette, die er ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. Zu Hause war es anders geworden. Die Blicke beim Frühstück, wenn er die Zeitung aufschlug – kein Ärger mehr, keine Zärtlichkeit, nur noch dieses abschätzende Rechnen, als würde sie ihn taxieren wie ein Grundstück vor dem Verkauf.
Karsten hatte nichts gesagt. Aber im Treppenhaus roch es an diesem Herbst ständig nach Bohnerwachs, weil die Hausverwaltung die Stufen neu versiegelte, und jedes Mal, wenn er die Wohnung betrat, dachte er: irgendetwas stimmt hier nicht, lange bevor er wusste, was.
Es fing mit Kleinigkeiten an. Ein Handy, das Britta nie mehr offen auf den Tisch legte. Ein Name, Jost Brenner, angeblich ein alter Studienfreund von ihr, der plötzlich zu jedem zweiten Abendessen eingeladen wurde. Jost war Segellehrer an der Marina Hohe Düne, drahtig, braungebrannt, mit einem Lachen, das Karsten von Anfang an misstrauisch machte, ohne dass er hätte sagen können, warum.
Dann, im August, der Vorschlag: eine Tagestour mit der Segelyacht hinaus auf die Ostsee, nur sie drei, Proviant, Sonnenuntergang vor Warnemünde. Britta war plötzlich wieder die Frau von früher – berührte seinen Unterarm beim Sprechen, brachte ihm morgens den Kaffee ans Bett, den Filterkaffee, den er mochte, nicht den aus der Kapselmaschine, die sie eigentlich bevorzugte. Karsten hatte gezögert. Dann zugesagt.
Was er zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, sagte er niemandem.
Sechs Wochen zuvor hatte ein Freund aus der IT-Abteilung ihm gezeigt, wie man ein gelöschtes Chatprotokoll auf einem Familientablet wiederherstellt. Was Karsten dort las, ließ ihn eine ganze Nacht lang am Küchentisch sitzen, ohne das Licht anzumachen: Nachrichten zwischen Britta und Jost über Erbrecht bei Unfalltod, über die Gütertrennung in ihrem Ehevertrag, über eine Methode, eine Ankerkette so zu präparieren, dass ein Sturz über Bord "wie ein Unfall aussieht". Und ganz am Ende, drei Tage alt: das Datum der Yachttour.
Karsten war nicht zur Polizeidienststelle Rostock-Warnemünde gegangen. Eine Anzeige hätte nichts bewiesen – Worte in einem Chat, mehr nicht, und Britta hätte Zeit gehabt, alles zu leugnen und neu zu planen. Stattdessen rief er Matthias Ehlert an, einen alten Freund aus dem Segelverein, der mittlerweile bei der Wasserschutzpolizei Rostock Dienst tat. Matthias hörte sich die Sache in Ruhe an, ließ sich das Chatprotokoll zeigen, und sagte schließlich: "Wenn die beiden wirklich einen präparierten Anker benutzen wollen, dann sorgen wir dafür, dass es unser Anker ist."
Der Plan war einfach, weil er sein musste. Karsten hatte über den Verein Zugang zum Bootsschuppen der Marina, in dem Josts Ausrüstung für die Yacht lagerte – Josts eigener Klappanker, den dieser für die Tour vorbereiten wollte. Zwei Tage vor der Ausfahrt tauschte Matthias in einer Nacht, in der der Schuppen unbewacht war, diesen Anker gegen eine baugleiche Attrappe mit Schnellauslöser aus, verbunden mit einer dünnen, reißfesten Leine, die zu einem Begleitboot führen würde. Jost, der den Anker am Abend vor der Fahrt noch einmal kontrollierte, bemerkte den Unterschied nicht. Er hatte keinen Grund, misstrauisch zu sein – niemand außer Karsten wusste, dass der Anker überhaupt ausgetauscht worden war.
