Ich heiße Werner Brandt, ich bin einundneunzig, und ich schreibe das hier, weil meine Enkelin mir ein Heft und einen dicken Stift gebracht hat – die Finger machen sonst nicht mehr mit, was Kugelschreiber angeht. Sie sagte, ich solle aufschreiben, "was mir so durch den Kopf geht". Ich glaube, sie wollte eigentlich, dass ich über meinen Sohn schreibe. Über Matthias. Also fange ich damit an.
Man hört hier im Haus – Seniorenzentrum "Am Lindenhof" in Recklinghausen, wenn man's genau wissen will – nie richtig Stille. Immer läuft irgendwo ein Fernseher, die Tagesschau oder eine dieser Vorabendserien, in denen jemand ein Baby verwechselt. Im Flur riecht es nach Linoleum-Reiniger und, mittwochs, nach Kohlrouladen. Meine Uhr an der Wand geht seit Wochen sieben Minuten nach, und ich habe aufgehört, sie zu stellen. Sieben Minuten machen hier keinen Unterschied mehr.
Meine Tochter Karin ruft sonntags an, zwischen der Kirche und dem Mittagessen bei ihrem Mann. Vier Minuten, manchmal fünf. Mein Sohn Frank kommt zu Weihnachten und schickt zwischendurch Fotos von seinen Kindern über dieses Handy-Ding, das mir die Schwester Pflegerin zeigen musste. Matthias – der Mittlere – meldet sich seit über zwei Jahren nicht. Kein Anruf, keine Karte, nichts. Ich weiß nicht mal, ob er noch in Dortmund wohnt oder weggezogen ist.
Bevor ich hier landete, hatte ich ein Haus in Herne, zwei Stockwerke, eine Werkstatt im Keller mit einer Kreissäge, die mein Vater mir vererbt hatte. Ich habe Regale gebaut, Stühle repariert, einmal einen ganzen Küchenschrank für Karin zusammengezimmert, als sie geheiratet hat. Sonntags saßen wir alle am großen Tisch, ich am Kopfende, meine Frau Ingrid hat Rouladen gemacht oder Gulasch, und die Enkel haben sich unter dem Tisch gestritten, wer die letzte Kartoffel kriegt. Ich dachte damals, das bleibt so. Man denkt das immer, glaube ich, wenn man jung genug ist, um es sich noch nicht vorstellen zu können, dass es aufhört.
Jetzt habe ich zwölf Quadratmeter. Ein Bett, ein Fenster, das auf einen Innenhof geht, in dem eine Amsel wohnt, die ich Adolf getauft habe – aus Trotz, nicht aus Respekt. Einen kleinen Schrank. Auf dem Nachttisch stehen drei Fotos: Ingrid vor ihrem Tod, die Enkel bei der Kommunion, und eins von Matthias als Junge, mit abstehenden Ohren und einem Fahrrad, das ihm eine Nummer zu groß war.
Der Mensch, den ich am häufigsten sehe, ist Pfleger Deniz. Jeden Morgen um sieben misst er den Blutdruck, rückt das Kissen zurecht, fragt, wie es mir geht. Ich habe vier Kinder, elf Enkel, zwei Urenkel. Und der Mensch, der mir am nächsten ist, kriegt für seine Anwesenheit ein Gehalt vom Pflegedienst.
Ich will nicht sagen, dass Matthias böse ist. Das wäre zu einfach, und ich glaube, es stimmt auch nicht. Ich erinnere mich an eine Sache, die vielleicht wichtig ist: Als er zwanzig war, wollte er die Werkstatt übernehmen, mein Handwerk lernen. Ich habe gesagt, das bringt nichts, mach lieber eine richtige Ausbildung, was Sicheres. Er hat es mir übel genommen, glaube ich, mehr als ich damals gemerkt habe. Vielleicht ist es das. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes, von dem ich nie erfahren werde. In den langen Nächten, wenn der Flur draußen ganz ruhig ist bis auf das Surren vom Getränkeautomaten, frage ich mich, wo ich es falsch gemacht habe. Ich gehe die Worte durch, die ich gesagt habe, und die, die ich hätte sagen sollen und nicht gesagt habe. Manche Fragen finden mit der Zeit keine Antwort. Sie werden nur schwerer.
