Ich arbeite seit zwölf Jahren als Hausverwalter an der Ostsee. Am Donnerstag klingelte mein Telefon. Es war Helene Petersen, die Eigentümerin der Villa am Deich in Kühlungsborn. Sie klang nicht aufgeregt, nur sehr präzise: „Herr Brandt, bringen Sie die Eigentumsunterlagen mit. Kommen Sie bitte sofort.“
Ich fragte nicht nach. Ich nahm die Ledermappe aus dem Safe im Büro, warf einen Blick auf den Kalender – es war der 17. Juli, Hochsaison, die Preise waren in den Ferienwochen um fast vierzig Prozent gestiegen. Dann fuhr ich die zwanzig Minuten von Bad Doberan nach Kühlungsborn. Mein alter Golf ächzte über die Kopfsteinpflasterstraße vor der Villa. Die Möwen hingen wie graue Tücher über der Seebrücke.
Auf der Terrasse saßen die vier: Helene in einem weißen Leinenhemd, ihr Sohn Stefan mit nacktem Oberkörper und Sonnenbrille, die Schwiegertochter Melanie mit einem Tablet auf den Knien, und die zwei Enkelkinder, die im Sandkasten nebenan mit einer Plastikschaufel buddelten. Melanie tippte mit dem Zeigefinger auf dem Glas herum. Ich erkannte das Programm – sie bearbeitete ein Foto. Helene saß ein Stück entfernt, die Hände um eine Tasse Tee gelegt. Auf dem Küchenfensterbrett lag ein halb gegessenes Franzbrötchen, an dem eine Wespe saß.
Ich blieb am Rand der Terrasse stehen, die Mappe unter den Arm geklemmt. „Frau Petersen, ich habe die Unterlagen.“ Helene antwortete: „Legen Sie sie bitte auf den Tisch.“ Melanie hörte nicht auf zu tippen. Erst als ich den Reißverschluss der Mappe aufzog, schaute sie auf. Ihre Augen waren schmal, wie bei jemandem, der gegen die Sonne blinzelt. „Was machst du denn hier?“, fragte sie, aber die Frage galt eigentlich ihrer Schwiegermutter. Helene sagte: „Zeig deiner Schwiegermutter doch mal, was du da bearbeitest.“ Melanie drehte das Tablet um, aber nicht so, dass Helene es sah, sondern so, dass ich es sah: Auf dem Bild waren Stefan, die Kinder und Melanie am Strand. Helene war nicht darauf. Die App hatte einen hellen Streifen am Rand, wo eine Person entfernt worden war – wie ein Radiergummi, der zu fest aufgedrückt wurde.
Ich sah, wie Stefan die Augen zusammenkniff und auf seine Zehen starrte. Er sagte nichts. Helene trank einen Schluck Tee. Dann sagte sie zu mir: „Herr Brandt, zeigen Sie uns bitte, wem das Haus gehört.“ Ich klappte die Mappe auf. Oben lag der Auszug aus dem Grundbuch. Darunter der Erbvertrag, notariell beglaubigt, unterschrieben vom verstorbenen Herrn Petersen. Und darunter die Übertragungserklärung, mit der das Grundstück auf Helene Petersen überschrieben wurde. Ich schob die Blätter in die Mitte des Tisches. Melanie legte das Tablet ab. Ihre Finger zitterten, als sie nach dem Rand des Tisches griff.
Helene sprach weiter, ohne die Stimme zu heben: „Ich habe diese Woche meinem Sohn geschenkt. Dir und deiner Familie. Aber wenn du mich aus den Erinnerungen schneidest, dann schneide ich dich aus meiner Großzügigkeit.“ Melanie lachte kurz auf, aber es klang wie ein Husten. „Das ist doch nur ein Foto. Was soll das?“ Helene griff in ihre Handtasche, zog ein gefaltetes Blatt heraus und legte es neben die Dokumente. Es war ein Vordruck der Hausverwaltung: „Widerruf der kostenlosen Überlassung“. Ich kannte das Formular – ich hatte es selbst entworfen. In der Zeile für die Wochenmiete stand in sauberer Handschrift: 2.850 Euro. Helene hatte es bereits ausgefüllt, bevor ich kam. „Das ist der Preis für sieben Tage in dieser Villa, in dieser Saison“, sagte sie. „Du bekommst die Rechnung. Und jetzt pack deine Sachen.“
Stefan hob den Kopf. Seine Stimme war belegt: „Mama, bitte…“ Helene unterbrach ihn nicht, sie sah ihn nur an. Es war kein böser Blick, eher wie eine Lehrerin, die auf eine richtige Antwort wartet. Stefan stand auf. Er nahm Melanie das Tablet aus der Hand und legte es auf den Tisch. Dann sagte er zu seiner Frau: „Ich bring dich zum Bahnhof.“ Melanie starrte auf das Formular. Sie sagte nichts, aber ihre Lippen wurden weiß. Die Kinder kamen vom Sandkasten herübergerannt, weil sie die gespannte Ruhe spürten. Die ältere, Emma, kletterte auf Helenes Schoß und fragte: „Oma, warum weint Tante Melanie?“ Helene strich dem Mädchen über den Rücken und antwortete: „Weil sie eine Rechnung bekommen hat, die sie nicht erwartet hat.“
Ich stand daneben, die Hände auf der Mappe. Ich hätte gehen können, aber Helene bat mich zu bleiben, bis alles geregelt war. Also blieb ich. Ich sah, wie Melanie ihre Koffer packte, wie Stefan sie zum Auto brachte, wie die Kinder an der Terrassentür standen und winkten, ohne zu verstehen, warum. Am Ende, als der Wagen die Auffahrt hinunterfuhr, holte Helene ihr eigenes Tablet hervor. Sie wischte über den Bildschirm, bis die Fotos auftauchten, und zeigte mir das letzte Bild, das sie gemacht hatte, bevor ich ankam: Stefan, die Kinder und sie am Strand, mit dem Meer im Rücken. Melanie war nicht auf dem Bild, weil sie es selbst aufgenommen hatte. „Schicken Sie mir das Formular digital“, sagte Helene. „Und dann fahre ich mit den Kindern eine Runde mit dem Fahrrad.“
Ich nickte, nahm die Mappe und ging zu meinem Auto. Als ich die Tür aufmachte, hörte ich hinter mir das Klicken eines Fotoauslösers. Ich drehte mich um. Helene stand auf der Terrasse, das Tablet in der Hand, und fotografierte die Kinder, die sich an ihre Beine klammerten. Es war kein hämisches Lächeln, nur das ruhige Gesicht einer Frau, die gerade einen Vertrag unterschrieben hatte.