Am Tag der Ausfahrt lag die Ostsee glatt wie Öl, kein Windchen, die Möwen kreisten träge über dem Alten Strom. Sie legten gegen elf ab. Karsten stand am Ruder, Britta reichte ihm Wasser, Jost prüfte die Segel mit einer Routine, die zu geübt wirkte für einen bloßen Freund der Familie – denn Jost war nicht nur Gast, sondern führte die Yacht als Skipper.
Die Küste wurde zum Strich am Horizont. Dann verschwand sie ganz.
Ein Begleitboot der Wasserschutzpolizei folgte in respektvollem Abstand, außer Sichtweite hinter der nächsten Landzunge, das Funkgerät auf Empfang.
Als Karsten begriff, dass er nicht mehr aussteigen konnte, war es bereits zu spät für einen normalen Rückweg. Jost drehte sich mit einem Tauwerk in der Hand um, ruhig, fast beiläufig, als würde er eine Fender festmachen. Zwei Minuten später lagen Karstens Handgelenke hinter seinem Rücken zusammengebunden, und der ausgetauschte Anker war fest an seinem rechten Fußgelenk verzurrt.
"Britta." Seine Stimme brach. "Ich gebe dir alles. Die Werften, das Konto, das Haus in Kühlungsborn. Lass es einfach bleiben."
Sie stand da, die Arme verschränkt, das Haar im Wind. Kein Zucken.
"Du warst immer zu langsam, Karsten", sagte Jost und grinste dabei so, dass Karsten für einen Moment würgen musste.
Britta trat einen Schritt näher, kalt und ruhig wie beim Verhandeln eines Vertrags. "Mach's gut, Schatz." Dann ein winziges Kopfnicken zu Jost.
Jost hob den Anker über die Reling. In diesem Moment, als das Seil sich zu straffen begann und der Anker noch über dem Wasser hing, brach das Funkgerät im Cockpit sein Schweigen: "Wasserschutzpolizei, sofort stoppen, das Boot wird geentert."
Das Begleitboot war bereits längsseits, bevor Jost reagieren konnte. Zwei Beamte sprangen über die Reling, einer packte Josts Arm, bevor der Anker das Wasser berührte, der andere schnitt mit einem einzigen Schnitt das Seil an Karstens Fußgelenk durch und löste die Fesseln an seinen Handgelenken.
"Keine Bewegung", sagte der ältere der beiden Beamten, Matthias selbst, zu Britta, die mitten in der Bewegung erstarrte.
"Mein Mann sollte nur – das war ein Sicherungsseil, wir üben eine Rettungsübung!", stieß Britta hervor, viel zu schnell, viel zu hoch.
Matthias sah sie an, dann Jost, dessen Gesicht jede Farbe verloren hatte. "Wir haben die Nachrichten", sagte er nur. "Den Plan, das Motiv, die Kontoauszüge. Und jetzt auch den Anker, mit dem Sie es tun wollten."
Karsten saß auf dem Deck, die Handgelenke rot vom Seil, und atmete, als würde er die Luft zum ersten Mal seit Wochen wirklich spüren.
"Nein, nein, das ist falsch", stammelte Britta. "Karsten hat sich das eingebildet, er hat alles missverstanden."
Jost fuhr zu ihr herum. "Du hast gesagt, er weiß von nichts."
Britta öffnete den Mund. Es kam nichts.
Karsten stand langsam auf, hielt sich an der Want fest, sah sie an. Die Frau, die neben ihm geschlafen hatte. Die ihm zugelächelt hatte, während sie seinen Tod plante.
"Du wolltest gar nichts reparieren, Britta", sagte er ruhig. "Du wolltest, dass ich verschwinde."
Sie versuchte, auf ihn zuzugehen. Ein Beamter hielt sie zurück. Jost wurde zuerst in Handschellen gelegt, dann Britta. Als die Beamten sie zum Begleitboot führten, drehte sie sich noch einmal um.
"Du hast mir eine Falle gestellt!"
"Nein", antwortete Karsten. "Ich habe dich überlebt."