Meine Hände können nicht mehr, was sie mal konnten. Kein Werkzeug mehr, keine Säge. Ich mache Kreuzworträtsel und schaue aus dem Fenster auf einen Hof, der mir nicht gehört. Der schwerste Schmerz kommt aber nicht von den Gelenken. Er kommt abends, wenn niemand geklopft hat. Wenn wieder ein Tag vorbei ist ohne Besuch und der nächste genauso still verspricht zu werden. Dann kommen die Nächte zurück, in denen ich neben Frank saß, als er mit vier Jahren Scharlach hatte, die Arbeit ohne Pause in der Zeche, bis sie zugemacht haben, und danach am Fließband, damit den Kindern nichts fehlt. Alles, was ein Vater gibt, ohne zu rechnen, weil die Familie in dem Moment der ganze Sinn des Lebens ist.
Männer meiner Generation haben gelernt, nicht zu weinen. Aber manchmal, im Dunkeln, kommen die Tränen trotzdem. Leise, damit sie niemand hört durch die dünne Wand zu Herrn Kowalski nebenan.
Auch hier im Haus muss man aufpassen, sich nicht zu sehr an jemanden zu hängen. Letzten Monat war Frau Ellerbrock aus Zimmer 14 noch beim Mittagessen dabei, und drei Tage später war das Bett leer und frisch bezogen, als wäre sie nie da gewesen. Man sagt, heute lebe man länger, dank der Medizin. Weniger sagt man darüber, was es heißt, diese Jahre zu durchleben, wenn die Erinnerung noch voll ist, aber die Zimmer drumherum leer sind.
Ich brauche kein teures Geschenk, das habe ich Karin auch so gesagt. Ich brauche eine Tür, die aufgeht. Einen Stuhl, der ans Bett gerückt wird. Eine Stunde, in der niemand ständig auf die Uhr schaut. Für die Jungen mag das wenig klingen. Für einen, der den Tag mit Warten verbringt, ist es die ganze Welt.
Letzten Dienstag ist etwas passiert, das ich aufschreiben will, solange ich es noch genau weiß. Karin kam zu Besuch, außer der Reihe, mitten in der Woche, und sie hatte diesen Gesichtsausdruck, den sie als Kind hatte, wenn sie etwas kaputtgemacht hatte und es beichten musste. Sie setzte sich auf den Stuhl, den Deniz extra ans Bett gerückt hatte, und sagte, sie habe mit Matthias telefoniert. Zum ersten Mal seit zwei Jahren.
Ich fragte, was er gesagt hat. Sie druckste rum, sagte, er sei wütend gewesen. Wütend auf mich, wegen der Werkstatt, wegen Dingen, die ich gesagt hatte über sein Leben, seine Frau, seine Entscheidungen, an die ich mich kaum noch erinnere, die für ihn aber offenbar wie Nägel in einer Wand steckengeblieben sind. Ich sagte, dann soll er herkommen und es mir ins Gesicht sagen, nicht Karin am Telefon.
Und er kam. Freitagabend, kurz vor dem Abendessen, mit nassen Schuhen, weil es in Recklinghausen den ganzen Tag geregnet hatte. Er stand in der Tür meines Zimmers, zwölf Quadratmeter, und wusste erst nicht, wo er hinsehen sollte – auf das Foto von sich als Junge auf dem Nachttisch oder auf mich. Wir haben nicht lange geredet. Ich habe ihm gesagt, dass ich es damals falsch gemacht habe mit der Werkstatt, dass ich Angst hatte, er würde so ein Leben führen wie ich, mit kaputten Händen mit siebzig. Er hat gesagt, das hätte seine Entscheidung sein müssen, nicht meine. Wir haben uns nicht umarmt wie im Film. Er hat sich nur auf den Stuhl gesetzt, den Karin drei Tage vorher warmgesessen hatte, und ist geblieben, bis die Nachtschwester kam und sagte, die Besuchszeit sei eigentlich vorbei.
Bevor er ging, hat er auf dem kleinen Klapptisch neben dem Bett einen Zettel dagelassen mit seiner neuen Handynummer und einem Termin: jeden zweiten Sonntag, vierzehn Uhr, feste Verabredung, keine Ausrede. Er hat es aufgeschrieben, nicht nur versprochen. Papier merkt man sich, hat er gesagt, Worte am Telefon vergisst man.
Es ist jetzt drei Wochen her. Er war zweimal da, pünktlich beide Male. Das macht die zwei Jahre nicht ungeschehen, das weiß ich. Aber der Zettel liegt neben den drei Fotos auf dem Nachttisch, und wenn Deniz morgens den Blutdruck misst, frage ich manchmal, welcher Tag heute ist – nicht weil ich es vergessen habe, sondern weil ich wissen will, wie viele Tage es noch sind bis Sonntag.
